25.04.2022

Jung, gläubig, queer

"Ich lasse mir die Kirche nicht wegnehmen"

Rebecca Lögers da Silva ist 24 Jahre jung, gläubige Katholikin, queer, und sie will Pastoralreferentin werden. Die Kirche ist trotz aller Kritik an den Strukturen ihre spirituelle Heimat. Dieses Bekenntnis hängt auch mit den Pfadfindern zusammen.

Begeisterte Pfadfinderin: Rebecca Lögers da Silva ist geistliche Begleiterin der Pfadfinderschaft St. Georg im Bistum  Osnabrück.  Foto: privat

„Wie soll ich leben ohne sie? Ich brauche sie doch ... Ich klammere mich fest. Lasse mich demütigen, brechen, diskriminieren. Aber ich liebe sie doch, diese meine Kirche. Ich kann es selbst nicht verstehen.“ Diese Zeilen sind nur ein Auszug aus einem anrührend-zärtlichen Text, den Rebecca Lögers da Silva für ihren öffentlich zugänglichen Instagram-Kanal geschrieben hat – und er wirkt fast wie ein verzweifeltes Liebesgedicht. 

Denn es gibt Momente, da zerreißt es die 24-Jährige: zwischen ihrer „spirituellen Heimat“ und ihren Zweifeln an eben dieser Kirche mit ihren festgefahrenen Strukturen und überkommenen Haltungen. Da fragt sie sich, ob das (noch) der richtige Ort für sie ist. Für sie – eine junge Frau, feministisch geprägt, eine kritische Theologiestudentin, bekennend queer – die sich also nicht auf eine feste sexuelle Orientierung festlegen lässt. Und Lögers da Silva weiß, dass genau das ein Grund sein könnte, dass „ihre“ Kirche sie vielleicht ablehnt und nicht in „meinem Traumberuf“ als Pastoralreferentin arbeiten lässt. „Aber wegzugehen, wäre für mich viel schwieriger, als da zu bleiben“, sagt sie.

Das hängt viel mit ihrem Engagement für die Pfadfinderinnen und Pfadfinder zusammen – diese Arbeit ist Quelle und Inspiration zugleich für Rebecca Lögers da Silva. Dadurch fühlt sie sich berufen, Welt und Kirche mitzugestalten – „von Gott zu erzählen und nach dem zu leben, was ich von ihr und ihm verstanden habe“. Seit Sommer 2021 ist sie ehrenamtliche Kuratin, also geistliche Begleiterin der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) im Bistum Osnabrück: ein Novum, denn zuvor hatten stets Männer mit einem hauptamtlichen Hintergrund diese Aufgabe übernommen. Was sie dabei macht? Gottesdienste vorbereiten, Impulse für Sitzungen anbieten, Fortbildungen organisieren, an bundesweiten Projekten mitarbeiten. Und durch ihr Amt und ihre Präsenz zeigen, dass der DPSG dieses christliche Profil wichtig ist. Dabei dürfen Vespern, Wort-Gottes-Feiern, Gebete und Tageseinstiege gern anders aussehen als liturgisch gewohnt. „Wir probieren auch mal verrückte Sachen aus“, sagt sie mit einem Schmunzeln.

"ich wollte nicht mehr so tun als ob"

Die Wurzeln für diesen Einsatz liegen in ihrer Heimatstadt Nordhorn. Geprägt durch ihre in der katholischen Gemeinde St. Marien aktiven Eltern und einen selbstverständlichen Umgang mit dem Glauben, macht sie als Jugendliche zuerst im Zeltlagerteam mit und tritt dann 2013 in den Pfadfinderstamm dort ein – die einzige DPSG-Gruppe in der Grafschaft Bentheim. Und sie erfährt schnell, dass Pfadfinderinnen und Pfadfinder weit mehr machen, als den passenden Baum zum Blatt zu finden. Klimagerechtigkeit, Ökologie, Nachhaltigkeit, Friedensarbeit, Geschlechtergerechtigkeit, Spiritualität und Glaube: Das steht ganz oben auf der Agenda des Verbandes. 

Aber es gibt noch andere Dinge, die Lögers da Silva schätzt. Dass der Verband für junge Leute einen wertvollen Ort in der Kirche schafft, „der leistungsbefreit ist und wo es nicht ums Gewinnen geht“. Dass er Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft zusammenführt und „sie einfach so sein dürfen, wie sie sind.“ Dass es einfach Spaß macht, rund um ein Lagerfeuer im Wald zu sitzen, miteinander zu quatschen und Pudding zu essen. Wenn sie von solchen Aktionen erzählt, hört man eine große Begeisterung für die „Pfadis“ heraus – vor denen sie irgendwann auch ihre Bisexualität nicht mehr verleugnen möchte. „Ich wollte nicht mehr so tun als ob“, sagt sie. „Schließlich will ich Vorbild für die Kinder und Jugendlichen sein und zu dem stehen, was zu meiner Identität gehört.“ Schon bevor sie Anfang dieses Jahres bei der bundesweiten Initiative „OutinChurch“ mitmacht, erzählt sie deshalb im Verband von ihrer sexuellen Orientierung, erfährt danach viel Zuspruch und Ermutigung.

Letztlich legt das Ehrenamt für die Pfadfinderschaft auch den Grundstein für ihren Berufswunsch, später hauptamtlich in der Kirche zu arbeiten. „Ich stelle mir das so unfassbar schön vor, Menschen in existenziellen Lebensphasen und in ihrem Glauben begleiten zu dürfen.“ Zuerst studiert die Nordhornerin Religionswissenschaft und Anglistik, sattelt dann auf das Magister-Vollstudium Theologie in Münster um. In etwa zwei Jahren  wird sie fertig sein – möchte dann in den Bistumsdienst gehen und nach der Assistenzzeit als Pastoralreferentin in einer Gemeinde arbeiten. „Vielleicht in Kombination mit einer Einrichtung oder einem Verband“, überlegt sie.

"Ich bin von Gott geliebt"

Die junge Frau weiß, dass sie mit ihrer Haltung und ihrem Eintreten für eine offene Kirche, die wirklich jede Person vorurteilsfrei annimmt, hier und da an Grenzen stoßen könnte. „Ich sehe so viele Menschen, die kämpfen. Sich aufreiben – vielleicht sogar ein Stück weit aufgeben. Ich sehe die Mauern der Strukturen. Sehe wie Menschen auf der einen Seite mit kleinen Hämmerchen Löcher reinschlagen – und auf der anderen Seite schon wieder damit beginnen, Spachtelmasse anzurühren.“ Aber sie selbst will nicht aufgeben, will laut und sichtbar an dem Projekt Kirche mitbauen und manche Steine aus dieser Mauer reißen. „Ich lasse mir meine Kirche nicht wegnehmen“, sagt Lögers da Silva und klingt dabei fast trotzig. „Ich gebe doch auch nicht meinen Pass ab, nur weil ich in Deutschland nicht alles gut finde. Sondern ich versuche, mit anderen etwas zu verändern.“

Dann wiederholt sie noch einmal den Satz von der spirituellen Heimat. Wo genau findet sie den in der katholischen Kirche? Die Studentin räumt ein, dass das „natürlich in erster Linie ein diffuses Gefühl“ ist. Aber sie kann es durchaus an bestimmten Dingen festmachen. Wenn sie mit anderen Pfadfinderinnen und Pfadfindern in Osnabrück Gottesdienst feiert, am Lagerfeuer sitzt, durch den Wald wandert, im Team die nächste kreative Aktion ausdenkt. Wenn sie mit der Hochschulgemeinde in Münster in Dank und Fürbitte verbunden ist. Wenn sie an einem Strand einen Sonnenuntergang sieht. Wenn sie ein Gebet lachend durch ihre Wohnung tanzt. Dann spürt sie sich einer großen Gemeinschaft zugehörig, dann erfährt sie Gott bei sich und in sich. Und je mehr Rebecca Lögers da Silva erzählt, desto mehr wird ihr klar: „Ich bin von Gott geliebt.“

Petra Diek-Münchow