15.08.2018

Freiwilligendienst in Ghana 2018/19

Neues aus Kumasi

Marleen Kasselmann aus Georgsmarienhütte berichtet an dieser Stelle über ihren Freiwilligendienst im Ausland (FDA). Sie arbeitet in Kumasi, einer Großstadt im Süden Ghanas. In einem Projekt des Erzbistums Kumasi kümmert sie sich um Straßenkinder.

Januar
Halbzeit meines Freiwilligendienstes! Auf in die zweite Hälfte!

Wettspiele: Eierlauf im Rattrey Park

Nach meinem Urlaub an der Cape Coast, ging es direkt wieder ins Arbeitsleben im Street-Children-Project. Bevor die Schule offiziell am 14. Januar wieder startete, fand ein großer Neujahrsputz im Projekt statt. Zudem organisierte das Management-Team einen einwöchigen Mitarbeiterworkshop, bei dem wir zum einen das Jahr 2018 Revue passieren ließen und dieses evaluierten. Zum anderen tauschten wir Mitarbeiter uns darüber aus, was eine gute Zusammenarbeit für uns ausmacht und was das Team für den Einzelnen bedeutet.

Besonders rührend fand ich die Schlussworte, dass jeder sich wie zu Hause fühlen soll, sobald er den Arbeitsplatz betritt. Ehrlichkeit, Offenheit und Herzlichkeit zählen zu den obersten Werten vieler. Am Donnerstag wurde sogar extra eine Professorin der Universität eingeladen, die für uns eine informative Powerpoint-Präsentation über Selbstmanagementfähigkeiten hielt. Sie gestaltete die Einheit so interessant, dass alle Mitarbeiter aufmerksam vom Anfang bis zum Ende zuhörten und motiviert in den Kleingruppenarbeiten diskutierten. Ein Zitat aus der Präsentation möchte ich euch gerne mitgeben:

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheit.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.
(Talmud)

Fotoshooting beim Mitarbeiterausflug

Die Mitarbeiterwoche schloss am Freitag mit dem Betriebsausflug im Rattray-Park ab. Vor Weihnachten hab ich mich mit fünf weiteren Mitarbeitern bereiterklärt, diesen Ausflugstag zu organisieren, da ich große Freude an der Planung von solchen Programmpunkten habe. Allerdings lief die Vorbereitung nach meinem Empfinden sehr schleppend, sodass ich schon leicht nervös wurde, ob alles laufen wird. Wir einigten uns frühzeitig darauf, kleine Minispiele wie „Eierlauf“,  „Apfelbeißen an Schnurr“ und „Plätzchen zum Mund führen“ anzubieten. Für den Tag organisierten wir ebenfalls rechtzeitig einen Bus.

Zwei Tage vor dem Ausflug wurde jedoch erst entschieden, dass jeder Mitarbeiter eine Kleinigkeit zum Essen zubereitet, sodass wir am Ende ein großes Buffet haben. Lange konnten wir uns nicht auf einen Ort für den Tag einigen. Zu weit entfernt, zu teuer, zu bebaut. Spontan wurde dann erst am Tag des Ausfluges beschlossen, zum Rattray Park zu fahren. In meiner Anfangszeit hier in Ghana wäre ich vermutlich dauerhaft gestresst gewesen und innerlich sehr unruhig aufgrund der Tatsache, noch keinen genauen Plan für den Tag zu haben.

Ich bin eher der Typ Mensch, der in der Regel total durchgeplant ist, der schon vier Wochen vorher weiß, wie das kommende Wochenende ablaufen wird, der auf manche vielleicht unflexibel wirkt. Ich brauche das Gefühl der Sicherheit und der Gewissheit. Mache mir oft viel zu viele Gedanken über die Zukunft. Doch ein wenig konnte ich in meiner Zeit als Freiwillige schon lernen: Dinge gelassener anzugehen und sich nicht so zu stressen. Es wird schon alles seinen Weg gehen. Ganz werde ich meine Gewohnheit wahrscheinlich nie ablegen (zumal es sicher auch viele positive Seiten hat, durchgeplant zu sein), jedoch habe ich mir fest vorgenommen, diese Gelassenheit ein Stück weit mitzunehmen nach Deutschland und entspannter gewisse Dinge anzugehen. Der Betriebsausflug wurde trotz der „ Spontanität „ ein echter Erfolg. Es wurde viel gegessen, gelacht und gespielt. Für mich war es eine tolle Erfahrung, die Mitarbeiter noch einmal von einer ganz anderen Seite kennenzulernen.

Marleen mit zwei Arbeitskollegen

Am Ende des Monats fand das Zwischenseminar in Kumasi statt, welches von KuBeKom (Institut für kulturbewusste Kommunikation) für 32 deutsche Freiwillige in Ghana organisiert wurde. Bis auf einen zu gestaltenden „Projektfluss“ über die letzten Monate unseres Freiwilligendienstes mit Höhen sowie Tiefen, lag der Aufbau und die Thematik der Seminarwoche hauptsächlich in der Verantwortung von uns Freiwilligen. Schließlich sollten die Tage für uns einen Mehrwert haben und eine gute Reflexion einzelner Aspekte des letzten halben Jahres darstellen.

Einige der weitreichenden Themen waren der Postkolonialismus, die Unterrichtsmethodik in Ghana im Kontrast zu den Schulen in Deutschland, das Entstehen von Vorurteilen als Teil der interkulturellen Kommunikation und Konflikte. Für mich war besonders der sehr offene, ehrliche und vertrauensvolle Austausch mit den anderen Freiwilligen über unsere Erfahrungen  in Ghana wertvoll. Aber auch die lockere Atmosphäre in den Pausen oder abends habe ich sehr genossen.

Die letzten Monate hatte ich schon oft über mich als weiße Person in Ghana nachgedacht. Mir wurde bewusst, dass sich mein Denken bzw. meine Wahrnehmung in Bezug auf die Kultur im Laufe meines Aufenthalts verändert hat. Am Anfang habe ich noch vieles als schockierend erlebt, habe viele Dinge als gut oder schlecht bewertet. Habe den Drang verspürt, etwas ändern zu wollen. Gehofft, dass es „besser“ wird. Habe vieles in Ghana als „Problem“ gesehen. Doch wie kann ich als Person bewerten, was gut und was schlecht ist?!  Die Wertungen, die ich als Person wahrnehme, erzählen primär etwas über mich, nicht über die Menschen in Ghana. Ich komme mit meinen Werten und Tugenden, meinen Maßstäben und meiner „Marleen-Brille“ in eine andere Kultur, sehe diese eventuell durch die bestehenden Unterschiede in Gefahr.

Das Buffet ist eröffnet: Jeder Mitarbeiter hat eine ghanaische
Spezialität mitgebracht.

Meine ganze Wahrnehmung hat etwas mit meiner Identität zu tun. Ich lerne hier so viel über mich selber, über meine Haltung, hinterfrage viele Dinge. Warum sehe ich das eigentlich so?  Warum ist mir das wichtig?  Warum genau stört mich das jetzt eigentlich? Das Zwischenseminar hat diese Themen, die schon länger in meinem Kopf herumschwirren, nochmal intensiviert und mir eine erhöhte kulturelle Sensibilität gebracht.  Ich habe mich in meinem Leben noch nie auf diese Art und Weise selber reflektiert.

Dinge differenziert zu betrachten ist anstrengend und mühsam, trotz Reflexion kann sich, glaub ich, keiner davon freisprechen, etwas zu bewerten und zu kategorisieren. Das ist normal und menschlich. Wichtig ist, denke ich nur, sich selber gut im Blick zu haben und ständig zu hinterfragen, warum man gewisse Dinge auf eine bestimmte Art und Weise bewertet und sieht. Diese Erkenntnis, die mir der Freiwilligendienst in Ghana bislang gebracht hat, ist ein großer Schatz und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen kann.

32 Freiwillige auf einem Haufen im Christian Village

 

Dezember
Das Jahr endet mit vielen neuen Eindrücken

Die Mädchen feiern den Abschluss ihrer Dressmaking-
Ausbildung: Eindrücke von der Graduation

Wahnsinn! Das Jahr 2018 und auch schon vier Monate meines Auslandjahres in Ghana sind schon vorbei. Im Dezember war so einiges bei mir los, weswegen ich diesen Bericht meinen persönlichen Highlights widmen möchte. Zu Beginn des Monats haben wir die Graduation (Abschluss) von neun Mädchen gefeiert, die erfolgreich nach zwei Jahren ihre Dressmaking-Ausbildung abgeschlossen haben. Das Ganze wurde ziemlich groß und wertschätzend bei uns im VTC zelebriert. Auf dem Programm standen sämtliche Reden, Tanz- und Gesangschoreografien und eine kleine Fashionshow, bei der die Mädchen ihre Produkte vorstellen konnten. Zum Schluss wurden die Ausbildungszertifikate sowie eine Nähmaschine überreicht, mit der die Mädchen in ihr neues Leben starten können.

Für mich war es sehr rührend zu sehen, wie stolz die Mädchen auf sich waren und welche Veränderungen für das eigene Leben/die eigene Zukunft möglich sind. Von der Straße in die Unabhängigkeit. Nach der Veranstaltung sind die Mädchen direkt ausgezogen, um zu ihren Familien in den Norden zurückzukehren. Ich fand den Auszug sehr plötzlich, und obwohl ich mich sehr für die Mädchen freue, bin ich doch ein wenig traurig, dass sie gehen. Sie sind mir zum Teil ganz schön ans Herz gewachsen. Doch schon dieses Jahr werden sie von einige SCP-Mitarbeitern besucht, um zu sehen wie sich ihr Weg weiterentwickelt hat. Schaffen sie es, ihren eigenen Shop zu eröffnen? Ich bin sehr gespannt.

Weihnachtsausflug mit den Kindern des SCP: Tanzen im
Culture-Park

Ein weiterer Höhepunkt war der Ausflug zum Schuljahresende mit den 90 Kindern aus unserem Projekt. Mit drei Trotrots, vollbeladen mit Kindern, ging es in den Zoo von Kumasi. Von den Haltungsbedingungen der Tiere war ich allerdings überhaupt nicht überzeugt, was unter anderem an den viel zu kleinen Käfigen lag. Ich habe noch nie so aggressive, apathische Affen gesehen, die tobend durch den Käfig rasen. Auch der Elefant lebt einsam ohne Wasserloch in seinem Territorium. Zudem war es insgesamt eine Herausforderung, mit den etwa 15 Betreuerinnen und Betreuern, die ganze Rasselbande sicher durch den Zoo zu lenken. Anschließend ging es zu einer riesigen Grünfläche in den Culture-Garden, um die hungrigen Kinder dort mit Essen und Getränken zu versorgen. Nachdem alle Mägen gefüllt waren, wurde der Dancefloor eröffnet. Das Ganze erinnert mich an meine Zeit im Zeltlager, insbesondere an die Minidisco. Nicht nur die Kleinen hatten super viel Spaß dabei, sondern auch die Erzieher inklusive meiner Wenigkeit. Es ist einfach schön, mit was für kleinen Dingen Kinder mein Herz höher schlagen lassen können. Müde und verschwitzt, aber super glücklich endete der Tag dann für mich.

Obwohl Weihnachten schnell näher rückte, kam bei mir nicht so wirklich Weihnachtsstimmung auf, was unter anderem mit den Temperaturen von etwa 35 Grad zusammenhing. Erst als ich an Heiligabend mit den Mädchen im VTC die Räume mit reichlich Dekoration verschönerte (ganz nach dem Motto: „Je voller, desto doller“) und wir uns ein wenig mit Weihnachtshits einheizten, konnte ich mich auf Weihnachten 2018 einlassen. Da hier in Ghana das Weihnachtsfest erst am 1. Weihnachtstag richtig gefeiert wird, haben meine Mitfreiwilligen aus Kumasi und ich uns am Heiligen Abend ein ganz besonderes Festtagsmenü gegönnt: den Burger sowie die riese Chickenbox vom KFC (Kentucky Fried Chicken). Dass ich Heiligabend in einer Fastfoodkette verbringen werde, hätte ich nie von zu träumen gewagt.

Marleen erlebt ein besonderes Weihnachtsfest – mit einem
besonderen Festmahl.

Am Abend gegen 21 Uhr wurde dann Weihnachten mit einer Messe inklusive Krippenspiel bei uns in der Gemeinde eingeläutet. Leider wurde diese auf Twi gehalten, so dass ich nichts verstehen konnte. Mein Highlight an Weihnachten war definitiv der 1. Weihnachtstag, den ich zusammen mit den Schwestern, den zwei Madams und den 15 Mädchen, die über Weihnachten nicht zu ihren Familien zurückgekehrt sind, gefeiert habe. Als Festtagsmenü gab es klassisch Fufu, Reis und Chicken, Obstsalat mit Eiscreme und einen gemischten Salat. Besonders habe ich mich darüber gefreut, wie gut meine Geschenke bei meinen Mitbewohnerinnen ankamen. Auch wenn es nur Kleinigkeiten waren, haben die meisten sich sehr dankbar gezeigt. Abends wurde zusammen gesungen und getanzt. Selbst die Schwestern haben das Tanzbein geschwungen, worüber sich besonders die Mädchen amüsiert haben. Es herrschte insgesamt eine super ausgelassene, fröhliche Stimmung, und das Gefühl von Freude, Harmonie und Gemeinschaft erfüllte den Raum. Dieses Ereignis ließ mich insgesamt noch fester mit den Mädchen, aber auch mit den Schwestern zusammenwachsen. Das Weihnachtsfest hat auf jeden Fall meine Erwartungen um einiges übertroffen und ich werde es noch lange in schöner Erinnerung behalten.

In schwindelnder Höhe: die Ghana-Freiwilligen aus dem Bistum Osnabrück im Kakum-Nationalpark

Am 27. Dezember trafen wir uns mit den anderen Ghana-Freiwilligen des Bistums Osnabrück an der Cape Coast, um dort gemeinsam Silvester zu feiern und einen schönen Urlaub zu verbringen. Die Cape-Coast ist einer der Touristenhotspots in Ghana, so dass wir in unserer Unterkunft, dem Oasis Beach Resort, viele andere Europäer angetroffen haben. Das Gefühl, so viele weißhäutige Menschen an einem Fleck zu finden, war für mich mittlerweile echt befremdlich. Ich habe aber den Austausch und die Zeit mit anderen deutschen Freiwilligen, aber auch mit Freiwilligen aus Tschechien, Kanada, Österreich, Schweiz, Schweden, Frankreich sehr genossen. Außerdem tat es echt gut, einfach mal am Strand zu liegen, zu entspannen, und dem Rauschen des Meeres zu lauschen.

Aussicht aus dem Oasis Beach Resort

Eines meiner Highlights war auch der Besuch des Kakum Nationalparks, eines der bekanntesten Nationalparks in Ghana, nicht weit von der Cape Coast entfernt. Wir konnten den Park auf dem Canope Walkway, einer 360 Meter langen Brücke, in einer Höhe von 45 Metern überblicken. Ein atemberaubendes Gefühl und eine wirklich faszinierende Aussicht. Jedoch nichts für schwache Nerven. Beim Hinunterschauen wurde mir zum Teil ganz mulmig. Dadurch, dass der Park sehr dicht bewachsen ist, konnten wir leider keine Tiere beobachten. Gelohnt hat es sich aber trotzdem.

Weiterhin haben wir das Cape Coast Castle besichtigt, das einst als Gefängnis für den Verkauf und Transport von Sklaven diente. Die von den europäischen Kolonien in Nord- und Südamerika Gefangenen wurden oft monatelang unter menschenunwürdigen Bedingungen in kleine Verliese gesperrt, um dann mit dem nächsten Sklavenschiff verschifft zu werden. Die Tour durch das Castle war wirklich sehr beeindruckend und interessant, hat mich allerdings auch sehr gerührt und traurig gestimmt.

Kanonenreihen im Cape Coast Castle
Sonnenaufgang an der Cape Coast

Ein weiteres wunderbares Urlaubsereignis war die vom Hotel organisierte Silvesterparty. Es wurde reichlich leckeres Essen vom Buffet verzehrt, getanzt und gefeiert Um Mitternacht ging es gemeinsam mit allen Anwesenden zum Strand, der direkt am Beach Resort liegt, um dort mit einem großen Feuerwerk und romantischen Lagerfeuer das neue Jahr zu starten. Danach wurde noch bis zum Morgengrauen weitergefeiert. Am nächsten Tag erfuhren wir, dass in Ghana Silvester gar nicht gefeiert wird, sondern die eigentliche Feier in der Neujahrsnacht stattfindet.

Abschließend zum Urlaub möchte ich festhalten, dass mir die Auszeit am Meer mit Gleichgesinnten sehr gut tat und ich nun mit neuer Energie in das Jahr 2019 sowie in meine Arbeit im Street-Children-Project starten kann.

 

 

 

Blick vom Castle auf den Strand

 

November
Vom Bolzen und badenden Elefanten

Beim Erkunden von Damongo im Norden Ghanas

Der November ging für mich rasend schnell um, und ich habe vieles zu berichten. Im letzten Artikel bin ich konkreter auf meine Arbeit im Streetchildren-Project eingegangen. Deswegen möchte ich Euch diesmal von meinen Freizeitbeschäftigungen und von meinem Ausflug in den Norden Ghanas berichten.

Ich merke, dass sich für mich mittlerweile ein Alltag gefestigt hat und ich besser mit den ganzen Umstellungen (Sprache, Klima, Essen) klarkomme. Obwohl ich immer noch super viel Ruhe und Schlaf brauche. Die Tage der schlaflosen Nächte sind wohl für mich vorbei.  Ich werde älter ... Nach meiner Arbeit oder am Wochenende verbringe ich viel Zeit mit Jette und Simon, meinen beiden Mitfreiwilligen in Kumasi. Wir schlendern zum Beispiel gerne über den Markt, um uns wieder neue Dekoration, Früchte, schöne Kleidungsstücke etc. zu kaufen oder einfach, um zu bummeln. Es gibt doch tatsächlich immer wieder was Neues zu entdecken. Mit ein wenig Talent, kann man oft noch um 20, 30 Prozent den Preis herunterhandeln.

Besonders toll finde ich die Auswahl an frischen Früchten und anderen Leckereien, mit  denen ich liebend gerne meinen Magen fülle. Meine persönlichen geschmacklichen Favoriten sind Bananen, Kokosnüsse, Ananas, Datteln, Papayas und Mangos (die leider erst wieder im Juli geerntet werden). Es ist Wahnsinn, wie kraftvoll und intensiv diese Lebensmittel vom Geschmack her im Vergleich zu den gleichen Produkten in Deutschland sind. Für mich ist es oftmals schwer, sich nicht von all den anderen Schlemmereien, Gebäck und Süßkram auf dem Markt verführen zu lassen. Vieles wird gebacken oder auch frittiert und dadurch gleichzeitig zu einer mächtigen Kalorienbombe.

Tatkräftig in der Küche: Marleen beim Zubereiten von
Kousé: pürierte Bohnen mit Wasser, vermengt mit Zwiebeln,
Salz und Pfeffer; anschließend wird frittiert.

Wenn wir mal genug von Fufu, Jam, Reis oder anderen typischen ghanaischen Gerichten haben, genießen wir gerne einen Ausflug zum KFC oder zu Restaurants, in denen Pizza, Pommes oder Sharwama auf der Speisekarte stehen. Sharwama ähnelt ein wenig dem deutschen Döner, das heißt, eine knackige Teigtasche gefüllt mit Salat, Hähnchen- oder Schweinefleisch sowie einer Sauce (teilweise sogar mit Knoblauch). Okay! Wenn man das so liest, könnte man denken, ich wäre nur am essen und würde mittlerweile rollend meinen Weg meistern.

Doch neben meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Essen, versuche ich mich zum Ausgleich ein wenig sportlich zu betätigen. Ich genieße es abends, Workouts für mich zu machen. Meistens brauche ich nach der Arbeit ein wenig Zeit für mich, nachdem ich den ganzen Tag Kinder und Menschen um mich herum hatte. Auch Musik hören, lesen, Tagebuch schreiben, telefonieren und Filme/Serien schauen, gehören zu meinen abendlichen Beschäftigungen. Hin und wieder helfe ich unserer Köchin und den Mädchen in  der Küche, worüber sie sich sehr freuen. Auch ich genieße die Zeit und freue mich über neue ghanaische Gerichte zum Nachkochen.

Sonntags steht normalerweise um 16 Uhr Fußball spielen mit den Mädchen im VTC an. Wenn es dann mal stattfindet, ist es für mich ein wöchentliches Highlight. Es  macht mir super viel Spaß zu bolzen und mit dem Team gewinnen zu wollen. Bolzen trifft es ganz gut, denn die meisten der Mädchen sind mit den Fußballregeln nicht vertraut, haben aber erkannt, dass es Ziel des Spieles ist, das Tor zu treffen. Dieses wird dann auch nach allen Regeln der Kunst umgesetzt. Hauptsache ist doch, dass wir alle Spaß haben. Ein toller Nebeneffekt der Aktivität ist es zudem, dass ich dadurch gut mit einzelnen Mädchen interagieren kann und wir uns besser kennenlernen können. Das ist oftmals im wöchentlichen Alltag leider nicht so umsetzbar. Und das ist auch ein Grund, weshalb ich sonntags um 6.30 mit den Mädchen die Sonntagsmesse besuche. Glaube spielt in diesem Land eine sehr wichtige bedeutsame Rolle, so dass kein Gottesdienst ausgelassen werden sollte. Aber auf den Glauben, den ich hier erlebe, möchte ich konkreter in einen anderen Artikel eingehen.

Reise in den Norden Ghanas: Gruppenfoto der Freiwilligen mit Elefanten im Hintergrund

Neuerdings wird im ICARD (das Gelände, auf dem Jette und Simon leben) montags, mittwochs und freitags ein Sportprogramm (Fußball, Volleyball etc.) für die Studenten angeboten, zu dem wir gerne dazustoßen dürfen. Als ich das erste Mal dabei war, fand eine Art Wettbewerb statt. Die verschiedenen Häuser der Studenten haben sich in unterschiedlichen Disziplinen (Eierlaufen, Sprinten, Tauziehen) duelliert. Jedes Team hatte sogar seine eigenen Häuser-Trikots. Die Stimmung war bombastisch und am Kochen. Motivation und Ehrgeiz waren zu spüren. Ich war sehr begeistert von der Aktion. Es hat mich ein wenig an „Hogwarts“ in Harry Potter erinnert, was ich noch mehr gefeiert habe. Ich selber habe nur ein wenig Fußball und Volleyball gespielt. Zwar wurden diese Sportarten nur von den Jungs betrieben, aber es hat mir trotzdem viel Freude bereitet.  Die Studenten sind mir echt sehr offen und herzlich begegnet. Obwohl ich leistungsmäßig nicht mithalten konnte, wurde mir trotzdem der Ball zugespielt und ich im Team aufgenommen. Gerne möchte ich nun öfter an dem Sportprogramm teilnehmen. Zumal ich mich danach echt sehr ausgeglichen fühlte und wirklich gute Laune hatte.
Soweit zu meinem Alltag ...

Seltenes Naturschauspiel: Die grauen Riesen verlassen das Wasser.

Ende November sind wir für eine Woche in den Norden Ghanas, nach Damongo, gereist, um unseren Mitfreiwilligen dort zu besuchen. Ich hätte nie gedacht, dass die Unterschiede zwischen Norden und Süden des Landes so groß sind. Das Klima ist viel heißer und trockener in Damongo. Hinzu kommt, dass der Norden sehr ländlich ist und viel ärmer. Niklas lebt zwar in einer verhältnismäßig wohlhabenden Familie, doch auch dort gab kein fließendes Wasser. Weiterhin ist der Norden zu 90 Prozent muslimisch geprägt. Das haben wir um vier Uhr nachts/morgens durch das Morgengebet des Muezzin zu spüren bekommen.

Mein Highlight der Woche war der Besuch des Mole-Nationalparks, in dem wir neben Antilopen, Warzenschweinen und Affen auch 15 Elefanten am Wasser beobachten  konnten. Es war so überwältigend und aufregend, die grauen sanften Riesen so nah zu erleben. Wir hatten den Tag großes Glück, so viele zu Gesicht bekommen zu haben. Es gibt Tage, da sehen die Mitarbeiter des Parks nicht mal einen.

Immer wieder beeindruckend: die Natur

Der Trip nach Damongo war auf jeden Fall eine Erfahrung für mich. Die Woche  hat meine Gesundheit und meine Rhythmus doch ein wenig aus dem Takt gebracht. Ich habe nochmal andere Seiten Ghanas kennenlernen können. Ich habe gelernt, dass wir nicht von der Kultur Ghanas sprechen sollten, sondern differenzieren sollten. Ghana hat viele Unterkulturen, unter anderem durch Sprache und Lebensstil, die sich doch sehr unterscheiden.

Weiterhin weiß ich mein doch sehr luxuriöses Leben in Kumasi nun sehr zu schätzen und war sehr glücklich, als ich wieder an meinem gewohnten Ort war. Für mich war es ein Gefühl des „Nach-Hause-Kommens“. Diese Gefühl habe ich das erste Mal, seitdem ich in Ghana bin, so extrem gespürt.

Hinweis: Ein kurzes Video findet Ihr auf www.facebook.com/derkirchenbote

 

Oktober
Der Alltag kehrt langsam ein

Die Mädchen im Vocational-Training-Centre, die am 1. Dezember ihren Abschluss im Dressmaking (Nähen) machen werden.

Jetzt bin ich seit fast zwei Monaten in Kumasi und merke so langsam, wie der Alltag bei mir einkehrt. Ich finde viele Dinge nicht mehr ganz so faszinierend wie am Anfang. Da ich den größten Teil meines Alltags mit der Arbeit im Street-Children-Project (SCP) verbringe, möchte ich Euch in diesem Beitrag ein wenig von dem Projekt und meinen ersten Erfahrungen damit berichten.

Das Projekt besteht aus dem Drop-in-Centre, dem Day-Care-Centre sowie dem Vocational-Training-Centre (VTC), in dem ich mit 38 Mädchen zusammenlebe, die sich dafür entschieden haben, mit finanzieller Unterstützung des SCP eine Ausbildung zu machen oder zur Schule zu gehen. Ausbildungen sind hier im Bereich „Dressmaking“ (Näherin), Köchin oder Friseurin möglich, wobei die Mehrzahl sich für die Ausbildung zur Näherin entschieden hat. Ich habe mir bislang tatsächlich schon von den Mädchen einen Rock und ein Kleid im „Africastyle“ anfertigen lassen und mich darüber gefreut wie ein kleines Kind. Zusätzlich kann ich mit dem Geld noch ein wenig das Projekt unterstützen. Für nur knapp sieben und zwölf Euro hatte ich ein individuelles Kleidungsstück, das nur für meine Maße gemacht wurde. Da wird bestimmt noch einiges in Zukunft dazukommen, weshalb ich hoffentlich noch genug Platz im Koffer auf dem Rückflug habe.

Meine Hauptarbeitszeit verbringe ich im Drop-in-Centre, in dem sowohl die Managementbüros, eine inkludierte Krippe als auch ein Rückzugsort für die Straßenkinder zu finden sind. Die Kinder kommen hauptsächlich aus den Norden Ghanas und werden von ihren Familien in die Großstadt Kumasi geschickt, um dort Geld für ihre Familien zu verdienen und mit diesem wieder zurückzukommen. Doch die Realität sieht anders aus, so dass viele der Mädchen langfristig auf der Straße bleiben müssen.

Marleen Kasselmann mit ihrer Klasse im Day-Care-Centre

Ich habe in dem Projekt unter anderem die Möglichkeit, den Unterricht für den Krippenbereich mitzugestalten und durchzuführen. Naja, was heißt Unterricht?! Von Unterricht im europäischen Stil ist sicherlich nicht die Rede. Die Kleinen sind gerade mal drei bis fünf Jahre alt und sprechen hauptsächlich die Landessprache der Aschanti-Region, welche sich Twi nennt, so dass man mit der Amtssprache Englisch nicht weiterkommt. Außerdem fällt mir auf, dass die Erzieherinnen/Lehrerinnen kein Methodenfeuerwerk an Lernmaterialien loslassen können, sondern dass der Unterricht unter anderem daraus besteht, etwas vorzusagen, was alle Kinder im Chor nachsprechen sollen.

Teilweise werden auch Lernlieder gesungen wie zum Beispiel „Head and shoulders, knees and toes“. Es gibt hier nicht die Möglichkeiten wie in Deutschland, sowohl was die Ausstattung mit Materialien betrifft als auch den Zugang zu den Lernmethoden. Trotzdem finde ich es super schön zu sehen, wie begeistert und motiviert die Erzieherinnen sind, etwas Neues von mir zu lernen. So konnte das Falten von Origamifiguren, unter anderem ein Papierflieger und ein Frosch, oder das Experimentieren mit Knetgummi den ganzen Vormittag der Kinder füllen. Aber nicht nur die kleinen Kinder und Erzieherinnen sind davon begeistert, sondern auch die Straßenkinder, die tagsüber ihre Zeit auf dem Gelände des SCP verbringen, sich ausruhen können oder einfach nur einen Rückzugsort haben.

Die Kommunikation mit den Kindern ist leider sehr schwierig, da sie weder Englisch noch Twi sprechen können, sondern nur ihre Landessprache aus dem Norden beherrschen. Hier in Ghana gibt es tatsächlich zwischen 46 und 100 Sprachen. Zum Glück arbeiten in dem Projekt zwei Mitarbeiter, die ebenfalls die Landessprache des Nordens sprechen und somit als Dolmetscher fungieren können. Doch trotz der Sprachbarriere freuen sich die Straßenkinder über die Kleinigkeiten und die Aufmerksamkeit, die man ihnen schenkt. Man bekommt ihre Dankbarkeit mit einem Lächeln zu spüren. Ich finde es bedauerlich, dass diese Kinder einfach nicht den Zugang zur Bildung haben, sondern jeden Tag damit beschäftigt sind, eine nächtliche Unterkunft oder Essen zu finden – quasi zu überleben statt Kind sein zu dürfen, unbeschwert und frei. Ich habe großen Respekt davor, dass sie trotzdem dabei fast nie das Lächeln verlieren.

Nach der Kirche hat sich Marleen Kasselmann mit einigen ihrer
Mitbewohnerinnen fotografieren lassen.

Die Kinder sind ein Grund, warum mir die Arbeit so große Freude bereitet. Ich habe das Gefühl, dass ich wenigstens etwas tun kann, um deren harten Alltag ein wenig angenehmer zu gestalten. Und das macht mich schon sehr glücklich. Auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist, was ich bewirken kann, denn die Grundprobleme lassen sich so einfach in diesem Land nicht ändern. Immer noch sind sehr viele Kinder dem Kinderhandel und der Zwangsheirat ausgesetzt. Doch das Street-Children-Project leistet großartige Arbeit, um dem im Rahmen des Möglichen entgegenzuwirken. Es hat zudem eine sehr moderne Haltung und das Ziel, den Straßenkindern eine bessere Perspektive zu bieten, so dass sie nicht mehr auf den Straßen Kumasis leben müssen. Neben dem Managementbereich leistet es Aufklärungsarbeit, Streetworking und bietet ein offenes Ohr sowie einen Ort, an dem die Kinder Sicherheit erfahren können.

Neben meinen Aufgabenbereichen im Drop-in-Centre darf ich zusammen mit dem Lehrer Clinton einmal in der Woche im Day-Care-Centre im Kindergarten die Vier- bis Sechsjährigen unterrichten. Der Unterricht ist für ghanaische Verhältnisse sehr weit fortgeschritten, was damit zusammenhängen könnte, dass diese Schule keine staatliche ist. Es gibt sogar eine Art Curriculum für die Lehrkräfte. Clinton und ich haben uns perfekt ergänzt. Mich hat es sehr gewundert, dass die Klasse nur aus acht Kindern besteht, da in den staatlichen Schulen 25 bis 35 Kinder in einer Klasse sind. Aber umso besser kann man jeden Einzelnen fördern.

Ein weiterer Pluspunkt meiner Arbeitsstelle ist, dass die Kinder nicht geschlagen werden dürfen. Hier in Ghana ist es noch üblich und erlaubt, dass Lehrer und Lehrerinnen die Kinder bei Fehlverhalten mit oder ohne Rohrstock schlagen dürfen. Ich finde es sehr schockierend und bin froh, dass ich das in so einer Form noch nicht erleben musste. Ganz anders meine Mitfreiwillige, die in einer Schule unterrichtet, in der das Schlagen der kleinen Kinder an der Tagesordnung ist. Ich stelle es mir extrem schwierig vor, zu lernen, damit umzugehen, denn akzeptieren würde ich es niemals. Zudem ist es eine Tatsache, die man nicht ändern kann. Das Bildungssystem hängt noch viel mit der Geschichte Ghanas zusammen und hat somit tiefere Wurzeln, die durchaus auch mit Europa und dem Kolonialismus zusammenhängen.

„Ich bin jedes Mal wieder fasziniert von dem wunderschönen Abendhimmel", sagt Marleen Kasselmann.

Deswegen möchte ich das Verhalten den einzelnen Menschen nicht einmal vorwerfen. Ich glaube, es ist auch eine fatale Einstellung eines Freiwilligen, mit der einzigen Vorstellung nach Afrika zu gehen, an der Kultur etwas ändern und viel bewirken zu wollen. Ich bin davon überzeugt, dass man dann nur enttäuscht und frustriert sein wird. Natürlich wird man an kleinen Stellen helfen können, was auch mein Wunsch ist. Aber ändern lässt sich so leicht nichts am großen Ganzen. Deswegen ist es umso wichtiger, an manchen Tagen auch die Kleinigkeiten zu sehen, die gut gelaufen sind und die schön waren. Oftmals tendiert der Mensch ja eher dazu, das Negative wahrzunehmen und darauf den Fokus zu legen. Doch ich glaube, jeder Tag hält kleine schöne Momente bereit. Ich halte sie mir gerne in meinem Tagebuch fest.

Für mich war und ist die Hauptmotivation, für ein Jahr nach Afrika zu gehen, eine mir fremde Kultur kennenzulernen und zusammen mit den Menschen den Alltag dieser erleben zu können. Ich möchte meine eigenen Grenzen erfahren, aber auch von den Einwohnern der afrikanischen Kultur lernen, deren Werte zu verstehen und etwas von der Kultur nach Deutschland mitnehmen können. Ich freue mich auf die weitere Zeit und die weiteren Erfahrungen, die ich noch erleben werde.

 

September
Das Abenteuer kann beginnen!

Diese Aussicht genießt Marleen, wenn sie aus dem Fenster ihres neuen Zuhause schaut.

Der große Tag ist gekommen, an dem meine Abenteuerreise nach Kumasi, in eine Drei-Millionen-Einwohner-Stadt in Ghana, beginnt. Der Tag, auf den ich so lange hingefiebert habe, mit dem ich mich in den vergangenen Wochen so intensiv beschäftigt habe! Er kam schneller als gedacht. Ich möchte Euch ein wenig mit auf meine Reise in ein mir unbekanntes Land nehmen und Euch an meinen Eindrücken, Erfahrungen und Gedanken teilhaben lassen. Dabei möchte ich noch mal betonen, dass ich nur von mir sprechen kann. Jeder andere nimmt die Welt wahrscheinlich noch mal ganz anders wahr.

Nach einem für mich echt schweren Abschied von meinen Freunden und meiner Familie ging es am 3. September morgens gegen 7.30 Uhr los zum Düsseldorfer Flughafen. Gemischte Gefühle begleiteten mich: Auf der einen Seite war die große Trauer, mein gewohntes und geschätztes Umfeld für ein Jahr zu verlassen. Auf der anderen Seite waren die große Vorfreude und Spannung, aber auch Skepsis, was mich in dem anderen Land erwarten wird. Wie begegnen die Menschen mir? Wo lebe ich? Werde ich mich dort schnell einleben und Menschen haben, die mir Zuversicht und Halt schenken? Wie läuft der Alltag der Menschen vor Ort ab? Diese und weitere Fragen werden in den nächsten Monaten beantwortet werden.

Ich bin richtig froh, dass ich zusammen mit vier weiteren Freiwilligen die Reise antreten durfte. Das hat mir persönlich super viel Sicherheit gegeben, und zudem hat es mich nach dem Abschied abgelenkt. Nachdem wir eine Zwischenlandung in Lissabon und Togo hatten, erreichten wir am späten Abend um 23.45 Uhr (in Deutschland war es bereits 1.45 Uhr) den Flughafen in Accra, der Hauptstadt von Ghana. Mir fiel direkt das schwüle Klima auf, aber auch der fremde Geruch, der durch die Gassen schwebt. Ich glaube, ich habe noch nie so viele unterschiedliche mir unbekannte Gerüche wahrgenommen.  

Wir waren sehr froh, als uns Father Tony, unser ghanaischer Mentor, super herzlich und freundlich in Ghana wortwörtlich in die Arme schloss. Das Gefühl von Verlorenheit war schnell verflogen. Trotz unserer zweistündigen Verspätung wirkte er gar nicht genervt oder gestresst, sondern super entspannt.

Ich war trotzdem noch sehr überfordert, da plötzlich um die fünf Männer unsere Koffer zu einem Bulli schleppten, der uns zu einem Hostel in Accra bringen sollte. Ich konnte diese Männer gar nicht zuordnen. Gehörten sie zu Tony oder was wollten sie? Letztendlich stellte sich heraus, dass sie versuchten, uns Trinkgeld aus den Taschen zu locken.

Nachdem wir die erste Nacht in Accra verbracht haben, ging es am nächsten Morgen nach Kumasi, wo wir zusammen die ersten Nächte verbringen sollten. Ich fand die Fahrt dorthin super interessant und faszinierend. Ich befinde mich hier in einer völlig anderen Welt, die ich erst einmal wahrnehmen und verarbeiten muss: Der Verkehr läuft hier ein wenig anders: Es geht nach dem Motto: Wer hupt, gewinnt. Viele Autos, von denen auch einige deutsche Aufschriften tragen, kommen in Deutschland bestimmt nicht mehr über den TÜV. Zudem gibt es in Ghana nicht wirklich eine Geschwindigkeitsbegrenzung, was aber bei den holprigen Straßen oft nicht nötig ist. Man wird quasi durch Straßenlöcher sowie Straßenhügel automatisch gestoppt, wenn man sein Auto nicht an den Schrotthaufen verlieren will. Obwohl der Verkehr langsamer als in Deutschland ist, funktioniert er. Ich habe das Gefühl, dass die Afrikaner viel mehr miteinander kommunizieren.

Die schöne Landschaft in Kumasi

Prägend waren auch meine ersten Eindrücke von der Gegend. Nach langen Landstraßen und einer beeindruckenden Natur fuhren wir durch kleine Dörfer. Dort beobachtete ich Menschen, die vor ihren kleinen Holz- oder Blechhütten versuchten, ihre Ware zu verkaufen. Viele wirkten entspannt, manche schliefen sogar. Es gab alles zu kaufen, was das Herz begehrt: Brot, Autoreifen, Möbel, Technikkram, Stoffe, Trinken, sogar Ziege am Stiel.

Die Kleinkinder saßen teilweise mit ihren Müttern direkt am Straßenrand, was auf mich gefährlich wirkte. Aber sie kennen es ja nicht anders und lernen bestimmt sehr früh, aufmerksam und vorsichtig an vielbefahrenden Straßen zu sein. Babys werden grundsätzlich wie kleine Affenbabys auf dem Rücken getragen. Das Ganze erinnert mich an das Leben im Mittelalter. Genau so stelle ich mir das vor. Sobald in den Dörfern der Verkehr stoppt, kommen Verkäufer, um den Autofahrern ihre Ware zu verkaufen. Was ich sehr beeindruckend finde: dass fast jeder Afrikaner auf dem Kopf einen Eimer oder Korb, gefüllt mit Ware, balancieren kann. Das möchte ich auch können!

Nach einer ca. sechsstündigen Fahrt erreichten wir das „ICARD“ in Kumasi, in dem zwei der Freiwilligen für ein Jahr leben werden. Die anderen beiden sollten bis Donnerstag bleiben, um dann zu ihren Einsatzorten Ho und Damongo zu fahren. Total überraschend für mich, dass ich schon am ersten Abend in meinem Zimmer im Street-Children-Project (SCP) einziehen sollte. Zuerst war ich davon nicht sonderlich begeistert, da ich lieber noch ein paar Nächte mit den anderen Freiwilligen verbringen wollte. Jedoch lösten sich diese anfänglichen Zweifel sehr schnell in Luft auf, als ich meine Ansprechpartnerin sowie die Leitung des Street-Children Project, Olivia Umah, kennenlernen durfte. Sie schloss mich freudestrahlend sowie voller Liebe in die Arme und gab mir direkt das Gefühl von Sicherheit.

Außerdem begrüßten mich auch viele der Mädchen, die im Vocational-Training-Centre des SCP ihre Ausbildung u.a. zur Näherin oder Köchin machen oder zur Schule gehen. Meine neuen Mitbewohnerinnen sind ehemalige Straßenkinder, die nun durch das Projekt die Möglichkeit haben, in eine bessere Zukunft zu starten. Schneller als ich gucken konnte, hatten sie mein schweres Gepäck in mein Zimmer verfrachtet. Der erste Eindruck meines neuen Heims war durchweg positiv, so dass ich es gar nicht mehr schlimm fand, nun schon hier einzuziehen. Zumal ich in nur zehn Minuten Fußweg das ICARD erreiche. Die erste Woche verbrachten wir Freiwilligen mit unserem Mentor Tony und erledigten wichtige Behördengänge und tauschten unsere Euros bei der Bank in Cedis um. Ein Euro entspricht ungefähr fünf Cedis, so dass wir nach dem Umtausch mit ganz schön viel Geld rumliefen. Wir erfuhren, dass jeder von uns nun mehr Cedis bar in den Taschen trägt, als jeder Ghanaer durchschnittlich im Monat verdient.

Zufällig entdeckt: eine Schnapsbrennerei

In den ersten Tagen erlebte ich einen starken Kontrast zwischen der ländlichen Ruhe und dem Großstadtgewusel: Uns wurde unter anderem die ICARD-Farm gezeigt, die wirklich ein wundervoller Ort mit viel Natur und Bäumen ist. Als wir gefühlt mitten im Dschungel standen, musste ich echt ein wenig schmunzeln, weil dort eine kleine Schnappsbrennerei ihren Platz hatte. Diese hätte in Deutschland nicht lange Bestand gehabt: Die Qualitätsvorschriften lassen grüßen.

Der Farmer erzählte uns, dass momentan leider sehr viele Hühner sterben, da kein Geld für das Hühnerfutter vorhanden ist. Die Spendenorganisation habe nicht frühzeitig das Geld überwiesen. In diesem Moment wurde mir die harte Realität in Afrika bewusst und die Tatsache, wie abhängig manche Betriebe von Spendengeldern sind. Hoffen wir mal, dass das notwendige Geld bald ankommt.

Gerne möchte ich Euch auch von meinen ersten Eindrücken eines Ausflugs zum Centre-Market berichten, wo das Großstadtleben seinen Lauf nimmt: Erst einmal war ich super froh darüber, dass die Köchin von Tony uns begleitete und darauf aufpasste, dass wir nicht verloren gehen. Den Weg dorthin bestritten wir mit einem sogenannten TroTro. TroTros sind heruntergekommene, aber fahrende Bullis, die als öffentliches Verkehrsmittel dienen. Der Beifahrer macht meistens mit lautem Geschrei auf den Zielort aufmerksam, so dass man nur noch per Handzeichen das Mobil anhalten muss und die Reise durch den Großstadtdschungel starten kann. Wenn man Glück hat, erwischt man einen Fensterplatz, so dass es möglich ist, zwischen den vielen schwitzenden Menschen ein wenig kühle Luft einzuatmen.

Unübersichtliches Gewusel: Ausflug zum Centre-Market

Trotz fehlenden Komforts haben diese Fahrten doch ein gewisses Flair. Ich muss sagen, dass ich bei meinem ersten Markt-Besuch ein wenig überfordert war: Das Ganze glich einem wuselnden Ameisenhaufen. Jeder wollte seine Ware verkaufen und die Blechhüttenstände oder Holzhüttenstände waren dicht an dicht platziert, so dass wir uns durch meistens enge Gänge schlängeln mussten. Es wurden sogar Macheten für umgerechnet schlappe 5 Euro verkauft. In Plastiktüten verpackt, konnte man diese dann sicher nach Hause transportieren. Ich war eigentlich nur darauf konzentriert, meine Truppe nicht zu verlieren. Dazu kam die große Aufmerksamkeit, die wir durch unsere Hautfarbe auf uns zogen. Viele Menschen wollten mit uns sprechen oder uns einfach anfassen. Besonders kleine Kinder zeigten mit ihren Fingern auf uns und riefen aufgeregt „ Obroni“, was so viel bedeutet wie: „Ein weißer Mensch!“

Es war schon ziemlich befremdlich, so eine besondere Rolle zwischen den Einheimischen einzunehmen. Daran muss ich mich wohl in dem Jahr gewöhnen. Naja, während wir so durch das Menschengewusel bummelten, war ich hauptsächlich damit beschäftigt, die vielen Eindrücke wahrzunehmen und zu verarbeiten. Unser Mittagessen nahmen wir in einem Restaurant (welches eher einer Schulkantine glich) zu uns. Wir alle fassten den Mut, verbunden mit einer großen Neugier, die typische afrikanische Speise Fufu auszuprobieren. Fufu ist ein fester Brei aus Maniok oder Yams und Kochbananen, der besonders in Ghana als ein Hauptbestandteil oder als Beilage vieler Gerichte dient. Serviert wird dieser mit einer (scharfen) Sauce, Fisch oder Fleisch. Das besondere für mich war, dass diese Speise ohne Besteck nur mit der rechten Hand gegessen wird. Zuvor musste man die Hand in einer mittig auf dem Tisch platzierten Wasserschüssel mit Seife reinigen. Ich fragte mich, wie ich denn die flüssige Sauce mit dem Fufubrei aufnehmen sollte und experimentierte mehr oder weniger erfolgreich herum.

Marleen versucht sich in der Feldarbeit. Sie sagt: „Die einheimischen Mädchen trauen mir nicht viel zu, da ich zu ,weiche' Hände habe."

Es war wirklich eine Erfahrung für sich: Ich muss zugeben, dass ich nach wenigen Happen auch schon wieder aufgab, weil die Konsistenz des Breis in Verbindung mit dem Fleisch und der Sauce für mich alles andere als genießbar war. Ich wollte meinen Magen-Darm-Trakt nicht schon am Anfang so mit neuen Speisen quälen. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, dass ich dieses Gericht jemals nochmal verzehren werde. Ähnliche Erfahrungen mit Fufu machte meine deutsche Patin, die mir jedoch berichtete, dass am Ende ihres Auslandsjahres Fufu zu ihren Lieblingsspeisen gehörte. Na, da bin ich ja mal gespannt…

Am Ende des Tages war ich auf jeden Fall total froh, als wir wieder im ruhigen ICARD ankamen. Ich glaube, das Großstadtleben auf Dauer wäre nichts für mich.

Als Resüme meines ersten Monats möchte ich festhalten, dass ich die meisten Ghanaer als freundlich, herzlich und interessiert wahrgenommen habe. Ich war so dankbar, dass viele ihre Hilfe angeboten haben, wenn ich mal nicht wusste, wo ich hin musste oder was zu tun ist. Das macht es für mich so viel leichter, in Ghana Fuß zu fassen und mich wohl zu fühlen. Ich habe mich bislang nie alleine gefühlt trotz der vielen Auf's und Ab's, die mich wahrscheinlich noch länger begleiten werden. Ich brauche wahrscheinlich auch noch meine Zeit, um hier wirklich anzukommen und mich „zu Hause“ zu fühlen. Manche Sachen, die hier als normal gelten, werde ich wahrscheinlich nie so richtig verstehen. Mir wird bewusst, wie schwer Integration in eine völlig fremde Kultur ist, aber noch bewusster wird mir, dass diese durch die Mithilfe, Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Einheimischen wesentlich erleichtert wird.

Mehr dazu und zu dem Street- Children-Project etc. erfahrt Ihr im nächsten Monat in einem kürzeren Beitrag.