15.03.2018

Frauen und ihre Religion

Es braucht noch viel Mut

In vielen Religionen sind verantwortungsvolle Positionen Männern vorbehalten. Geben sich gläubige Frauen damit zufrieden? Welche Rolle  spielen sie überhaupt? Vier Osnabrücker Expertinnen haben darüber diskutiert.

Wie sichtbar sind Frauen in den Religionen? Darüber diskutierten im Forum am Dom: Jane Vernon, Lore Julius, Mascha Radbil und Silvia Horsch mit Moderatorin Regina Wildgruber (v.l.). | Fotos: Jörg Sabel

In der evangelisch-lutherischen Kirche, sollte man meinen, sei „der Drops gelutscht“: Alle Ämter stehen Frauen und Männern gleichermaßen offen. Auch Hochschulpastorin Lore Julius hielt das für selbstverständlich – bis sie nach ihrem Vikariat, im Jahr 1998, nach Lettland ging. Dort wurde die Frauenordination gerade wieder abgeschafft. „Ich erlebte zum ersten Mal, dass Frauen nicht das erreichen können, was ihnen seitens der Verfassung meiner Kirche zusteht. Ich fand das außerordentlich rückständig“, erzählt Julius. Bei einem deutsch-lettischen Treffen im Büro des Erzbischofs wurden sie und die Oberkirchenrätin an einen niedrigen Tisch gesetzt – mit der Bemerkung: „Und hier sind die Plätze für diejenigen, die noch Demut lernen müssen.“ Lore Julius’ Griff ums Mikrofon wird fester: „Das war hart und hat mich angestachelt, mehr für die Rechte von Frauen zu tun.“

Auch in der Landeskirche Hannover ist auffällig: 80 Prozent der kirchlichen Mitarbeiter sind weiblich, bei weit über 80 Prozent liegt der Anteil ehrenamtlich tätiger Frauen. In der mittleren Leitungsebene jedoch finden sich nur 21 Prozent Frauen, noch spärlicher sieht es im Bischofsamt aus. „Ja, wir haben Zugang zu allen Ämtern, aber die Statistik zeigt: In Leitungsfunktionen bricht die Mehrheit der Frauen sehr schnell weg“, sagt die Hochschulpastorin.

Keine Frau, die sich zu Hause versteckt

Auch für Mascha Radbil ist in Glaubensdingen nichts selbstverständlich. Geboren in Russland, „durften wir nicht jüdisch sein“. Erst jetzt in Deutschland, sagt sie, lernen viele Gemeindemitglieder ihre Religion richtig kennen. Und als Rebbetzin, Frau des Osnabrücker Rabbiners, kommt ihr da eine besondere Vorbildrolle zu. Zur Rebbetzin werde immer hinaufgeschaut – und gleichzeitig geurteilt. In erster Linie, sagt sie, müsse sie ihren Mann unterstützen. Rabbiner zu sein, sei eine große Aufgabe, und in dieser Situation brauche er eine starke Frau, die ihm den Rücken freihalte – vor allem in der Kindererziehung. Doch Mascha Radbil ist eine selbstbewusste Frau, die sich nicht zu Hause versteckt, sondern sich auch aktiv ins Gemeindeleben einbringt, in die religiöse Bildung junger Leute investiert und Ratgeberin für andere Frauen ist.

„Frauen haben im Judentum ein hohes Ansehen. Sie können vieles auch alleine schaffen, sind Geschäftsführerinnen, in Vorständen tätig oder in der Politik.“ Mit einer Ausnahme: Sie findet, dass das Rabbineramt im orthodoxen Judentum zu Recht den Männern vorbehalten ist. „Da denken wir einfach anders.“

Und wie sieht es im Islam aus? Auch der Imam, der Vorbeter, ist in gemischten Moscheegemeinden immer männlich besetzt. Hier räumt Silvia Horsch, Islamwissenschaftlerin, gleich mit einem Vorurteil auf: „In Deutschland wird oft angenommen, dass der Imam alles bestimmt.“ Ein Imam leite zwar traditionell das Gebet, sei aber nicht automatisch Gemeindeleiter oder Gelehrter. Die Gelehrten, unter ihnen auch Frauen, seien viel wichtiger für die Orientierung der muslimischen Gemeinschaft. Und selbstverständlich könne auch eine muslimische Frau eine Gemeinde leiten, dagegen sprächen keine religiösen Gründe. Nur: „Frauen halten sich oft zurück. Sie haben mehr Angst als Männer, Fehler zu machen, weil sie dann in ihrer Funktion viel schneller infrage gestellt werden. Wir müssen deshalb früh anfangen, junge Mädchen zu stärken“, sagt Horsch.

Viele Frauen fragen sich: Kann ich das überhaupt?

In der Bahá’í-Religion, berichtet Jane Vernon, würden keine Unterschiede gemacht: Frauen und Männer seien gleichwertig vor Gott, das spiegele sich auch in den Führungsgremien wider. Die Bahá’í sehen die gesamte Menschheit als eine Einheit. Mit dieser Vision engagieren sie sich dafür, die Einheit der Menschheit in ihrer Vielfalt in kleinen Schritten sichtbar werden zu lassen. Der Religionsgründer Bahá’u’lláh erläutert in seinen Schriften dazu wesentliche Aspekte wie die eigenständige Suche nach Wahrheit, die Gleichberechtigung von Frau und Mann, den Abbau von Vorurteilen, die Stärkung der Einheit in der Familie oder den offenen Meinungsaustausch.

Pastorin Lore Julius setzt sich weiterhin für Geschlechtergerechtigkeit ein. Hinderlich sei der „lange Schatten mentaler Prägung“: „Dieser Schatten verhindere, dass Frauen sich trauten, Leitungsämter zu übernehmen. Viele fragten sich: „Kann ich das überhaupt?“ Diese Frage, sagt Julius, stellten sich Männer erst gar nicht, „weil der Schwung der Geschichte in ihrem Rücken liegt“. Es brauche also noch viel Ermutigung.

Anja Sabel


Zur Person

Lore Julius ist seit 2016 evangelische Hochschulpastorin in Osnabrück. Die gelernte Krankenschwester studierte Theologie und Geschichte in Bonn, Oxford und Göttingen. Sie hat zwei Töchter und war unter anderem als Krankenhausseelsorgerin und Schulpastorin tätig.
Silvia Horsch, geboren 1975, trat 1996 zum Islam über. Sie studierte Germanistik und Arabistik in Berlin und promovierte im Fach Arabistik. Seit 2012 ist die Islamwissenschaftlerin und Mutter zweier Söhne Postdoktorandin am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück.
Mascha Radbil, aufgewachsen in St. Petersburg, ist die Frau des Osnabrücker Rabbiners Avraham Radbil. Das Paar hat vier Kinder. Die Religionspädagogin leitet das Jugendzentrum der jüdischen Gemeinde.
Jane Vernon ist die Vorsitzende des Geistigen Rates der Bahá’í. Die Sprachlehrerin hat an der Universität Illinois, Chicago, studiert.