29.03.2013

Gespräch über Sterben, Tod und Auferstehung

Was kommt nach dem Tod?

Seelsorgerin Ulrike Ernsing und Palliativmediziner Edgar Boomgaarden begleiten Patienten im Klinikum Emden in ihrer letzten Lebensphase. Sie sprechen über Ängste, „gutes“ Sterben und die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt.

 

Was passiert mit mir, wenn ich tot bin? Kann ich dann an einem anderen Ort in anderer Gestalt weiterleben oder bin ich einfach ausgelöscht und vergessen? Als Christen dürfen wir auf ein Leben nach dem Tod hoffen.Foto: dpa
Was passiert mit mir, wenn ich tot bin? Kann ich dann an einem anderen Ort in anderer Gestalt weiterleben oder bin ich einfach ausgelöscht und vergessen? Als Christen dürfen wir auf ein Leben nach dem Tod hoffen. Foto: dpa

Herr Boomgaarden, wie würden Sie einen guten Arzt beschreiben?

Edgar Boomgaarden: Er sollte einfühlsam sein, aber nicht unbedingt Mitleid haben. Ärzte müssen ja eine gewisse professionelle Distanz wahren. Für mich ist die Fähigkeit zur Empathie die Grundlage einer Arzt-Patient-Beziehung – gerade im Palliativbereich. Und natürlich muss ein guter Arzt auch das nötige Fachwissen haben.

Inwieweit werden Ärzte ethisch geschult?

Boomgaarden: Ethische Fragen stehen bislang nicht am Anfang einer ärztlichen Laufbahn. Solche Dinge werden gern an Ethikkommissionen abgegeben. Dennoch: Die  „sprechende Medizin“ bekommt immer mehr Gewicht, denn viele Krankheiten, die man heilen kann, sind psychosomatischer Natur. Da haben Worte einen starken Einfluss. Und auch in Grenzsituationen des menschlichen Lebens muss ich mit den Patienten diskutieren und Gewissensentscheidungen treffen. Das geht nicht ohne ethischen Leitfaden. 

Ulrike Ernsing: Ich habe gerade gedacht: Ein guter Arzt ist jemand, der Kompetenz ausstrahlt, bei dem man sich verstanden fühlt. Vertrauen ist das A und O. Wenn ich einem Arzt vertraue, kann ich mich öffnen, mir etwas von der Seele reden.

Wie in der Seelsorge ...

Ernsing: Ja, Gemeinsamkeiten haben wir dort, wo es um das Vertrauensverhältnis geht. Ich denke da an eine spannende Studie: Ärzte wurden gebeten, bei der Anamnese auch nach den spirituellen Bedürfnissen der Patienten zu fragen: ob sie einer religiösen Gemeinschaft angehören oder ob sie glauben, dass es einen Gott gibt. Die Patienten fanden es total gut, dass ein Arzt sie danach fragte. Der eigene Glaube, die eigene Spiritualität – das ist heute doch sehr tabuisiert.

Boomgaarden: Allerdings ist es sehr selten, dass Patienten spirituelle Bedürfnisse an ihren Arzt richten. Sie erwarten von ihm schon eine andere Rolle.

Ernsing: Grundsätzlich ja. Aber erinnerst du dich an den einen Mann, mit dem ich gebetet habe? Du bist ins Zimmer gekommen und wolltest nur eine Unterschrift. Es hat diesem Patienten so viel bedeutet, dass du kurz geblieben bist und das Vaterunser mitgebetet hast. Wie viel Wertschätzung du ihm und seiner inneren Einstellung gegeben hast – davon hat er noch oft erzählt.

Wie gehen Sie mit Menschen um, die wissen, dass sie bald sterben?

Boomgaarden: Ich thematisiere den Tod nicht ständig. Stattdessen frage ich den Menschen einfach, wie er sich fühlt und ob er mir etwas erzählen möchte. Man entwickelt ein Gespür, wie viel Wahrheit ein Patient verträgt. Ich antworte zum Beispiel nicht auf die Frage: „Wie lange habe ich noch?“ Lieber frage ich zurück: „Was haben Sie denn noch vor in Ihrem Leben? Und wenn jemand noch eine Reise machen oder eine Hausangelegenheit  regeln will, rate ich ihm: „Wenn es gut läuft, planen Sie das auf jeden Fall!“

Ernsing: Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch selbst weiß, wie es um ihn steht. Wir gehen nur unterschiedlich mit Krisen um. Die einen reden viel darüber, die anderen ziehen sich zurück. Als Seelsorgerin bin ich einfach da, halte mit aus. Manchmal frage ich auch nach, woher ein Patient seine Kraft nimmt und ob er glaubt, dass es etwas gibt, das größer ist als wir? Da bin ich oft sehr überrascht, wie viele gläubige Menschen es gibt. Menschen, die sich trotz schwerer Krankheit irgendwie geborgen fühlen. So wie es im Psalm 23 heißt: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Gar nicht selten segne ich Menschen für ihren Weg.

Wovor haben Sterbenskranke am meisten Angst?

Ernsing: Sie haben vor allem Angst vor Schmerzen oder davor, wie es mit der Familie weitergeht – gerade wenn Kinder da sind.

Boomgaarden: Die meiste Angst haben Menschen vor dem Moment des Loslassens, egal ob sie ein erfülltes oder weniger erfülltes Leben hatten, ob sie überwiegend glücklich oder oft traurig waren. Eine wichtige Aufgabe des Seelsorgers, aber auch des Arztes ist es, dieses Loslassen zu erleichtern.

Ernsing: Vielleicht stoße ich mich so am loslassen, weil es suggeriert, wir hätten es in der Hand. Ich finde es manchmal unmenschlich, wenn Mütter und Ehefrauen gebeten werden, loszulassen. Das kann man nicht. Nicht auf Kommando. Aber ich bin überzeugt: Irgendwann ist dieser Zeitpunkt da und wir spüren ihn. Dann ermutige ich die Menschen, sich Gott anzuvertrauen oder dem, was ihnen viel bedeutet hat im Leben – der Liebe zum Beispiel.

Geht es auch um die Frage, was nach dem Tod kommt?

Ernsing: Diese Frage stelle ich oft den Patienten. Und bin überrascht. Viele glauben, dass sie ihre Lieben wiedersehen, dass sie abgeholt werden oder dass sie in die Natur übergehen. Ich finde es sehr schade, dass sich die Menschen sonst so wenig darüber austauschen. Als Christen dürfen wir ja auf ein Leben nach dem Tod hoffen. Und das sage ich auch, wenn ich danach gefragt werde.

Angesichts einer schweren Krankheit kommen auch Dinge hoch, die lange verschlossen waren, die wir uns manchmal selbst nicht verzeihen können. Eine Patientin zum Beispiel hatte vor langer Zeit im Krieg ein Kind abgetrieben, es völlig, wie sie sagte, vergessen und plötzlich war alles wieder da, als sei es gestern gewesen. Sie litt unter großen Schuldgefühlen. Es war wichtig für sie, dass wir gemeinsam noch einmal an dieses Kind gedacht, es gewürdigt haben, als Teil ihres Lebens und es in die große verzeihende Liebe Gottes geben konnten, in die auch sie eingeschlossen ist. Ich bin tief davon überzeugt, dass all unsere Lebensbrüche am Ende unseres Lebens zu einem Ganzen zusammengeführt werden, dass unser Leben heil wird. Dieser Sehnsucht dürfen wir trauen.

Boomgaarden: Ich werde manchmal gefragt: „Wenn es Gott gibt, warum tut er mir das an? Warum lässt er mich leiden?“ Ich versuche dann zu vermitteln, dass Gott das Leiden nicht beendet, er hilft nur hindurch. Hindurchhelfen heißt: Der Mensch muss sich auf etwas Neues einlassen, staunen und offen bleiben wie ein Kind. Als setze er sich in einen Zug und fahre in unbekannte Gefilde. 

Ist eigentlich jeder Mensch spirituell?

Ernsing: Spiritualität – das sind die Sinnfragen: Wofür lebe ich? Warum werde ich jetzt so krank? In jedem Menschen gibt es etwas, das ihm heilig ist, woraus er Kraft bezieht, woran er festhält. Das ist meistens der Glaube, das kann aber auch ganz profan sein, wie das Beispiel zeigt: Männer, die für ihre Fußballvereine leben. Ein Patient war absoluter Schalke-Fan. Er lag im Sterben, die Kinder waren da, die Ehefrau. Und ich ging leise zu ihm, wollte mich verabschieden und sagte: „Übrigens: Schalke hat ...“ Da kam er plötzlich hoch und antwortete: „... 3:2 gewonnen!“ Alle lachten, es war auf einmal eine ganz andere Atmosphäre in diesem Sterbezimmer. Eine halbe Stunde später starb der Mann mit einem leichten Lächeln im Gesicht.

Wann stoßen Sie als Arzt und als Seelsorgerin an Ihre Grenzen?

Boomgaarden: Regelmäßig. Es gibt Tage, an denen man gewisse Dinge einfach unbefriedigend findet, so wie sie gelaufen sind. Grenzen sind für mich oft da, wo ich keine Antworten weiß. Aber ich fühle mich inzwischen auch berufen zu sagen: „Das weiß ich nicht.“ Wichtig ist, dass man den Menschen gegenüber wahrhaftig bleibt.

Ernsing: Ich erinnere mich an eine Kollegin, eine Krankenschwester. Es fiel mir nicht leicht, sie zu begleiten, zumal sie mit dem Leben und mit Gott haderte und keinen Frieden finden konnte. Trotzdem wünschte sie sich meine regelmäßigen Besuche. Sie starb unversöhnt. Aber im Nachhinein habe ich viel von ihr gelernt: dass Sterben auch schrecklich ist. Manchmal tun wir ja gerade in der Palliativmedizin so, als ob alles schön und friedlich sei.

Boomgaarden: So sehe ich das auch. Wir dürfen uns nicht immer alles schönreden. Manche Situationen sind schwer auszuhalten.

Ernsing: Uns gehen Schicksale sehr nahe, aber wir versuchen trotzdem, dazusein für die Menschen, mit denen wir unterwegs sind.

Was ist ein „guter Tod“? Wie würden Sie selbst gern sterben?

Ernsing: Wenn es so weit ist, möchte ich nicht allein sterben. Ich fände es schön, wenn mein Mann dabei wäre, eventuell auch meine Kinder. Auf jeden Fall würde ich mich vorher gern von allen verabschieden können und nicht unbedingt durch einen Herzinfarkt aus dem Leben gerissen werden. Und ich wünsche mir, dass ich mein Urvertrauen ins Leben und in Gott behalte. Einen „guten“ Tod kann es für jeden Menschen geben, auch für diejenigen, die sich vorher sehr schwer getan haben. Im Krankenhaus verabschiede ich mich immer noch von Verstorbenen. Sie sehen oft so erleichtert aus, ein bisschen verschmitzt und nicht so, als würden sie gern wiederkommen. Deshalb mache ich vielen Familien Mut, sich von ihren Verstorbenen zu verabschieden, weil es ein tröstlicher Anblick ist. Ich finde, dass Jesus einen schrecklichen Tod hatte, aber er ist sich selbst treu geblieben.

Boomgaarden: Das muss ich unterstreichen. Am Kreuz zu sterben, in der prallen Mittagssonne ... Ich würde am liebsten so sterben, wie ich gelebt habe, wahrhaftig, verbindlich, mit Menschen um mich, die mir wichtig sind. Dazu gehört auch, dass ich vorbereitet bin auf einen plötzlichen Tod. Deshalb machen zum Beispiel rituelle Abschiede Sinn, etwa:  „Tschüss mein Schatz, ich gehe zur Arbeit ...“ Wir sind ja im Laufe des Lebens immer ein bisschen auf dem Weg nach Hause. Wenn es soweit ist, möchte ich daran glauben können, dass auch der Tod ein Nach-Haus-Gehen ist.

Gespräch: Anja Sabel

 

Zur Person:

Pastoralreferentin Ulrike Ernsing (57) ist Krankenhausseelsorgerin im Hans-Susemihl-Krankenhaus in Emden sowie in der Ubbo-Emmius-Klinik mit den Standorten Norden und Aurich. Ihr Schwerpunkt ist die Palliativseelsorge. Ernsing ist verheiratet und hat vier Kinder.

Edgar Boomgaarden (55) ist als Anästhesist im palliativmedizinischen Konsiliardienst (PKD) tätig. Der PKD im Emder Hans-Susemihl-Krankenhaus kümmert sich um schwerstkranke Patienten, er setzt sich aus Ärzten, Pflegekräften und anderen Spezialisten zusammen. Boomgaarden ist verheiratet und hat zwei Töchter.