31.10.2019

Katholische Fraueninitiative Maria 2.0

Die Ungeduld wird größer

Seit einem halben Jahr beteiligen sich auch im Bistum Osnabrück viele katholische Frauen an der Reformbewegung Maria 2.0. Frauenseelsorgerin Lydia Egelkamp spricht im Interview über Enttäuschungen, Konfliktsituationen in Gemeinden, die Rolle Marias und die Definition von Erfolg.

Marsch in Weiß vor wenigen Wochen: katholische Frauen in Nordhorn mit Purpurkreuz, dem Zeichen der kfd-Kampagne für eine geschlechtergerechte Kirche. Foto: Gerold Meppelink

Katholisch und aufmüpfig passte bisher nicht so recht zusammen. Woher nehmen so viele Frauen jetzt den Mut, öffentlich Reformen einzufordern?

Die MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz, die das Ausmaß des Missbrauchs deutlich machte, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Viele Frauen sagen: „Wir waren oft sehr leise und haben alles hingenommen, aber jetzt sehen wir alles in einem größeren Zusammenhang.“ Sie setzen sich ja nicht nur für Geschlechtergerechtigkeit ein, sondern es geht auch um Machtverhältnisse und die Aufklärung sexuellen Missbrauchs. Das Besondere an Maria 2.0: Es ist eine Initiative der kirchennahen Frauen, derjenigen, die sich stark engagieren, denen die Kirche noch etwas bedeutet. Sie sehen sich als Anwältinnen für ein anderes Bild von Kirche. Und die Ungeduld wird größer. Bei den älteren Frauen, die über Jahre hinweg enttäuscht wurden, sowieso, aber auch bei den jüngeren, die sagen: „Wenn sich nichts verändert, suche ich mir eben meine privaten Glaubensorte und trete aus der Kirche aus.“

Woran liegt es, dass die jungen Frauen relativ kampflos aufgeben?

Viele erwarten nichts mehr von der Amtskirche. Sie haben sich verabschiedet oder sind auf dem Weg verloren gegangen – obwohl ihnen Glaube und Spiritualität schon noch wichtig sind. Aber wenn sie neben Beruf und Familie noch Zeit haben, sich ehrenamtlich zu engagieren, dann vielleicht nicht in einem System, das ihnen keinen angemessenen Platz einräumt. Dennoch finde ich es spannend, dass viele auf den Zug einer Bewegung wie Maria 2.0 aufspringen und sagen: „Darauf haben wir lange gewartet!“ Sie können demonstrieren, sich an einer Unterschriftenaktion beteiligen, Foren im Internet nutzen – also selbst steuern, wie viel Zeit sie investieren, ohne gleich in einen Verband eintreten zu müssen.  

Zu Beginn der Aktion Maria 2.0 haben Frauen die Kirchen bestreikt. Jetzt organisieren sie Gebete und gehen auf die Straße. Ist ihr Protest noch zu brav oder schon zu provokativ?

Richtig oder falsch – das will ich gar nicht bewerten. Die Stärke der Frauen besteht jetzt darin, dranzubleiben, sich gegenseitig zu stützen, sich auszuprobieren, sich nicht mehr zu verstecken und kleinzumachen. Sicher, der Kirchenstreik war provokant, andererseits haben die Frauen damit eine große Öffentlichkeit erreicht. Ich glaube, viele sind allein deshalb überrascht, dass Maria 2.0 keine Eintagsfliege war.

An einigen Orten gibt es Streit mit Gegnern von Maria 2.0. Wie sollten Gemeinden mit solchen Konflikten umgehen?

Keine einfache Situation. Aber auch Meinungsvielfalt macht unsere Kirche auch aus. Ich kann nur raten: Haltet das aus, sprecht euch nicht gegenseitig den Glauben ab und lasst bitte nicht den Dialog abbrechen! Generell, finde ich, braucht es noch viel mehr Gelegenheiten zum Austausch: Was ist mein Glaube? Was ist mein Bild von Kirche? Was sind meine biografischen Erfahrungen als Frau? Wie wollen wir in einer sehr männerdominierten Kirche etwas bewegen, wenn es schon die Frauen nicht schaffen, im Gespräch zu bleiben?

Lydia Egelkamp, Frauenseelsorgerin im Bistum
Osnabrück. Foto: Matthias Petersen

Gestritten wird oft auch über die Namensgeberin für Maria 2.0. Rebellin oder gehorsame Magd: Wie ist die Rolle der Mutter Jesu zu bewerten?

Maria wurde geschichtlich sehr verklärt. Das ist meine persönliche Meinung. Ich empfehle den Frauen: Tauscht euch mal über das Magnificat aus, den Lobgesang Marias. Da gibt es Passagen wie: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ Maria war eben nicht nur die reine, gehorsame Magd, sondern offensichtlich auch eine selbstbewusste, wichtige und kluge Frau.

Welche Aussicht auf Erfolg haben die Forderungen von Maria 2.0? Die deutsche Kirche entscheidet ja nicht allein.

Wenn die Frauen Erfolg daran messen, dass wir bald das Frauenpriestertum haben, werden sie enttäuscht werden. Wir müssen noch einmal genauer hinsehen, was dahintersteckt, wenn wir Zugang zu allen Ämtern fordern. Einerseits, dass man Frauen, die sich berufen fühlen, ernst nimmt. Andererseits, dass Frauen mitentscheiden und gefragt werden. Das kann man auch erst einmal losgelöst vom Priesteramt sehen. Sicher ist es wichtig, die Ämterfrage hochzuhalten, aber wir müssen genauer definieren, was Erfolg heißt. Vielleicht tun es auch viele kleine Schritte. So wächst etwa deutlich der Anteil der Frauen, die auf Diözesanebene oder in Pfarreiengemeinschaften leitende Aufgaben wahrnehmen. Ich werbe dafür, miteinander im Gespräch zu bleiben. Die Frauen haben eine große Loyalität zum Bischof, sie schätzen, dass er dialogbereit ist und Entwicklungen unterstützt. Trotzdem braucht es natürlich auch Ergebnisse.

Also: nicht aufgeben?

Nein, auf keinen Fall! Ich motiviere die Frauen: Bleibt bei dem, was euch Energie gibt und gebt euch gegenseitig Energie. Arbeitet nicht gegeneinander, sondern miteinander. Sonst hält man langfristig nicht durch. Und es ist auch wichtig, dass es beides gibt: die Bewegung Maria 2.0 und die klassische Frauenverbandsarbeit.

Interview: Anja Sabel

Wer sind die Frauen, die in der Kirche etwas verändern wollen und sich deshalb an Maria 2.0 beteiligen? Dazu finden Sie Beiträge aus Osnabrück, Nordhorn und Twistringen im aktuellen Kirchenboten.


Zur Sache

„Maria 2.0“ ist eine freie Reforminitiative katholischer Frauen, entstanden in Münster. Sie fordert etwa den Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, die Freistellung des priesterlichen Zölibats und eine konsequente Aufklärung von Missbrauchsfällen.

Im Mai dieses Jahres rief „Maria 2.0“ zu einem deutschlandweiten „Kirchenstreik“ auf. Eine Woche lang legten Frauen ihre ehrenamtliche Tätigkeit nieder und betraten keine Kirche – nach dem Motto: Nicht nur klagen, sondern handeln. Für alle Beteiligten ist ein stillschweigender Kirchenaustritt keine Option. Sie kämpfen dafür, dass es auch nachfolgenden Generationen Freude macht, in dieser Kirche zu bleiben.

Unterstützt wird „Maria 2.0“ von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) und dem Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB). Letzterer greift die Anliegen auf mit der Gebetsaktion „Maria, schweige nicht“. Die katholischen Frauenverbände insgesamt setzen sich schon lange für eine zukunftsfähige, geschwisterliche Kirche ein, in der Frauen und Männer gleichberechtigt Verantwortung übernehmen. (asa)