04.08.2022

Forscher von Weizsäcker für neue Strategien beim Umweltschutz

"Die Ökonomie wurde zu einer Art Heiligtum"

In seinem neuen Buch "So reicht das nicht" fordert der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker eine neue Aufklärung, um beim Umweltschutz und im Kampf gegen den Klimawandel voranzukommen. Was er damit meint, erklärte der 83-Jährige im Interview.

Ernst Ulrich von Weizsäcker, hier 2014, setzt sich für den Umweltschutz ein und fordert ein schnelles Umdenken. Foto: kna/privat (Archivbild)

Herr von Weizsäcker, in Ihrem neuen Buch fordern Sie eine neue Aufklärung. Was heißt das?

Die "alte" Aufklärung war eine große Befreiungsaktion, hatte aber Schattenseiten. Sie wurde auch eine Art Rechtfertigung für die Kolonialisierung der Welt. Und inhaltlich hob sie Rationalismus, Individualismus, Materialismus und Utilitarismus auf den Schild. Die Aufklärung bedeutete auch Arroganz und Gewinnsucht sowie eine Verachtung von Religionen - das ist ziemlich ärmlich für eine Geisteshaltung, die ein Weltformat beanspruchte. Eine neue Aufklärung sollte deshalb moralische Anstandsregeln einführen, solche ethischen Wertmaßstäbe fehlen immer noch.

Was heißt das konkret?

Es darf keine einseitige Lobrede zugunsten eines einziges Maßstabs oder Parameters geben, in diesem Fall des Wachstums um jeden Preis. Die Ökonomie des unbegrenzten Wirtschaftswachstums wurde zu einer Art Heiligtum.

Die neue Aufklärung sollte statt auf brutale Rechthaberei auf Balance gestützt sein. Für jedes Ziel brauchen wir eine Art Gegenpol. Beim Wachstum können das etwa stabiles Klima und hohe biologische Vielfalt sein. Solche Balance-Tugenden gab es schon mal, etwa bei dem alten hanseatischen Begriff des ehrbaren Kaufmanns, der seine Geschäfte machte, aber immer versuchte, dabei anständig zu bleiben. Vielleicht können die Religionen etwas dazu beitragen, dass das besser gelingt und wir stärker eine ethische Richtschnur befolgen.

Wie ist das zu erreichen?

Von Weizsäcker: In den vergangenen Jahrhunderten waren die Religionen zu einem erheblichen Teil Träger der Territorialkriege. Und immer noch gibt es weltweit Religionskriege - im Blick habe ich dabei besonders den Islam, aber auch den Hinduismus etwa in Indien, wo der gegenwärtige Präsident seine Machtpolitik mit der Religion verbrämt. Eine Rückbesinnung auf die Ursprünge des Christentums kann helfen - dort wird eine eher demütige und bescheidene Haltung beschrieben.

Vor allem wegen der vielen Missbrauchsfälle kommen die Kirchen aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus. Erst in der vergangenen Woche war Papst Franziskus in Kanada, um sich dort für Misshandlungen und Missbrauch an den Indigenen und Inuit durch Kirchenvertreter zu entschuldigen...

Ich traue es den Kirchen trotzdem grundsätzlich zu - nicht uneingeschränkt natürlich, wenn ich an den russischen Patriarchen Kyrill und dessen enge Verflechtung mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin denke. Aber gerade Papst Franziskus ist ein vernünftiger, bescheidener und anständiger Vertreter einer Religion. Auch die Hilfswerke Misereor und Brot für die Welt sind für mich solche positiven Beispiele oder die ehrenamtliche Arbeit in der Flüchtlingshilfe, die in Kirchengemeinden geleistet wird. Insofern können die Kirchen bei der Überwindung eines bloßen Materialismus eine wichtige Rolle spielen.

Auch bei der Einübung von Verzicht, wenn es darum geht, nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch wegen der Gasknappheit Energie zu sparen?

Es ist bitter, dass ein Krieg dazu zwingt, materiell vernünftig zu sein. Mir ist wichtig, dass Preise - sei es für Lebensmittel oder Energie - angenähert die ökologische Wahrheit sagen, das ist etwas, worauf man sich vielleicht politisch einigen kann. Das muss natürlich mit einer sozialen Gerechtigkeitspolitik einhergehen. Für mittlere und kleine Einkommen muss es stärkere Entlastungen geben.

In Ihrem Buch setzen Sie auf den Ausbau der erneuerbaren Energien. Sie plädieren für einen schnellen Ausstieg aus den fossilen Energien, und Sie zeigen auf, dass die Atomenergie für Sie keine Alternative ist. Bleiben Sie auch bei der derzeitigen Gasknappheit bei dieser strikten Haltung?

In Zeiten des russischen Angriffs auf die Ukraine und unserer Abhängigkeit vom russischen Gas kommen wir sicher nicht umhin, übergangsweise auch wieder auf Kohle zu setzen - auch wenn das klimapolitisch sehr schädlich ist. Die Kernenergie ist physikalisch eng verwandt mit Atomwaffen. Sie muss verschwinden. Trotzdem hielte ich die Verlängerung der Laufzeit von drei gut überwachten Reaktoren im Notfall für diskutabel.

Was machen Sie persönlich, um Ihren ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten?

Von Weizsäcker: Meine Frau und ich leben zusammen mit unserer Tochter und ihrer fünfköpfigen Familie in einem Passivhaus. Wir kaufen hauptsächlich ökologische Lebensmittel. Derzeit haben fünf Familienmitglieder einen Führerschein, wir kommen aber mit einem Auto gut klar und haben noch jede Menge Fahrräder. Ich nutze, wann immer es geht, die Bahn und nehme da Verspätungen in Kauf. Außerdem engagiere ich mich bei den «Scientists for future» und bin bei ihren Demonstrationen dabei.

Interview: kna/Birgit Wilke