08.07.2021

Telgter Wallfahrt 2021

In kleinen Gruppen mit Abstand

Ohne Corona wäre dieser Samstag ein besonderer Tag: Dann würden am Nachmittag Pilgerinnen und Pilger aus dem Bistum zu Fuß in Telgte einziehen. Trotz der Einschränkungen machen sich aber kleine Gruppen auf den Weg.

Ein besonderer Moment ist immer wieder der Einzug in Telgte - auch in kleineren Gruppen. Foto: privat

Am Freitagabend ging es früh zu Bett für den achtjährigen Frank, um am kommenden Morgen ausgeruht zu sein, als der Vater mitten in der Nacht in sein Zimmer kam, um ihn zu wecken. So erinnert sich Frank Heuer heute als Erwachsener an seine erste Telgter Wallfahrt. Anschließend wurde der Proviant für den langen Gang verpackt. Früher hatte seine Mutter am Vorabend Koteletts gebraten und ihren Männern mit auf den Weg gegeben. Das Alter hat sich inzwischen geändert, die gewohnten Zeiten sind geblieben. Um 2.15 Uhr sammeln sich die Pilger am Treffpunkt in Oesede zu einem kleinen Frühstück mit anschließender kurzen Andacht. Auch dieses Jahr, aber dann nur in kleiner Zahl. 

Coronabedingt ist die Telgter Wallfahrt dieses Jahr, wie bereits 2020, als öffentliche Veranstaltung abgesagt. Trotzdem fällt sie nicht aus, wenn auch auf der Internetseite vom Pilgern in großer Zahl abgeraten wird. Der langen Tradition folgend, lassen sich deshalb einige Pilger die Freude am Laufen auch dieses Jahr nicht nehmen. Mit höchstens 20 Personen und unter Einhaltung sämtlicher Abstands- Hygienevorschriften nehmen privat organisierte Gruppen den Fußmarsch auf sich. 43 Kilometer sind es ab Osnabrück. Motivation hierfür ist der Glaube, das gegenseitige Getragenwerden, verbunden mit Singen und Beten in der Gemeinschaft. Zeit zu haben, für Gedanken über das Leben, die Familie und die Welt. Ein sich Freimachen von den Alltagsgedanken, die häufig zu viel Raum einnehmen. 

Regelmäßig ziehen zwischen 8000 und 10 000 Pilger mit Fahnen, Kreuzen und Gesang in Telgte ein. Auch wenn diesmal weniger Pilger unterwegs sind, bleibt die einzigartige Stimmung an diesem Samstag und Sonntag erhalten. Die Wallfahrtsvereine in den Dörfern des Südkreises haben für Samstag (10. Juli) zu einem Gebet eingeladen – in einer Klause oder an einem Bildstock. Dafür gibt es auch ein kleines Pilgerheft. So soll der Geist der Wallfahrt erhalten bleiben.

Ferdi Eichholz hat viele Pilger begeistert

Mancher macht sich trotzdem auf den Weg. Zum Beispiel eine knapp 20 Personen starke Gruppe, zu der neben Frank Heuer auch die Osnabrückerin Anita Schilling zählt. Schon im vergangenen Jahr waren sie am Wallfahrtssamstag nach Telgte gegangen. Anders als sonst war die Bundesstraße 51 nicht gesperrt. „Viele Autofahrer, die uns gesehen haben, haben gewunken, weil sie genau wussten, was wir tun“, sagt sie und klingt auch ein wenig stolz. 

Besinnung: Keine Pilgertour geht ohne das Telgter Wallfahrtsbuch.
Frank Heuer und Ingo Glane 

Jedes Jahr aufs Neue begeistert ist auch Ulf Strieder, ebenfalls in der Gruppe aus Osnabrück, über die Freundlichkeit der Einwohner in den verschiedenen Ortschaften. Sonst sind Wege geschmückt, es werden Erfrischungen gereicht und gelegentlich auch mal ein Likör oder Schnaps „fürs Durchhalten“, sagt Strieder und kann sich ein Schmunzeln kaum verkneifen. 

Für die in Eigeninitiative motivierten Gruppen ist der Organisationsaufwand erheblich geringer, als es sonst für die Wallfahrt nötig ist. Anita Schilling erinnert sich noch gut daran, dass ihr Vater Ferdi Eichholz bis vor 20 Jahren wochenlang mit Behördengängen und Gesamtabläufen beschäftigt war. Angefangen mit der Organisation von den Begleitfahrzeugen, Straßenlotsen und Sanitätern, sollte doch einmal ein Pilger ins Straucheln geraten. Damals hat ihr Vater viele Pilger begeistert, die noch heute dabei sind – zum Teil sogar in der Wallfahrtsleitung. Bei der eigenen Tochter hat es etwas gedauert, bis der Funke zündete. „Es mögen wohl zehn oder zwölf Jahre sein, dass ich jetzt mitgehe“, sagt Anita Schilling.

Die 2021er Ausgabe wird sicherlich als eine besondere in die 169-jährige Geschichte der Wallfahrt eingehen. Auch wenn inzwischen Lockerungen vieles im Leben wieder einfacher machen, wollte die Wallfahrtsleitung am Entschluss festhalten, nicht die großen Pilgermassen nach Telgte ziehen zu lassen. Deshalb werden auch die üblichen Symbole wie Fahnen oder Wallfahrtskreuze nicht mitgeführt. Als Zeichen aber hat Tischler Bernold Kamp schon 2020 ein kleineres Kreuz gefertigt und segnen lassen. Als Symbol und zum Erhalt des Charakters der Telgter Wallfahrt, wird es die Gruppe mit sich führen.

Michael Sulmer/Matthias Petersen