20.05.2015

Tauben im Gottesdienst

Wenn Tauben musizieren

Keine Pfingstmesse, kaum eine Hochzeit oder Taufe im niederbayerischen Grainet verläuft ohne den Einsatz besonderer Tauben. Pfarrer Michael Gnan hat eine alte kirchenmusikalische Tradition wiederbelebt: Seine Tiere lassen die Musik des Windes erklingen.

Tauben im Gottesdienst? Pfarrer Michael Gnan schafft es, die Tiere zu einem musizierenden Orchester zu dirigieren. Foto: kna-bild

Still ist es im idyllischen Grainet, einem 600-Einwohner-Dorf im Bayerischen Wald. Nur ein paar Hühner gackern auf dem Hof von Pfarrer Michael Gnan, ab und zu hört man ein Auto. Doch binnen Sekunden ändert sich die Lage, als der Geistliche sich seinem Stall nähert. Mit geübten Handbewegungen öffnet er eine Klappe, und sofort steigt ein Dutzend Tauben in die Höhe. Sie sind wie kleine Instrumente: Aus der Stille wird ein lautes, schallendes Pfeifen.

Gnans Zöglinge tragen klingende, etwa 20 Gramm leichte chinesische Schellen in ihrem Gefieder. Wenn sie alle zusammen aufsteigen, geben sie einen eigenartigen Pfeifton ab. Doch der Pfarrer vermag es, sie wie ein Orchester zu dirigieren. Einzeln, nacheinander, in kleinen Gruppen – auf seinen Wink hin steigen sie in Kirchenräumen in die Höhe. Dank der verschiedenen Schellen macht er mit den Tieren die Musik des Windes. Damit hat der Geistliche eine jahrhundertealte kirchenmusikalische Tradition wiederbelebt.

Seit elf Jahren ist Gnan Pfarrer des Ortes im Landkreis Freyung-Grafenau. In einem Stall hinter dem Pfarramt hat er etwa 80 Tauben aufgezogen; die älteste zählt sieben Lenze. Gnan „droppt“ die Tiere gekonnt: Von seinem Arm aus wirft er sie in die Luft und lockt sie wieder an. Dass er mit den Zöglingen auch Musik machen kann, war ihm zu Beginn seiner Züchterkarriere nicht bewusst. Durch seine Liebe zur orientalischen Kultur kam er einst zu seinem außergewöhnlichen Hobby.

 

Am Anfang stand die Liebe zur orientalischen Kultur

Neben Theologie studierte Gnan auch künstlerisches Lehramt für Gymnasien; als Gaststudent belegte er orientalische Sprachen. Nachdem er 1994 in Theologie über ein Thema aus dem Alten Testament promoviert hatte, arbeitete er mit Flüchtlingen aus dem Nahen Osten. Er lernte Arabisch, stellte auch eine arabische Haushälterin ein, die ihm noch heute zu Diensten ist. Einige Asylbewerber halfen ihm damals beim Taubenzüchten.

Sie brachten ihn auch auf die Idee, einmal den Schellenflug auszuprobieren. Diese Praxis war im Orient weit verbreitet. Um die Jahrtausendwende entdeckte er bei einer Chinareise, dass es den Brauch auch dort gibt. „Ich habe damals überall nach Pfeifen geforscht und Exemplare gekauft“, erinnert sich Gnan. Als er 1995 seinen ers-ten Test machte und die Tiere über den Ort flogen, waren die Dorfbewohner überrascht und konnten die seltsamen Töne nicht zuordnen. Einige Nachbarn dachten, sie hörten Störgeräusche der damals noch neuen Satellitenschüsseln auf den Dächern.

 

Luther kannte den Brauch, mit Tauben Gott zu loben

Musikerkollegen unter sich: Probt der Organist,
setzt sich auch schon mal eine Taube auf seine
Schulter. Foto: kna-bild 

Der heute 60-jährige Geistliche hielt die hierzulande weitgehend unbekannte Taubenmusik zunächst für eine rein orientalische Praxis. Doch dann stieß er zufällig auf eine Tischrede Martin Luthers aus dem Jahr 1532. Darin schrieb der Reformator über das Brauchtum, Gott „mit tauben schellen“ zu loben. Luther wollte diesen mittelalterlichen Brauch nicht gutheißen, der in der Neuzeit wieder ver-
schwand – zumindest im abendländischen Kulturraum.

Für Gnan steht heute fest, dass es sich beim Schellenflug um eine im Mittelalter weit verbreitete kirchliche Tradition handelt, die schlicht in Vergessenheit geraten ist. Das will er ändern, und deshalb trainiert er mit den Tauben. Er baut langsam Vertrauen zu ihnen auf, dressiert sie so, dass sie je nach Wunsch auf einem blauen oder roten Kasten landen. Mit einem kleinen Futterbecher lockt er die Tauben auf seinen Arm und lässt sie wieder fliegen, nachdem sie sich drei Körner herausgepickt haben.

In seinen drei Pfarreien kommen die Tiere regelmäßig an Feiertagen wie Pfingsten oder Ostern zum Einsatz. Dann lässt Gnan eine Taube fliegen, welche die Seele Jesu symbolisiert. Ganze Geschichten kann er mit den Tieren musikalisch erzählen – wie einst in den Kirchen des Mittelalters. Der Brauch kommt bei den Gläubigen gut an. Gnans

Taubenmusik erklingt nicht nur in regulären Gottesdiensten, sondern auch bei Kommunionen und Firmungen, bei Hochzeiten und anderen Feiern.

Er setzte die Tiere bei einer aramäischen Predigterzählung ein, und auch beim Regensburger Katholikentag im vergangenen Jahr suchte der Pfarrer eine Bühne, um diese vergessene liturgische Tradition wieder bekannter zu machen. Bei zwei Vespergottesdiensten erklang die Musik des Windes zu einer Orchestersinfonie von Antonin Dvorak.

 

Blinden zeigen die Tauben die Dimensionen der Kirche

Auch für blinde Menschen ist der Flug ein besonderes Erlebnis, da sie nicht nur der Musik lauschen, sondern auch die Dimensionen von Kirchenräumen besser erfassen können. Zudem strahlt die Ruhe der Tiere auch auf eine andere Zielgruppe aus: „Mit schwer erziehbaren Kindern habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie sich sehr auf die handzahmen Tauben einlassen können“, berichtet der Geistliche.

Gnan legt großen Wert darauf, die Tauben durch sein Hobby nicht zu schädigen. Drei Amtstierärzte haben ihm bescheinigt, dass der Schellenflug einer artgerechten Tierhaltung entspricht, weil die Musikinstrumente mit knapp 20 Gramm sehr leicht sind. Der Pfarrer, der neben Tauben und Hühnern auch Bienen züchtet, ist nicht nur ein Musikfreund. Ihm liegt auch der Erhalt der Natur am Herzen. Gnan will die Menschen mit seinen Tauben für die Besonderheit der Natur und ihren Schutz sensibilisieren. Er ist überzeugt: „Das Tier hat seinen Platz in der Schöpfung, Gott hat Mensch und Tier gleichberechtigt erschaffen.“

kna