08.05.2019

Bischof besucht Gemeinde in Osterbrock

Die Tragweite nicht erfasst

Der Missbrauchsvorwurf gegen ihren ehemaligen Pfarrer hat die Osterbrocker schwer erschüttert. Jetzt hat Bischof Franz-Josef Bode die Gemeinde persönlich besucht: ein Gespräch mit deutlichen Fragen in sachlicher Atmosphäre.

Gespräch nach der Andacht: Pfarrer Jürgen Altmeppen (v.r.) begrüßt Stefan Freck vom Seelsorgeamt, Bischof Franz-Josef Bode und den Justitiar des Bistums, Ludger Wiemker. Foto: Diek-Münchow

Die Menschen in St. Isidor gehen an diesem Sonntag durch ein Wechselbad der Gefühle. Am Vormittag haben sie im Hochamt noch Erstkommunion gefeiert. Und am Abend kommt der Bischof in die Kirche, um mit ihnen über das Thema sexualisierte Gewalt zu sprechen. Es ist der erste von mehreren Besuchen in betroffenen Gemeinden. „Begeisterung und Abgrund liegen oft dicht beieinander“, sagt Franz-Josef Bode. Mit dem „Abgrund“ meint er den Vorwurf, der die Osterbrocker zutiefst erschüttert hat: Ihr ehemaliger, mittlerweile verstorbener Pfarrer G. soll in den sechziger Jahren Jungen im Meppener Knabenkonvikt missbraucht haben.

Im März hatte es nach Bekanntwerden der Vorfälle bereits eine Versammlung im Pfarrheim gegeben. Die war angefüllt gewesen mit Entsetzen, Fassungslosigkeit und Zorn: über den Pfarrer, aber auch auf das Bistum. An diesem Abend in der St.-Isidor-Kirche wirkt die Atmosphäre unaufgeregter und ruhiger. Schon seit mehreren Wochen gibt es Gespräche mit den Gremien in Osterbrock und anderen Gemeinden der Pfarreiengemeinschaft, in diesen Tagen redet Weihbischof Johannes Wübbe auch mit Senioren. Ist vielleicht deshalb die Kirche nicht voll besetzt? Gut 130 Gäste sitzen in den Bänken, feiern zuerst mit Bode einen schlichten Gottesdienst.

„An der Entsetzlichkeit gibt es nichts zu deuteln“

In seiner Ansprache verspricht der Bischof, dass er nicht gekommen ist, um etwas kleinzureden, um die Kirche oder sich selbst zu rechtfertigen. „Es gibt viel Grund für Wut, Zweifel und Verzweiflung. Und an der Entsetzlichkeit gibt es nichts zu deuteln.“ Aber mit dem Hinweis auf die Karwoche und Ostern hofft Bode, dass „wir nicht in der Verstörung gefangen bleiben“. Das Bistum wolle alles dafür tun, dass „Versöhnung beginnen kann und Heilung möglich wird.“ Er redet von einem Weg der Erneuerung. Dieser werde nicht in wenigen Wochen zu bewältigen sein, „aber die Bischöfe treten ihn an“.

Nach der Andacht rücken Stefan Freck aus dem Seelsorgeamt und der Justitiar des Bistums, Ludger Wiemker, einen Tisch auf die erste Stufe des Altarraums. Sie nehmen mit Bischof Bode Platz und stellen sich gut eine Stunde lang den Fragen der Gäste. Die Stimmung bleibt sachlich und konstruktiv. Aber es wird deutlich, dass die Vorfälle die Gemeinde sehr bedrücken – zumal einige Besucher daran erinnern, dass das Verhalten zweier anderer Seelsorger vor Jahren schon einmal für Gesprächsstoff gesorgt hatte. Damals war es um kinder- und jugendpornografische Inhalte in Computer und Zeitschriften gegangen.

An diesem Abend wollen die Gäste vom Bischof unter anderem wissen, warum Pfarrer G. nicht mit den Vorwürfen konfrontiert worden ist und warum das Bistum nicht selbst mehr nachgeforscht hat. „Wo ein Opfer ist, gibt es meist mehrere“, kritisiert eine Sozialarbeiterin das Vorgehen. Bode erzählt, wie sehr ihn selbst die Vorwürfe gegen den Priester getroffen haben: „Ich bin aus allen Wolken gefallen.“ Das Opfer, das sich 2010 beim Bistum gemeldet hatte, habe aber ausdrücklich keine Konfrontation gewollt. „Vielleicht haben wir die ganze Tragweite damals nicht erfasst“, räumt er ein und berichtet, dass in den nächsten Tagen ein Gespräch mit dem Betroffenen stattfinden soll. Ganz klar sagen er und Ludger Wiemker, dass aus den Gemeinden, in denen G. nach Meppen tätig war, bisher keine Vorfälle bekannt sind.

Wie lange braucht die Kirche noch?

Fragen stellen die Gäste in Osterbrock aber auch zu grundsätzlichen Themen wie den Zölibat und die Stellung der Frau. „Wie lange braucht die Kirche, um da voranzukommen? Wann folgen endlich Taten?“, fragt eine Frau energisch und bekommt Beifall dafür. In puncto Zölibat kann sich Bode als ergänzende Lebensform Priester mit Beruf und Familie vorstellen. Er berichtet, dass genau das die lateinamerikanischen Bischöfe dem Papst bei einer Synode im Herbst vorschlagen wollen. Und was mehr Leitungspositionen für Frauen in der Kirche angeht, verweist er auf erste Erfolge und entsprechende Beschlüsse der Bischofskonferenz. Keinen Hehl macht Bode daraus, dass er das Diakonat für Frauen fördern möchte. „Das liegt jetzt in Rom.“

Petra Diek-Münchow

In den nächsten Tagen und Wochen besucht Bischof Bode auch Gemeinden in Meppen, Hagen-Gellenbeck und Merzen.