16.07.2015

Vorbereitung zum „Jahr des Aufatmens"

Zurücklehnen reicht nicht

Was wollen wir in Zukunft anders machen, worauf wollen wir verzichten? Zwei Fragen, die im „Jahr des Aufatmens“ eine Rolle spielen können. Damit beschäftigten sich jetzt Teilnehmer eines Studientages. Sie machten die Erfahrung: Zurücklehnen alleine reicht nicht.

 

Wie sieht eine gute Entscheidung aus? Pater Stephan Kessler (stehend) und Maria Boxberg (rechts) wussten die Antwort. Foto: Matthias Petersen

„So habe ich das noch nie gehört.“ Hermann Steinkamp strahlt. Eben haben ihm die rund 50 Teilnehmer des Studientages in Haus Ohrbeck ein Geburtstagsständchen gesungen. „Viel Glück und viel Segen“ im vierstimmigen Kanon. Es wird noch mehr geben, was Steinkamp, Referent für Glaubenskommunikation im Bischöflichen Generalvikariat, und die übrigen Teilnehmer so noch nie gehört haben. Obwohl ihnen – fast ausnahmslos Priester, Diakone, Gemeinde- oder Pastoralreferenten – Themen wie der Heilige Geist oder die Unterscheidung der Geister nicht unbekannt sind. Schließlich haben sie nahezu täglich damit zu tun – beruflich oder privat.

Pater Stephan Kessler begleitet schon lange die Planungen für das „Jahr des Aufatmens“ im Bistum. Der Jesuit leitet das Frankfurter Priesterseminar. Behutsam führt er die Teilnehmer auf seinen Weg. Er will ihnen zeigen, was eine gute Entscheidung ausmacht, wie es gelingen kann, dabei auf die Stimme Gottes zu hören. Es geht ihm nicht um den Kleinkram, nicht um die Frage, welches Hemd ich heute anziehe. Es geht ihm um die größeren Lebensentscheidungen: Will ich in Beziehung leben oder allein, welchen Partner will ich heiraten, wo will ich wohnen? Gerade in einer Zeit, in der vor allem junge Menschen jede Menge Optionen haben, will klug entschieden werden. „Wer die Qual der Wahl hat, braucht Freiheit“, sagt er.

Auf den Geist zu hören, ist etwas Spirituelles, aber nichts Spiritistisches. Wer auf den Geist hören will, braucht eine feinfühlige Art, muss gut zuhören, mit Gott im Gespräch sein. Kessler findet bildreiche Worte, die bei den Zuhörern ankommen: mancher Theologiestudent oder Priester trage das Stundenbuch wie einen Prügel vor sich her. „Wenn aber der liebe Gott doch der Autor dieser Texte ist, warum müssen wir sie ihm dann unentwegt im Gebet vorlesen“, fragt er mit spitzbübischem Lächeln. Das kommt an, vielleicht findet sich auch mancher wieder.

Ignatius von Loyola gilt vielen gewissermaßen als Erfinder der Unterscheidung der Geister. So viel Ruhm will Pater Kessler dem Gründer seines Jesuitenordens aber nicht zukommen lassen. „Das finden wir schon im Neuen Testament bei Paulus. Der musste auch Entscheidungen fällen und abwägen.“ Und so macht er deutlich, was aus seiner Sicht eine „gute Entscheidung“ ausmacht: zum Beispiel, wenn ich sehe, dass das, was ich tun will, der Liebe dient, wenn sich etwas wie von selbst mir nahelegt oder wenn mir die nötige Zeit und Kraft dafür gegeben ist. Was maßlos und verstiegen anmutet, was kleinlich, harspalterisch und spinnig wirkt, das schreibt Stephan Kessler dagegen dem „Abergeist“ zu.

Da kommen die Zuhörer auf den Geschmack

Das „Jahr des Aufatmens“ soll auch dazu dienen, dass sich Verantwortliche in Pfarreien überlegen, welche Wege sie in Zukunft gehen wollen. Viele stöhnen schon lange unter der Belastung, einerseits die Erwartungen der traditionellen Katholiken zu erfüllen, andererseits neue Wege gehen zu wollen. Und sie fragen sich, ob sie am Überlieferten festhalten müssen oder die Fronleichnamsprozession auch mal auf andere Weise anbieten können. „Soziologisch gesehen haben wir viele Menschen doch ohnehin schon verloren“, sagt Kessler und macht manchem damit Mut zu unpopulären Entscheidungen. „Wer sich auf den Weg der Verheißung macht, der verliert, um zu gewinnen.“

Es sind solche Bilder, die Hermann Steinkamp beeindrucken. Mose kommt nicht zufällig zum brennenden Dornbusch, in dem sich ihm Gott offenbart. „Er war sicherlich schon lange in der Gegend unterwegs, aber dann hat er den Blick über die nächste Sandkuppe gewagt“, sagt Kessler. „Er hat sich dafür entschieden, seinen angestammten Radius zu verlassen.“ Da kommen die Zuhörer auf den Geschmack. Und es ist eine Vorbereitung für das, was Maria Boxberg am Nachmittag erzählt. Die Mitarbeiterin der Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL) kennt sich aus mit alternativen Entscheidungsfindungen in einer größeren Gruppe. Ob Seelsorgeteam oder Pfarrgemeinderat – oft gehe es in Diskussionen um Machtfragen. Am Ende setzt sich dann einer als Sieger durch – das müsse aber nicht immer dem Willen Gottes entsprechen.

Die GCL hat unter dem Stichwort „Das Salz in der Gruppe“ sechs Phasen der Entscheidungsfindung zusammengestellt, damit sie von allen Beteiligten getragen werden kann. Kernpunkt ist die Notwendigkeit, sich in die Position der Gegenseite hineinzuversetzen, sogar Argumente dafür zu finden. In einer Zeit der Stille nimmt dann jeder wahr, welche Gedanken sich in ihm entwickelt haben.

Am Ende ist Hermann Steinkamp wieder zufrieden. Er hat neu erkannt, dass es bei der Unterscheidung der Geister um seine inneren Stimmungen geht. Bisher habe er das anders gedeutet, sagt er. Aber auch das hat er jetzt ganz neu gehört.

Matthias Petersen

Am Donnerstag, 22. Oktober, findet der gleiche Studientag im Ludwig-Windthorst-Haus statt.

Eine Terminübersicht finden Sie hier