26.02.2020

Ein Jahr Schutzprozess im Bistum Osnabrück

Jetzt geht es auch um geistlichen Missbrauch

Nachdem sich das Bistum Osnabrück bereits ausführlich mit den Folgen von sexuellem Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter beschäftigt hat, wird es in Zukunft auch den geistlichen Missbrauch in den Mittelpunkt rücken. Das hat Bischof Franz-Josef Bode auf einer Pressekonferenz angekündigt.

Das „blaue Haus“ liegt als Grafik auf dem Tisch. Vor einem Jahr hat das Bistum Osnabrück den Medien seinen Schutzprozess angekündigt, mit dem klargestellt wird, wie in Zukunft mit dem Bekanntwerden von sexuellem Missbrauch umgegangen werden soll. Im Februar 2019 hatte der Bischof versprochen, nach einem Jahr Bilanz zu ziehen. Dabei ist die Grafik eine große Hilfe, in einer Pressekonferenz am Aschermittwoch ist sie die Grundlage für Erklärungen an die Journalisten.

Inzwischen haben alle in der Grafik verzeichneten Arbeitsgruppen ihre Tätigkeit aufgenommen, die zum Beispiel ein Institutionelles Schutzkonzept für alle kirchlichen Einrichtungen vorantreiben, die sich mit der Intervention in von Missbrauch betroffenen Gemeinden beschäftigen, die Betroffene hören und begleiten und die Sanktionen und Kontrolle von Tätern erarbeiten. Außerdem gibt es Gruppen, die sich mit Systemischen Grundsatzfragen beschäftigen, also mit der Rolle der Frau in der Kirche oder mit dem Umgang mit Macht. Heinz-Wilhelm Brockmann aus Osnabrück, der zusammen mit Landgerichtspräsident Thomas Veen den Schutzprozess begleitet, sagt es so: „Systemische Probleme sind so tief verankert, dass sie nicht nur durch das Fehlverhaltener Einzelner erklärt werden können.“

Mitglied der Gruppe Systemische Grundsatzfragen ist Michaela Pilters, ehemalige ZDF-Journalistin aus Mainz. Sie bescheinigt dem Bistum Osnabrück ausdrücklich, in diesen Fragen besonders weit zu sein und erwähnt zum Beispiel die Leitung von Gemeinden durch Frauen oder eine für Mitte September vorgesehene Reihe, in deren Verlauf Frauen in der Verkündigung eingesetzt werden sollen. Ein Drittel der Mitglieder der oberen Leitungsebene im Bistum seien Frauen. „Osnabrück ist in diesen Fragen weit, weit vorne“, sagt sie.

Mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind beteiligt

Bischof Bode blickt zurück: Vor einem Jahr habe niemand gewusst, wie komplex sich die Lage nach den Vorfällen sexuellen Missbrauchs gestalten werde. „Für die Zukunftsfähigkeit des Bistums ist es aber von großer Bedeutung, dass wir uns damit beschäftigen. So haben wir intensiv gearbeitet.“ Mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien beteiligt, viele sind nicht bei der Kirche beschäftigt und somit auch nicht an eine möglichen Anweisung des Bischofs gebunden. Der hatte auch immer wieder betont, sich dem Votum von externen Fachleuten stellen zu wollen. Im Laufe des Jahres habe er mit vielen vom Missbrauch Betroffenen gesprochen. „Diese Gespräche gehen mir zu Herzen, sie lassen mich nicht kalt und ich habe viel daraus gelernt“, so der Bischof.

Neben dem sexuellen Missbrauch werde das Bistum in der Zukunft auch den geistlichen Missbrauch in den Mittelpunkt stellen, bislang sei das Thema noch überlagert gewesen, so Bischof Bode. Er spricht von „spiritueller Nötigung, die Menschen, die im eigenen Willen schwach sind, in Unfreiheit belässt“. Immer wieder sei es vorgekommen, dass seelsorgliche Begleiter andere falsch beeinflusst hätten. „Man kann schnell für andere Leute den Willen Gottes wissen“, sagt der Bischof. Strafrechtlich sei das in der Regel nicht zu verfolgen, die Aufarbeitung müsse aber im religiösen Kontext geschehen. „Wir möchten das aufspüren und Strukturen aufdecken, die deutlich machen, wo solches Vorgehen systemisch gefährlich ist.“

Zuvor hatten Thomas Veen und Heinz-Wilhelm Brockmann die weitere Arbeit zu dem sogenannten Blauen Haus erläutert. Inzwischen seien Standards entwickelt worden, wie Einzelne zu reagieren hätten, wenn ein neuer Fall von Missbrauch auftrete. „Es gibt zwei konkrete Ansprechpartner, aber natürlich wendet sich nicht jeder Betroffene automatisch an sie.“ Missbrauch trete oft in Vier-Augen-Gesprächen zutage, davon werde zum Beispiel einem Seelsorger erzählt. „Unser Ziel ist es, dann für Transparenz zu sorgen“, so Thomas Veen. Keinesfalls solle der Eindruck einer Vertuschung geschehen, vielmehr sei es erwünscht, dass sich der Betroffene gegenüber einem der Missbrauchsbeauftragten öffne. „Die Bereitschaft dafür muss natürlich behutsam gefördert werden“, so Veen und ein Gespräch könne nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Betroffenen angegangen werden. Aber nur mit dieser Öffnung könne einem Täter nachgegangen werden.

Matthias Petersen/Bastiana Baier

Hier geht es zu den Ansprechpartnern für von geistlichem oder sexuellem Missbrauch Betroffene