26.06.2017

Anfrage

Warum wird ein Bibelvers weggelassen?

Warum wurde in der Lesung am Dreifaltigkeitssonntag (Ex 34,4b–6.8–9) Vers 7 weggelassen? Dessen Inhalt widerspricht doch Vers 6, wonach Gott als barmherzig und gnädig beschrieben wird. Man kann doch Verse nicht einfach weglassen, die nicht so recht ins Konzept passen. T. B., 63303 Dreieich


In der Tat ist laut Leseordnung ein Vers ausgelassen: „Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg, lässt aber (den Sünder) nicht ungestraft; er verfolgt die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, an der dritten und vierten Generation.“

Die römisch-katholische Ordnung für Bibellesungen in Gottesdiensten gilt weltweit. Erarbeitet wurde sie von Theologen in den Vorläufern der heutigen Kongregation für den Gottesdienst und ist Teil der Liturgiereform, die das Zweite Vatikanische Konzil beschlossen hat. Papst Paul VI. hat sie durch die Apostolische Konstitution „Missale Romanum“ vom 3. April 1969 approbiert.

Nach Ansicht des Leiters des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier, Marius Linnenborn, „sollte wahrscheinlich der Hauptakzent bei dieser Lesung auf der Begegnung des Mose mit dem barmherzigen und gnädigen Gott liegen.“ 

Bibelwissenschaftler wie Erich Zenger betonten: „Jahwe ist wirksam in seiner Güte, aber auch in seinem Gericht.“ Beides gehört zusammen.

In dieser Bibelstelle ist die Spannung zwischen den Versen deutlich. Die Theologin Ruth Scoralick schreibt dazu: Vers 7 betont Gottes Huld für „Tausende“. Dennoch ist Strafverfolgung möglich, für jene, die nicht umkehren. Aber Gott ist frei in seinem Handeln, er straft nicht automatisch.

Zudem wird die mögliche Strafe zeitlich verschoben: Gott zeigt Geduld und setzt die Strafe sozusagen „zur Bewährung“ aus. Die Nachkommen haben die Chance der Umkehr. Und schließlich wird deutlich, dass schuldhaftes Handeln oft auch Auswirkungen auf nachfolgende Generationen hat.

In einer guten Predigt könnte all das erklärt werden. Unkommentiert könnten Missverständnisse entstehen. Vermutlich auch deshalb wurde Vers 7 in der Leseordnung ausgelassen, um den Akzent auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit für den reuigen Sünder zu setzen, wie dies auch an anderen Stellen deutlich ist.

Von Michael Kinnen