27.11.2019

Gemeindeleitung

Die Spielräume nutzen

Mit Christine Hölscher leitet ab dem 1. Dezember erstmals eine Frau im Bistum eine Gemeinde. Warum dieser Schritt wichtig ist und was sie sich für Frauen in der Kirche wünscht, erzählt sie im Interview.

„Frauen sollten die neuen Leitungsmodelle nutzen und klassische Geschlechterrollen durchbrechen“, betont Christine Hölscher. Foto: picture alliance/dpa

Frau Hölscher, Sie leisten Pionierarbeit. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Frauen in der Kirche?

Ich wünsche mir, dass die Frauen die Spielräume, die für sie da sind, nutzen und noch mehr realisieren, welch starke Macht sie haben. Wir sind viele und könnten viel lauter sein. Wenn wir für etwas eintreten, kann sich auch etwas bewegen. Aber wir schlafen zu oft oder verabschieden uns frustriert. Frauen sollten die neuen Leitungsmodelle nutzen. Es muss selbstverständlicher werden, dass Frauen und Männer in der Kirche zusammenarbeiten und ihre Ideen einbringen. In der Gemeinde können Frauen sich in die Gremien oder die Vorstände von Verbänden wählen lassen und hier Leitung übernehmen. Auch im Kirchenvorstand sollten Frauen mitmischen, sich mit Finanzen beschäftigen und klassische Geschlechterrollen durchbrechen.

Welchen Beruf hätten Sie gewählt, wenn Sie nicht Gemeindereferentin geworden wären?

Als Kind wollte ich immer Lehrerin werden. Tatsächlich habe ich aber zunächst eine Ausbildung  zur Sozialversicherungsfachangestellten absolviert. Inhaltlich kommt mir das jetzt durchaus zugute: Gesetzestexte sind mir  nicht fremd. Mein Heimatpfarrer hat mich später auf die Idee gebracht, Gemeindereferentin zu werden. Das habe ich nicht bereut. Der Beruf ist so vielfältig und absolut meiner, da ich Menschen in ganz unterschiedlichen Alters- und Lebenssituationen begleiten kann.

Bleibt als Gemeindeleiterin denn noch genügend Zeit für Seelsorge und Begleitung?

Ich hoffe doch sehr, dass ich genügend Möglichkeiten habe, Seelsorgerin im guten Sinne zu sein. Sicher werden sich die Aufgabenbereiche verändern, aber was Seelsorge ist, ist immer auch eine Frage der Sichtweise. Wenn ich zum Beispiel mit guten Rahmenbedingungen dafür sorgen kann, dass die Mitarbeiterinnen in den Kindertagesstätten gut arbeiten können, gehört das für mich auch dazu. Auch wenn wir über nackte Zahlen im Kirchenvorstand sprechen, klären wir die Rahmenbedingungen für eine gute Seelsorge. Mitarbeitergespräche, das Erstellen von Arbeitsverträgen, Qualitätsmanagement – hinter all diesen Begriffen stecken Menschen, die ich gut begleiten und denen ich Wertschätzung entgegenbringen möchte.

Welcher Mensch hat Sie beeindruckt oder tut es immer noch?

Da gibt es ganz viele. In guter Erinnerung habe ich unsere damalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende in meiner Heimatpfarrei. Wie sie das Gremium geleitet und ihren Glauben gelebt hat, das hat mich sehr beeindruckt. Zu uns Jugendlichen hatte sie einen sehr guten wertschätzenden Draht und war mit allen Leuten gut im Gespräch. Das hat mich sehr beeindruckt.

Worauf freuen Sie sich in Bad Iburg und Glane?

Ich freue mich auf das Osnabrücker Land, hier bin ich aufgewachsen. Und auf die Menschen, die mir nicht fremd sind, da ich schon viele Jahre dort gearbeitet habe. Vor der Aufgabe habe ich schon großen Respekt, aber ich bin gut vorbereitet und muss es nicht alles allein bewältigen. Es gibt viele, die mitmachen und das Modell mittragen. Und für die Iburger ist es nicht ungewöhnlich, dass eine Frau in der ersten Reihe steht: Es gibt eine Bürgermeisterin und eine evangelische Pastorin.

Eine Lebensweisheit, die Ihnen wichtig ist?

„Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Diesen Spruch hatte ich schon als Jugendliche im Zimmer hängen und das ist bis heute meine Überzeugung. Ich bin ja grundsätzlich ein positiver Mensch und glaube an Veränderungen, die möglich sind, auch wenn sie manchmal in der Kirche etwas zu langsam kommen. Diese kleinen Schritte sind wichtig, um möglichst viele Menschen mitzunehmen auf dem Weg. Aber wir müssen die Schritte auch gehen und dürfen nicht stehenbleiben. Es wird uns nicht gelingen, alle Menschen mitzunehmen. Manche gehen auch erst dann mit, wenn etwas Neues praktisch und lebendig wird, sie es sehen und begreifen können.

Interview: Astrid Fleute

Das neue Pfarrteam für Bad Iburg und Glane, zu dem auch Bernhard Brinkmann (moderierender Priester), Clemens Loth (Pastor), Klaus Stühlmeyer (Diakon), Valerie Sandkämper (Gemeindereferentin) und Katharina Reith (Pastoralassistentin) gehören, wird am 1. Dezember um 15 Uhr in St. Jakobus, Glane, eingeführt.