10.04.2013

Familienforschung boomt

Zurück zu den Wurzeln

Wer bin ich und woher komme ich? Immer mehr Menschen suchen auf diese zentralen Fragen des Lebens eine Antwort in der Familienforschung – der Genealogie. Wie begibt man sich auf Spurensuche?

Diese Abstammungstafeln für eine sogenannte Aufschwörung, um in den Adelsstatus zu gelangen, stammen aus dem 18. Jahrhundert.        Fotos: Heike Sieg-Hövelmann.

„Familienforschung boomt“, sagt Martina Wermes, Referentin bei der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig. Einer Studie des Allensbacher Instituts für Demoskopie zufolge will jeder Zweite mehr über seine Vorfahren erfahren. Ihrer Ansicht nach erhoffen sich viele durch Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln eine „Entschleunigung in unserer globalen Welt“.
Das große Interesse zeige sich auch in der rasanten Entwicklung von Onlineangeboten, bestätigt Wolfgang Bockhorst von der Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung in Münster. Allen voran der „Verein für Computergenealogie“ – mit 3400 Mitgliedern der größte genealogische Verein überhaupt. Auch Nichtmitglieder könnten auf der Homepage „genealogy.net“ in Sekundenschnelle Datenbanken wie Adressbücher, Namens- und Verlustlisten durchforsten und in Foren konkrete Fragen stellen.

„Doch von einer Ahnenforschung nur auf Mausklick sind wir noch weit entfernt“, meint Bockhorst. In den meisten Fällen hänge der Erfolg im Internet davon ab, ob bereits andere über die jeweilige Familie geforscht hätten. Der Versuch, mit dem Namen, Geburtsort, Geburts- oder Sterbedatum eines Vorfahren weiterzukommen, könne dennoch weiterführen.

Bei aller Technikeuphorie sei der Einstieg in die Ahnenforschung über das persönlichste Archiv unerlässlich: die eigene Familie. Bockhorst rät, mit den ältesten Verwandten in Ruhe zu sprechen und möglichst viele Dokumente aus dem Familienbesitz zusammenzutragen: Stammbücher, Briefe, Arbeitspapiere, Totenzettel, Fotografien, arische Nachweise, Zeugnisse, Meisterbriefe, Einladungen zu Hochzeiten, Urkunden, Rechnungen, Erbschaftsunterlagen.

Aller Anfang ist schwer – nicht so in der Genealogie! Hier ist es umgekehrt: Zu Beginn lassen sich rasch Namen und Angaben bis zu den Ur- oder sogar Ururgroßeltern ermitteln. Je weiter die Zeitreise zurückführt, desto schwieriger gestaltet sich die Recherche. „Ordnung ist von Anbeginn das A und O“, betont Bockhorst. So sei es wichtig, die einzelnen Unterlagen zu beschriften und unbedingt den Fundort und die Quelle zu notieren, zudem den Verwandtschaftsgrad zum Forschenden – etwa „Urgroßmutter väterlicherseits“.

„Kirchenbücher sind ein sprudelnder Quell“

Wolfgang Bockhorst

Der erste Gang sollte in das zuständige Standesamt führen. Dort sind für Angehörige alle Personenstandsdaten zu Geburt, Hochzeit, Sterbefällen bis ins Jahr 1874, im Rheinland sogar bis 1796, einsehbar. Hier können Informationen über vorherige vier bis fünf Generationen gefunden werden.

Angaben zu vertriebenen Vorfahren finden sich übrigens, soweit sie nach dem Krieg gerettet werden konnten, im Standesamt I. in Berlin. Interessierte müssen sich mit ihrem Wunsch schriftlich dorthin wenden und eine Wartezeit bis zu zwei Jahren einkalkulieren. Andere Quellen für Vorfahren aus den ehemaligen Ostgebieten sind die Heimatortskarteien in Passau und Stuttgart, das Las­tenausgleichsarchiv in Bayreuth sowie in Sachen Kirchenbücher das Evangelische Zentralarchiv in Berlin und das Bischöfliche Zentralarchiv in Regensburg.

„Generell sind Kirchenbücher ein sprudelnder Quell“, weiß Experte Bockhorst. Sie reichen zurück bis ins frühe 17. Jahrhundert. Oft sind sie bei den Bistumsarchiven oder bei Protestanten in den landeskirchlichen Archiven einsehbar – mal auf Filmen archiviert, dann als gebundene Reproduktionen oder digitalisiert im Computer. „Die Lektüre kann aufregend werden“, warnt Bockhorst. Etwa wenn dort die Todesursache beschrieben ist. So könnte etwa zu lesen sein, dass Vorfahre X, „vom tollen Hund gebissen worden und daran gestorben ist“.
Hürde für Anfänger: Die Dokumente sind handschriftlich, in alten deutschen Schriften und teils auch in Kirchenlatein verfasst. „Viele Bildungshäuser bieten hierzu Kurse an“, so Bockhorst. Nachschlagewerke, wie „Latein für Sippenforscher“ von Karl H. Lampe leisteten ebenfalls gute Dienste.

Die Dokumente sind oft in Kirchenlatein verfasst

Um sich jenseits von Kirchenbüchern Quellen zu erschließen, lohnt es, sich mit den Obrigkeitsverhältnissen der vergangenen Jahrhunderte zu beschäftigen. Bockhorst: „Wer weiß, wie die amtlichen und kirchlichen Strukturen anno dazumal waren, kann ableiten, wo er noch fündig wird.“ Geschichten erzählten auch Schöffen-, Kauf- und Erbungsbücher, Steuerregister, Feuerstellenlisten oder Gerichtsprotokolle. Fundgrube für solche Dokumente: die Landes- oder Staatsarchive. „Wer einmal anfängt, den packt das wie eine Sucht“, versichert Bockhorst. Denn die eigene Familienhistorie sei mitunter spannender als jedes Geschichtsbuch.

Tipps gibt es im Internet auf http://www.ahnenforschung.net. Eine übergeordnete Suche in vielen Datenbanken ermöglicht der Verein für Computergenealogie unter http://meta.genealogy.net.

Heike Sieg-Hövelmann