22.01.2016

Kommentar

Wie weit geht Weite?

Wie viel Weite, wie viele unterschiedliche Meinungen verträgt eine Kirche, bevor sie auseinanderfliegt, bevor sie sich spaltet? Dieser Frage muss sich gerade die anglikanische Kirche stellen – und nicht nur sie. Ein Kommentar von Susanne Haverkamp.

Die Anglikaner haben schon manche Krise mitgemacht, zuletzt drohte die Spaltung durch Zulassung von Frauen zum Bischofsamt. Jetzt ist es die Homosexualität, die den weltweiten Anglikanismus spaltet. Auf der einen Seite stehen die US-Amerikaner, die schon 2003 durch die Weihe eines in homosexueller Partnerschaft lebenden Priesters zum Bischof massive Proteste hervorgerufen haben. Auf der anderen Seite stehen die Kirchen Afrikas und Asiens, die dem „Fortschrittsflügel“ eine Abkehr von der jahrhundertealten Ehelehre vorwerfen.

Bei einer Versammlung in Canterbury wurden die US-Anglikaner nun für drei Jahre von „gemeinschaftlichen Entscheidungen“ ausgeschlossen; genau so lange dürfen sie die Anglikaner nicht in ökumenischen oder interreligiösen Gremien vertreten. Ein erster Schritt zur Spaltung?

Auch die Protestanten in Deutschland stehen vor Zerreißproben. Gerade hat die Evangelische Kirche im Rheinland die kirchliche Eheschließung für Homosexuelle zugelassen, und ein schwules Pastorenpaar wechselte von der Kirche Sachsens in die Nordkirche, weil dort erlaubt ist, was in Sachsen nicht geht: sich eine Pastorenstelle zu teilen.

Und die katholische Kirche? Lange war die Einheit ihre Stärke, ein Lehramt unter der Führung des Papstes. Jetzt hört man auch andere Töne: Synodalität heißen die, mehr Macht den nationalen Bischofskonferenzen.  Auch der „K9-Gipel“, der mächtige Kardinalsrat, den Papst Franziskus berufen hat, wird darüber im Februar sprechen.

Der Sinn der Sache ist klar: Die Welt ist so unterschiedlich und teils widersprüchlich in ihren Traditionen und Wertvorstellungen, dass es kaum möglich oder sinnvoll erscheint, weltweite Regelungen für alles zu treffen. Aber wie weit kann die Entscheidungsbefugnis der Bischofskonferenzen gehen, etwa in der Frage von Zölibat, Segnung von homosexuellen Paaren, Zulassung von Wiederverheirateten zur Kommunion oder von Frauen zum Diakonat?

Wird bald in einem Land gemacht, was im anderen unvorstellbar ist, ja, als sündig gilt?  Wie weit können in der Kirche Glaube und Moral auseinanderdriften, ohne dass die Einheit bedroht ist? Andere Kirchen zeigen, dass diese Frage auch für  uns bald ansteht – und es nicht leicht wird, eine Antwort zu finden.

Von Susanne Haverkamp