04.03.2020

Interview-Reihe

Kirche und Glauben persönlich

Wie es der Name der Serie "Fünf Fragen an ..." schon andeutet: Die Fragen bleiben gleich, die Antworten der haupt- oder ehrenamtlich Engagierten sind vielfältig und spiegeln wider, was die Gläubigen im Bistum Osnabrück bewegt, wie sie sich in ihre Gemeinden einbringen und was sie in der Kirche ändern würden.

Fünf Fragen an ... Maria Wester. Sie arbeitet seit vielen Jahren in der Stadtpfarrei St. Augustinus in Nordhorn mit.

Maria Wester aus der Stadtpfarrei St. Augustinus
in Nordhorn. Foto: privat

Wofür engagieren Sie sich in der Kirche?

Seit vielen Jahren bin ich Mitglied des Pfarrgemeinderates, um an der Gestaltung des Gemeindelebens mitzuarbeiten, um Fragen von Menschen anzusprechen und Lösungen zu finden. Schwerpunkt meines Engagements ist die Mitgestaltung von Liturgie. Gerne übernehme ich den Dienst der Lektorin und als Ministrantin. Mein besonderes Interesse liegt in der Gestaltung von Wort-Gottes-Feiern und anderer Gottesdienste, um die Bedeutung des Glaubens für Menschen in Texten, Liedern, Gebeten und Bildern erlebbar zu machen.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Gemeinde gut?

Als vor vier Jahren neu gegründete Stadtpfarrei sind wir auf dem Weg zu einer Einheit der fünf Gemeinden. Aber Gemeindeentwicklung braucht Freiheit, und (katholische) Einheit gibt es nur in der Vielfalt. Über diesen Weg gibt es viele Gespräche und das Bemühen, verschiedene Interessen einzubeziehen. Seelsorge und das Leben als Christinnen und Christen leben von Nähe, Beziehung und Kommunikation. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Ökumene, die auch vor Gründung der Stadtpfarrei in Nordhorn große Wertschätzung genoss. In Brandlecht – meiner Heimatgemeinde – gibt es schon lange eine intensive Ökumene.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten: Was würden Sie als Erstes ändern in der Kirche?

Ich wünsche mir, dass die Kirche konsequent den eingeschlagenen synodalen Weg geht, für Transparenz sorgt, die Zugangswege zum sakramentalen Amt ändert und die Gleichberechtigung der Frau im Weiheamt ermöglicht. Deshalb sollte die Kirche bereit sein, die hierarchischen Strukturen zu ändern, denn „der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche“, wie der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer betont. 

Was stärkt Ihren Glauben?

Grundlage meines Glaubens ist die frohe und befreiende Botschaft Jesu, seine Zusage, uns nicht fallen zu lassen. Meine Zweifel und Fragen und Hoffnungslosigkeit in schwierigen Lebenssituationen versuche ich im persönlichen Gebet anzusprechen. Die Begegnung mit Menschen, das Erleben und der Ausdruck meines Glaubens in Gemeinde, besonders in verschiedenen gottesdienstlichen Feiern, sind für mich Möglichkeiten, Gottes Nähe zu erfahren.

Mit wem würden Sie sich gern mal über Glaube, Kirche und Gott austauschen – und warum?

Gern würde ich ein Gespräch mit Gregor Gysi führen, der wortgewandt, (selbst)ironisch und humorvoll seine Positionen in Gesprächen darlegt. Besonders interessant ist für mich diese Aussage: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft, weil nur die Kirchen grundlegende Moral- und Wertvorstellungen allgemein verbindlich in der Gesellschaft prägen können.“ 

Interessieren würde mich, wie diese Haltung ohne Glauben an Gott möglich ist, warum diese aus seiner Sicht seitens der Kirchen/der Christinnen und Christen in hohem Maße umgesetzt werden kann, aber nicht von humanistischen, atheistischen Organisationen. Wie lange haben die Kirchen noch diese Aufgabe, wie lange werden sie sie noch erfüllen können, wenn die Austritte anhalten? Verliert eine Gesellschaft ihre Moral- und Wertvorstellungen und deren Umsetzung, wenn die Kirchen immer stärker an Bedeutung verlieren? 

Sehr gut vorstellen kann ich mir auch ein Gespräch mit Bischof Heiner Wilmer über seine Aussagen zu den Machtstrukturen in der Kirche und den Möglichkeiten, diese zu verändern. Welche Chancen haben alle getauften Männer und Frauen, ihre Vorstellungen von Kirche und Gemeinde einzubringen, und welche Umsetzungsmöglichkeiten gibt es? Eine interessante Frage ist für mich dabei der Pflichtzölibat und die Weihe der Frau, in diesem Zusammenhang natürlich auch, ob es in absehbarer Zeit überhaupt eine positive Entscheidung geben kann.

 

Fünf Fragen an ... Anke Lührsen. Sie hat verschiedene Ehrenämter in der Twistringer Pfarrei St. Anna übernommen. Und sie ist im Katholikenrat des Bistums vertreten.

Anke Lührsen ist unter anderem Vorsitzende
des Pfarrgemeinderats in St. Anna in Twistringen.
Foto: privat

Wofür engagieren Sie sich in der Kirche?

Ich bin zurzeit Vorsitzende des Pfarrgemeinderates meiner Heimatpfarrei in Twistringen. Zudem bin ich Mitglied im Arbeitskreis der Pfarrgemeinderäte unseres Dekanats und vertrete unsere Region auch im Katholikenrat. Darüber hinaus bin ich Kommunionhelferin und plane mit viel Freude jedes Jahr in einem Team die Sternsingeraktion. Ansonsten freue ich mich, bei unterschiedlichen Aktionen in unserer Gemeinde mitzumachen. Es gibt immer viel Interessantes zu tun und Neues zu entwickeln.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Gemeinde gut?

Ich mag die Vielfalt der Menschen, die mir in unsrer Pfarrei immer wieder neu begegnen. Es sind so viele Persönlichkeiten, die alle ihre jeweiligen Fähigkeiten aktiv in unser Gemeindeleben einbringen. Hierbei finde ich gerade die Unterschiede unserer vier Gemeinden spannend, die alle ihre eigenen wunderbaren Züge haben. Mein echtes Highlight ist aber das Angebot der „Suppe am Sonntag“.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten: Was würden Sie als Erstes ändern in der Kirche?

Familie war und ist immer ein wichtiger Schwerpunkt in unserem Gemeindeleben, was mir auch wichtig ist. Doch es gibt noch viele weitere Lebensrealitäten, die mehr Beachtung verdienen und mehr in den Fokus gerückt werden müssen: Ehepaare ohne Kinder, Alleinstehende, Geschiedene, Homosexuelle ... Das Leben ist bunt und sollte auch gerade von der Kirche akzeptiert und geschätzt werden! Wenn wir das Leben in seiner realen Vielfalt ernst nehmen, kann es uns im Kirche- und Gemeinde-Sein nur bereichern.

Was stärkt Ihren Glauben?

Fundament für meinen Glauben ist der sonntägliche Gottesdienstbesuch wie auch die erfahrbare Gemeinschaft in der Gemeinde. Sie stärken mich in meinen Alltag. Ein wichtiger Glaubensort ist für mich allerdings die Gemeinschaft von Taizé. Einmal im Jahr verbringe ich dort eine Woche, in der ich besonders die ruhigen Gesänge und die stillen Zeiten im Gebet genieße. Das sind Oasen-Momente für mich.

Mit wem würden Sie sich gern mal über Glaube, Kirche und Gott austauschen – und warum?

Ich mag und schätze den Liedermacher Reinhard Mey. Seine Texte berühren mich, weil seine jeweiligen Lebenssituationen stets Bestandteil seiner Lieder sind. Bei manchen Texten, die mit Gott oder der Kirche zu tun haben, kann ich aber nicht immer einschätzen, wie er genau dazu steht, was er eigentlich selber glaubt und hofft. Darüber würde ich gerne einmal mit ihm ins Gespräch kommen.

 

Fünf Fragen an ... Reinhard Börger. Er ist ehrenamtlich in der Gemeinde St. Barbara in Barnstorf aktiv und leidenschaftlicher Hobbymaler.

Reinhard Börger engagiert sich im Ehrenamt,
in der Ökumene und als Hobbykünstler.
Foto: Jürgen Rattay

Wofür engagieren Sie sich in der Kirche?

Gemeinde lebt davon, dass man mitmacht. In unserer Gemeinde bin ich Lektor und gestalte im Wechsel mit anderen Freiwilligen unsere Osterkerze. In einer ökumenischen Künstlergruppe gestalte ich seit zehn Jahren auch ein „Barnstorfer Hungertuch“ mit Motiven und Darstellungen zu biblischen, politischen und aktuellen sozialkritischen Themen. Diese Verkündigung bietet für uns als Gruppe und die Gemeinde die Chance, über das Alltägliche hinauszugehen, neue Einsichten zu eröffnen, und den Gottesdienst mit allen Sinnen zu erleben. Das macht Freude.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Gemeinde gut?

In unserer kleinen Diasporagemeinde gefällt mir das persönliche und ganz enge Miteinander, die Begegnung mit unterschiedlichen Menschen, die sich aber alle bei uns beheimatet fühlen. Man spürt: Wer glaubt, ist nie allein. Ich fühle mich in unserer Gemeinde einfach wohl.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten: Was würden Sie als Erstes ändern in der Kirche?

Ich würde bewährten verheirateten Männern, den sogenannten „viri probati“, die Priesterweihe, ermöglichen – mit dem langfristigen Ziel, den Pflichtzölibat abzuschaffen und gleichzeitig den Frauen einen Zugang zu den Weiheämtern zu ermöglichen. Nach meiner Ansicht ist das eine der drängendsten Reformen, da die Gemeinden unter dem Priestermangel leiden. Die Menschen brauchen und wünschen sich einfach persönliche Seelsorge.

Was stärkt IhrenGlauben?

Mein Glaube gibt mir Halt und Kraft im Leben, gerade auch in Zeiten in denen man, wie in der Erzählung von Margaret Fishback Powers, nur ein Paar Fußabdrücke im Sand sieht („... dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, habe ich dich getragen ...“). Mich stärken die herrlichen und tröstlichen Zusagen Gottes und Jesu an uns („... du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand ...“). Gebet, Stille, Pilgern, Gemeinschaft und Verbundenheit vertiefen weiterhin meinen Glauben.

Mit wem würden Sie sich gern mal über Glaube, Kirche und Gott austauschen – und warum?

Mit Kardinal Reinhard Marx über die Verweigerung der Kirche, die heutigen Lebenswelten der Menschen zu akzeptieren. Und darüber, ob er seinen Rücktritt vom Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz mit Resignation und Enttäuschung gegenüber konservativen Kreisen begründen würde. Denn er hatte doch ganz ambitioniert den „Synodalen Weg“ in Deutschland angestoßen, um der Kirche neue und wichtige Impulse zu eröffnen.

 

Fünf Fragen an ... Yvonne Düttmann. Sie arbeitet als Pfarrsekretärin in St. Bonifatius in Hüven/Eisten bei Sögel.

Yvonne Düttmann. Foto: Foto-Studio Wucherpfennig

Wofür engagieren Sie sich in der Kirche?

Als Teenager fing mein ehrenamtliches Engagement in unserer Kapellengemeinde St. Josef Eisten bereits an, zunächst als Lektorin. Im Laufe der Jahre kamen noch viele weitere ehrenamtliche Dienste dazu: Wortgottesdienstleiterin, Kommunionhelferin, Küsteraushilfe, Hauskommunion, Lieder für die Gottesdienste aussuchen, Mitarbeit im Vorstand der Katholischen Frauengemeinschaft und Landjugend und im Kapellenvorstand – auch über die Heimatgemeinde hinaus – hinzu. Besonders wichtig ist mir, dass wir auch in unserer modernen kurzlebigen Welt unseren Auftrag als Überbringer der frohen Botschaft ernst nehmen: sei es während der Wortgottesfeier, bei der Überbringung der Kommunion zu den Senioren oder in spontanen Gesprächen im Alltag.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Gemeinde gut?

Ich lebe in der kleinsten Gemeinde unseres Pfarrverbundes um St. Jakobus Sögel. Am meisten schätze ich, dass sich hier noch jeder persönlich kennt und wir eine so tolle Gemeinschaft haben, die über alle Generationen hinausgeht. Jung und Alt ziehen hier noch an einem Strang.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten: Was würden Sie als Erstes ändern in der Kirche?

Um etwas zu verändern, braucht es Zeit und Geduld. Wie sich im Laufe der Kirchengeschichte gezeigt hat, manchmal auch sehr lange. Aber es wird! Wenn ich da an den Wandel denke, bis auch Mädchen in der Messe den Ministrantendienst übernehmen durften, da sind in Eisten bestimmt 20 Jahre vergangen. Mir wäre wichtig, dass der Rolle der Frau mehr Wertschätzung entgegengebracht würde, zum Beispiel auch durch den Diakonat der Frau!

Was stärkt Ihren Glauben?

Das sind die kleinen Momente im alltäglichen Leben, in denen ich Gottes Gegenwart und Nähe erahnen darf. Zum Beispiel, wenn mir beim Verlassen der Wohnung etwas Wichtiges einfällt, was ich im Stress des Alltags sonst vergessen hätte. Da spreche ich ein „Danke“ zum Himmel, dass er mich noch schnell erinnert hat. Zu wissen, dass der liebe Gott und die Gottesmutter immer für mich da sind. Ihnen kann ich alles anvertrauen und wenn ich mit meinem Latein am Ende bin, gebe ich meine Sorgen vertrauensvoll an die beiden ab. Ich schreibe alles auf einen Zettel und lege ihn zu Hause in meine kleine „DHGZE-Schachtel“: „Das Hat Gott Zu Erledigen“.

Mit wem würden Sie sich gern mal über Glaube, Kirche und Gott austauschen – und warum?

Diesen Austausch habe ich glücklicherweise bereits seit einigen Jahren. Damals fragte mich eine Freundin, ob ich nicht Lust hätte, mit ihr zur Schönstatt-Gruppe zu gehen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dies ein wertvoller Schatz für mich werden würde, für den ich sehr dankbar bin. Seitdem treffen wir uns regelmäßig mit ein paar Frauen und Schwester Annedorit Löbke vom Schönstatthaus Meppen und sprechen im wahrsten Sinne des Wortes über „Gott und die Welt“.