30.05.2019

Ökumene in Oldersum

Glocke und Gebet – das verbindet

Seit 2015 lassen die katholische und die evangelisch-reformierte Gemeinde in Oldersum einmal im Monat zur gleichen Zeit die Glocken läuten. Die ökumenische Aktion soll auf ein besonderes Ereignis aufmerksam machen.

„Wir helfen uns gegenseitig, wann und wo wir können“: Michael Weber, Pastor der evangelisch-reformierten Gemeinde Oldersum und Clemens Brink (rechts), Vorsitzender des katholischen Kirchenvorstands. Foto: Werner Jürgens

In Oldersum ziehen Katholiken und Reformierte an einem Strang und das im wahrsten Wortsinne. Denn einmal im Monat werden in beiden Kirchen, die keine 100 Meter voneinander entfernt sind, gleichzeitig die Glocken geläutet, um auf ein besonderes Ereignis aufmerksam zu machen und die Bürgerinnen und Bürger zu einem stillen Gebet zu animieren. Im Juni soll mit dieser Aktion allen Missbrauchsopfern gedacht werden.

Jeweils der erste Montag im Monat um Punkt 20 Uhr ist der feste Termin, an dem das ökumenische Glockenläuten in Oldersum stattfindet. Die Idee stammt von Clemens Brink, Vorsitzender des Kirchenvorstands der katholischen Kirchengemeinde. Auslöser war ein Aufruf aus dem Jahre 2015, als unter anderem das Bistum Osnabrück und die Oldenburger Lambertigemeinde die Idee hatten, zum Gedenken an die ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer in den Kirchen der Region die Glocken zu läuten.

„Die Zusammenarbeit klappt hervorragend“

Bereits damals suchte Brink gleich den Kontakt zu Pastor Michael Weber von der benachbarten evangelisch-reformierten Gemeinde. „Ich bin 1976 nach Oldersum gezogen, und seit ich mich erinnern kann, klappte die Zusammenarbeit eigentlich immer hervorragend“, sagt der Mann vom Kirchenvorstand. Das sieht Michael Weber, der sein Amt in Oldersum vor nunmehr zwölf Jahren angetreten hat, ganz ähnlich. „Wir helfen uns gegenseitig, wann und wo wir können“, bestätigt der Pastor.

So entstand auch die Idee, das ursprünglich als einmalige Aktion gedachte gemeinsame Glockenläuten in Oldersum einfach weiter fortzusetzen. Zu diesem Zweck treffen sich Clemens Brink und Michael Weber regelmäßig zum Gedankenaustausch über mögliche Themen. Das Ergebnis inklusive eines kleinen Gebetes wird dann rechtzeitig in den jeweiligen Gemeindeblättern abgedruckt.

„Wir sind uns meistens sehr schnell einig“, meint Pastor Weber, der vor allem im Gebet ein wichtiges verbindendes Element sieht. „Darin sind wir schließlich alle eins. Und genau darin liegt eine Kraft, die viele unterschätzen.“ Auslöser für die Entscheidung, sich im Juni Missbrauchsopfern zu widmen, war die jüngste mediale Berichterstattung über entsprechende Fälle innerhalb der katholischen Kirche und die kürzlich publik gewordenen schrecklichen Ereignisse auf einem Campingplatz in Lügde.

Mit dem Glockenläuten Aufmerksamkeit erregen

Gewiss wird das Läuten der Glocken weder Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten noch Missbrauchsopfern konkrete therapeutische Hilfe zuteilwerden lassen können. Das ist auch Clemens Brink und Michael Weber völlig klar. Trotzdem steckt hinter der symbolischen Geste zumindest der Versuch, die Erinnerung an die Schicksale dieser Menschen wachzuhalten und damit die öffentliche Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, was ansonsten vielleicht schnell wieder in Vergessenheit geraten würde.

Dass eine der beiden Oldersumer Kirchen es komplett versäumt, zu dem angegebenen Termin die Glocken erklingen zu lassen, kommt jedenfalls eher selten vor. „Ab und zu passiert es, dass einer von uns sich verspätet“, berichtet Clemens Brink. „Aber sobald nur eine unserer Glocken läutet, weiß die andere Seite ja sofort Bescheid, wenn sie es tatsächlich einmal vergessen haben sollte.“

Werner Jürgens