18.06.2013

Sich zu verleugnen, fordert Jesus von seinen Jüngern. Was heißt das?

Wie Wolken ziehen lassen

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst“, sagt Jesus. Doch was heißt das, sich selbst zu verleugnen? Verschwindet dann das Ich? Klinikseelsorger Michael Grimm hält es für sehr gefährlich, das Verleugnen für zu wörtlich zu nehmen.

Als Benedikt XVI. im Februar dieses Jahres überraschend vom Papstamt zurücktrat, wurde ihm von einzelnen Kritikern vorgeworfen, er könne doch nicht einfach „von seinem Kreuz herabsteigen“, sondern müsse es wie sein Vorgänger machen. Denn der hatte sich doch – wie von Jesus gefordert – selbst verleugnet, stellte seine Gebrechlichkeit, vielleicht seine Sehnsucht nach Rückzug völlig hinten an, um bis zuletzt seinen Dienst zu tun. Und sein Nachfolger tut das nicht. Nur – ist das gemeint mit der Selbstverleugnung?

„Sich selbst verleugnen“, als „Ich“ von der Bildfläche verschwinden, nur noch im Dienst der Sache stehen. Befremdlich. Soll man sich nicht gerade selbst verwirklichen, zu sich finden, auf sich schauen. So jedenfalls raten viele Ratgeber. Und dieser Jesus? Der fordert im Gegenteil dazu auf, alle eigenen Wünsche, Träume, Bedürfnisse in eine Kiste zu sperren: Deckel zu, Kreuz hoch und dem Fadenspiel Gottes wie eine Marionette folgen? Das wäre definitiv eine Provokation.

Deshalb sollte man zuvor etwas eingehender auf den Text schauen. Was genau schreibt der Evangelist? „Das griechische Verb ‚arneomai‘, das mit ‚sich selbst verleugnen‘ übersetzt wird, bedeutet zunächst einmal ‚uneigennützig handeln‘, oder ‚Nein sagen‘“, erläutert Hans Sliwinski, Griechischdozent an der Universität Mainz. 

„Hier ist also gemeint: Nein sagen zu den eigenen Neigungen und Bestrebungen zugunsten einer höheren Idee, das Hintansetzen persönlicher Wünsche hinter eine größere Idee“, erläutert Sliwinski das Wort im Kontext der Bibelstelle. Zudem findet sich das griechische Wort im Wortfeld von „ignorieren“, sogar „gering schätzen“. Man könnte es also zugespitzt deuten: als  ein Sich-selbst-Übergehen.

In Spannung zum Gebot der Nächstenliebe

„Das ist natürlich eine brisante und schwierige Forderung in einer Zeit, in der viele Menschen funktionieren müssen, ihre Bedürfnisse übergehen und ignorieren und zum Teil darüber körperlich oder psychisch krank werden“, sagt Michael Grimm (48), Klinikseelsorger und Medizinethiker in Wiesbaden. „Sich selbst zu verleugnen, kann unter Umständen sehr gefährlich werden, wenn man es wortwörtlich nimmt.“ 

Und es steht für ihn auch in einer klaren Spannung zum zweiten Liebesgebot Jesu: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. So weit die eine Seite. Genauso kritisch zu betrachten ist das entgegengesetzte Extrem. „Da kreisen Menschen nur noch um sich selbst, nehmen nur noch sich und ihre eigenen Bedürfnisse wahr, stellen sich über alle und alles, übernehmen keine Verantwortung, Hauptsache, ihnen geht es gut“, umreißt Grimm das Thema weiter. Und so ist es sinnvoll, immer wieder über sich selbst hinauszuschauen. 

Sich von der eigenen Sicht lösen

Dann geht es beim Selbstverleugnen auch um Vertrauen und darum, sich von der eigenen Sicht zu lösen. „Wir machen ja manchmal die Erfahrung, dass wir festhalten wollen, was wir gerade nicht halten können. Etwa wenn ein nahestehender Mensch stirbt, oder wenn eine Beziehung zu Ende geht“, nennt Grimm Beispiele. „Bei aller Trauer, beim ersten Impuls festzuhalten, hilft es mit der Zeit, loszulassen, die entstandene Leere auszuhalten und dann darauf zu vertrauen, dass sich Neues zeigt.“ Die Schritte eines Trauerprozesses verlaufen ähnlich.

„So gewinne ich Freiheit“, beschreibt Grimm den seelischen Prozess dahinter. Viele religiöse Meditationswege und Gebete üben genau das. „Ich betrachte meine Gefühle und Gedanken, ich nehme sie wahr, nehme sie an, lerne aber, mich nicht ständig von ihnen bestimmen, sondern sie wie eine Wolke vorbeiziehen zu lassen.“ Wenn Jesus also sagt: „Verleugne dich!“, dann will er nicht, dass ich mich selbst völlig übergehe. Sondern er sagt: „Nimm dich selbst nicht so wichtig, verrenne dich nicht in deine Vorstellungen, sondern frage immer wieder offen und neugierig: ‚Was will das Leben, was will Gott von dir?‘“

Schauen, was gerade dran ist

„Und das, was Gott von mir will“, so sagt Grimm weiter, „ist nicht immer das, was ich mir vorstelle. Hier ist also sinnvoll, zu suchen, um wahrzunehmen, was gerade dran ist“, beschreibt er die Offenheit in der Forderung Jesu. So kann dieser Vers auch in einem seelsorglichen oder therapeutischen Zusammenhang positiv gelesen werden. 

„Und dann ergibt auch die Forderung, täglich sein Kreuz auf sich zu nehmen, einen Sinn. Ich übe also, mir auf die Schliche zu kommen, wie ich Dinge vermeide. Ich lerne, meinen eigenen Schmerz anzuschauen, meine Gefühle zuzulassen, anstatt sie wegzudrücken, immer wieder ehrlich zu mir selbst zu sein“, holt Grimm weiter aus. Oder wie John Lennon es ausdrückte: „Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu machen.“

Lernen, die eigene Krankheit zu akzeptieren

Für seine Patienten im Krankenhaus heißt das auch, dass sie meist lernen müssen, die eigene Krankheit oder Behinderung als Teil ihres Lebens zu akzeptieren. Das ist schwer. „Denn ich trauere, weil ich Fähigkeiten und Möglichkeiten verliere. Mich auf das Neue im Leben zu öffnen, heißt dann: ‚Kann und will ich mich auf das, was hier und jetzt mit mir ist, einlassen? Entdecke ich in der Aufgabe, die mir das Leben jetzt stellt, neue Möglichkeiten?‘ Auch das wäre ‚arenomai‘ – sich verleugnen – im Sinne von loslassen und frei werden.“ Zum Schluss zitiert Grimm einen Satz von Martin Buber: „Alt werden ist ein herrlich Ding, wenn man das neu Anfangen nicht verlernt hat.“ Eine menschliche, eine jesuanische – und dann auch eine päpstliche (Rücktritts)haltung.

Von Sibylle Brandl