18.12.2018

Kunstprojekt verbindet Dom und Marienkirche

Neonworte beleuchten die Weihnacht

Ein blinkender Buchstabe macht den Unterschied: „Gut“ und „Gott“ – im Englischen trennt beide grafisch ein schlichtes „o“. Das aus Neonröhren geformte Wortspiel des Berliner Künstlers Via Lewandowsky changiert zwischen „GOOD“ und „GO D“ und weckt dabei Erinnerungen an Bilder, die wir aus alten Filmen kennen.

Kunstinstallation im Dom, Nikolauskapelle im Kreuzgang Fotos: Angela von Brill

Signalisiert dort nicht etwa ein flackernder Buchstabe in der Leuchtreklame des Motels, dass dieses seine besten Jahre hinter sich hat oder Gefahr und Unheil drohen. Via Lewandowskys scheinbar zufällig flackerndes „o“ ergibt einen doppelten Wortsinn und rührt so an eine der Grundfragen menschlicher Existenz: Als „guter Gott“ reden wird in christlichen Gottesdiensten oft die in anderen Religionen sprachlich oder bildlich kaum fassbare Transzendenz an – doch gibt es Gott? Und ist er wirklich gut? Auch im Blick auf das Werk selbst bleibt zu fragen: Geht es tatsächlich um die Grundfesten christlicher Glaubensgewissheiten oder spiegelt es lediglich die Launen einer von Menschen geschaffenen Technik.

Auf den ersten Blick banal, wird die scheinbar defekte Leuchtreklame erst durch ein besonderes räumliches Umfeld aus den Niederrungen des Alltags in die Sphären eines existenziellen Diskurses erhoben. Dies wird zumeist der Kunst-Raum sein: das Museum, die Galerie, der Kunstverein – in Osnabrück ist es die Kirche, und das gleich zweimal.

Die evangelische Mariengemeinde setzt sich der Arbeit „GOOD GO D – take it or leave it“ – nimm es oder lass es – im Chorumgang ihrer gotischen, lichtdurchfluteten Hallenkirche aus. Im nahen Dom erleuchtet sie die Nikolauskapelle am Kreuzgang. Beide gelten kaum als durch das Gebet oder die kontemplative Betrachtung geprägte Orte, sondern als Raumfluchten, durch die wir würdevoll schreiten oder bisweilen auch von Unruhe getrieben hasten.

Bei den eindrucksvollen bischöflichen Gottesdiensten im Dom erfolgt der „große Einzug“ von der Sakristei durch den dreiflügeligen Kreuzgang – vorbei an der Nikolauskapelle. Nur wenige Meter zuvor passiert die Prozession das Epitaph der Eheleute Marschalk aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, das Christus als Weltenrichter beim Jüngsten Gericht zeigt und dabei drastisch auch die Höllenqualen ins Bild setzt: GOOD GO D!?

Göttliches Wort wird durch das Leben zum Licht der Menschen

Nicht nur in der Kathedrale stimulieren die wohl inszenierte archaische Lichtsymbolik der Osternacht mit der sich von der Osterkerze ausbreitenden Flamme oder die adventlichen Roratemessen mit ihrem Kerzenschein die Sinne. Verursacht durch den Lauf der Sonne oder die vorüberziehenden Wolken berühren auch die bunten Kirchenfenster die Menschen seit Jahrhunderten durch ihr Farb- und Lichtspiel – wenn dies nicht in gleißendem Kunstlicht ertrinkt. Wie Sonnenschein und Wolkenzug wohnt auch dem Neonlicht „GOOD GO D“ etwas scheinbar Zufälliges inne.

In der Heiligen Nacht werden wir wieder den Worten des Lukas-Evangeliums lauschen und angerührt unsere Weihnachtskrippen betrachten, die – bisweilen nah am Kitsch – kindliche Erinnerungen wecken. In der Lesung wird es zuvor heißen: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ Diese Prophezeiung Jesaias verweist auf das sprachlich-philosophische Kontrastprogramm des Ersten Weihnachtstages. Im Johannesevangelium wird das göttliche Wort durch das Leben zum Licht der Menschen, unter denen es wohnt und von denen es doch nicht erkannt wird. Via Lewandowski liefert dazu eine freie Übersetzung: GOOD GO D – take it or leave it.

In ökumenischem Gleichklang fordert uns und unseren Glauben die Leuchtschrift der scheinbar banalen Neonröhren im Dom und in St. Marien existenziell heraus. Für Johannes zeichnet sich nach seiner pessimistischen Lagebeschreibung ein gangbarer Weg ab, denn allen, die das Licht aufnehmen, gibt es Macht, Kinder Gottes zu werden.

Hermann Queckenstedt

Die Installation ist Bestandteil des Projekts „Bambi goes Art“ der Gesellschaft für zeitgenössische Kunst in Osnabrück und ist bis zum 26. Januar zu sehen. Kurator Michael Kröger spricht am Donnerstag, 24. Januar, um 19 Uhr im Forum am Dom mit Museumsdirektor Hermann Queckenstedt und dem evangelischen Pastor Frank Uhlhorn. Der Eintritt ist frei.