08.02.2019

Älterwerden

Glücklich – auch mit runzliger Haut

Die gute Nachricht: Die Menschen werden immer älter. Die schlechte: Viele haben Probleme damit, das Altern auch zuzulassen. Psychiater warnen vor einem Jugendkult und raten Senioren zu Gelassenheit und Dankbarkeit.

Gelassener werden, in Ruhe ein Buch lesen, nichts mehr
beweisen müssen – diese Einstellung hält fit. Foto: panthermedia

Seit Jahren rätseln Forscher über ein Phänomen: Warum werden viele Menschen – im weltweiten Durchschnitt – glücklicher, wenn sie älter werden? Einigen Studien zufolge erreicht die Zufriedenheit im Leben mit etwa Mitte 40 ihren Tiefpunkt. Mit rund 50 steigt das Level wieder an. „Die Generation 50plus ist nicht auf dem Abstellgleis, sondern auf der Startrampe“, beschreibt es Autorin Andrea Micus in ihrem Buch „Die Glückskurve des Lebens“. Um das für sich auch gut nutzen zu können, sollten aber einige Tipps beachtet werden:


Nicht auf verpasste Chancen konzentrieren
Das Alter bringt einen großen Vorteil mit sich. Mit den Jahren werden Menschen immer weiser und lernen, Widrigkeiten mit einer gewissen Gelassenheit und Ruhe hinzunehmen oder anzugehen. Wer mit 30 noch ständig um Anerkennung heischt und sich und seinen Mitmenschen jede Menge zu beweisen hat, hat diesen „Kampf“ mit 60 in der Regel bereits beendet. Bis dahin hat er entweder genug Anerkennung bekommen oder erkannt, dass Anerkennung im Leben nicht alles ist. Älteren Menschen fällt es Studien zufolge leichter, sich nicht auf Misserfolge oder mögliche verpasste Chancen zu konzentrieren. Stattdessen beherrschen sie die hohe Kunst, sich über das zu freuen, was ihnen bisher vergönnt war und was sie sich erarbeitet haben.


Das Alter positiv sehen
Mit dem Wandel der Alterspyramide steigt das wissenschaftliche Interesse daran, was das Altern mit den Menschen macht, ob und wie es das Denken, das Gedächtnis, die Persönlichkeit verändert, beschreibt es die Wiener Entwicklungspsychologin Judith Glück. Lange sei das vorherrschende Bild des Alterns negativ bestimmt gewesen. Das ändere sich jetzt spürbar. Zwar lassen Fähigkeiten wie Sehvermögen, Reaktionsgeschwindigkeit und Gedächtnisleistung nach. Aber in anderen Bereichen „können bis weit ins hohe Alter positive Entwicklungsprozesse stattfinden“, erklärt Glück: „Wir werden gelassener; wir lernen uns zu erlauben, was uns guttut.“


Dankbar sein und loslassen
Dankbarkeit, Loslassen und die Integration der eigenen Schattenseiten sind nach Ansicht des Psychologen Hans Gerhard Behringer die besten Begleiter für die späteren Jahre. „Die Kunst des Älterwerdens lässt sich erlernen“, sagt der Autor und empfiehlt, sich eine Lebenshaltung der Gelassenheit und Achtsamkeit und der Dankbarkeit anzueignen. Dies seien gute Begleiter auf dem Weg in die zweite Lebenshälfte und darüber hinaus. Das unterstreicht auch US-Experte Rauch: „Studien zufolge steigert Dankbarkeit eine optimistische Grundstimmung, Glück und körperliches Wohlbefinden.“

Ob man im Alter gut und glücklich leben könne, habe daher mit viel mehr zu tun als mit Erkrankungen, betont auch Altersforscher Frieder Lang. „Der subjektive Lebenswille ist viel wichtiger als die Frage, ob man eine Arthrose hat.“ Durch seine Untersuchungen habe er immer wieder gelernt: der Verlust des Lebenswillens sei oft der Vorbote des Todes. Daher sei es nie zu spät, das zu tun, was einem zu mehr Lebenswillen verhilft.


Jugendkult macht unglücklich
Viele Menschen scheinen ab ihren mittleren Jahren aber vor allem damit beschäftigt, das Altern aufzuhalten. Dieser seit Jahrzehnten anhaltende Jugendkult mache aber unglücklich, betont der Kölner Psychiater und Theologe Manfred Lütz und erklärt: „Nur eine Gesellschaft, die das Alter ehrt, ist auch eine glückliche Gesellschaft. Den Jugendkult gibt es vor allem deswegen, weil er wirtschaftlich hochinteressant ist.“ So könne man zahllose Mittelchen verkaufen, um jünger auszusehen, als man eigentlich sei. Das sei mittlerweile eine Milliardenindustrie. Jeder aber wisse, dass das eine Anleitung zum Unglücklichsein sei: Denn in einer Gesellschaft, die nur die Jugend ehre, würden schon 16-Jährige in eine dunkle Zukunft blicken.

Man müsse das Altwerden nicht verstecken, betont Lütz: „Ich finde runzlige Haut mit Lachfalten, in der das ganze Leben sozusagen eingezeichnet ist, viel schöner als so eine botoxfixierte glatte Teflonhaut.“ Wenn man sich aber von der Werbung einreden lasse, dass das Alter ja nur Mühe sei, dann werde es später auch mühsam. Für ein gutes Älterwerden rät der Psychiater: „Vor allem sollte man nicht dauernd rumjammern.“


Lebenserfahrung weitergeben
Viele junge Menschen kommen mit ihren Großeltern besser klar als mit den eigenen Eltern. „Die Alten haben mehr Lebenserfahrung, oft eine größere Gelassenheit, sind cooler als die Eltern, die noch im Leistungsstress der mittleren Lebensphase stecken“, so Lütz. Junge Menschen suchten nach Zielen, nach dem Sinn des Lebens. Kämen sie darüber mit den Alten ins Gespräch, fänden sie da oft eher Antworten als bei ihren Eltern. Lütz: „Wenn das gelingt, dann erleben sie ältere Menschen und auch das Alter selbst als wertvoll.“ (mit epd)

Stephan Cezanne/Astrid Fleute