25.11.2021

Wie eine Gemeinde mit judenfeindlichen Darstellungen umgeht

Neuer Platz für Altarfiguren

Vom Hochaltar in der Kirche Mariä Himmelfahrt in Gellenbeck sind die Figuren Ecclesia und Synagoge heruntergenommen worden, weil Anordnung und Ausgestaltung judenfeindlich sind. Sie haben einen neuen Platz bekommen.

Ortstermin in Gellenbeck mit Urban Völler (v.l.), Pfarrer Hermann Hülsmann, Pastor Jörg Ellinger und Thomas Wellenbrock vom Kirchenvorstand. Foto: Claudia Sarrazin

Zwei Figuren des Gellenbecker Hochaltars sind an einem anderen Ort in der Kirche samt Erklärungstafel aufgestellt worden. Die Tafel erläutert den Kirchenbesuchern von heute, was an der Darstellung der „Synagoge“ judenfeindlich ist. Die Geschichte der Altarfiguren spiegelt auch eine jahrhundertelange christliche Judenfeindschaft wieder und erzählt nun davon, wie sich das Verhältnis von Juden und Katholiken zueinander verändert hat. 

Zum Hochaltar in Gellenbeck gehörten bis vor kurzem die Figuren zweier allegorischer Frauengestalten, die „Ecclesia“ und die „Synagoge“. Der Hagener Ortshistoriker Johannes Brand erläutert  im Jahr 2000 im Heft „Der Gellenbecker Hochaltar“, dass diese allegorischen Figuren nicht nur – wie manchmal zu lesen sei – für den Alten und den Neuen Bund stehen: Die Figur der Ecclesia symbolisiere mit stolz erhobenem Haupt und Siegesfahne den Triumph der christlichen Kirche. 

"Es geht darum, wie das Judentum dargestellt wird"

Die Figur der Synagoge hingegen sei in dieser negativen Darstellung mit ihren verbundenenen Augen quasi blind für die Wahrheit, halte eine gebrochene Lanze als Zeichen der Niederlage und einen Bockskopf als Symbol der Unkeuschheit und des Unglaubens in den Händen. Zudem soll der Bock Assoziationen an den Teufel wecken. 

„Es geht darum, wie das Judentum dargestellt wird“, sagt Pfarrer Hermann Hülsmann, der das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ zum Anlass nahm, sich gemeinsam mit der Gemeinde dem Thema zu stellen. „Mir war es besonders wichtig, dass wir das behutsam angehen“, erklärt Hülsmann, und Johannes Brand sagt, es sei wichtig, sich zunächst ins Bewusstsein zu rufen, dass es ein Problem gibt. Um Problembewusstsein bei allen Gemeindemitgliedern zu wecken, hielt Brand im Juli auf Aufforderung Hülsmanns einen öffentlichen Vortrag zum Thema Altarfiguren. Aufgrund der Informationen konnten Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand gemeinsam entscheiden, wie die Gemeinde daraufhin mit den Figuren verfahren will.  

Die Gemeinde hätte die Figuren verhüllen können, hätte sie wie gehabt an Ort und Stelle belassen, jedoch eine Info-Tafel anbringen können oder sie abnehmen und anderenorts in der Kirche samt Infotafel aufstellen können. Die Gremien entschieden sich für die letzte Variante und stimmten dies mit der bischöflichen Kunstkommission und der Stifterfamilie des Altars ab. 

„Wir haben verstanden, wie verletzend die Darstellung ist. Die Figuren konnten auf keinen Fall so auf dem Altar stehen bleiben“, erklärt Urban Völler vom Kirchenvorstand, und Pfarrer Hülsmann betont: „Wir haben heute eine komplett andere Sichtweise. Das Christen- und das Judentum gehören zusammen. Wir sind ja Brüder.“ 

Neuer Platz in der Nähe des Eingangs

Da Urban Völler nicht nur im Kirchenvorstand, sondern auch Zimmerer ist, übernahm er mit anderen die Aufgabe, die Figuren der Ecclesia und der Synagoge vom Altar herunterzunehmen. Gemeinsam mit Hülsmann und seinem Kirchenvorstandskollegen Thomas Wellenbrock sowie Pastor Jörg Ellinger suchte Völler anschließend einen passenden Platz für die Figuren. Sie stehen nun in der Kirche vor einer der Eingangstüren. Pfarrer Hermann Hülsmann sagt: „Die Figuren sollen ein Mahnmal darstellen.“

Nach getaner Arbeit waren die Männer mit dem Ergebnis durchaus zufrieden, und auch Brand lobte, wie sich „die kleine dörfliche Gemeinde“ dem Thema gestellt hatte: „Das Problem mit den Figuren bleibt sichtbar, und die Gemeinde hat die Herausforderung erklecklich gemeistert.“

Claudia Sarrazin


Zur Sache

Aus heutiger Sicht problematische Kunstwerke gibt es nicht nur in Gellenbeck. Bekannt geworden ist zum Beispiel auch der Streit um eine jahrhundertealte Schmähplastik an der Wittenberger Stadtkirche und die Frage des richtigen Umgangs damit.

Ein Hochaltar für Gellenbeck sollte zunächst nach einem Entwurf von Peter Schneider als Marienaltar entstehen und 1915 fertig sein. Er sollte Szenen aus dem Leben Marias schildern. Verwirklicht wurde jedoch ein ganz anderer Entwurf von Josef Steiner aus Düsseldorf, die Arbeiten führte der Kunsttischler Franz Thiesing aus. 

Der geänderte Altarentwurf wurde einfach ohne Genehmigung des Generalvikariats und gegen die Vorstellung des Gellenbecker Pfarrers Gustav Görsmann umgesetzt, Fertigstellung war 1923. (sarr/kol)