22.09.2021

Wie geht es im Erzbistum Hamburg weiter?

Schwieriger Neuanfang

Hamburgs Erzbischof Stefan Heße bleibt im Amt – die Entscheidung des Papstes löst Kritik aus. Sie verschafft Franziskus aber auch Spielraum für ähnliche Fälle weltweit. Und lenkt den Blick auf den Fall des Kölner Kardinals Woelki. 

Foto: kna/Lars Berg
Erzbischof Stefan Heße will nun um die „werben, die durch die Entscheidung des Papstes irritiert sind, diese in Frage stellen und/oder sich nicht leicht damit tun“. Foto: kna/Lars Berg

 

Von Ludwig Ring-Eifel

Lang erwartet und dann doch plötzlich kam die Entscheidung: Papst Franziskus nimmt das Rücktrittsgesuch des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße nicht an. In einem Schreiben der Apostolischen Nuntiatur heißt es, der Vatikan habe „persönliche Verfahrensfehler“ bei Heße festgestellt: „Die Untersuchung hat jedoch nicht gezeigt, dass diese mit der Absicht begangen wurden, Fälle sexuellen Missbrauchs zu vertuschen.“ Anders als bei dem sehr persönlichen Schreiben, mit dem Franziskus das Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx ablehnte, hat sich der Papst diesmal eng ans Kirchenrecht gehalten.

Dieses Recht zieht für den Tatbestand der Vertuschung bei Missbrauchsfällen enge Grenzen. Eine persönliche Vertuschungsabsicht muss nachgewiesen werden, damit dieser Straftatbestand erfüllt ist. Diese Absicht war nach Erkenntnissen der vatikanischen Prüfer bei Heße nicht gegeben. Das Grundproblem sei der „Mangel an Aufmerksamkeit und Sensibilität gegenüber den von Missbrauch Betroffenen“ gewesen.

Mit seiner Entscheidung verschafft sich der Papst Spielraum. In allen Erdteilen haben Männer, die heute Bischöfe sind, ähnliche Fehler gemacht wie Heße. Das Kirchenrecht in Bezug auf Missbrauch war bis vor kurzem so unklar, dass nur wenige Personalverantwortliche stets in einer Weise handelten, die man heute als korrekt bezeichnen würde.

Für das Erzbistum Hamburg und seinen Oberhirten beginnt eine schwierige Phase. Vieles hängt davon ab, ob das Kirchenvolk gewillt ist, Heße eine neue Chance zu geben. Er schrieb an die Gläubigen, die Wiederaufnahme seines Dienstes werde nicht leicht sein. Er wolle um die „werben, die durch die Entscheidung des Papstes irritiert sind, diese infrage stellen und/oder sich nicht leicht damit tun“.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zeigte sich schockiert, dass Heße bleibt. Im Vatikan werde verleugnet, „dass sichtbare und spürbare Veränderungen in der Kirche nötig sind, um das verloren gegangene Vertrauen wiederzuerlangen“, sagte Vizepräsidentin Claudia Lücking-Michel. Wenn Fehlentscheidungen keine Konsequenzen hätten, sei das ein „Schlag ins Gesicht für Betroffene von sexueller Gewalt“, so ZdK-Vize Karin Kortmann. Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“, sprach von „organisierter Verantwortungslosigkeit“.

Bischof Bätzing lobt die Entscheidung des Papstes

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, hingegen lobte die Entscheidung, weil damit „eine schwierige Zeit der Ungewissheit“ ende. Nun wird spekuliert, ob die Entscheidung für Heße eine Vorentscheidung im Fall Woelki bedeuten könnte. Wenn der Papst einen Erzbischof, dem Pflichtverletzungen im Umgang mit Missbrauchstätern nachgewiesen wurden, im Amt lässt, kann er dann einen Kardinal entlassen, dem keine derartigen Fehler anhängen?

Andererseits: Bei Woelki ging es nicht nur darum. Sollten daher die päpstlichen Visitatoren zu der Einschätzung gelangt sein, dass sein Kirchenvolk ihm mehrheitlich die Gefolgschaft verweigert, dann könnte auch dies ein Rücktrittsgrund sein.