28.04.2021

Frauen in der Kirche: Teil 4

Ein Ultimatum für das Vertrauen

Judith Willms ist in Ostfriesland aufgewachsen. Dort ist sie als Katholikin aufgefallen. Der Glaube und ihr Engagement in der Jugend- und Verbandsarbeit haben sie stark und selbstbewusst gemacht. Doch die 23-Jährige spart auch nicht mit Kritik: verändere sich die Kirche nicht, sei der Austritt eine Option.

Judith Willms engagiert sich seit vielen Jahren in der Arbeit mit Jugendlichen. Sie sagt: „Die Kirche muss weltoffener werden.“  Foto: Theresa Brandl

Judith Willms sagt, die katholische Kirche habe ein Vermittlungsproblem. Denn sie nehme ihre eigene Botschaft der Nächstenliebe nicht ernst und diskriminiere Menschen. Judith Willms ist davon überzeugt, dass die Kirche in der Gesellschaft wichtig ist und dass sie gebraucht wird – als „spiritueller Schutzraum“ für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie durfte in diesem „Schutzraum“ sehr viel über sich selbst erfahren und tolle Menschen kennenlernen. Doch die 23-Jährige sagt auch ganz bestimmt: „Die Hoffnung und das Vertrauen in die Kirche sind nicht auf ewig strapazierfähig.“ Sie stellt sich selbst ein Ultimatum: ungefähr 30 Jahre. Wenn sich dann immer noch nichts verändert habe, könne sie sich vorstellen, auszutreten.

Die Enttäuschung sitzt tief. Gerade jetzt, kurz nach der Veröffentlichung des Papiers aus dem Vatikan, das die Segnung von Homosexuellen verbietet. Das sei eine Ansage an die katholische Kirche in Deutschland, die mit dem „Synodalen Weg“ etwas verändern wolle. Sie selbst könne es nicht verantworten, Menschen aufgrund ihrer Sexualität aus ihrer Arbeit auszuschließen. Judith Willms sitzt im Regionalvorstand des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) Ostfriesland und hat viele Messdienertreffen begleitet. Sie weiß also, dass es in vielen Gemeinden bereits ganz anders gelebt werde.

Judith Willms ist überzeugt: Nur so bleiben gerade junge Menschen dabei: „Wenn wir uns an alles so halten würden, wie es dogmatisch vorgeschrieben ist, wäre das, glaube ich, schwierig.“ Das merkt sie, wenn sie mit Kindern und Jugendlichen arbeitet: „Wir müssen uns weltoffen zeigen“, sagt Willms. Besonders wie die Kirche die Themen Sexualität, Partnerschaft und Ehe versteht, müsse sich dringend ändern: „Ich glaube, daran hängt vieles“, sagt Willms. Ansonsten halte junge Menschen nichts mehr in dieser Kirche. 

Judith Willms studiert in Osnabrück Englisch und Katholische Theologie auf Lehramt – und führt damit weiter, was ihr besonders wichtig ist: sich für junge Menschen zu engagieren. Die 23-Jährige ist in Ostfriesland aufgewachsen – und aufgefallen. Denn dort gibt es nicht viele Katholiken, und Willms, „war schon sehr katholisch für ostfriesische Verhältnisse“. Nicht konservativ, aber eben engagiert im Gemeindeleben. In der Grundschule bezeichnet ein Klassenkamerad ihre Religion als Sekte. Willms nimmt ihm das nicht übel, aber „dass mir das in Erinnerung bleibt, zeigt, dass es mich getroffen hat“. 

Als Katholikin war Rückgrat gefragt

Anders – das ist sie nun einmal als Katholikin in Ostfriesland. Besonders ihre Familie bestärkt Judith Willms im Glauben. Die Oma väterlicherseits wurde aus Schlesien vertrieben und kam nach Ostfriesland – sie half mit, in Oldersum die katholische Kirche aufzubauen und brauchte als Katholikin Rückgrat. Denn sie wurde diskriminiert und spürte, dass sie nicht willkommen ist. Doch sie kämpfte für ihren Glauben und wurde letztlich akzeptiert. Später heiratete sie sogar einen evangelischen Ostfriesen.

Judith Willms erinnert sich an gemeinsame Gebete, wenn sie bei der Oma übernachtete und daran, dass sie „einfach mal so das Halleluja gesungen haben“ . Heute sagt sie: „Ich glaube, dass meine Familie der Hauptgrund ist, warum ich aktiv bin in der katholischen Kirche.“ Schon vor der Erstkommunion wird sie Sternsingerin, dann Messdienerin, Lektorin – und Gruppenleiterin. Damals hört die Messdienerleitung auf, von den Hauptamtlichen will keiner weitermachen. „Wir konnten die Messdienergruppe nicht monatelang ohne Treffen lassen“, erinnert sich Judith Willms. 

Sie übernimmt gemeinsam mit zwei Freundinnen die Messdienerarbeit der Pfarrei Christ König in Emden – im Alter von 15 Jahren. Es ist eine Zeit, in der sie viel lernt, die sie selbstbewusst macht und in der sie vieles ausprobieren darf. Ihr Engagement bringt sie in kürzester Zeit in den Regionalvorstand des BDKJ Ostfriesland – bis heute ist sie Teil des Teams.

Wegen ihres Studiums muss sie die Messdienerarbeit in der Heimat vorerst aufgeben. „Ich finde es immer noch sehr schade, dass ich nicht mehr meine feste Gruppe habe“, sagt Judith Willms. Stattdessen hilft sie nun in der Mini-AG in Osnabrück – einer Gruppe von langjährigen Ministrantinnen und Ministranten aus dem gesamten Bistum, die Anregungen für die Messdienerarbeit herausgeben. 

In ihrer offenen und lebhaften Art spricht die 23-Jährige auch aus, was sie stört. Zum Beispiel, wie die Kirche mit Frauen umgeht. Im Moment schreibt sie ihre Bachelorarbeit, in der sie zu „Möglichkeit und Notwendigkeit der Weihe von Frauen zu Priesterinnen in der katholischen Kirche“ forscht. Sie selbst wolle nicht Priesterin werden, aber wenn es so wäre, „weiß ich nicht, ob ich nicht schon ausgetreten oder konvertiert wäre oder ob ich den Kampf führen würde“, sagt Willms. 

Auch die Missbrauchsfälle müssten dringend transparent aufgeklärt werden. „Die Menschen müssen spüren, dass zumindest der Großteil der Kirchenvertreter vertrauenswürdig ist.“ Diese Erfahrung hat Judith Willms glücklicherweise gemacht – auch deshalb kann sie noch bleiben. In ihrer „katholischen Blase“ ist sie zu Hause. Sie bleibt aber nur, „wenn sich etwas verändert“.

Theresa Brandl

 

Dieses Porträt ist Teil der Reihe "Frauen in Kirche". Insgesamt erzählen sieben Frauen, warum sie in der Kirche bleiben.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Es folgen:
- eine Mutter, die den Glauben an ihre Kinder weitergibt
- eine junge homosexuelle Katholikin
- eine engagierte Frau der Reformbewegung Maria 2.0