15.08.2018

Freiwilligendienst in Russland 2018/19

Neues aus Nischni Tagil

Marlene Janssen aus Bremen berichtet an dieser Stelle über ihren Freiwilligendienst im Ausland (FDA). Sie arbeitet in Nischni Tagil, einer Stadt im Uralgebiet im mittleren Westen Russlands. Ihr Einsatzgebiet ist ein Heim für Obdachlose sowie eine Einrichtung für benachteiligte Familien.

Januar
Meine erste große Reise durch Russland

Auf dem Flohmarkt Udel 'naya in St. Petersburg

Es geht weiter, wo es aufgehört hat. Nach einer spannender Woche und einem aufregenden Silvester, habe ich am 3. Januar in St. Petersburg meine beiden älteren Schwestern aus Deutschland in Empfang genommen. Abends waren wir dann zusammen mit den anderen Freiwilligen beim Georgier essen.

Die nächsten drei Tage in „Piter“ verbrachten ich und meine Schwestern mit ausgiebigen Spaziergängen und Sightseeing. Es war in den Tagen nach Silvester, als die Ferien für die russischen Schülerinnen und Schüler gestartet sind, überall deutlich voller als noch eine Woche zuvor. Das ist mir besonders aufgefallen, als die Schlange zum Eingang der Eremitage durch den gesamten Hof ging und sich keinen Zentimeter bewegte.

Außerdem waren wir noch auf einem etwas außerhalb liegenden Flohmarkt, auf dem man erstaunlich coole und vor allem günstige Vintageklamotten, Möbel und allerhand Schnick-Schnack kaufen kann (hier in Russland ist der westliche „Vintagestil“, glaube ich, noch nicht so angekommen oder beliebt wie in Deutschland).

Die drei Schwestern in der St. Petersburger U-Bahn:
Caro, Marlene und Pauline (v.l.)

Am anderen Tag haben wir uns auf die Suche nach dem „Loft Projekt Etagi“ gemacht. Im Internet wurde es beschrieben als hippes, alternatives Projekt- und Ausstellungshaus verschiedener Künstlerkollektive. Dort gab vor allem viele Touri-Läden, aber auch ein paar coole Streetart und Kunstwerke. Allerdings war es anders alternativ – nicht wie man es von Deutschland gewohnt ist. Das „Loft Projekt“ hat mir alles in allem gut gefallen (abgesehen von einer „Wildlife“-Ausstellung, in der man mehrere echte Füchse beobachten und streicheln konnte), vor allem, weil ich erleben konnte, was „alternativ“ in Russland bedeutet oder zumindest wie Russen es sich vorstellen.

Am 6. Januar ging es dann mit dem Vier-Stunden-Schnellzug nach Moskau. Man hätte für eine Geldersparnis auch den Zwölf-Stunden-Nachtzug nehmen können, aber den Luxus haben wir uns dann gegönnt.

Die Basilius-Kathedrale vor dem Weihnachtsmarkt
in Moskau

In Moskau machten wir uns am nächsten Tag natürlich direkt auf den Weg zum Roten Platz. Dort befand sich noch der Weihnachtsmarkt, weshalb alle Hütten und der ganze Platz in schönen Lichtern und weihnachtlicher Deko geschmückt war. Allgemein habe ich festgestellt, dass Weihnachten, auch nach dem russischen Weihnachten, noch nicht vorbei ist. Die Städte sind immer noch geschmückt (genauso wie meine Wohnung).

Vom Roten Platz aus, der kleiner ist, als man denkt, kann man bekanntermaßen einen Blick auf die angrenzenden Mauern des Kreml werfen und die wunderschöne Basilius-Kathedrale bewundern. Zum Aufwärmen gingen wir in das Kaufhaus „Gum“. Das befindet sich direkt am Roten Platz und ist beeindruckend. Leisten kann man sich da allerdings nichts. Danach kauften wir uns Tickets, um den Kreml auch von innen zu sehen. In die Regierungsgebäude kommt man natürlich nicht, aber wir konnten uns auf dem Kirchplatz und in den Kirchen des Kreml umsehen. Gerade fand dort eine Feier statt, zu der Kinder, die Besonderes geleistet haben oder in besonderer Weise herausstachen (zum Beispiel durch gute Noten oder besondere Sporterrungenschaften) aus dem ganzen Land eingeladen wurden.

Das weihnachtlich geschmückte Kaufhaus „Gum"

Am nächsten Tag ging es für uns zur Arbatstraße, die wohl historisch irgendwie herausstechen sollte. Sie stellte sich allerdings als eine von Souvenirläden gesäumte Touristenfalle heraus. Das war dann zwar nichts besonders Kulturelles, aber immerhin konnten meine Schwestern Souvenirs für zu Hause kaufen.

Leider musste eine meiner Schwestern dann schon wieder nach Hause fliegen. Mit der anderen suchte ich an unserem letzten Tag in Moskau nach einem Künstlerviertel, ähnlich dem, das wir in Petersburg entdeckt haben. Dort gab es leider weniger Ausstellungen als wir gedacht haben und vor allem teurer. Die, die wir interessanter fanden, sollte ungefähr 20 Euro Eintritt pro Person kosten und das war uns eindeutig zu viel. Wir kamen ins Gespräch mit jemandem, der die Ausstellung betreut, der für uns den Preis dann auf ca. 7 Euro für beide Tickets handeln konnte. Da konnten wir natürlich nicht Nein sagen und haben den Nachmittag in der Ausstellung verbracht.

Die drei Schwestern vor der Basilius-Kathedrale
in Moskau

Dann ging es auch schon zum Zug, der uns innerhalb von 26 Stunden nach Yekaterinburg brachte. Die Fahrt selber war ganz entspannt, aber ich bin es ja mittlerweile fast schon gewohnt. Auch wenn es für mich mit 26 Stunden bisher die längste Strecke war.

In Yekaterinburg haben wir uns all das angeguckt, von dem ich auch schon mal berichtet habe. In der Stadt gibt es zurzeit eine tolle, kostenlose Eisfigurenausstellung. Ich habe außerdem noch ein super Burgerrestaurant entdeckt, in dem es sogar vegetarische Burger gibt!! Ich hätte nicht gedacht, das ich das in Russland jemals sehen würde. Ich hab es mir auf jeden Fall für nächste Besuche gemerkt.

Den letzten Tag, den meine Schwester bei mir zu Besuch war, verbrachten wir in Tagil. Dort waren wir zu einem netten Mittagessen bei den Schwestern eingeladen und haben uns wegen der knappen Zeit Tagil im Schnelldurchlauf angeguckt. Auch hier ist momentan eine coole Eisfigurenausstellung über die ganze Innenstadt verteilt. Dann, schneller als gedacht, musste ich mich auch schon von der zweiten Schwester für die nächsten sieben Monate verabschieden.

Eine der Kirchen im Kreml
Streetart und Terrasse des „Loft Projekt Etagi"

 

 

 

 

Alles in allem waren es sehr sehr aufregende und auch emotionale zwei Wochen während meiner ersten großen Reise durch Russland.

Die tolle Zeit mit den anderen Freiwilligen und meinen Geschwistern hat den Wiedereinstieg in die Arbeit durch den großen Kontrast nochmal etwas schwerer gemacht. Mittlerweile bin ich aber schon wieder zwei Wochen hier und gut in den Alltag reingekommen. Allerdings geht es Ende des Monats, sprich in zwei Tagen, auch schon wieder los zum Zwischenseminar!

Eisfigur vom Taj Mahal als Labyrinth für Kinder in Tagil

 

Dezember
Ein tolles Weihnachtsfest

Skisprungweltmeisterschaft in Tagil

Im Dezember war mal wieder einiges los, deshalb in diesem Bericht nichts zur Arbeit, sondern nur meine Dezemberhöhepunke. Zunächst, wie versprochen, das Ballet. Es war ganz besonders, da das Moskauer Staatsballett zwei Vorführungen gegeben hat. Das hat man in Tagil sonst schließlich nicht. Wir haben uns „Schwanensee“ angeschaut und ich war sehr begeistert! Allerdings ließ sich auch als Laie erkennen, dass es an Synchronität leider ab und zu mangelte.

Kurz danach fand das nächste große Event im kleinen Tagil statt: die Skisprungweltmeisterschaften! Sogar das ZDF war dort, und weil ich wusste, meine Familie schaut zu, fühlte ich mich ihnen und Deutschland irgendwie ganz nah. Nach der Qualifikation bleiben wir allerdings nur noch eine Runde, weil die abendliche Kälte einen doch ordentlich durchfrieren lässt.

Am zweiten Dezemberwochenende reiste ich wieder die zwei Stunden nach Yekaterinburg in den Süden, um dort meine Mitfreiwillige Josi aus Omsk abzuholen. Nach zwei Tagen in Yekaterinburg fuhren wir gemeinsam in den Norden nach Tagil, von wo aus Josi dann am Montag auch schon wieder zurückfuhr.

Die Freiwilligen Josi und Marlene in Yekaterinburg

Ein weiteres Dezemberhighlight war eine Freiwilligendanksagung in Tagil. Zu Weihnachten bekamen gemeinnützige Tagiler Organisationen die Möglichkeit, sich bei ihren ehrenamtlichen Helfern zu bedanken. Oleg, der Leiter des Obdachlosenheims, hätte den Schwestern gerne eine Danksagung verliehen. Allerdings durften sie diese nicht annehmen, weil sie offensichtlich katholisch sind. Das könnte die katholische Kirche nach Meinung russischer Behörden in ein zu gutes Licht stellen. Die katholische Kirche gilt vor allem von den Orthodoxen häufig als eine Art „Sekte“ und wird mit Abstand behandelt. Deshalb wurde mir stellvertretend für die Schwestern eine ziemlich schicke, offizielle Danksagung verliehen.

Marlene nimmt die Danksagung für die ehrenamtlichen
Helfer entgegen.

Gerade weil die katholische Kirche in Russland einen anderen Stellenwert hat, halten die Kirchenmitglieder eng zusammen. Ich denke, das ist auch ein Grund für das tolle Weihnachtsfest, das ich hier verbracht habe. Eigentlich wird Weihnachten in Russland am 7. Januar gefeiert und auch nicht sonderlich groß, aber da ich viel mit den katholischen Schwestern und der Gemeinde zu tun habe, haben ich auch am 24./25. Dezember gefeiert.

Am 24. war auch für in den Projekten noch ein normaler Arbeitstag. So habe ich also im Kidsclub bei den Vorbereitungen für die Weihnachtsshow und im normalen Ablauf geholfen. Abends ging es dann in die gut gefüllte Heiligabendmesse. Anschließend waren alle, die wollten, herzlich zu einem Abendessen im Gemeindehaus eingeladen. Es war ein sehr schönes Miteinander, und zu meiner Überraschung gab es sogar als Hauptspeise Kartoffelsalat. Dazu gab es, wie immer in Russland, als Vorspeise Suppe und als Beilagen Krautpiroggen. Piroggen sind typisch russische Hefeteigtaschen mit ganz unterschiedlichen Füllungen. Und zum Nachtisch natürlich noch ganz viel Süsses!

Weihnachten mit der Kirchengemeinde

Für mich war der Mix aus slowakischen, russischen und den typischen Weihnachtstraditionen sehr schön und super interessant! Da die Schwestern aus der Slowakei kommen, haben sie den Pastor gebeten, wie sie es von zu Hause kennen, mit Honig auf der Stirn bekreuzigt und gesegnet zu werden. Das soll Schutz und Süße für das nächste Jahr bringen. Eine eher russische Tradition war es, eine Oblate, die jeder vor sich auf dem Teller hatte, mit seinen Nachbarn zu brechen, von sich ein Stück abzugeben und vom anderen ein Stück zu nehmen.

Der nächste Tag war frei, und ich war bei den Schwestern zum Mittag eingeladen. In kleiner Runde saßen wir zusammen, aßen und übergaben kleine Weihnachtsgeschenke. Ich habe flauschig warme Socken und passende Handschuhe bekommen!

Wir gingen abends in die Weihnachtsmesse und schlossen den Tag mit einem Restaurantbesuch ab. Ich kann wirklich sagen, dass ich mich an Weihnachten super wohl gefühlt habe. Es herrschte so eine herzliche, weihnachtliche Stimmung, dass es gar nicht anders ging!

Die Kinder aus dem Kidsclub nach ihrer Weihnachtsaufführung

Am 26. Dezember fand dann die lang und hart geprobte Weihnachsfeier des Kidsclubs statt, zu der auch die Familien eingeladen waren. Die Kinder tanzten, sangen, führten Puppenspiele und Theaterstücke vor. Danach waren alle noch zu Keksen und Tee eingeladen. Ich musste schon etwas früher los, da ich zu Hause noch einiges zu tun hatte. Ich musste nämlich für meine Reise nach St. Petersburg packen! Mitten in der Nacht ging es für mich los zum Flughafen nach Yekaterinburg, um am nächsten Morgen nach drei Stunden Flug in „Piter“ anzukommen.

Treffen aller Russlandfreiwilligen: Marlene mit Josefine, Kiana und Meike (v.l.) vor der Eremitage in St. Petersburg – ohne Jana und Jan-Philip, der das Foto gemacht hat.

Dort trafen wir uns mit allen sechs Russlandfreiwilligen, um gemeinsam Silvester zu verbringen. Neujahr wird in Russland prinzipiell größer gefeiert als Weihnachten, und es war viel los in der Stadt. Ich war allerdings recht enttäuscht, als um Mitternacht gar kein Feuerwerk startete. Wieso, kann ich mir immer noch nicht ganz erklären. Einen tollen Abend hatten wir trotzdem! Allgemein war es super lustig und es hat sehr gut getan, vor allem ohne Sprachbarrieren, mit Gleichaltrigen Zeit zu verbringen. Ich bin sehr traurig, dass die gemeinsame Zeit so schnell vorbeiging.

Passend zum Abschied der anderen Freiwilligen sind aber meine beiden Schwestern am 3. Januar aus Deutschland angekommen. Gemeinsam werden wir ein paar Tage in St. Petersburg und Moskau verbringen, bevor wir dann weiter nach Yekaterinburg reisen. Dazu dann nächstes Mal!

 

November
Viele neue Arbeitsprojekte

Am „Kulinarischen Tag" im Kidsclub durfte Marlene Janssen
ein deutsches Rezept vorschlagen. Und so versuchten sich
die Kinder am Backen von Kartoffelpuffern.

Der November ist nun auch schon wieder rum, und ich habe viel zu berichten. Endlich habe ich meinen neuen Arbeitsplan bekommen! Deshalb möchte ich zum einen verstärkt darauf eingehen und Euch zum anderen über meine Erlebnisse auf dem Laufenden halten.

Wie zuvor berichtet, habe ich bisher nur im Kidsclub gearbeitet. Für den Anfang waren sowohl ich als auch meine Betreuerin der Meinung, dass es für mich – vor allem in Anbetracht der emotionalen und sprachlichen Herausforderung – leichter ist, zunächst nur in dem „einfachsten“ Projekt mitzuhelfen, bis ich mich eingelebt und an alles gewöhnt habe. Mitte dieses Monats haben wir gesprochen und gemeinsam beschlossen, dass es für mich Zeit wird, auch die anderen Projekte der Schwestern kennenzulernen.

Mein derzeitiger Arbeitsplan sieht vor, dass ich montags und freitags wie gehabt im Kidsclub arbeite, dienstags und mittwochs für etwa drei bis vier Stunden im Obdachlosenheim mithelfe, am Mittwochvormittag in der Klinik zur ambulanten Behandlung der Tuberkulosepatienten, am Donnerstagvormittag in der Klink zur stationären Behandlung der Tuberkulosepatienten und eventuell nachmittags im Kidsclub. Die neuen Projekte unterscheiden sich alle stark voneinander.

Im Obdachlosenheim bin ich mit den Schwestern zusammen für die Pflege der Bewohnerinnen und Bewohner zuständig. Die Arbeit dort ist nicht ganz einfach. Einerseits kostet es mich jedes Mal wieder Überwindung, Berührungsängste zurückzustecken. Andererseits ist es der emotionale Aspekt. Viele Bewohner sind nicht mehr in der Lage, allein zu leben. Sie haben physische und/oder psychische Einschränkungen und Behinderungen: durch das Leben auf der Straße, durch Alkohol- oder Drogenmissbrauch. Das zu sehen und damit umzugehen ist schwer, aber auch, etwas von den Lebensgeschichten zu erfahren. Dennoch muss ich ehrlich sagen: Ich denke, dieses Projekt wird mein Lieblingsprojekt werden. Auch wenn ich nicht genau erklären kann, weshalb.

Eingang des Tuberkulose-Krankenhauses
am Stadtrand

In der Klinik zur ambulanten Behandlung sind wir nur einmal die Woche für eine Stunde, um Lebensmittelpakete zu verteilen. Die Tätigkeit in der stationären Klinik wurde mir als „keine körperliche, sondern eine mit dem Herzen“ beschrieben. Es ist genau genommen ein Besuchsdienst, den die Schwestern und fortan auch ich dort leisten. Sie nehmen sich Zeit, mit den Patienten zu sprechen und versuchen durch Gespräche eine emotionale Hilfe zu sein. Außerdem bringen sie ihnen Gebäck, Tee und individuelle Kleinigkeiten mit. Die Arbeit dort finde ich ebenfalls sehr beeindruckend, aber leider kann ich die Idee des Projektes auf Grund meiner sprachlichen Barrieren noch nicht richtig umsetzen.

Das erstmal zu meiner Arbeit! Ich bin sehr froh, nun endlich richtig mitarbeiten zu können, und ein bisschen mehr Abwechslung zu erleben.

Orthodoxe Kirche und Wahrzeichen in Omsk

Auch was das Thema Freizeit angeht, habe ich kleine Fortschritte machen können! So entwickelt es sich anscheinend zu meinem ersten und unerwarteten Hobby, dass ich nun donnerstags gemeinsam mit einer der jungen Pädagoginnen aus dem Kidsclub und ihren Freunden Volleyball spielen gehe. Aus der Schulzeit ist mir Ballsport und vor allem Volleyball schlecht in Erinnerung geblieben. Ich hatte weder Talent noch Spaß daran, aber hier freue ich mich immer wieder darauf, weil ich sowohl in Gesellschaft als auch in Bewegung bin. Gut spielen tue ich leider immer noch nicht, aber vielleicht wird es mit regelmäßiger Übung bald besser. Außerdem habe ich durch Zufall ein Yogastudio in meinem Stadtteil entdeckt. Bisher bin ich noch nicht dazu gekommen es auszuprobieren, aber ich plane, dies bald zu tun.

Durch einen weiteren Zufall habe ich auch tatsächlich Jugendliche in meinem Alter kennengelernt, die praktischerweise auch noch fließend Deutsch sprechen!

Ansonsten hatte ich Anfang des Monats ebenfalls eine sehr spannende Zeit! Erst war ich wegen eines Treffens der Kidsclubs zu Besuch in Omsk. Das hat mich total gefreut, weil dort Josefina, eine meiner Mitfreiwilligen, arbeitet. Direkt anschließend bekam ich noch Besuch von meinem lieben Betreuer Ottmar und seiner netten Kollegin aus Deutschland. Vorwegnehmend möchte ich auch noch berichten, dass ich heute Abend zum ersten Mal ins Ballet gehen werde! Wie es war, berichte ich dann nächstes Mal.

Bis dahin wünsche ich allen eine schöne Advents- und Weihnachtszeit!

Besuch des Omsker Tierheims mit den Kidsclubs aus Barnaul, Novosibirsk, Tagil und Omsk

 

Oktober
Warum Sprache und Freizeitgestaltung zu den großen Herausforderungen gehören

Das Theater für Drama in Nischni Tagil

Nach sieben Wochen in Russland hat sich bei mir das Gefühl eingestellt, angekommen zu sein. Ich habe einen regelmäßigen Alltag, der aus Aufstehen, Frühstücken, Lernen, Arbeiten im Kidsclub, Abendessen und Entspannen besteht sowie den sonntäglichen Kirchgängen, Nachhilfe und Tandemunterricht. Außerdem kenne ich mittlerweile die Abläufe im Kidsclub und alle Wege, die ich regelmäßig oder unregelmäßig bestreite. Da ich jetzt allmählich das Gerüst für mein Leben hier aufgebaut habe, gilt die nächste Aufgabe, dieses mit Leben zu füllen. Sprich: Hobbys und Freunde zu finden.

So enttäuschend sich das vielleicht anhören mag, aber bisher findet meine Freizeitgestaltung überwiegend allein in meinen vier Wänden statt. Es stellt sich für mich als erstaunlich schwer und auch unbehaglich heraus, Freunde oder Hobbys zu finden, ohne sich in der Sprache sicher zu sein. Außerdem habe ich bisher wenig Möglichkeiten gefunden, mich bei den derzeitigen Temperaturen um die Null Grad außerhalb meiner Wohnung zu beschäftigen. Cafés, in denen man gemütlich ein Buch lesen könnte oder Freizeitbäder gibt es in Nischni Tagil nämlich leider nicht. Zumindest nicht, wie ich sie aus Deutschland kenne.

Allein zu sein: Das war diesen Monat eigentlich meine größte Herausforderung. Obwohl: Ich habe mich nicht allein gefühlt, weil ich hier ein recht stabiles Netz an Vertrauenspersonen habe, durch die Schwestern und die beiden Mitarbeiterinnen im Kidsclub. Aber ich fühlte mich einsam, da mir eine Bezugsperson und Freund/in in meinem Alter außerhalb der Arbeit fehlt. Ich hatte zwischendurch ein wenig Heimweh und vermisste es, Zeit mit meinen Freunden zu verbringen. Dabei haben aber gute Gespräche mit weit entfernten Freunden oder den anderen Freiwilligen geholfen.

Marlene Janssen vor der „Kathedrale auf dem Blut" in
Yekaterinburg

Ein weiterer Faktor, der meine Freizeitgestaltung und alles andere selbstverständlich am stärksten beeinflusst, ist und bleibt die Sprache. Wie schon im vergangenen Monat berichtet, dachte ich, bevor ich geflogen bin, es würde wesentlich schlimmer und schwerer werden. Offen gesagt, ich konnte auf Russisch kaum mehr, als mich vorzustellen.

Doch inzwischen merke ich enorme Verbesserungen! Ich verstehe schon sehr viel und kann auch schon einiges sagen. Natürlich längst nicht alles, was und wie ich will, aber für sieben Wochen mehr als ich gedacht hätte. Dabei sind selbstverständlich die Nachhilfe und das Verständnis all meiner Gesprächspartner wichtig und eine große Hilfe. Diese Fortschritte und Erlebnisse sind sehr motivierend, und es macht mir auch einfach Spaß. Obwohl es frustrierend ist, ein Wort, das man eigentlich kennt, vergessen zu haben, die Grammatik, die man so hart gepaukt hat, nicht angewendet zu haben oder ein Gespräch mit jemandem zu führen, der sich herzlich wenig Mühe gibt, einen zu verstehen. Es ist und bleibt schwer, eine neue Sprache zu lernen, aber jeder kleine Erfolg ist motivierend und jeder Misserfolg reizt mich, es nächstes mal besser zu machen.

Die „Kathedrale auf dem Blut" wurde an der Stelle errichtet,
an der 1918 die Zarenfamilie ermordet wurde.

Kommen wir zu meinen Erlebnissen diesen Monat. Außerhalb meiner recht faden Freizeit gab es doch Tage, an denen ich meine arbeitsfreie Zeit spannend verbracht habe. So war ich Anfang des Monats beispielsweise mit einer der Schwestern für zwei Tage in Yekaterinburg, zwei Stunden südlich von Nischni Tagil. Das ist Russlands viertgrößte Stadt, unglaublich schön und sehr geschichtsträchtig.

Dort kam es 1918 zur Ermordung der Zarenfamilie Romanov durch die Bolschewiki. Wir besuchten die „Kathedrale auf dem Blut“, eine wunderschöne orthodoxe Kirche, die an der Stelle errichtet wurde, an der die Zarenfamilie umgebracht wurde. Wir besuchten ebenfalls „Ganina Jama“. Das ist der Ort, an dem die Zarenfamilie verbrannt und verscharrt wurde.

Heute befindet sich dort eine einzigartige Klosteranlage mit sieben von Hand gebauten Kirchen, eine zu Ehren jedes Familienmitglieds. Aus Respekt müssen alle Frauen bei Betreten der orthodoxen Kirchen ein Kopftuch tragen, und in „Ganina Jama“ auch einen Rock. Falls man diese nicht schon trägt, werden Tuch und gegebenenfalls Rock am Eingang bereitgestellt.

Als weiteres kulturelles Highlight besuchte ich in Tagil mit den Schwestern diesen Monat ein Orgelkonzert und mit einer jungen Mitarbeiterin des Kidsclubs ein Theaterstück. Von dem Theaterstück habe ich aber leider nicht viel verstanden, da es auf Altrussisch aufgeführt wurde.

Marlene Janssen in „Ganina Jama": Wer die orthodoxen Kirchen
betritt, muss Kopftuch und Rock anlegen.

In diesem Monat war nicht so viel los wie im letzten, aber er war nicht weniger spannend! Ich erlebe immer wieder neue Sachen, sehe neue Orte und komme auf andere Gedanken.

Diesen Monat beschäftigte ich mich, wie beschrieben, gedanklich viel mit der längsten Zeit, die ich bisher allein von zu Hause weg war. Aber ich denke, dass es eine der wichtigsten Aufgaben in diesem Jahr ist, herauszufinden, wie man mit Situationen umgeht, die man von daheim nicht kennt und Neues außerhalb der Komfortzone zu erleben. Das ist das Abenteuer, für das ich mich entschieden habe.

 

 

 

 

 

September
Meine Ankunft

Neue Heimat für ein Jahr: Nischni Tagil in Russland. Hier: Sonnenuntergang über dem Stausee im Zentrum der Stadt

Heute bin ich auf den Tag drei Wochen in Russland. Rückblickend ging die Zeit bisher wie im Fluge vorbei. Und dennoch habe ich so viel erlebt, von dem ich nie gedacht hätte, dass das alles in einem so kurzen Zeitraum geschehen könnte. Was „das alles“ ist, versuche ich in diesem Blog fortan bestmöglich darzulegen, zu reflektieren und zu kommentieren.

Als ich am 6. September in Hamburg dem Abschied meiner Familie und Freunde entgegensah, wurde mir klar, auf was ich mich tatsächlich einließ. Ich ließ all meine Freunde, meine Familie und eigentlich mein gesamtes Leben hinter mir, um in ein Land zu fliegen, dessen Sprache ich nicht mal annähernd genug konnte, um eine grundlegende Konversation zu führen. Und das war, möchte ich ehrlich sagen, das Schwerste, was ich bis zu diesem Zeitpunkt getan habe. Ich kann aber nur sagen; Bisher hat es sich gelohnt!

Von Hamburg brachte mich das Flugzeug über Moskau nach Novosibirsk, welches gute 1700 Kilometer östlich von meinem eigentlichen Zeil liegt. Dort blieb ich, zusammen mit zwei Mitfreiwilligen des FDA, Josefina und Kiana, bis zum 11. September, zur Registrierung und Bestätigung unseres legalen Aufenthalts in Russland. An diesem Tag ging es für Josefina und mich früh los, um mit dem Auto acht Stunden nach Omsk zu fahren. Dies ist die Stadt, in der Josefina ihren Freiwilligendienst leistet. Für mich war es aber nur eine Etappe auf dem Weg zu meinem eigentlichen Ziel.

In Omsk blieb ich den gesamten Nachmittag und Abend, damit ich gemeinsam mit einer slowakischen Freiwilligen den Nachtzug nach Yekaterinburg nehmen konnte. Es war wirklich eine kräftezehrende Reise, da wir zusätzlichen zu den acht Stunden Fahrt nach Omsk nochmal 14 Stunden im Zug reisten. Mit einem durch fünf Stunden Zeitverschiebung gestörten Biorhythmus wegen des Aufenthalts in Novosibirsk, unendlich vielen tollen neuen Eindrücken und heilloser Überforderung wegen der sprachlichen Barrieren, wurde diese Fahrt zu einem einzigen, langen Schläfchen für mich.

Ankunft am Bahnhof in Yekaterinburg

Endlich in Yekaterinburg angekommen, wurden meine Begleiterin und ich  von meiner Betreuerin, einer Ordensschwester, mit Luftballons und ganz viel Herzlichkeit empfangen. Vom Bahnhof fuhren wir dann nochmal weitere zwei Stunden Richtung Norden in den Ural, bis ich endlich mein Zuhause für das nächste Jahr erreichte: Nischni Tagil!

In den nächsten Tagen wurde ich zum Glück nicht direkt ins kalte Wasser geschmissen, ganz im Gegenteil, die Ordensschwestern versuchten so gut es ging, mir einen seichten Einstieg zu ermöglichen. Sie zeigten mir zunächst die Umgebung, die Stadt, meine Arbeitsstelle und sämtliche Wege, bevor ich alles alleine zu bestreiten hatte. Dafür war ich unglaublich dankbar, da genau das, neben der Sprache, eine große Sorge war. Es wurde alles getan, damit ich mich wohlfühlen kann und das tat ich auf Anhieb. Die Sorgen des Abschieds, die mich bis nach Novosibirsk begleitet hatten, wichen der Euphorie.

Außerdem habe ich gemerkt, dass es zwar viel Energie und Konzentration kostet, sich aber unheimlich lohnt, zu versuchen Russisch zu verstehen und zu antworten, wenn auch sicher nicht immer korrekt. Denn ich kann für mich selber schon kleinere, aber bestärkende Erfolge und Fortschritte verbuchen. Im Endeffekt habe ich mir, denke ich, mehr Sorgen gemacht als nötig.

An der Eurasischen Grenze

Mein bisheriger Alltag besteht darin, mittags bis abends im Kidsclub zu arbeiten. Das ist eine Art Hort für Schulkinder zur Nachmittagsbetreuung. Dort bereite ich mit einer Schwester und Pädagoginnen das Mittagessen vor, helfe beim Aufräumen und Saubermachen und spiele viel Uno und Mensch-ärgere-dich-nicht mit den Kindern. Es macht sehr viel Spaß, auch wenn es zum Teil frustrierend ist, die Fragen und Aussagen der Kinder nicht richtig zu verstehen. Vor und nach Feierabend bin ich meist zu Hause, esse, lerne Russisch, telefoniere mit Freunden und Familie oder schaue Serien. Ab und zu erkunde ich auf eigene Faust meine Umgebung oder gehe im nahgelegenen Wald spazieren.

„Jumping Hills" von Nischni Tagil: Dort fand im vergangenen
Jahr die Skisprung-WM statt.

Am Wochenende machen die Schwestern viele Ausflüge mit mir. So war ich bisher zum Beispiel schon an der (relativ unspektakulären) eurasischen Grenze, beim höchsten, wunderschönsten Aussichtspunkt der Stadt, im Zirkus (mit sämtlichen exotischen Tieren ein Erlebnis, bei dem man sich fragen mag, ob man das in Deutschland ohne Aufmärsche von Tierschutzorganistionen durchführen könnte) oder bei den „Jumping Hills“ von Nischni Tagil, wo letztes Jahr die Skisprung-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde. Ich habe mich riesig über diese tollen Möglichkeiten gefreut, das Land zu sehen und Stück für Stück besser kennenzulernen!

Letztens kam mir der Gedanke, was es überhaupt heißt sich „eingelebt“ zu haben. Wann hat man sich eingelebt? Wann weiß man, dass man nicht nur physisch angekommen ist? Ich glaube, einen Teil der Antwort habe ich heute für mich gefunden; Ich denke, es heißt unter anderem seinen Platz gefunden und sich in seiner neuen Situation definiert zu haben, ob das nun bedeutet, auf sich selber zu bestehen oder sich so gut es geht angepasst zu haben. Ich für meinen Teil, habe das noch nicht ganz herausgefunden. Ich weiß nur, dass ich auf dem besten Wege bin, mir hier ein neues Zuhause aufzubauen.