01.11.2011

Osnabrücker Studentin gewinnt Preis bei Kunstwettbewerb

Wege in die Freiheit

Als die Mauer fiel, im November 1989, war Nora Barsch gerade geboren. Das geteilte Deutschland hat sie also nicht mehr miterlebt. Dennoch setzt sich die Studentin mit dieser Zeit auseinander. Bei einem bundesweiten Kunstwettbewerb hat sie den dritten Preis gewonnen.

 

Kunststudentin Nora Barsch

Nicht überall hinreisen zu können, sich unterordnen zu müssen, keine freie Meinung äußern zu dürfen – Nora Barsch, 22 Jahre alt, hat nie erfahren, wie sich ein Leben in Unfreiheit anfühlt. „Zum Glück“, sagt sie, „ich stelle es mir bedrückend vor und wäre in einem Land wie der DDR sicher sehr unglücklich gewesen.“ Keine 20 Kilometer entfernt von der ehemaligen innerdeutschen Grenze, in der Nähe von Helmstedt, ist Nora Barsch aufgewachsen. Gleich nach der Grenzöffnung wollten die Eltern den Osten kennenlernen – und nahmen das Baby mit. Viele weitere Fahrten folgten.

Falsche Abfahrt von der Transitstrecke

Ihre Eltern, erinnert sich Nora Barsch, hätten zu Hause oft Grenzgeschichten erzählt. Wie zum Beispiel die von der falschen Abfahrt: Als Krankenschwester besuchte die Mutter Weiterbildungen in Westberlin. Einmal fuhr sie von der Transitstrecke zu früh ab und stand plötzlich mitten in der ostdeutschen Provinz. Nora Barsch lacht. „Dass man in solchen Situationen Angst hatte, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt die junge Frau, die an der Universität Osnabrück im fünften Semester Kunst und Englisch für das Gymnasiallehramt studiert.

Bei einem Besuch in Berlin prägten sich ihr vor allem die Häuser in der Bernauer Straße ein. Die vollständig abgeriegelte Sektorengrenze nach dem 13. August 1961 griff dort in besonders brutaler Weise in den Alltag der Anwohner ein. Nachbarn, Freunde und Verwandte wurden getrennt. Das Haus gegenüber gehörte plötzlich zu einem anderen politischen System. Verzweifelte Menschen sprangen aus dem Fenster ihrer Wohnung nach Westberlin, manche bezahlten mit dem Leben dafür. Um solche Fluchten zu verhindern, wurden die Fenster schließlich zugemauert.

Leise Ironie überzeugt die Wettbewerbsjury
 

Wachturm und Rest Mauer in der Bernauer Straße in Berlin
Foto: Jörg Sabel/pixelio

Dieses Bild hatte Nora Barsch noch im Kopf, als sie beschloss, sich an einem Wettbewerb der Bundesstiftung zur Aufklärung der SED-Diktatur zu beteiligen. Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus waren Studenten bundesweit aufgerufen, das Thema Freiheit künstlerisch zu verarbeiten. Nora Barsch wollte die Mauer als überwindbare Trennung darstellen. „Es gibt immer Wege in die Freiheit“, sagt sie. Ihr Plakat stellt ein zugemauertes Fenster dar. Ein Backstein fehlt und gibt den Blick frei auf einen blauen, leicht bewölkten Himmel. Darunter steht: „Zimmer mit Aussicht?“ Die leise Ironie, die klare Gestaltung und das Motiv Bernauer Straße überzeugten die Wettbewerbsjury. Nora Barsch kam mit ihrer Idee auf den dritten Platz und zu 1000 Euro Preisgeld. Überrascht und aufgeregt fuhr sie zur Preisverleihung ins ARD-Hauptstadtstudio nach Berlin.

„Für meine Generation ist es selbstverständlich, dass sie in Freiheit und Demokratie lebt“, sagt die Studentin. Im Gegensatz zum Nationalsozialismus komme die zweite deutsche Diktatur aber noch zu kurz in der Schule, kritisiert sie. Nora Barsch findet es wichtig, sich auch mit der jüngeren Geschichte auseinanderzusetzen, weil sie Auswirkungen bis heute habe, zum Beispiel auf die Gehälter in Ost und West. Unter anderem hätte sie sich im Unterricht mehr Zeitzeugengespräche gewünscht. „Denn manchmal“, sagt sie, „ist uns jungen Leuten gar nicht bewusst, welche Privilegien wir eigentlich haben.“

Anja Todt

 

Zur Sache

Die Gedenkstätte Berliner Mauer ist der zentrale Erinnerungsort an die deutsche Teilung. Sie liegt im Zentrum der Hauptstadt. Am historischen Ort in der Bernauer Straße erstreckt sie sich zukünftig auf 1,4 Kilometern Länge über den ehemaligen Grenzstreifen. Auf dem Gelände der Gedenkstätte befindet sich das letzte Stück der Berliner Mauer, das einen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen zum Ende der 80er Jahre vermittelt.

Die Plakate des Wettbewerbs der Bundesstiftung zur Aufklärung der SED-Diktatur zum Thema „Freiheit“ sind bis 30. November im ARD-Hauptstadtstudio zu sehen.

Weitere Informationen: www.berliner-mauer-gedenkstaette.de und www.stiftung-aufarbeitung.de