21.09.2020

Anfrage zum Titel Jesu

Gottessohn oder Menschensohn?

Wie ist zur Zeit Jesu der Titel „Menschensohn“ bzw. „Gottessohn“ verstanden worden? Im Judentum konnte es ja keinen Sohn Gottes geben. Cäcilie Wetzler, Frankenthal

Zunächst muss man sagen, dass es beide Begriffe im Alten Testament, also in der Hebräischen Bibel, gibt. Den Zeitgenossen Jesu waren sie nicht fremd.

Im hebräisch-aramäischen Sprachgebrauch ist das Wort „Sohn“ viel mehr als eine Verwandtschaftsbeziehung. Es wird vielmehr sehr häufig dafür benutzt, um eine Zugehörigkeit zu beschreiben. Das Wort „Menschensohn“ bedeutet deshalb so viel wie: zur Menschheitsfamilie gehörend, also schlicht: Mensch. In diesem Sinne wird es etwa in den Psalmen 14-mal verwendet. Im Buch Ezechiel ist es die Standardanrede (93-mal) für den Propheten.

Eine Wendung erhält der Begriff im Buch Daniel (7,13), wo von einem bestimmten, herausragenden Menschensohn die Rede ist, dem Herrschaft und Königtum verliehen werden.

Im Neuen Testament vermischen sich beide Ansätze: Mal wird Menschensohn ganz allgemein im Sinne von Mensch benutzt, mal als Titel Jesu im Sinne dieses besonderen einmaligen Menschen, des Messias.

Auch der Begriff „Sohn Gottes“ kommt im Alten Testament vor, und auch er beschreibt eine ganz besondere Zugehörigkeit: die zu Gott. So gibt es etwa die sogenannte Adoptionsformel: „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt“, sagt Gott in Psalm 2,7 zum König. Und der Satz „Israel ist mein erstgeborener Sohn“ (Hosea 11,1) hebt die besondere Nähe des Volkes Israel zu Gott hervor. 

Ähnlich wie beim Menschensohn gibt es später auch hier eine Wendung zu einer besonderen messianischen Person, zu einem endzeitlichen König, der Sohn Gottes oder auch Sohn des Höchsten genannt wird. Immer bleibt aber klar: Es geht um die besondere Beziehung eines Menschen zu Gott, um eine besondere Erwählung eines Menschen durch Gott. Sohn ist in diesem Sinne ein Bildwort für außergewöhnliche Nähe und Frömmigkeit.

Das Neue Testament übernimmt das – und überbietet es. Und spätestens seit der Vorstellung der Jungfrauengeburt wird Zeugung nicht mehr nur bildlich verstanden.

Susanne Haverkamp