01.02.2021

Anfrage

Hatte Jesus leibliche Geschwister?

In einem kirchlichen Kalender war die Rede von Halbbrüdern und Schwestern Jesu. Wer sind dies? War Josef mehrfach verheiratet? Wilhelm und Rita Menke, Haren/Ems

Eher selten interessiert man sich für die Geschwister berühmter Menschen. Bei Jesus ist das etwas anders. Schon in der alten Kirche wurde geglaubt, dass Jesu Mutter Maria nicht nur bei seiner Geburt Jungfrau war, sondern dies auch in ihrem ganzen Leben blieb. Dies würde ja weitere Geschwister ausschließen.
Dass Jesus ein Einzelkind blieb, legt möglicherweise auch die Szene unter dem Kreuz nahe (Johannesevangelium 19,26–27), bei der Jesus zu seiner Mutter sagt: „Siehe, dein Sohn!“ – und damit seinen Jünger Johannes meint. Es lässt sich dabei vermuten, dass Jesus keine weiteren Geschwister hatte, die sich um seine Mutter kümmern konnten.

Allerdings spricht das Neue Testament an mehreren Stellen von Geschwistern Jesu. So lassen zum Beispiel Jesu Mutter und seine Brüder ihn aus einem Haus herausrufen (Markusevangelium 3,20–21), weil sie glauben, dass er verrückt geworden ist. Auch erinnern sich die Menschen in Nazaret an seine Schwestern und seine Brüder Jakobus, Joses, Judas und Simon (Markus 6,3). Entstammte Jesus also einer kinderreichen Familie?

Eine sichere Aussage über Jesu Familie ist jedoch problematisch, da die Bedeutung des griechischen Wortes „adelphoi“ bei „Brüdern“, „Halbbrüdern“ oder allgemein „Verwandten“ anfängt und bei „Mitarbeitern“ oder „Mitchristen“ aufhört. Bei den beiden angeführten Stellen aus dem Markusevangelium liegt es aus dem Zusammenhang heraus zwar nahe, dass es sich um leibliche Schwestern und Brüder Jesu handelt, aber ganz sicher kann man den Verwandtschaftsgrad zu Jesus nicht benennen. Diskutiert wird auch immer noch die Variante, dass Jesus Halbgeschwister aus einer früheren Ehe seines Vaters Josef hatte.

Die Bibel und andere apokryphe Schriften können uns bei der Frage nach Jesu Geschwistern also nicht abschließend helfen, da sie sich für die Verwandtschaft Jesu auch nicht so interessieren, wie wir dies heute tun. Für sie bleiben Botschaft und Nachfolge Jesu im Mittelpunkt.

Christoph Buysch