17.05.2018

Projekt „Zweitzeugen"

Jeder hört gebannt zu

Den Naziterror und den Holocaust dürfen wir nie vergessen. Aber bald gibt es nur noch wenige Zeitzeugen. Schüler können bei einem Projekt zu „Zweitzeugen“ werden. Sie erzählen anderen Jugendlichen die Geschichten der Überlebenden – zum Beispiel am Gymnasium Marianum in Meppen.

Die Geschichte von Erna de Vries, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hat, erzählt ein „Zweitzeuge“. | Foto: Elisabeth Tondera

„Man denkt jetzt anders“, sagt Lina. Die Schülerin der zehnten Klasse am Gymnasium Marianum in Meppen ist eine „Zweitzeugin“. Das ist kein Druckfehler. „Zweitzeugen“ sind Menschen, die die Geschichten der Holocaustüberlebenden weitergeben. Denn es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die es noch selbst tun können.

Das „Zweitzeugen“-Projekt ist 2010 auf Initiative des Studienprojektes „Heimatsucher“ entstanden. „Sinn ist es dabei, die persönlichen Erzählungen von Schoah-Überlebenden an Kinder und Jugendliche weiterzugeben, ihnen diese nachfühlbar und begreifbar zu machen“, beschreibt der Verein selbst seine Ziele. Das Marianum in Meppen ist die erste Schule, an der ein „Peer-to-peer“-Konzept umgesetzt wird. Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet „Gleichgestellter“. Dabei werden Schülerinnen und Schüler zu „Zweitzeugen“ ausgebildet und geben ihr Wissen an jüngere Mitschüler weiter. Am Marianum, das seit 2016 den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ trägt, haben sich 18 Schülerinnen und Schüler der zehnten Klassen für dieses Projekt entschieden. Sie haben sich mit Schicksalen von Holocaustüberlebenden auseinandergesetzt und erzählen sie nun ihren Mitschülern.

Beeindruckt von der Überlebenskraft

Lina steht vor einer Stellwand in der Schulbibliothek: oben in der Mitte das Foto eines alten Mannes, darunter die Landkarte Europas. Weitere Fotos zeigen ein brennendes Haus, das Tor zum Konzentrationslager Buchenwald mit der Inschrift „Jedem das Seine“, KZ-Häftlinge. Sechs Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse sitzen auf den Lesesofas und hören Lina gebannt zu. Sie erzählt von dem 1925 in Marl geborenen Kaufmannssohn Rolf Abrahamson, der unter den Nazis alle Schikanen erlebte, die Juden zugedacht waren: den Brand des familieneigenen Kaufhauses in der Reichspogromnacht, Deportation in das Ghetto von Riga, Internierung in verschiedenen Konzentrationslagern, Zwangsarbeit in einer Bochumer Munitionsfabrik. Er überlebte als einziger aus seiner Familie den Holocaust. „Die schlimmen Bilder aus der Zeit verfolgen ihn bis heute. Weil er nachts oft nicht schlafen konnte, knüpfte er Teppiche“, erzählt Lina. Später fragt sie: „Wie findet ihr Rolfs Geschichte?“ „Krass“, antwortet ein Junge spontan.

Diese Antwort kommt laut einem weiteren „Zweitzeugen“, Julian, häufiger. Die Schüler seien so ergriffen von den Lebensgeschichten, dass sie entweder keine Worte fänden oder starke Ausdrücke gebrauchten. Den „Zweitzeugen“ ist es aber auch so ergangen, als sie sich mit den Schicksalen der Überlebenden der Schoah auseinandergesetzt haben. „Wir waren berührt und teilweise geschockt“, sagt Lukas.

„Haben schnell gemerkt, wie sich Hass entwickeln kann“

Beeindruckt sind die Schüler von der Überlebenskraft der Zeitzeugen. Lukas: „Es war stark mitzubekommen, dass Tibi Ram die ganze Familie verloren hat, aber trotzdem weitermachen wollte.“ Kathi staunt, „wie unterschiedlich die Menschen mit ihren Schicksalen umgehen“. Die Beschäftigung mit diesen Schicksalen hat die jungen Menschen verändert. Linas Aussage, dass sie jetzt „anders denkt“, bestätigen die anderen „Zweitzeugen“. „Wir haben gemerkt, wie schnell sich der Hass entwickeln kann. Man muss dem entgegenwirken“, sagt Julian.

Genau das möchte das Projekt bewirken: „Den Holocaust als ein aktuelles Thema darzustellen, das zum Handeln ermutigt“, sagt Projektleiter Johannes Kröger. „Die Zeitzeugen leben vor, dass sich der Kampf gegen rassistische Ideologien lohnt. Sie werden zu Vorbildern, die die Schüler aus dem Schrecken des Holocaust bis in die Gegenwart führen.“ Ksenia Eroshina vom Verein „Heimatsucher“ begleitet das Projekt. „Es ist sehr wichtig, dass die nachfolgenden Generationen die Geschichten weitergeben, denn irgendwann sind die Zeitzeugen nicht mehr da. Es ist wunderbar, dass die Schüler es übernehmen“, sagt sie. Sie ist überzeugt, dass die „Zweitzeugen“ für ihre Mitschüler glaubwürdiger seien als „irgendwelche Erwachsenen“.

Lina und die „Zweitzeugen“ vom Marianum lässt das Thema nicht mehr los. Sie wollen es auch nach dem Ende des Projektes weiterverfolgen.

Elisabeth Tondera

www.heimatsucher.de