29.10.2020

Ehrenamt in Kleiderladen und Wohnungslosenunterkunft

Eine Hilfe, die ankommt

Seit über 20 Jahren betreuen Ehrenamtliche in der Gemeinde St. Johannis in Glandorf einen Kleiderladen und eine Unterkunft für Wohnungslose. Das Team macht anderen Gemeinden Mut, ähnliche Projekte zu starten.

Aktiv ist der Helferkreis, der sich um die Obdachlosenunterkunft kümmert. Jeweils zu zweit haben sie Dienst und kümmern sich um die Gäste. Foto: Mathis Erpenbeck

Oft hadert Arnold Brandmann mit der sozialen Gerechtigkeit: „Wieso geht es uns so gut und denen so schlecht?“ Der Gandorfer ist Teil eines Teams, das sich seit mehr als 20 Jahren um die Obdachlosenunterkunft im Ort kümmert. Viele ihrer Gäste hätten ihre Familie und ihre Wohnung verloren, sind dem Alkohol verfallen und auf der Straße gelandet, erzählt er. Sie brauchen eine Unterkunft. „Manche kommen aber auch nur, um bei uns die Wäsche zu waschen, weil sie die Enge einer Wohnung nicht aushalten können“, sagt er. 

Ein ehemaliger Schuppen am alten Glandorfer Pfarrheim ist seit über 20 Jahren für diese Menschen ein sicherer Zufluchtsort. Er wurde mit viel ehrenamtlicher Hilfe und finanzieller Unterstützung ortsansässiger Unternehmen umgebaut. Aus christlicher Nächstenliebe und großer Hilfsbereitschaft versucht das 16-köpfige Team, die Menschen in ihrer Not nicht alleine zu lassen. Und sie haben Zeit für sie: Viele der Gäste haben es gerne, wenn man ihnen zuhört und sie über ihre Geschichte erzählen lässt, wissen die Ehrenamtlichen.

Im Jahr 1996 wurde der Grundstein für die Unterkunft gelegt. Die Initiative ging auf den damaligen Pfarrer Johannes Underbrink zurück, der den Wunsch hatte, caritativ aktiver zu werden. Bis dahin mussten die Wohnungslosen in einer Halle oder auf einem Anhänger untergebracht werden. Durch das Engagement des Caritasausschusses wurde über viele Jahre mit wenig finanziellen Mitteln aus dem Schuppen eine Einrichtung mit zwei Schlafplätzen, Kochmöglichkeiten und einem Bad, in dem geduscht aber auch die Wäsche gewaschen werden kann. „Für viele der Obdachlosen ist die Unterkunft in Glandorf eine der schönsten, weil sie klein und ruhig ist“, erzählt Arnold Brandmann. 

Die Menschen melden sich im Pfarrhaus oder bei der Polizei, von wo aus sie weitervermittelt werden und ihnen die Unterkunft aufgeschlossen wird. Hier haben sie dann die Möglichkeit, für ein bis zwei Nächte im Monat unterzukommen. „Wir machen eine Art Mietvertrag, in dem wir den Namen und die Personalausweisnummer notieren, um uns abzusichern“, erklärt das Team. Die Ehrenamtlichen kümmern sich jeweils zu zweit eine Woche lang um die Unterkunft. Neben dem Aufschließen gehen sie auch schon mal zur Apotheke oder organisieren Arzttermine für die Gäste.

Klein und ruhig: Die Glandorfer Unterkunft ist bei den Bedürftigen
sehr beliebt. Foto: Mathis Erpenbeck

Großer Bedarf: Allein 2019 waren es 366 Übernachtungen

„Es ist ein Geben und ein Nehmen“, erklärt Helmut Schmidt. „Wir freuen uns, Menschen in Not helfen zu können.“ Aber auch sie erfahren eine Menge Anerkennung und Dank für ihre ehrenamtliche Arbeit – nicht nur von den Wohnungslosen. Auch in der ganzen Gemeinde ist eine große Akzeptanz zu spüren. Die Zahl von 366 Übernachtungen 2019 ist eine große Bestätigung dafür. „Am Anfang hätten wir nicht damit gerechnet, dass es so gut läuft. Klar, es gibt in wenigen Fällen auch mal Stress, aber mit der Zeit weiß man, wie man mit den Leuten umgehen muss. Dann muss man auch mal autoritär sein“, sagt Brandmann. 

Die Corona-Krise hat auch hier die Ehrenamtlichen vor Herausforderungen gestellt: Einige im Team mussten ihre Mithilfe aussetzen, weil sie zur Risikogruppe gehören. Durch die Hygiene- und Abstandsvorschriften kann zurzeit immer nur eine Person in der Unterkunft untergebracht werden. „Das bedeutet leider auch, dass wir Leute wegschicken müssen.“ Die nächsten Unterkünfte sind aber erst wieder in Osnabrück, Melle, Warendorf oder Münster. Deswegen hofft die Gruppe, dass vielleicht auch andere Gemeinden in Zukunft den Mut haben, ein solches Projekt zu verwirklichen. Besonders eng arbeitet die Unterkunft mit dem Kleiderladen in Glandorf zusammen. Die Wohnungslosen haben hier Möglichkeit, neue Kleidung, wie zum Beispiel warme Sachen für den Winter, kostengünstig oder umsonst zu erwerben. „Der Kleiderladen ist ein absolutes Vorzeigebild für Glandorf“, sagt Brandmann. 

Kostengünstige Kleidung für Flüchtlinge und Obdachlose

Die Idee für einen Kleiderladen ist 1996 parallel zur Unterkunft entstanden. „Durch den Balkankrieg kamen viele Menschen zu uns“, erinnert sich Agnes Sanning, die die Einrichtung mitbegründet hat. Durch den erneuten Flüchtlingsstrom 2015 und die große Zahl an Sachspenden wurde der bislang genutzte Kellerraum im alten Glandorfer Krankenhaus zu klein, so dass ein Jahr später der Umzug in den „Kleiderladen am Thie“ erfolgte. „Wir haben jetzt einen geräumigen hellen Laden mitten im Ortsgeschehen“, so Agnes Sanning.  

Das Team des Kleiderladens besteht aus 30 ehrenamtlichen Frauen. Sie nehmen die Sachspenden entgegen, schauen sie durch und legen sie für die Kunden bereit. Nicht nur Flüchtlinge und Wohnungslose besuchen die Einrichtung, sondern auch viele Erntehelfer aus Osteuropa finden hier kostengünstig neue Kleidung. „Wir wollen die Mitbürger finanziell entlasten und ihnen materiell helfen. Darüber hinaus macht es Spaß, mit ihnen in Kontakt zu sein“, erzählt Agnes Sanning. „Es ist schön, wenn man die Menschen mit der Kleidung im Dorf sieht. Dann merkt man, dass die Hilfe ankommt.“

Mathis Erpenbeck