15.10.2021

Pflegealltag mit Demenzkranken

Mit Humor geht vieles besser

Geduld und Kreativität sind gefragt im Pflegealltag mit Demenzkranken. Manchmal müsse man ungewöhnliche Mittel einsetzen, um ein Problem zu lösen, sagt Expertin Svenja Sachweh, die Pflegeeinrichtungen und Angehörige berät.

Auch wenn die Kräfte nachlassen und man vieles nicht mehr so gut kann, lassen sich alte Menschen nicht gerne bevormunden. Humor kann eine Brücke bauen. Foto: istockphoto/Dobrila Vignjevic

Demenzkranke zu pflegen, ist nicht leicht, wenn sie sich dem Krankheitsbild entsprechend uneinsichtig verhalten: Sich nicht waschen lassen wollen, ihre Vorlagen wegwerfen, mit dem Essen matschen oder Heimbewohnerinnen und Beschäftigte bedrohen. Pflegekräfte, die unter Zeitdruck stehen, brauchen starke Nerven und Geduld. Dass da oft kreative Lösungen gefragt sind, legte Svenja Sachweh in einem Vortrag vor Pflegerinnen und Pflegern und Angehörigen in Meppen dar. Ihr Tipp: Mit Humor, Gelassenheit und ein bisschen schauspielerischem Talent lassen sich schwierige Situationen entschärfen.


Aggressionen und Angst
Zu den Problemen, die den Umgang mit Demenzkranken erschweren, zählen die Aggressionen der Kranken, die sich ungebremst entladen. An Einsicht zu appellieren, ist dann oft vergebens. Sachweh zählte auf, warum Demenzkranke aggressiv reagieren. So seien sie oft verärgert darüber, dass ihnen nichts mehr gut gelingt, sie viele Dinge nicht mehr selbst erledigen können, sie an Kraft eingebüßt haben und ihre Sinne nachlassen: Schlechtes Sehen und Hören beeinträchtigen die Wahrnehmung. Dinge, die sie einmal beherrscht haben, können sie nicht mehr, sie sind wütend auf sich selbst und werden aufbrausend und aggressiv. Dieses Verhalten verstärkt sich noch, wenn sie das Gefühl erhalten, bevormundet zu werden. Auch ungeduldige Mitmenschen sind wenig hilfreich.

Manche Demenzkranke, die ihre Umgebung nicht mehr einordnen können, reagieren sehr vorsichtig oder sogar ängstlich. So kann eine auf den Bügel gehängte Bluse, die sichtbar am Schrank hängt, im Zwielicht als Gefahr eingestuft werden. Fremde Geräusche oder Stimmen können unliebsame Erinnerungen wecken. In solchen Situationen ist es zunächst wichtig, das Gefühl der Bedrohung ernst zu nehmen und nicht auf der kognitiven Ebene beschwichtigend wegzuwischen („da ist nichts“), denn sonst fühlt sich die demenzerkrankte Person nicht ernst genommen.  


Rahmenbedingungen
Erschwerend kommen die Rahmenbedingungen hinzu, die in einem Pflegeheim herrschen. Nicht jedem gefällt das Essen im großen Speisesaal oder die Tatsache, dass man dem Zeitmanagement der Einrichtung unterworfen ist. Auch der Verlust an Privatsphäre und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit (ich darf nicht einfach allein nach draußen gehen) machen aggressiv. Ungünstig ist auch die Tatsache, wenn Bezugspflege nicht eingehalten werden kann, jeden Tag eine andere Person kommt, um die  Personen zu waschen.


Babysprache vermeiden
Wenn also das Krankheitsbild unveränderbar und an den Rahmenbedingungen nicht zu rütteln ist, bleibt für die Betreuungskräfte die Erkenntnis, dass sie ihr eigenes Verhalten anpassen müssen, um Eskalationen zu vermeiden. Dazu zählen eine Kommunikation, die die Dementen nicht bevormundet und ein Umgang mit ihnen, der ihnen ihre Würde lässt. Niemand mag es, ausgelacht zu werden oder dass man in Babysprache mit ihm spricht.


Humor als Eisbrecher
Humor und kreative Lösungen können helfen, Konflikte zu entschärfen. Sachweh berichtete von einer Pflegeeinrichtung, in der ein jüngerer und kräftiger an Demenz erkrankter Mann jede Pflege verweigerte. Weil er gewalttätig war, traute sich vom Personal niemand mehr in sein Zimmer. Man kam in einem Anflug von Galgenhumor darauf, einen der Pfleger, der in seiner Freizeit Eishockey spielte, in voller Spielermontur mit Helm vorbeizuschicken. Der Bewohner öffnete die Tür einen Spalt breit, sah den Pfleger in Montur mit Helm und Brustschutz und begriff, was er durch sein Gewaltverhalten auslöste. Humor hatte die Situation entschärft. 


Kreative Lösungen
In einem anderen Fall, so Sachweh, sollte eine Frau für einen anstehenden Arztbesuch gewaschen und umgezogen werden, doch sie weigerte sich. Erst als die Pflegekraft sich erinnerte, dass die Frau früher als Model gearbeitet hatte und ihr sagte, sie müssten sie für den Laufsteg fertig machen, klappte es. 


Biografiewissen
Die Suche nach kreativen Lösungen setzt also voraus, dass biografisches Wissen über die Person vorhanden ist, um auf die Erfahrungswelt der Dementen eingehen zu können. Ob jemand Humor hat und über diesen Weg zu erreichen ist, müssen Pflegekräfte jeweils herausfinden. Ihnen selbst kann es helfen, in einer schwierigen Situation zunächst durchzuatmen, sich vielleicht kurz zu entfernen und zu sammeln und sich das absurd-komische der Situation klarzumachen. 


Fazit
Beim kreativen Umgang mit Konfliktsituationen gelte die Devise „Versuch und Irrtum“. „Sie müssen detektivisch sein, in der Vergangenheit der Person gucken, sich fragen: Warum flippt die Person gerade so aus?“, rät Sachweh.

Doch manches sei einfach nicht zu ändern. So führe die Veränderung eines bestimmten Hirnareals dazu, dass die Betroffenen immerzu jammern und schreien: „Aua, aua, oh, oh, Schwester.“ Das müsse man aushalten, so Sachweh.

Andrea Kolhoff