05.05.2021

Frauen in der Kirche Teil 5

Sie gibt den Glauben weiter

Tanja Spratte ist Mutter – und erzieht ihre beiden Söhne im katholischen Glauben. Die sind erst sechs und acht Jahre alt, stellen ihren Eltern aber immer wieder kritische Fragen zur Bibel und zur Kirche.

Tanja Spratte mit ihren Söhnen Henry und Ben. Foto: Theresa Brandl

Urknall und Schöpfungsgeschichte – wie geht das zusammen? Eine Frage, die auch den achtjährigen Ben beschäftigt. Eines Tages steht er vor seiner Mutter, Tanja Spratte, und sagt: „Mama, so wie das in der Bibel steht, kann das doch gar nicht sein.“ Ihre beiden Jungen sind sehr neugierig – und gut informiert. Der Ältere liest die Schlagzeilen in der Zeitung, beide schauen abends die Kindernachrichten. Deshalb muss sie alles immer gut und kindgerecht erklären. Auch wenn es schwierig wird. Vor kurzem, sagt die Grundschullehrerin, habe Ben sie gefragt, warum Homosexuelle nicht gesegnet werden dürften. Sie erklärt ihm, dass sich auch in der Kirche nicht immer alle einig sind. Und betonte: „Eigentlich sollten wir alle gleich behandelt werden, eigentlich sollten alle gesegnet werden. Und es ist egal, wen man liebt!“ 

Als Mutter kann die 42-Jährige nicht verstehen, warum es mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs an Kindern so schleppend vorwärtsgeht. Ihren Söhnen hat sie nur erklärt, wie wichtig ein „Nein“ sei und dass keiner sie anfassen dürfe. Trotz allem denkt Tanja Spratte nicht an einen Kirchenaustritt. Wichtiger sind ihr andere Dinge, zum Beispiel die Begegnung mit den unterschiedlichsten Menschen. „Die Gemeinschaft macht den Glauben aus.“ Die Gemeinschaft könne man natürlich auch anderswo finden, aber „in die Kirche kommen alle, und da ist es egal, zu welcher sozialen Schicht wir gehören“. Tanja Spratte hat diese besondere Gemeinschaft in der Pfarrei Christus König in Osnabrück-Haste gefunden. 

Als Kind keine Gottesdienste besucht

Die 42-Jährige wuchs in Bissendorf auf – zwar im Glauben, aber sie besuchte keine Gottesdienste. Geprägt hat sie vor allem eine Religionslehrerin, die sie von der ers­ten bis zur vierten Klasse begleitete. Erst jetzt, viele Jahre später, realisiert sie, wie wichtig das gemeinsame Beten, Singen und Malen im Unterricht für sie war: „Sie hatte eine so freudige Art, das rüberzubringen. Sie hat ihren Glauben wirklich gelebt“, sagt Tanja Spratte. Diese Glaubensfreude hat etwas in ihr entfacht – so war es beispielsweise überhaupt keine Frage für sie und ihren Mann, dass die beiden kirchlich heiraten: „Nicht nur der Zeremonie wegen, sondern wir wollten katholisch heiraten und auch den Gottesdienst ein Stück weit planen“, sagt Spratte. Das war 2009, und bis heute spricht sie begeistert von der Zeremonie, wie schön sie organisiert war und dass der Pastor „sie da abgeholt hat, wo wir standen“. 

Zu dieser Zeit fingen die beiden an, darüber nachzudenken, wie sie ihr gemeinsames Leben gestalten möchten. Wie wichtig dabei der Glaube ist, spürten sie verstärkt, als Ben und Henry geboren wurden. Das Paar wollte die beiden unbedingt in den katholischen Kindergarten geben: „Nicht nur, weil da Werte vermittelt werden, die gut für die Entwicklung sind, sondern weil wir auch dahinterstehen“, sagt Tanja Spratte. Sie ist überzeugt, dass der Glaube den Kindern nur vermittelt werden könne, wenn die Familie das auch zu Hause lebe. 

Und das tut die Familie. Tanja Spratte engagiert sich ehrenamtlich in der Gemeinde. Seit kurzem ist sie Mitglied im Pfarrgemeinderat. Aktionen wie Maria 2.0 interessieren sie besonders. Denn sie ist überzeugt: „Wenn wir alle zu Hause die Füße stillhalten, bewegt man sich kein Stück.“ Die Kirche müsse sich weiterentwickeln, den Frauen endlich mehr Ämter zugestehen: „Sie können das nicht schlechter!“, sagt Tanja Spratte. 

Der Glaube wächst auch in ihren Kindern

Sie gestaltet auch Kindergottesdienste aktiv mit. Denn der Glaube ist in ihrer Familie ein großes Thema. Einmal wöchentlich nehmen sich Eltern und Söhne Zeit, basteln oder lesen eine Geschichte aus der Kinderbibel. Das Gebet fordern die Jungen sogar ein, denn sie sind es aus dem Kindergarten gewohnt. „Als Ben in die Schule kam, hat er gemerkt, dass ihm das fehlt“, sagt Tanja Spratte. Er bat darum, öfter das Vaterunser zum Essen zu beten. Manchmal werfen die beiden aber auch einfach den Gebetswürfel oder suchen sich etwas vom Gebetsaufsteller aus. Oder die vier singen gemeinsam. Am liebsten die beiden Lieder „Gestern, heute und morgen“ und „Halte zu mir, guter Gott“. Die Mutter begleitet auf der Gitarre. Einmal im Monat geht es zum Kindergottesdienst. Tanja Spratte genießt es zu beobachten, wie der Glaube in ihren Kindern wächst: „Zu sehen, wie fröhlich die danach nach Hause gehen, wie viel Spaß sie haben, das ist sehr schön.“

Theresa Brandl

 

Dieses Porträt ist Teil der Reihe "Frauen in Kirche". Insgesamt erzählen sieben Frauen, warum sie in der Kirche bleiben.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Es folgen:
- eine junge homosexuelle Katholikin
- eine engagierte Frau der Reformbewegung Maria 2.0