11.01.2017

Anfrage

Warum nannte Maria ihren Sohn nicht Immanuel?

Maria gab ihrem Sohn auf Weisung des Engels im Traum den Namen Jesus. Kann Jesus dennoch der Messias namens „Immanuel“ sein, den der Prophet Jesaja (Jes 7,14) vorhergesagt hat? E. H., Berlin

Namen sind im Alten Testament oft zunächst einmal Bedeutungsträger und weniger eindeutige Identifikation. Man denke nur an die Namensänderungen von Abram zu Abraham oder von Saulus zu Paulus. Trotzdem ist es merkwürdig, dass Josef in einem Traum die Anweisung erhält, Maria zu sich zu nehmen und ihrem Sohn den Namen Jesus zu geben, damit sich die Prophezeiung Gottes durch Jesaja erfüllt: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen und einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel (Gott-mit-uns) geben.“

Für den Evangelisten Matthäus ist dies kein Widerspruch. Matthäus will zeigen, dass sich in Person und Geschichte Jesu die Weissagungen der Propheten erfüllt haben. Die Gemeinde, zu der Matthäus gehörte, verstand sich nicht als neue christliche Gemeinde, sondern als die wahre Weiterführung des durch Jesus zu Gott gerufenen Volkes Israel. Daher war Jesus für ihn die Erfüllung des gesamten jüdischen Gesetzes und der Propheten des Alten Testaments. Und dies wollte er mit Schriftbelegen nachweisen.

Dass es im konkreten Fall keine Namensgleichheit von „Jesus“ und „Immanuel“ gibt, hat Matthäus dabei nicht gestört. Die Bedeutung des Namens „Immanuel“ war für den Messias Jesus stimmig. Bis heute ist es für Christen kein Problem, neben der Immanuel-Prophezeiung in Jes 7 auch die vom friedensstiftenden Kind in Jes 9, die vom Gerechtigkeit schaffenden Spross aus dem Stammbaum Isais in Jes 11 oder auch die Gottesknechtslieder Jesajas auf Jesus hin zu lesen und in ihm erfüllt zu sehen. Denn wer sonst könnte diesen endgültigen Frieden und diese göttliche Gerechtigkeit auf der Erde schaffen? 

Für Christen erfüllen sich die Prophezeiungen Jesajas in Jesus. Allerdings muss man aus heutiger Sicht zugeben, dass dies eine rein christliche Deutung der Texte ist. Andere, historisch naheliegende Deutungen sind ebenso möglich wie auch andere jüdisch-messianische Interpretationen.

Von Christoph Buysch