12.09.2019

Klartext-Abend mit dem Generalvikar

Es darf gemeckert werden

Klartext reden war jetzt bei drei Veranstaltungen in der Pfarreiengemeinschaft Ostercappeln, Bad Essen und Schwagstorf angesagt. Gemeindemitglieder konnten ihre Meinung sagen – zur Weltkirche ebenso wie zu lokalen Themen.

Über 50 Interessierte sprachen in Bad Essen mit Gemeindevertretern und Generalvikar Theo Paul über das, was Gläubige derzeit bewegt. Foto: Stefan Buchholz

Kurz vor 20 Uhr wird es auf einmal richtig voll im Gemeindehaus von Bad Essen. Stühle um Stühle müssen herangetragen werden, damit alle Besucher des letzten „Klartext“-Abends Platz finden können. Wie schon an den beiden Abenden zuvor in Schwagstorf und Ostercappeln notieren die Interessierten ihre Fragen. Moderator Stefan Bange sortiert sie in drei thematische Blöcke: „Kirche vor Ort“, „Bistum und Weltkirche“ sowie „Glaube“. Rede und Antwort standen jeweils Vertreter aus den Kirchenvorständen und Pfarrgemeinderäten sowie von der Bistumsebene. Am letzten Abend in Bad Essen sitzt Generalvikar Theo Paul auf dem Podium.

Viele Fragen drehen sich um den Zölibat: Was spricht heute noch für ihn, gibt es Anzeichen, dass er bald aufgegeben wird? Die Antwort: „Ich weiß gar nicht, warum man sich so darauf fixiert. Die katholische Kirche kennt den verheirateten Priester“, sagte der Generalvikar und verweist auf orthodoxe Traditionen in der arabischen Welt. Mit Blick auf die bald beginnende Amazonas-Synode stehe die Kirche vor einer „ungleichzeitigen Situation“, so Theo Paul. Es gebe Länder in der asiatischen Welt, wo die zölibatäre Lebensform auch wegen ähnlich gelebter Praxis in den benachbarten Religionen eine andere Akzeptanz erfahre als bei uns, wo das Verständnis für diesen Weg „völlig wegbreche“.

Er habe keine Probleme, wenn die katholische Kirche verheiratete Priester bekomme, bekannte der Generalvikar. „Ich warne nur davor, dies als den Schlüssel für all unsere Fragen zu betrachten. Das ist eine Illusion.“ Generell brauche es mit Blick auf die Weltkirche differenzierte Lösungen, wenn es um die Zölibatsfrage gehe. „Wie der Einzelne leben will, muss er schon selbst entscheiden.“

„Gemeinden brauchen Rahmenbedingungen“

Dies sei auch für den Erhalt der Gemeindegrößen wichtig, antwortete Theo Paul auf die Frage, ob es künftig noch größere Pfarreiengemeinschaften geben werde. „Es braucht verlässliche Rahmenbedingungen für die Gemeinden.“ Und dafür brauche es auf der anderen Seite den Rahmen, dass junge Leute sich den Beruf als Priester vorstellen könnten. „Wir wollen keine größeren Gemeinden, denn das kann nicht die Kirche der Zukunft sein.“ Für die bestehenden 72 Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften suche man derzeit nach „angemessenen Beteiligungs- und Leitungsformen“.

Damit wird ein Komplex weiterer Fragen des Abends aufgenommen, der sich darum dreht, welche Aufgaben Frauen in den Gemeinden und der Kirche künftig übernehmen. Auch wenn ernst zu nehmende Bibelwissenschaftler meinten, dem Priesteramt der Frau stehe nichts im Wege, stehe man doch vor einem Dilemma, so der Generalvikar: „Würde Papst Franziskus Priesterinnen einsetzen, käme es zu einer Spaltung der Kirche“, sagt er. Dennoch müsse man die eigenen Hausaufgaben machen. Die Verwaltung des Bistums sei im Osnabrücker Land die Institution, bei der Frauen am meisten gefördert würden. Bald werde man auch die paritätische Leitungsebene von Mann und Frau haben, so Paul.

Standen die Missbrauchsfälle, die Zölibatsfrage und das Thema Frauen in der Kirche auch in den bei den anderen Gemeinden an, gab es an den drei Abenden jeweils auch einen lokalen Bezug: Muss es im Ort eine katholische Messe geben, wenn es am selben Tag eine ökumenische Feier gibt? Moderator Bange vom Seelsorgeamt, in Personalunion auch Dekanatsreferent, stellt klar: „In der Regel ist das eine Entscheidung des Pfarrgemeinderats und des Pastoralteams.“ Auch der Neubau des Pfarrheims in Bad Essen steht im Fragenkatalog. Zur „zukunftsorientierten Bedarfsanalyse“ antworten Angela Gehrke als Pfarrgemeinderatsvorsitzende und die Kirchenvorstandsvorsitzende Cornelia Ziemski.

Ohne Schönfärberei den Frust von der Seele reden

„Überlegt haben wir uns die „Klartext“-Abende im Winter, als die Missbrauchsfälle in Merzen und Gellenbeck bekannt wurden“, erklärt Gemeindereferent Rainer Gelhot. „Wir wollten eine Möglichkeit schaffen, dass sich die Leute den Frust ohne Schönrederei von der Seele reden können“, fügt er hinzu. Sein Fazit: „Ich glaube, wir haben offen und konstruktiv miteinander gesprochen.“ Die Ergebnisse aller drei Abende werden in den Pfarrbriefen und auf der Internetseite der Pfarreiengemeinschaft veröffentlicht. Wie es nach den Gesprächen weitergeht, ist noch nicht entschieden. „Wir werten die Abende aus und können dann schauen, an welchen Themen wir dranbleiben“, so Gelhot.

Stefan Buchholz