25.11.2022

Der Bischof von Odessa wünscht sich zu Weihnachten Frieden

Ein Traum als Trost

In diesem Jahr werden im Advent die Friedensvisionen von Jesaja gelesen. Wie klingen sie für die Menschen in der Ukraine, die im Krieg leben? Was können sie ihnen sagen? Fragen an Stanislaw Szyrokoradiuk, Bischof von Odessa.

Foto: kna/Francesca Volpi
„Was hier passiert, ist Völkermord“, sagt Stanislaw Szyrokoradiuk, Bischof von Odessa, über Russlands Angriff auf die Ukraine. Foto: kna/Francesca Volpi

Von Andreas Lesch

Früher, sagt Stanislaw Szyrokoradiuk, habe er die Friedensvisionen von Jesaja wunderbar gefunden: „Sie waren eine große Freude.“

Der Bischof von Odessa mochte die Bilder, die der Prophet in seinen Texten verwendete. An diesem ersten Adventssonntag etwa heißt es: „Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.“ (Jes 2,4) Und am zweiten Advent: „Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie. Kuh und Bärin nähren sich zusammen, ihre Jungen liegen beieinander.“ (Jes 11,6–7)

Ein Leben ohne Schwert – für Szyrokoradiuk ist das „eine göttliche Idee“. Er schwärmt: „Gott will, dass wir in Frieden leben.“ Jesajas Visionen seien „ein schöner Traum“. Jetzt aber ist Krieg. Seit Monaten leidet die Ukraine unter Russlands Vernichtungsfeldzug. Wie liest der Bischof da die Jesaja-Texte? Und wie erklärt er sie den Gläubigen in der Kirche? „Theoretisch klingen sie gut“, sagt Szyrokoradiuk. „Praktisch ist es gerade schwierig, über diese Texte zu sprechen.“

„Das ist ein teuflischer Krieg. Ohne Grund“

Nach all den Morden, der Folter, der Vergewaltigung und Zerstörung der russischen Angreifer würde für den Bischof eine andere Bibelstelle besser passen, und zwar Matthäus 26,52: „Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ Er sagt, er hoffe, dass wieder eine Zeit kommt, in der das Schwert fort ist: „Aber heute hoffen wir, dass dieser Aggressor, der mit dem Schwert zu uns gekommen ist, auch durch das Schwert sterben muss. Das ist Gerechtigkeit.“

Wer solche Sätze hört, der versteht ein bisschen besser, welch einen Horror die Menschen in der Ukraine gerade durchleben. Szyrokoradiuk sagt: „Was hier passiert, ist Völkermord. Das ist ein teuflischer Krieg. Ohne Grund! Die Ukraine hat Russland nie etwas getan.“ Der Bischof klagt: „Es ist schon so viel Blut vergossen worden. So viel Hass, so viele Tote, so viele Ruinen, so viele Tränen – meine Güte!“ Er erinnert sich daran, welche Angst er zu Beginn des Krieges im Februar hatte. Er erzählt, er habe früher sieben Waisenhäuser gegründet, und nun habe er alles organisieren müssen, um die Kinder aus diesen Häusern nach Polen, Österreich und Deutschland zu evakuieren: „Ich bin erst wieder ruhig geworden, als sie heil dort angekommen sind.“

Die Ukrainer sehnten sich so sehr danach, dass der russische Terror endlich aufhört, sagt der Bischof: „Wir beten um Frieden, wir beten täglich.“ Aber der Krieg geht weiter. An jedem Abend feiert Szyrokoradiuk eine heilige Messe für die Verstorbenen, auch junge Menschen sind darunter. Der Bischof fragt: „Wozu? Warum?“ Und: „Wie soll es weitergehen?“

„Sie kämpfen für unsere Freiheit“

Er betont, die Ukrainer seien bereit, durchzuhalten und im Winter zur Not ohne Strom und ohne Heizung auszukommen, wenn die Russen ihre Energieversorgung kaputtgebombt haben: „Die Leute verstehen, warum wir einen so großen Preis zahlen. Sie kämpfen für unsere Freiheit. Sie wollen lieber jetzt diese Schwierigkeiten ertragen als Sklave von Russland zu sein.“

Und in all dem Kampf und Leid würden die Friedensvisionen von Jesaja dann doch irgendwie helfen, sagt der Bischof von Odessa. Obwohl sie so weit von der Wirklichkeit entfernt sind – oder gerade deswegen. Selbstverständlich werde er die Texte alle lesen, wie es in der Leseordnung vorgeschrieben ist, sagt Szyrokoradiuk. Und er will den Gläubigen klarmachen, dass Jesajas Visionen einmal Wirklichkeit werden können, trotz allem: „Heute haben wir Krieg. Aber wir glauben und wir hoffen, dass diese Zeit des Friedens kommt.“ Jesajas Botschaft bedeutet für ihn: „Bitte habt Geduld! Bitte betet und glaubt und wartet und hofft! Alles ist möglich.“ Wenn man sie so versteht, sagt Szyrokoradiuk, „sind die Texte von Jesaja ein Trost für uns“. Und Trost brauchen die Ukrainerinnen und Ukrainer so sehr.
 
Der Bischof berichtet, oft kämen Menschen zu ihm, die weinten und sagten: „Mein Sohn ist gefallen, mein Mann ist gefallen.“ Er frage sich dann: Was soll ich tun? Oft gehe er mit ihnen zum Kreuz und sage: „Christus hat in seinem Leben viel ertragen. Er ist verfolgt worden, er musste fliehen, er ist am Kreuz gestorben. Aber dann ist er in den Himmel gekommen. Und wir kommen auch alle in den Himmel.“ Aber zurzeit tragen die Ukrainer erst mal ihr Kreuz – und es drückt sie furchtbar. 

„Wir gehen weiter – zusammen“

Jeder, sagt der Bischof, müsse in dieser Situation seine Aufgabe erfüllen. Seine eigene Aufgabe sieht er darin, den Menschen geistlichen Beistand zu geben, Hoffnung, Kraft und Mut. „Alle Priester in Odessa sind geblieben, auch alle Ordensschwestern“, sagt er. „Niemand ist gegangen. Das ist auch ein Signal für unsere Leute: Wir gehen weiter – zusammen.“ Und zusammen versuchen sie, die Visionen von Jesaja im Kopf zu behalten. 

Jeden Tag, wenn Szyrokoradiuk die heilige Messe beginnt, sagt er: „Der Friede sei mit euch.“ Früher, erzählt er, „habe ich das ganz automatisch gesagt. Heute verstehe ich, was das bedeutet: Friede. Und auch die Jesaja-Texte verstehe ich heute ganz anders als früher.“ Weil er permanent erfährt, wie grausam es ist, wenn der Friede fehlt. Für Weihnachten, sagt der Bischof von Odessa, hat er einen einzigen Wunsch. „Mein großer Traum ist, dieses Weihnachten schon in Frieden zu feiern“, sagt er. „Ob das möglich ist, weiß ich nicht. Aber ich bete dafür.“