27.01.2022

Münchner Kirchenrichter Lorenz Wolf lässt Ämter ruhen

Kardinal Marx bleibt Erzbischof - ist aber zum Rücktritt bereit

Der Umgang mit Missbrauch war und sei für ihn Chefsache, erklärte Marx in einer Stellungnahme zum Münchner Missbrauchsgutachten.

Foto: kna/Robert Kiderle
"Ich klebe nicht an meinem Amt", sagt Kardinal Reinhard Marx bei einer Pressekonferenz des Erzbistums München-Freising zum Missbrauchsgutachten der Diözese. Foto: kna/Robert Kiderle


Der Münchner Kardinal Reinhard Marx räumt persönliche Fehler im Umgang mit Missbrauchsfällen ein, will aber vorerst im Amt bleiben. Zugleich zeigte er sich offen für einen Rückzug, wenn er bei der weiteren Aufarbeitung "eher Hindernis als Hilfe" sei: "Ich klebe nicht an meinem Amt".

In seiner Reaktion auf das vor einer Woche vorgestellte Missbrauchsgutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) betonte Marx: "Das Angebot des Amtsverzichts im letzten Jahr war sehr ernst gemeint. Papst Franziskus hat anders entschieden und mich aufgefordert, meinen Dienst verantwortlich weiterzuführen." Er sei bereit, weitere Schritte für eine "verlässlichere Aufarbeitung" zu gehen, besonders für eine noch stärkere Zuwendung zu den Betroffenen und für eine Reform der Kirche.

Betroffene von Missbrauch und alle Gläubigen bat Marx erneut um Entschuldigung. Zugleich kritisierte er alle, die von einem "Missbrauch des Missbrauchs" redeten, um dadurch grundlegende Veränderungen zu verhindern: "Wer jetzt noch systemische Ursachen leugnet und einer notwendigen Reform der Kirche in Haltungen und Strukturen entgegentritt, hat die Herausforderung nicht verstanden."

Missbrauchbetroffene kritisierten die Aussagen des Kardinals: "Vor einer Woche ist das Schiff auf Grund gelaufen, und heute erklärt uns der Kapitän, dass er aber unbedingt an Deck bleiben muss und das Steuer nicht aus der Hand geben kann", sagte der Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch, Matthias Katsch. Bischöfe, die für das System Missbrauch in der Kirche mitverantwortlich seien, könnten nicht die notwendige Veränderung organisieren.


Gutachten bescheinigt der Diözese schweres Versagen

Das Gutachten bescheinigt amtierenden und früheren Amtsträgern der Erzdiözese München-Freising schweres Versagen im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt, darunter auch dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Zu diesem, der sich als Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger (1977-1982) in vier Fällen falsch verhalten haben soll, äußerte sich Marx erst auf Journalistenfragen. Er lehnte eine Bewertung ab und verwies auf die Ankündigung von Benedikt XVI., sich noch einmal äußern zu wollen. Marx warnte vor einer zu schnellen Gesamtbeurteilung; das Gutachten stelle weder ein Gerichts- noch ein Geschichtsurteil dar.

"Ich akzeptiere, dass er hier die Fakten anders interpretiert, dass er bedauert", sagte Marx. Benedikt hatte zunächst die Darstellung der Gutachter zurückgewiesen, 1980 an einer Ordinariatssitzung teilgenommen zu haben, bei dem es um den Einsatz eines wegen Missbrauchs verurteilten Priesters ging. Inzwischen hat der emeritierte Papst eingeräumt, doch an der Besprechung teilgenommen zu haben. Dabei sei aber nicht über den Einsatz dieses Priesters entschieden worden.

Als persönliche Konsequenz aus dem Gutachten lässt als bislang einziger Bistumsverantwortlicher der oberste Münchner Kirchenrichter Lorenz Wolf (66) vorläufig alle Ämter ruhen. "Damit bin ich einverstanden. Er will zu gegebener Zeit Stellung nehmen", so Kardinal Marx. Die Gutachter kritisieren in zwölf von 104 Fällen das Handeln von Wolf, der als Leiter des Katholischen Büros an der Schnittstelle der Kirche zur Politik in Bayern sitzt und zudem Vorsitzender des BR-Rundfunksrats ist.

Marx nannte es seine größte Schuld, die Betroffenen übersehen zu haben. Zugleich wies er Vorwürfe zurück, er habe das Thema zu sehr delegiert: "Der Umgang mit Missbrauch in der Kirche war und ist für mich Chefsache und steht nicht im Gegensatz zum Verkündigungsauftrag." Sicher hätte er sich aber noch mehr engagieren können. Der Kardinal kündigte an, es solle im Erzbistum München und Freising ein "angemessenes Gedenken und Erinnern" an die Missbrauchsbetroffenen geben. Auch sei die Debatte über Anerkennungszahlungen noch "nicht zu Ende".

kna