23.08.2016

In Diepholz treffen sich Senioren, die nicht immer alleine essen möchten

Zusammen isst man weniger allein

„Gemeinsam statt einsam“ Das dachten sich knapp 20 Seniorinnen und Senioren in Diepholz vor einem Jahr. Inzwischen treffen sie sich regelmäßig zum Kochen und Essen im Pfarrheim.

Das „Sonnenzimmer“ im Pfarrheim Christus König: Das gelb leuchtende Mosaik aus Tiffany-Glasscherben ist aus einem Projekt zur Erstkommunion entstanden. Pfarrer Michael Lier (l.) im Tischgespräch. Fotos: Philipp Adolphs

Im Sonnenzimmer des Pfarrheims Christus König sind die Tische kreisförmig angeordnet. Flaschen mit Wasser und Apfelschorle stehen bereit, Servietten mit lila- und rosafarbenen Rosen wurden liebevoll auf Tellern arrangiert. Kleine Vasen aus Glas, ebenfalls mit lila- und rosafarbenen Blümchen bestückt, geben dem Mobiliar etwas Feierliches. An einer der gelben Wände hängt ein großes Mosaik aus roten und gelben Tiffany-Glasscherben: eine Sonne.

Im Diepholzer Pfarrheim Christus König treffen sich rund 20 Senioren einmal im Monat zum Mittagessen. Ihr Motto ist: „Gemeinsam statt einsam“. Das Gros der Gruppe sind ältere Damen, deren Partner verstorben sind. Die Idee hatte Hildegard Esser, die nicht länger für sich alleine kochen wollte: „Gemeinsam kann man ja ganz andere Sachen machen, als wenn man für sich selbst kocht“, sagt sie, während sie in der großräumigen Küche des Pfarrheims eine Suppe heißmacht.

„Ich wollte etwas besseres als eine Suppenküche“

Die Tischgemeinschaft bereitet sich ihr Vier-Gänge-Menü selbst zu. Drei bis vier Damen kommen bis zu eineinhalb Stunden früher ins Pfarrheim, um die Speisen fertigzustellen, die sie meistens daheim vorbereitet haben. „Ich wollte etwas anderes veranstalten als Kaffee und Kuchen“, sagt Esser, „und etwas Besseres als eine einfache Suppenküche.“

Nach der Suppe soll es noch zwei Salate, Nudeln mit Soße, ein süßes Dessert und Kaffee geben. Gekocht wird regional und saisonal: „Im Mai gab es Spargel mit Erdbeeren und heute eben frische Zucchini aus dem Garten“, sagt Esser. „Es gibt zu jeder Jahreszeit etwas, selbst im Winter, da ist bei uns Grünkohlzeit.“ Gemeinsam einigt sich die Seniorengruppe auf die Speisekarte. „Auf Allergien müssen wir nicht achten, das ist bei unserer Generation kein Thema“, sagt Esser. Die Teilnehmer sind zwischen 68 und 96 Jahre alt.

Der Stammplatz einer Verstorbenen aus der Gruppe blieb
an diesem Tag leer. Eine eigens angefertigte Kerze leuchtet
für die Frau.

An diesem Tag bleibt der Stammplatz einer älteren Dame frei, die bisher gerne zum Essen gekommen war. Sie ist während der Sommerferien verstorben. Die Gemeindereferentin Doris Rattay stellt eine Kerze an den Platz der Verstorbenen. Die hat Rattay selbst gestaltet: mit einem schwarzen Kreuz, einem Herz und einer Sonne. Sie soll leuchten, wann immer jemand aus der Tischgemeinschaft stirbt. Während Rattay die Kerze entzündet, sagt sie einige Worte zur Erinnerung an die Tote. Dann spricht sie ein Tischgebet und eröffnet die Mahlzeit.

Beim Essen spricht man über Kinder und Enkelkinder, über die kommenden Wahlen, Schlesier in Diepholz, Rezepte und über Männer, die kochen können. Da zwei der Damen Geburtstag hatten, wird gesungen: „Viel Glück und viel Segen.“

Reinhold Lüers, der die Teilnehmer, die nicht mehr so fit auf den Beinen sind, von zu Hause abholt, hat – wie jeden Monat – eine Anekdote mitgebracht. Das „Döhnkes“ übersetzt er aber aus dem Plattdeutschen ins Hochdeutsche, es könne ja nicht jeder „Platt“, sagt er. In seiner Geschichte gehen Schüler der Frage nach, ob ein Regenwurm Knochen habe.

Beim Mittagstisch geht es nicht nur ums Essen.
Gemeindereferentin Doris Rattay unterhält sich mit ihrer
Tischnachbarin.

Nach der lustigen Geschichte liest Gemeindereferentin Rattay einen geistlichen Impuls vor. Dann wird angestoßen: mit selbst gemachtem Eierlikör. Einem der Herren hat die Mahlzeit besonders gutgetan: „Wenn ich für mich alleine koche, dann nur Fertiggerichte“, sagt er, „sowas Gutes wie hier würde sich für eine Person ja gar nicht lohnen.“

„Die Seele braucht mehr als nur Fast Food“

Pfarrer Michael Lier ist an diesem Tag ebenfalls zum Essen gekommen. Er gibt der Tischgemeinschaft nach dem Abschlusssegen noch einen Text mit auf den Weg, den er am selben Morgen im NDR eingesprochen hatte: „Essen ist ja nicht nur bloße Nahrungsaufnahme für den Menschen“, sagt er darin, „die Seele will ebenfalls genährt werden. Sie braucht mehr als Fast Food.“ Lier verweist auf Jesus, der immer gerne in Gesellschaft aß, als Zeichen der Liebe Gottes. „Dieses Bild steht für das zukünftige und endgültige Leben bei Gott. Dazu werden einst alle Menschen gehören, auch wir selbst.“

 

Von Philipp Adolphs

Die Tischgemeinschaft trifft sich an jedem dritten Mittwoch im Monat um 12 Uhr. Der nächste Termin ist am 21. September. Dann wird das einjährige Bestehen gefeiert. Anmeldung bei Gemeindereferentin Doris Rattay unter Telefon 0 54 41/34 71.