23.05.2019

25 Jahre Hospizverein Spes Viva

Gut begleitet in der Sterbestunde

Was brauchen schwerkranke und sterbende Menschen? Und wie können ihre Angehörigen entlastet werden? Darum geht es in Seminaren von „Spes Viva“. Der in der Hospizarbeit tätige Verein besteht seit 25 Jahren. Einer der Jubiläumsgäste ist der frühere Bundesminister Franz Müntefering.

Die Kursteilnehmerinnen haben eine umfangreiche Vorbereitung für ehrenamtliche Hospizhelferinnen absolviert. Das Seminar leiteten Marion Heitling (3.v.l.) und Anja Menzel (4.v.r.). Foto: Andrea Kolhoff

Neue Einsichten und eine große Portion Motivation hat Monika Draude gewonnen. Sie nahm an einer von Spes Viva in Ostercappeln angebotenen Fortbildung zur Hospiz- und Sterbebegleiterin teil. Und auch, wenn sie selbst noch nicht als Hospizmitarbeiterin tätig ist, verleiht ihr das neue Wissen mehr Selbstbewusstsein in ihrem derzeitigen Ehrenamt.

Monika Draude ist in Bramsche ehrenamtlich im Krankenhausbesuchsdienst aktiv. Wenn sie jetzt ein Krankenzimmer betritt, hat sie im Ohr, was bei der Fortbildung über Besuche am Krankenbett gesagt wurde. „Ich sage jetzt schon an der Tür Bescheid, wer ich bin und woher ich komme“, meint Draude. So gebe man den Patienten Gelegenheit, sich auf Besuch einzustellen. Das sei besonders wichtig, wenn eine ihnen fremde Person das Krankenzimmer betritt.

Das Verhalten am Krankenbett war aber nur einer von vielen Punkten, die die künftigen Sterbebegleiter vermittelt bekamen. Zu jedem Thema sprachen verschiedene Referenten, darunter Theologen, Pflegefachkräfte und Mediziner. Und es wurde auch einiges durch Selbsterfahrung vertieft. So sollten sich die Kursteilnehmerinnen selbst einmal auf den Boden legen, den Blick starr nach oben gerichtet, und bewegungslos liegenbleiben, 15 Minuten lang. Dann trat die Referentin ein, knipste das Licht an, rief ihnen laut etwas zu.

Rückzug oder Aggression

Ja, berichten die Kursleiterinnen Marion Heitling und Anja Menzel, die Teilnehmerinnen hätten genau das Verhalten gezeigt, das Pflegekräfte oft bei ihren Schützlingen feststellen: Wer lärmend behandelt wird, reagiere entweder aggressiv oder wirke apathisch, denn er ziehe sich aus Selbstschutz innerlich zurück.

Marion Heitling hat bei „Spes Viva“ in Ostercappeln schon viele Kurse geleitet. Der aktuelle Kurs, der Ende Mai endet, umfasst 100 Unterrichtseinheiten und wurde in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) durchgeführt. Die Teilnehmerinnen kamen aus Bad Laer, Wallenhorst, Bramsche und aus der Umgebung von Ostercappeln. Ihnen sollte neben dem Wissen in puncto Palliativpflege – Stichwort: wo können Angehörige sich Hilfe holen – vor allem eine „hospizliche Haltung“ vermittelt werden. Eine Haltung, die besagt, dass es Menschen ermöglicht werden solle, zu Hause oder im Heim gut begleitet zu sterben. Es sei wichtig, zu überlegen, was in den letzten Stunden alles noch möglich sei, um Lebensfreude zu vermitteln, meint Draude.

Beeindruckt waren Draude und die anderen Teilnehmerinnen von Referentin Barbara Schällig, die als Ärztin von der Palliativstation Ostercappeln berichtet hatte, unter anderem von einem Todkranken, der so gerne noch einmal ein Fußballspiel auf Schalke erleben wollte. Und das wurde möglich gemacht.

Der Kurs fand einmal wöchentlich abends statt, das erforderte für manche Teilnehmerinnen viele Absprachen, wenn Berufstätigkeit mit wechselnden Schichten hinzukam. Da manche Themen sich auch nicht in zwei Stunden abhandeln lassen, kamen Samstage und ein ganzes Wochenende hinzu. Das war gleich am Anfang wichtig, um etwas über die eigene Einstellung zu  Tod und Sterben zu erfahren. „Manchmal ist es so, dass dann Sachen hockommen, die die Menschen selbst noch nicht verarbeitet haben“, sagt Marion Heitling. Es sei jedem freigestellt, den Kurs nicht weiter zu besuchen.

Vieles wird ohne Worte ausgedrückt

„Wir lernen, nicht die eigenen Dinge in die Sterbebegleitung hineinzubringen“, sagt Monika Draude.  „Wir lernen auch, am Krankenbett darauf zu achten, was mir der andere sagen will, darunter ist vieles, das nicht durch Worte ausgedrückt wird“, so Draude. Ihre Erkenntnis: Man müsse schauen, was die Kranken brauchen, und sich selber zurücknehmen können, um für die Sterbenden dazusein.

Das aber geht nur, wenn man selbst stark ist, sagt Monika Heitling. Deshalb werde im Kurs auch vermittelt, wie man sich selbst Gutes tun könne: „Ich kann anderen nichts geben, wenn ich selbst keine Kraft habe.“

Andrea Kolhoff


Zur Sache

Festredner zum Jubiläum: Franz Müntefering. Foto: kna

„Spes Viva“ (zu Deutsch etwa „in lebendiger Hoffnung“) wurde vor 25 Jahren in Ostercappeln gegründet und war schon bald in der Begleitung schwerkranker Menschen aktiv. Der Verein hat im Laufe der Zeit viele Sterbe- und Trauerbegleiterinnen ausgebildet, die im ambulanten Dienst aktiv sind, das heißt, sie suchen die Familien zu Hause auf.

Im Laufe der Jahre wuchs die Bewegung, und die Erkenntnis, dass Menschen in ihrer Sterbestunde gute Begleitung brauchen, verbreitete sich immer mehr. Hospizmitarbeiter ermöglichten es, dass Menschen zu Hause sterben können, darüber hinaus wurde am Krankenhaus in Ostercappeln eine Palliativstation eingerichtet. Dazu gehört, dass das medizinische Personal in Palliativpflege ausgebildet ist und dass auf der Station die Angehörigen willkommen sind, dort auch übernachten können, um ihrem Familienmitglied nahe zu sein. Mittlerweile gibt es auch Spes-Viva-Palliativstationen am Marienhospital in Osnabrück, am Christlichen Klinikum in Melle und am Franziskus-Hospital Harderberg.

Wegbereiter der Bewegung Spes Viva war vor 25 Jahren Winfried Hardinghaus, damals Ärztlicher Direktor des Krankenhauses St. Raphael in Ostercappeln.

Die Mitarbeiterinnen von Spes Viva engagieren sich auch in der Begleitung von Trauernden. Lange Jahre bot Spes Viva ein Trauercafé an. In Belm richtete man das „Spes Viva Trauerland“ ein: Dieses Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche bietet Spiel- und Gesprächskreise an für Kinder, die einen Angehörigen verloren haben. Außerdem werden Wanderungen für Trauernde angeboten, sie starten jeweils um 11 Uhr an einem Parkplatz nahe Bad Essen: am 16. Juni, 18. August, 15. September, 20. Oktober und 17. November. Anmeldung bei Marion Heitling, Telefon 0 54 73/2 91 17.

Das Jubiläum feiert Spes Viva am Samstag, 25. Mai. Beginn ist um 10 Uhr mit einer Andacht mit Bischof Franz-Josef Bode in der St.-Lambertus-Kirche Ostercappeln. Festredner ist der frühere Bundesminster Franz Müntefering.