15.08.2018

Freiwilligendienst in Russland 2018/19

Neues aus Nischni Tagil

Marlene Janssen aus Bremen berichtet an dieser Stelle über ihren Freiwilligendienst im Ausland (FDA). Sie arbeitet in Nischni Tagil, einer Stadt im Uralgebiet im mittleren Westen Russlands. Ihr Einsatzgebiet ist ein Heim für Obdachlose sowie eine Einrichtung für benachteiligte Familien.

Juli
Es wird Zeit für den Abschied

Blick auf den Baikalsee. Foto: Jan-Philip Bünker

Meinen Monatsbericht schreibe ich, wie in den vergangenen Monaten so häufig, aus einem Transportmittel. Ich sitze zusammen mit den anderen Freiwilligen in einem etwas klapprigen typischen Bus und ruckele den sechsstündigen Weg durch die sibirische Landschaft zurück nach Irkutsk. Die letzte Woche verbrachten wir zum Teil schon dort, in der Hauptstadt der Region und größten Stadt am Baikalsee. Vier Tage waren wir aber auch auf Olchon, einer schönen Insel im Baikalsee. Der Baikalsee ist ein ganz erstaunlicher Ort. Er ist größer als Belgien, bildet einen großen Teil der Süßwasservorräte der Erde, ist Lebensraum für einmalige Spezies und friert im Winter ca. zwei Meter dick zu, so dass sogar Schienen und Straßen verlegt werden können. Außerdem ist er wunderschön!

Auf Olchon: ein Baum, der mit „Wunschbändern“ umwickelt ist,
vor dem Schamenenfelsen im Baikalsee.

Olchon ist eine Insel mit vielen mongolischen und schamanischen Einflüssen, die eine ganz andere Ausstrahlung hat, als das, was ich von Russland bisher gesehen habe. Die „Hauptstadt“ ist ein recht typisches Dörflein ohne gepflasterte Straßen, mit den Toiletten auf dem Hof und Kühen auf den Wegen. Aber kaum aus dem Ort draußen, befindet man sich an Klippen mit Steinfelsen im See und einem einmaligen Blick auf die Berghänge auf dem Festland. Für Schamanen, die die Insel wohl früher bewohnten, stellten diese Felsen heilige, von Geistern besiedelte Orte da. Das zieht, wie auch uns, viele weitere Touristen an. Der Kontrast zwischen den russischen und internationalen Touristen und dem russischen Dorfleben verdeutlichte die verschiedenen Welten, in die Russland durch Geld und Wohlstand gespalten ist.

Jetzt im Bus habe ich genug Zeit, den Anfang des Monats und gleichzeitig meine letzten Wochen in Tagil Revue passieren zu lassen. Seit dem letzten Bericht ist nämlich eine Menge passiert; Begonnen hat der Monat mit dem ersten Sommerlager der jüngeren Gruppe des Kidsclubs in Omsk. Das war für die Kinder ein großes Erlebnis, da viele von ihnen, zum Teil auch ihre Eltern, Nischni Tagil noch nie verlassen haben. Dass der Kidsclub diese tolle, teure Reise ermöglichen konnte, liegt daran, dass er Geld aus einem Fond des Staates für soziale Projekte erhalten hat. Dieser hat auch die schönen Ausflüge ins Puppentheater, ins Märchenhaus und ins Kino in Omsk finanziert. Auch wenn es für mich und die Pädagogen nicht immer einfach war, die ganze Truppe motiviert und beisammenzuhalten, hat es uns allen großen Spaß gemacht. Für mich war es außerdem nochmal eine schöne Möglichkeit mit den Kindern intensiver Zeit zu verbringen, bevor ich Tagil verlassen musste.

Fahrt in der Transsibirischen Eisenbahn nach Omsk mit den jüngeren Kindern

Direkt im Anschluss ging es für die Pädagogen Schwester Miriam und Julia, und mich weiter ins Zeltlager mit der älteren Gruppe. Dort gab es kein festes Programm wie in Omsk. Es ging einfach darum, gemeinsam Zeit zu verbringen. Wir haben zusammen über dem Lagerfeuer gekocht, waren im Fluss schwimmen und haben Spiele gespielt. Einen Tag allerdings machten wir als Highlight des Lagers eine Bootstour in dem wunderschönen Naturpark, in dem wir auch campten. Sieben Stunden auf dem Wasser paddeln, hat sich am Abend dann auch deutlich bemerkbar gemacht. Für das Lager leisteten uns auch die Schulabsolventen Gesellschaft, die den Kidsclub offiziell schon verlassen haben. Auch wenn ich sie alle über die Zeit schon kennengelernt habe, war es nochmal eine neue Erfahrung für mich, so viel Zeit ihnen zu verbringen. Vor allem weil ich die russische Jugendsprache offensichtlich nicht beherrsche.

Sonnenuntergang im Zeltlager

Froh, dann wieder in meinem Bett schlafen zu können, ruhte ich mich vor meiner letzten Arbeitswoche am Wochenende aus. Am Samstag war ich mit den Schwestern verabredet, um meinen offiziellen Abschied mit ihnen im Restaurant zu feiern. Dass es schon eine Woche vor meiner eigentlichen Abreise war, war darin begründet, dass Schwester Miriam am nächsten Tag bereits ihren Heimaturlaub in der Slowakei antrat und Schwester Antonia ein Sommerlager der Kirche betreute. Der Abschied war sehr schön, allerdings fühlte es sich für mich noch nicht final an, da ja auch noch die Abschiede in den Projekten anstanden.

Letzter gemeinsamer Abend mit den Schwestern (v.l.) Miriam und Antonia sowie der Schwestern Anwärterin Tatiana

Abschied von den Bewohnern im Obdachlosenheim

Sehr emotional waren für mich die Abschiede im Kidsclub, und vielleicht sogar noch mehr im Obdachlosenheim. Ich habe gemerkt, wie sehr ich für viele einfach schon dazugehörte. Den Bewohnern dann zu erklären, dass ich nun meinen letzten Tag mit ihnen verbringe und ihre Reaktion darauf zu erfahren, war schwer und schön zu gleich. Auch im Kidsclub hinterließ der Abschied bei mir ein lachendes und ein weinendes Auge. Die Tränen musste ich dann aber wirklich zurückhalten, als ich das letzte Mal meine Wohnung verließ, mich von Schwester Alschbeta verabschiedete und Tagil verließ.

In den letzten Wochen merkte ich, wie sich die Stimmung gegenüber meiner Rückkehr verändert hatte. Im Januar war für mich klar: Ich wäre nicht zufrieden, müsste ich nach sechs Monaten schon gehen. Jetzt merke ich, es ist Zeit. Ich fühle mich bereit zurückzukehren. Einen russischen Satz, den ich in dieser Zeit nicht aus dem Kopf bekam, lautet übersetzt: „Das Leben bleibt nicht stehen“.

Ich liebte meine Arbeit in Tagil und ich bereue keinen Tag, nach Russland gekommen zu sein. Deshalb war es nicht leicht, sich zu verabschieden. Im Rückblick kam der Tag, an dem es soweit war, so schnell. Und jetzt bin ich schon wieder eine Woche aus Tagil weg, habe viele Gedanken im Kopf, die darauf warten, bis zu meiner Ankunft in Deutschland in zwei Wochen sortiert zu werden. Aber das tue ich immerhin mit einer schönen Aussicht.

Abschied im Kidsclub

 

Juni
Elternbesuch und Schlusskurve

Mit den Eltern an der Eurasischen Grenze

Dieser Monat hat für mich besonders angefangen – und zwar mit dem Besuch von meinen Eltern. Schwester Antonia und ich holten sie frühmorgens in Yekaterinburg vom Flughafen ab. Nach dem sich alle ein wenig von der langen Reise und dem frühen Start in den Tag ausgeruht hatten, schauten wir uns zunächst ein bisschen im Stadtteil um.

Die „Dserschinski Region“, in der ich lebe, oder „Wagonka“, wie der Bezirk am Stadtrand umgangssprachlich genannt wird, ist nämlich recht interessant. Dort befindet ich „Ural Wagon Zawod“ die größte Panzer- und Wagonfabrik der Welt. Daher auch der Spitzname „Wagonka“. Im Krieg und auch heute noch beliefert sie Truppen mit Panzern, die auch auf dem zentralen Platz in Wagonka ausgestellt sind.

Die Fabrik ist für die Region und Tagil wirtschaftlich enorm wichtig. Die Schwestern sagten mir, rund zwei Drittel der arbeitenden Leute in Wagonka seien bei „Ural Wagon Zawod“ beschäftigt. Vor dem riesigen Fabrikgelände befindet sich ein Museum der Fabrik. Dort sind sämtliche bisher produzierte Panzer ausgestellt. In manche konnte man mit Hilfe einer Leiter sogar reinschauen. Die haben meine Eltern und ich als wichtigen Teil von Tagil natürlich besucht. Es war für mich gleichzeitig interessant und auch sehr unbehaglich, zwischen den ganzen Panzern zu stehen, die in ihren Zeiten den Tod vieler Leute verschuldeten. Vor den Panzern stehen Schilder, die die Ausstattung und bisherige Einsätze fast sogar stolz beschreiben.

Blick von den Weißen Bergen auf den Ural

Den nächsten Tag verbrachten wir zusammen in der Innenstadt. Dort spazierten wir und sahen uns die „Tagiler Highlights“ an. Dazu gehört der große Stadtsee, das Theater und der „Fuchsberg“.

Am Sonntag besuchten wir gemeinsam die Messe und wurden von den Schwestern zu einem leckeren, russischen Mittagessen eingeladen. Netterweise machten die Schwestern danach noch mit uns gemeinsam einen Ausflug zu den „weißen Bergen“ und der Eurasischen Grenze etwa eine Stunde westlich von Tagil. Zum Glück war schönes Wetter, so dass wir vom Berg einen tollen Blick in den Ural genießen konnten.

Mit den Eltern zu Besuch im Obdachlosenheim

Am nächsten Tag lernten meine Eltern meine Arbeitsplätze kennen. Vor allem das Obdachlosenheim hinterließ natürlich einen großen Eindruck.

Ein Besuch in Yekaterinburg durfte für meine Eltern selbstverständlich auch nicht fehlen. Dort hatten wir leider nicht so gutes Wetter wie die vorherigen Tage in Tagil und mussten unser Drei-Tages-Programm weitestgehend nach drinnen verlegen. Wir begaben uns auf die Spuren der Zaren und besuchten die Kirche auf dem Blut und das Museum, das auf dem Platz gebaut wurde, auf dem das Haus stand, in dem die Zarenfamilie versteckt wurde. Außerdem schauten wir uns ein Ballett an. Dieses Mal „Romeo und Julia“, und ich war nicht weniger begeistert als jedes Mal zuvor.

Gruppenfoto mit Eltern im Kidsclub

Den letzten Tag in Tagil lud uns der Kidsclub ein, wo meine Eltern und ich ein paar nette Stunden mit den Kindern verbrachten. Dann hieß es auch schon wieder Abschied nehmen. So schnell ging eine sehr schöne Zeit vorbei. Ich habe mich riesig gefreut die beiden wiederzusehen und auch darüber, wie interessiert sie an Russland waren, abseits der prächtigen Metropolen. Lange dauert es ja nicht mehr, bis ich sie wiedersehe.

Ausflug mit den Kindern vom Kidsclub in Tagil

Die ersten Abschiede musste ich diesen Monat schon hinter mich bringen. Nicht nur von meinen Eltern habe ich mich verabschiedet, sondern auch von den ersten Kontakten vor Ort. Eine deutsche Lehrerin, mit der ich in Tagil Kontakt hatte, ist über die russischen Sommerferien bereits wieder nach Deutschland geflogen und eine der Schwestern für zwei Monate nach Hause in die Slowakei. Wenn sie wiederkommen, habe ich meine Stelle schon verlassen. Es ist komisch zu wissen, dass man Leute, die einem während des Jahres ans Herz gewachsen sind, vielleicht nie wieder sieht.

Die drei Wochen im Juni nach dem Besuch meiner Eltern waren recht ruhig. Auf der Arbeit versuche ich die letzten Wochen nochmal besonders zu genießen. Im Kidsclub fand wegen der Sommerferien ein Sommerlager mit den kleinen Kindern statt, bei dem es mehr Programm als gewöhnlich im Klub gab. Jetzt ist der Juni vorbei und ich bin mit den Kindern und Pädagogen auf dem Weg ins nächste Lager nach Omsk. Wenn ich wiederkomme, wartet noch ein Zeltlager auf mich und eine letzte Arbeitswoche auf der Stelle. In den letzten Wochen und Monaten habe ich mich immer mehr auf Deutschland gefreut. Aber dass mein Abschied jetzt doch schon so nah ist und ich mehr oder weniger in der Schlusskurve bin, ist schon ein merkwürdiges Gefühl.

Auf dem Weg zu den Skisprung-Schanzen

 

Mai
Heroische Siegesfeier in Wolgograd

Die Statue „Mutter Heimat ruft". Foto: Jan-Philip Bünker

Dieser Monat war für mich ganz besonders. Ich habe das Gefühl, dass ich diesen Monat nochmal vor allem im Bereich Verständnis der russischen Kultur Fortschritte machen konnte, deshalb endlich mal wieder ein längerer Bericht!

Wir reisten nach Wolgograd, eine Stadt im Südwesten Russlands, vielleicht besser bekannt unter dem Namen, den die Stadt vor einigen Jahren trug: Stalingrad. Außerdem fand in jeder Stadt eine große Feier am 9. Mai statt, anlässlich des Tag des Sieges, dem wohl wichtigsten Feiertag Russlands. Weil das zusammen auf mich so einen großen Eindruck gemacht hat, möchte ich diesen Bericht gerne unserer Zeit in Wolgograd widmen und meine Erfahrungen teilen.

Wir hatten es extra geplant, den 9. Mai in Wolgograd zu verbringen, weil zu der Zeit viele Arbeitstage frei waren und weil wir uns die Feier in dieser Stadt besonders spannend vorstellten. So ging für mich, Josefina und Kiana (Freiwillige in Omsk und Novosibirsk) am 1. Mai – ebenfalls ein großer Feiertag – die 40-stündige Reise nach Wolgograd und zu Jan-Philip los, der dort als Freiwilliger arbeitet. Als wir aus dem Zug stiegen, noch leicht benebelt von der dunstigen, nach Essen und Menschen riechenden Luft im Zug, begrüßten uns warme Temperaturen, die Sonne und grüne Baume. Erst jetzt, Ende Mai, ist der Frühling eingezogen. Jan-Philip erwartete uns im Gemeindehaus, wo wir während unseres Urlaubs schlafen konnten. Wir erkundeten zu Fuß zunächst ein bisschen die Umgebung und machen uns danach auf den Weg zum Wolgaufer. Dort waren sehr schöne Grünstreifen und Parks angelegt. Allgemein hatte ich das Gefühl, dass viel dafür getan wurde, das Lebensgefühl in der Stadt durch Grünanlagen, schönere Gebäude, Fußgängerzonen und ähnliches zu steigern.

Rossoschka, der Friedhof für die deutschen gefallenen Soldaten im Wolgograd: im Hintergrund das große anonyme Grab, im Vordergrund Blöcke mit den Namen der Soldaten. Foto: Jan-Philip Bünker

Am nächsten Tag besuchten wir eines der Highlights der Stadt. Gegenüber des zur WM erbauten Stadions befindet sich die Statue „Mutter Heimat ruft" auf dem Hügel Mamajew Kurgan. Dieser Hügel war ein zentraler Punkt in der Schlacht um Wolgograd, weshalb heute rund um die mächtige Statue ein großes Gebiet angelegt ist. Man läuft einige Stufen hoch und befindet sich dann auf einer von Fahnen und Bäumen gesäumten, steilen Allee, die zum ersten Aussichtspunkt führt. Dort befindet sich ein großer Brunnen, in dessen Mitte die Statue eines Soldaten mit Gewehr thront. Auf der gegenüberliegenden Seite laden wieder Stufen zum Aufgang ein. Diese Treppe ist gesäumt von riesigen, meterhohen Steinwänden, in die Bilder vom Krieg eingemeißelt sind. Von irgendwo hinter dem Stein ist heroische Musik zu hören, die sich abwechselt mit alten Radioberichten.

Diesmal angestrahlt mit der sowjetischen Flagge bei einer Lasershow: die Statue „Mutter Heimat" auf dem Hügel Mamaew Kurgan. Foto: Jan-Philip Bünker

Am Ende des Absatzes befindet sich ein Wasserbecken, an der linken Seite eine graue Steinwand mit der Aufschrift „Eiserner Wind war ihnen im Gesicht, aber sie gingen alle weiter voran, und wieder hüllte ein Gefühl abergläubischer Angst den Feind ein: Wenn Leute in die Attacke gehen, ob sie dann sterblich sind?“ Hinter dem Teich kann man in eine Art Höhle gehen. Geht man den Gang weiter, kommt man in die „Halle des Ruhmes“. Dort befindet sich in einer steinernen Hand ein ewiges Feuer, vor das die Leute zu Ehren der Gefallenen Nelken legen. Rundum an den Wänden sind tausende Namen und Ränge der Soldaten zu sehen. Man verlässt die Halle durch einen runden Aufstieg und kommt auf einer Aussichtsplattform raus, wo sich eine weitere große Steinstatue befindet. Sie zeigt eine Mutter, die ihren in Tücher gehüllten, toten Sohn trägt. Vor der Statue ist ein kleiner Teich, der auf mich wirkte, als solle er die Tränen der Mutter darstellen. An der Seite gibt es einen von Ehrengräbern gesäumten Weg zum Fuße der 85 Meter hohen Statue. Außerdem gibt es neben der „Mutter Heimat“ auch eine kleine orthodoxe Kirche.

Mit dem Kaplan fuhren wir ein paar Tage später zu einem weiteren wichtigen Ort ein wenig außerhalb der Stadt. Da befanden sich vor dem Krieg noch zwei kleine Dörfer - heute nicht mehr. An ihrer Stelle sind dort zwei Friedhöfe, auf der einen Straßenseite ein kleiner für die russischen Soldaten, die während der Schlacht um die Dörfer gestorben sind, und auf der anderen Seite ein Friedhof für die deutschen Gefallenen in ganz Wolgograd. Der Friedhof besteht aus zwei Teilen. Auf dem einen Teil beerdigten Soldaten bereits während des Krieges ihre 1639 gefallenen Kameraden, der andere Teil besteht aus einem riesigen anonymen Friedhof für die Toten, die nach Ende des Krieges geborgen wurden.

Militärparade mit Panzern und Stalinfahne: „Danke für den Sieg“. Foto: Jan-Philip Bünker

Der Friedhof ist sehr schlicht, aber sehr schön in hellem Sandstein gehalten. Zu Ehren der Opfer wurden ihre Namen ganz klein auf ca. 1,50 Meter hohe und breite Steinblöcke geschrieben. Ich konnte nicht zählen, wie viele Blöcke es sind, aber ein Schild verriet uns, dass zusammen mit den Namen, die an einer anderen Stelle nachgetragen wurden, in den Jahren 1992 bis 2018 insgesamt 61.780 deutsche Soldaten geborgen und an dem Ort bestattet wurden. Viele Namen sind unbekannt. Ebenfalls auf dem Gelände befindet sich ein Altar. Dahinter das katholische/evangelische Kreuz und das orthodoxe, als Zeichen für einen gemeinsamen Frieden. Der russische Friedhof im Gegensatz ist recht klein. Die Toten haben Grabsteine auf denen eine Nelke und ein Helm liegt. Es wurde für mich immer klarer, dass die Erinnerung an die Gefallenen aus deutscher und russischer Sicht so unterschiedlich ist.

Am 8. Mai war zur Einstimmung auf die große Feier schon viel los. Von der Stadt gab es ein Programm, das wir uns gerne angesehen haben. Deshalb sind wir abends wieder auf dem Weg zur Mutter Heimat Statue gewesen. Dort fand eine tolle Lasershow statt. Die Statue wurde in verschiedenen Inszenierungen angestrahlt und stellte so immer wieder neue Szenen da. Es war nicht schwer zu erkennen, dass der Krieg und die Zeit danach aus russischer Sicht dargestellt wurde. Es waren zum Beispiel Schatten von kämpfenden Soldaten zu sehen, blutroter Hintergrund, einzelne orange/rot/gelbe Farbkleckse wie Bomben, danach schwarz. Eine von Ketten und Schlangen umwundene Mutter Heimat-Statue, die ihre Fesseln sprengt und anschließend in wehendem blauen Gewand dargestellt wird. Die Sowjetfahne erscheint.

Die „Halle des Ruhmes“ zu Ehren der russischen Soldaten, mit ihren Namen in der Wand verewigt, das Ewige Licht, die Soldaten und Nelken

Der 9. Mai begann mit einer Militärparade. Es standen eine Unmenge an Leuten auf dem Zentralen Platz in Wolgograd, wo die Parade begann. Die Leute hatten Fahnen in der Hand, wo mal Stalin, mal ein Panzer drauf zu sehen war. Auf fast allen stand „Danke für den Sieg“. Außerdem waren Erwachsenen und Kinder in Militäruniformen zu sehen, und es schien das Normalste der Welt zu sein. Menschen, die Angehörige im Krieg verloren haben, hielten Schilder mit ihren Fotos hoch: „Danke für den Sieg“ oder „Froher Tag des Sieges“. In der Parade waren Panzer, Kanonengeschütze und ähnliche Fuhrwerke zu sehen, von denen ich nicht mal den Namen kenne. Danach lud die Fußgängerzone zum gemütlichen Spazieren ein, vorbei an den ausgestellten Kriegsfuhrwerken, die nach Bedarf als Fotohintergrund, Spielplatz oder zum Vorführen dienten.

Als auf einmal Kanonen oder Pistolen abgefeuert wurden, habe ich vermutlich den Schreck meines Lebens bekommen. Als Deutsche, mit einem so anderen Umgang mit der Erinnerung, fühlten wir uns komisch in der feiernden Menge. Deshalb haben wir uns auch dagegen entschieden, am „Marsch der Erinnerung“ teilzunehmen. Wir genossen stattdessen das schöne Wetter und das Unterhaltungsprogramm an der Wolga. Bevor wir nachts wieder in den Zug stiegen, wollten wir auf keinen Fall die „Salute“ am Ufer verpassen. Das war ein großes Feuerwerk, welches augenscheinlich von einem Raketenwerfer und dementsprechend lautem Knall abgefeuert wurde.

Statue der trauernden Mutter mit ihrem Sohn

Das war, wie ich Wolgograd als ehemaligen Kriegsschauplatz und die passenden Feierlichkeiten dazu wahrgenommen habe. Ich habe mich speziell auf die Beobachtung mit Bezug zum Krieg fokussiert, da ich die im Vergleich zu der deutschen Wahrnehmung so unglaublich spannend finde. Ich verstehe nun besser, dass es eben die russische Art ist, den Krieg und die gefallenen Soldaten zu ehren. Für uns sind die Soldaten ebenso Opfer wie die Zivilisten, aber hier sind sie die Helden, die ihr Vaterland gegen den Einmarsch der Deutschen verteidigt haben und für den Krieg, ihr Land und die Leute gestorben sind. Es wird erinnert, indem sie nunmal das feiern, wofür sie gestorben sind, um dem Tod einen Sinn zu geben. Auch wenn mir ist stärker bewusst geworden ist, weshalb und wie Russen den Krieg und den Sieg feiern, finde ich die Art zum Teil problematisch. Es verharmlost Krieg und militärische Einsätze.

 

April
Eine neue Aufgabe: Englischunterricht für Kinder, Mütter und Großmütter

Vor dem Kidsclub mit Kindern beim Inlinerfahren

Diesen Monat fällt mir das Schreiben wieder nicht ganz so leicht. Genau wie im März ist diesen Monat nicht viel Außergewöhnliches passiert. Ich würde auch sagen, dass ich im April kleine Schwierigkeiten bezüglich Motivation und Heimweh hatte.

Ich bin mittlerweile schon ganze acht Monate in Russland. Das ist eine lange Zeit, die so schnell verging und in der ich unheimlich viele tolle und wichtige Erfahrungen sammeln konnte. Was für eine Chance dieses Jahr im Ausland ist, habe ich in den letzten Wochen, denke ich, ein bisschen aus den Augen verloren. Oder anders gesagt: Ich hatte nicht das Gefühl, ich könne sie gerade nutzen.

Ich habe festgestellt, dass diese natürlichen Schwankungen zwischen motiviert und kraftlos bei mir während dieses Jahres einfach extremer ausfallen – aus dem Grund, dass es eine andere Art von Stabilität ist, als ich es in Deutschland gewohnt bin. Dieses „anders“ ist meistens total toll, aber leider ist es manchmal für einen Moment auch einfach nur doof.

Vor der Tuberkulose-Poliklinik werden Lebensmittelpakete und Geschenke zu Ostern verteilt.

In meiner freien Zeit habe ich in diesem Monat viel damit verbracht, mit den anderen Freiwilligen unsere Rückreise zu planen. Die genau Route steht fest und die Flüge sind gebucht. Wir werden Ende Juli unsere Stellen verlassen und die letzte Juliwoche am Baikalsee verbringen. Von da aus geht es mit einer kleineren Gruppe weiter nach Kamtschatka, am östlichsten Ende Russlands. Am 12. August landen wir dann wieder in Deutschland. Ich freue mich schon total auf diese Reise, aber andererseits bin ich schon traurig, da das heißt, dass wir unser FSJ beenden. Aber so weit ist es ja zum Glück noch nicht!

Was mir diesen Monat während meiner Phasen zwischen motiviert und unmotiviert auch nochmal klar wurde, ist, wie sehr ich meine Stelle liebe. Die Arbeit vor allem mit den Obdachlosen und den Kindern, aber auch in den Tuberkulose-Projekten habe ich  nach langer Eingewöhnungsphase meinen Platz gefunden und habe nun auch dort das Gefühl, meinen kleinen Beitrag leisten zu können.

Mammut-Skelette im Tagiler Naturkundemuseum

Apropos Arbeit: Ich habe eine weitere Aufgabe dazubekommen! Bisher habe ich in allen Projekten der Schwestern gearbeitet, außer in der Mutter-Kind-Einrichtung, also meiner Wohnung. Dort habe ich jetzt aber sogar mein eigenes kleines Projekt bekommen! Einmal die Woche gebe ich dort für insgesamt eine Stunde Englischunterricht. Eine halbe Stunde „unterrichte“ ich zwei bis drei Kinder von fünf bis acht Jahren und eine halbe Stunde ihre Mütter bzw. Großmütter. In der Schule lernen alle entweder Englisch oder Deutsch. Da ich aber vor allem mit Menschen aus bildungsfernen Schichten arbeite, sind die Fremdsprachenkenntnisse dementsprechend praktisch nicht vorhanden. Mit den Kindern, die teilweise noch nicht in der Schule sind, schafft man natürlich nichts Unglaubliches, aber wir wiederholen und üben immer einfache kurze Sätze, bis die Kinder dann keine Lust mehr haben und lieber spielen wollen.

Ein Highlight in diesem Monat war natürlich Ostern. Das hieß: viele lange, aber auch schöne Messen, Treffen mit der Gemeinde und sehr nette gemeinsame Nachmittage und Abende mit den Schwestern. Ich habe mich in dieser Zeit vor allem nochmal viel mit mir und meinem Glauben auseinandergesetzt.  

Marlene hat für die Kinder im Kidsclub russischen Borschtsch gekocht.

Nach Ostern gab es wieder einen Wetterumschwung. Von dem schönen frühlingshaften Wetter Anfang Mai zum erneuten Wintereinbruch. Es schneite zwei Tage durchgehend, war kalt und einfach unschön. Das hat meiner Laune dann natürlich nochmal einen kleinen Tritt versetzt, aber nun gut – was will man tun?! Viel mehr tat es mir leid für die tatkräftigen Arbeiter, die in den vergangenen Wochen eifrig damit beschäftigt waren, die letzten Spuren des Winters zu beseitigen und für die großen Feiern Anfang Mai aufzuräumen.

Diese Feiertage verbringe ich mit drei anderen Freiwilligen in Wolgograd und befinde mich sogar schon auf der 40-stündigen Reise im Zug. Dazu dann aber nächstes Mal mehr.

 

März
Schneeschmelze und ein Feiertag zu Ehren der Frauen

Im Ballett in Yekaterinburg

Diesen Monat habe ich keine große Reise unternommen und es stand auch kein besonderes Event an. Dennoch gab es für im März ein paar Highlights:

Anfang des Monats war ich für ein Wochenende bei einer deutschsprachigen Bekannten in Yekaterinburg eingeladen. Gemeinsam verbrachten wir ein tolles Wochenende, mit einem weiteren grandiosen Besuch im Ballet, Langlauf und Abfahrt Skifahren. Direkt am südlichen Rand der Stadt gibt es ein kleines Wintersportgebiet, von dem aus man über ganz Yekaterinburg gucken kann. Es hat mir total viel Spaß gemacht, Yekaterinburg nochmal von dieser anderen Seite zu erleben, da ich dort bisher immer nur an wenigen, mir bereits bekannten Plätzen, war.

Ziemlich direkt danach passierte ein Wetterumschwung. Sehr kalt (also minus 15 Grad und kälter) ist es hier zwar schon länger nicht mehr gewesen, aber der März hat uns dann nach etwa fünf Monaten endlich Plusgrade beschert! Leider musste ich in den letzten Wochen feststellen, dass der „Frühling“ hier alles andere als schön ist. Es blüht noch nichts, weil der ganze Schnee, der sich über den langen Winter und Dauerfrost angesammelt hat, zuerst schmelzen muss. Das ist wirklich eine unschöne Sache, denn Gullis und Straßenkanalisationen sind hier sehr schlecht ausgebaut und mit den Massen an Schmutz und Schmelzwasser schlichtweg überfordert. Dementsprechend gleichen die Straßen an „warmen“ Tagen eher Flüssen und die Fußgängerwege eher Seen.

Skihang am Stadtrand mit Blick auf Yekaterinburg

Es ist wettermäßig aber nicht alles schlecht. Wir hatten in der letzten Zeit sehr schönes Wetter mit bis zu acht Grad und Sonnenschein. Was mich am meisten an diesem Wetter freut, ist, dass meine Winterjacke jetzt wieder im Schrank hängt und die Tage des langen Winters gezählt sind!

Der 8. März war in Deutschland dieses Jahr zum ersten Mal in Berlin ein Feiertag. Der Weltfrauentag ist hier in Russland bereits seit über 40 Jahren gesetzlicher Feiertag. Für mich ist das recht überraschend, vor allem wegen der stärker vertretenen Rollenbilder und der Stellung der Frau in der Gesellschaft. Jedenfalls ist es ein sehr großer Feiertag und es besteht die Tradition, die Frauen in seinem Bekanntenkreis mit Blumen oder einer Kleinigkeit zu beschenken. Vom Kidsclub habe ich einen wunderschönen Strauß Blumen geschenkt bekommen!

Müttercafé zum Weltfrauentag im Kidsclub

Zu diesem Anlass gab es im Kidsclub nachmittags ein „Café“ zu dem die Mütter und Großmütter der Kinder eingeladen wurden, die Kinder die Kellner spielten und für Programm sorgten. Es war ein sehr netter Nachmittag und für mich sehr interessant zu sehen, wie unterschiedlich manche Mütter mit ihren Kindern umgehen; ich habe also einen kurzen, oberflächlichen Eindruck in die russische Kindererziehung zu bekommen.

Es taut: die Straßen in Tagil nach einem langen Winter

Passend zum Frühlingsstart und dem Weltfrauentag am 8. März habe ich mich im Fitnessstudio angemeldet. Nachdem ich rausgefunden habe, dass das Yogastudio doch nichts für mich ist, dachte ich an das Fitnessstudio als nächste Anlaufstelle, um meine Zeit produktiver und außerhalb der Wohnung zu nutzen. Gesagt, getan, und nun bin ich seit drei Wochen angemeldet, regelmäßig dort und kann zudem auch noch kostenlos Kurse besuchen.

Letztens habe ich Kickboxen ausprobiert. Ich habe festgestellt, dass es unglaublich anstrengend ist, für jemand so Untrainierten wie mich, aber es hat auch sehr viel Spaß gemacht. Außerdem wurde mir eine Partnerin zugeteilt, die auch das erste Mal da war und wir haben uns gut verstanden. Ich habe vor, nochmal hinzugehen, aber ob es dauerhaft was für mich ist, weiß ich noch nicht. Glücklicherweise gibt es sonst aber noch bestimmt 15 weitere Kurse, die ich neben dem regulären Training testen kann.

Diese gesamte letzte Woche und ein paar Tage in den April hinein haben die Kinder in Tagil Frühlingsferien (vielleicht sogar in ganz Russland, aber ich weiß es nicht genau). Im Kidsclub fand deshalb eine Ferienbetreuung statt. Parallel dazu fuhren fünf Kinder aus Tagil mit einer Pädagogin zu einem Kidsclubtreffen nach Omsk. Das führte dazu, dass ich gebeten wurde, die Woche ausschließlich im Kidsclub zu arbeiten, damit genügend Personen die Kinder betreuen.

Guter Kontakt zu den Kindern im Kidsclub

Ich habe das Gefühl, dass ich in dieser Woche nochmal eine ganz andere, engere Beziehung zu den Kindern aufbauen konnte, als es mir möglich gewesen wäre mit nur zwei Tagen die Woche dort. Die Arbeit mit den Kindern macht mir sehr viel Spaß und je mehr ich im Kidsclub bin, desto wohler fühle ich mich. Die Kinder haben mich von Anfang an sehr herzlich aufgenommen. In letzter Zeit merke ich aber, dass ich mich selber nochmal auf eine ganz andere Art und Weise mit neuer Energie und besseren Sprachkenntnissen in alle Projekte einbinden und in ihnen aufgehen kann. Das gibt mir das Gefühl, hier meinen Teil ausrichten zu können.  

 

Februar
Halbzeit und Zwischenseminar

So sieht es aus, wenn bei -35 Grad Celsius das Wasser in der Luft gefriert.

Halbzeit sechs Monaten in Russland. Passend dazu fing der Februar mit dem Zwischenseminar an. Vorher allerdings machte ich mich auf den Weg nach Omsk zu Josi. Die feierte nämlich zwei Tage vor Beginn des Seminars ihren Geburtstag. Frühmorgens am Sonntag, 3. Februar, kam unser Betreuer Ottmar aus Deutschland an, gemeinsam mit Johanna, einer ehemaligen FDA-Freiwilligen. Wir nahmen mittags den Zug, nachdem die beiden sich ein bisschen ausgeruht hatten. Vier Stunden später kamen wir in Barabinsk an, das ziemlich genau zwischen Novosibirsk und Omsk liegt. Am Bahnhof wurden wir abgeholt von Schwester Petronella und Pater Dietmar, einem deutschen Pfarrer, der für die Gemeinde in Kuibyschew zuständig ist. Im etwa 20 Minuten entfernten kleinen Örtchen Kuibyschew mitten in Sibirien fand unser Seminar statt.

Den Sonntag nutzen wir, um anzukommen und zu besprechen, wie unser Seminar ablaufen wird. Uns Freiwilligen wurde gesagt, dass die Gestaltung prinzipiell in unseren Händen liegt und nur von den Essenzeiten eingeschränkt ist. Demnach haben wir den Montagvormittag erstmal damit verbracht, uns überhaupt klar zu werden, womit wir uns genauer auseinandersetzten wollen. Für die ersten zwei Tage arbeiteten wir mit einer Methode, die wir auch schon auf einem der Vorbereitungsseminare vor fast einem Jahr sehr gut fanden. Dafür machten wir zuerst eine Art Brainstorming, um Ideen und Stichpunkte zu sammeln. Darum herum erstellten wir ein Schaubild, eine Collage oder man schrieb sich einfach alles auf. Am Montag fingen wir an, mit Hilfe der Collagen oder was auch immer wir angefertigt hatten, über die erste Hälfte unseres Zwischenseminars zu sprechen. Erstmal ging es nur darum, ins Gespräch zu kommen und erste Denk- und Reflektionsprozesse in Gang zu bringen. Hierfür nahmen wir uns Zeit bis Dienstag.

Beim Zwischenseminar in Kuibyschew (1. Reihe v.l.): Josi, ich, Kiana, Meike, Priesteramtskandidat Vladimir, 2. Reihe v.l.: Johanna, Jana, Pater Dietmar und Jan-Philip

Wir konnten alle sehr ehrlich über das sprechen, was wir bisher erlebt haben und was uns bewegt hat. Es war sehr schön, so eine offene Stimmung zu erleben und ich denke, das hat unsere kleine Gruppe der Russland-Freiwilligen nochmal enger zusammengeschweißt. Um die Stimmung wieder aufzulockern und alles ein wenig sacken zu lassen, nahmen wir uns den Mittwoch frei. Wir gingen auf dem nahegelegenen eingefroren Fluss langlaufen und Schlitten fahren. Hab ich schon erwähnt, dass wir zum Teil bis zu -40°C hatten? Es war wirklich, wirklich kalt, aber ich fand es dennoch erstaunlich gut auszuhalten, denn wir genoßen viel Sonnenschein und klaren Himmel. Wir spazierten ein wenig durch Kuibyschew, in dem es allerdings nicht sonderlich viel zu entdecken gab. Wir kamen an einem Frisör vorbei, und ich beschloss spontan, mir meine langen Haare abzuschneiden.

Außerdem waren wir am Abend zu Besuch bei Robert. Er ist ein fast 90 Jahre alter Russlanddeutscher, der als Kind im Alter von elf Jahren mit seiner Familie aus der Wolgaregion unter Stalin nach Sibirien zwangsumgesiedelt wurde. Er hat uns erzählt, dass seine Vorfahren im 18. Jahrhundert unter Katharina der Großen aus Deutschland nach Russland ausgewandert sind, sodass vor allem im Wolgagebiet viele deutsche Siedlungen entstanden sind. Es war faszinierend, wie er uns in einem Deutsch, das über Generationen weitervermittelt wurde, über seine Kindheit in einem der deutschen Dörfer, die Umsiedlung und das neue Leben in Sibirien erzählen konnte. Den ganzen Tag hatte er für uns seine selbstgebaute Banja (eine russische Sauna) in seinem Innenhof schon mit dem Ofen eingeheizt, sodass wir nach den interessanten Gesprächen in der heißen Sauna entspannen konnten. Zum Abkühlen musste man schließlich auch nur vor die Tür gehen – sehr praktisch! Der traditionelle selbstgebrannte Schnaps danach durfte natürlich auch nicht fehlen!

Ein Haarschnitt für 150 Rubel – umgerechnet 2 Euro

Für Donnerstag und Freitag arbeiten wir fleißig weiter mit einer Art Ampelprinzip; wir hatten grüne Zettel für alles, mit dem wir bisher zufrieden sind, was gut läuft und so weitergehen soll, gelbe für das, was momentan im Prozess ist und rote, um einen Stillstand oder Sachen, die noch ins Rollen gebracht werden müssen, festzuhalten. Für meinen grünen Zettel sind mir sofort die Projekte, also meine Arbeit und die Beziehung zu den Schwester eingefallen. Auf meinem gelben Blatt stand unter anderem die Sprache. Damit läuft es noch nicht so gut, als dass ich sie auf den grünen Zettel schreiben könnte, aber ich bin auch nicht so unzufrieden, dass sie nur auf dem roten hätte stehen können. Ich merke, ich mache immer weiter Fortschritte. Auf meinem roten Zettel standen Kontakte und Beziehungen außerhalb denen, die mit meinem Arbeitsumfeld zu tun haben. Das ist meine große Baustelle, mit der ich, wenn ich jetzt schon nach Hause reisen müsste, so wie es ist, nicht zufrieden wäre.

Aber vielleicht tut es mir mal ganz gut, mehr Zeit allein zu verbringen, so lange ich sie vernünftig nutze. Meine zweite Baustelle, und die wahrscheinlich viel wichtigere. Denn Kontakte kann man nicht erzwingen. In den meisten Fällen zumindest hat man wenig Einfluss darauf. Natürlich kann man von sich aus Initiative ergreifen, aber da sind wir dann schon wieder bei meiner zweiten Baustelle: die Zeit, die ich habe, sinnvoll zu nutzen, aus der Wohnung rauszukommen und aktiv zu werden. Das kann für mich auch bedeuten, die Stadt weiter zu erkunden oder zum Yoga-Studio zu gehen (das ich im November schon entdeckt habe). Letztens konnte ich mich endlich dazu aufraffen an einem Kurs dort teilzunehmen, und im Nachhinein kann mich mir nicht so recht erklären, was mich aufgehalten hat. Ich bin froh, nun diese Möglichkeit zu haben, dort mit anderen im Kurs Sport zu machen.

Allgemein würde ich sagen, hat das Seminar mir sehr gute Impulse zu meiner Situation hier als Freiwillige in Russland gegeben. Danach ging es für uns alle noch für zwei Nächte weiter nach Novosibirsk. Wir konnten die Stadt erkunden und waren einen Abend sogar im Ballet. Dieses Mal haben wir den Nussknacker gesehen, und ich war genauso fasziniert wie beim ersten Mal!

Ein Eis in Omsk bei -25 Grad mit Josi und Jana

Für Josi und mich war es sehr interessant, nach wieder nach Novo zu kommen und die erste Stadt, die wir in Russland kennengelernt haben, nun ein halbes Jahr später nochmal mit anderen Augen sehen zu können. Es hatte mich damals überrascht, dass in der Stadt die Geschäfte und offiziellen Gebäude etwas versteckter zu sein scheinen und nicht wie in Deutschland alles direkt von außen zu erkennen ist. Jetzt jedoch sind mir die vielen Möglichkeiten, die die Stadt bietet, vor allem im Vergleich zu Tagil, sehr stark in Auge gefallen. Nach drei Tagen trennten sich die Wege dann leider wieder. Außer von mir, Meike und Jan-Philip, die mich beide bis nach Tagil begleiteten, um sich meine Stelle und die Stadt mal anzuschauen.

Wieder alleine in Tagil, haben mich auf der Arbeit ein paar Änderungen erwartet. Eine Kollegin aus dem Kidclub hat aufgehört. Da bisher kein Ersatz gefunden ist, und nach meinem Verständnis auch erstmal nach keinem gesucht wird, heißt es, diesen Ausfall auszugleichen. Das bedeutet, die Arbeit wird intensiver. Im Kidsclub hat sich mein Status zur „Fast-Pädagogin“ geändert und habe ich neue Aufgaben und Verantwortung dazubekommen. Für die erste Woche ohne die eine Kollegin und für die darauf folgenden Montage und Freitage, die ich immer im Kidsclub arbeite, bin ich dafür zuständig, das Essen nach den vorbereiteten Essensplänen für ca. 20 Leute zu kochen.

Wir machen Schneeengel am Flussufer in Kuibyschew

Außerdem gehört zu meinen Aufgaben, die Fotos, die von den Kindern beim Spielen oder Basteln gemacht werden, digital zu archivieren. Auch im Obdachlosenheim wird das Arbeitspensum straffer. Eigentlich waren wir bisher immer zu dritt dort. Doch eine der zwei Schwestern wird für Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, die dritte Pädagogenrolle im Kidsclub übernehmen, was dazu führt, das wir nur noch zu zweit im Obdachlosenheim und den Krankenhäusern arbeiten. Der Besuchsdienst lässt sich auch gut zu zweit erledigen, aber im Obdachlosenheim, wo es ja auch physisch anstrengend werden kann, war es sehr schön, jemanden zu haben mit dem man sich auch mal abwechseln konnte.

Es ist keine Umstellung, die für mich nicht auszuhalten ist. So groß ist sie ja schließlich auch nicht, aber dran gewöhnen muss ich mich dennoch. Außerdem freue mich sehr darüber, hier zum einen tatsächlich eine Hilfe sein zu können und zum anderen bin ich froh darüber, dass man mir offensichtlich diese großen Verantwortungen zutraut.

 

Januar
Meine erste große Reise durch Russland

Auf dem Flohmarkt Udel 'naya in St. Petersburg

Es geht weiter, wo es aufgehört hat. Nach einer spannender Woche und einem aufregenden Silvester, habe ich am 3. Januar in St. Petersburg meine beiden älteren Schwestern aus Deutschland in Empfang genommen. Abends waren wir dann zusammen mit den anderen Freiwilligen beim Georgier essen.

Die nächsten drei Tage in „Piter“ verbrachten ich und meine Schwestern mit ausgiebigen Spaziergängen und Sightseeing. Es war in den Tagen nach Silvester, als die Ferien für die russischen Schülerinnen und Schüler gestartet sind, überall deutlich voller als noch eine Woche zuvor. Das ist mir besonders aufgefallen, als die Schlange zum Eingang der Eremitage durch den gesamten Hof ging und sich keinen Zentimeter bewegte.

Außerdem waren wir noch auf einem etwas außerhalb liegenden Flohmarkt, auf dem man erstaunlich coole und vor allem günstige Vintageklamotten, Möbel und allerhand Schnick-Schnack kaufen kann (hier in Russland ist der westliche „Vintagestil“, glaube ich, noch nicht so angekommen oder beliebt wie in Deutschland).

Die drei Schwestern in der St. Petersburger U-Bahn:
Caro, Marlene und Pauline (v.l.)

Am anderen Tag haben wir uns auf die Suche nach dem „Loft Projekt Etagi“ gemacht. Im Internet wurde es beschrieben als hippes, alternatives Projekt- und Ausstellungshaus verschiedener Künstlerkollektive. Dort gab vor allem viele Touri-Läden, aber auch ein paar coole Streetart und Kunstwerke. Allerdings war es anders alternativ – nicht wie man es von Deutschland gewohnt ist. Das „Loft Projekt“ hat mir alles in allem gut gefallen (abgesehen von einer „Wildlife“-Ausstellung, in der man mehrere echte Füchse beobachten und streicheln konnte), vor allem, weil ich erleben konnte, was „alternativ“ in Russland bedeutet oder zumindest wie Russen es sich vorstellen.

Am 6. Januar ging es dann mit dem Vier-Stunden-Schnellzug nach Moskau. Man hätte für eine Geldersparnis auch den Zwölf-Stunden-Nachtzug nehmen können, aber den Luxus haben wir uns dann gegönnt.

Die Basilius-Kathedrale vor dem Weihnachtsmarkt
in Moskau

In Moskau machten wir uns am nächsten Tag natürlich direkt auf den Weg zum Roten Platz. Dort befand sich noch der Weihnachtsmarkt, weshalb alle Hütten und der ganze Platz in schönen Lichtern und weihnachtlicher Deko geschmückt war. Allgemein habe ich festgestellt, dass Weihnachten, auch nach dem russischen Weihnachten, noch nicht vorbei ist. Die Städte sind immer noch geschmückt (genauso wie meine Wohnung).

Vom Roten Platz aus, der kleiner ist, als man denkt, kann man bekanntermaßen einen Blick auf die angrenzenden Mauern des Kreml werfen und die wunderschöne Basilius-Kathedrale bewundern. Zum Aufwärmen gingen wir in das Kaufhaus „Gum“. Das befindet sich direkt am Roten Platz und ist beeindruckend. Leisten kann man sich da allerdings nichts. Danach kauften wir uns Tickets, um den Kreml auch von innen zu sehen. In die Regierungsgebäude kommt man natürlich nicht, aber wir konnten uns auf dem Kirchplatz und in den Kirchen des Kreml umsehen. Gerade fand dort eine Feier statt, zu der Kinder, die Besonderes geleistet haben oder in besonderer Weise herausstachen (zum Beispiel durch gute Noten oder besondere Sporterrungenschaften) aus dem ganzen Land eingeladen wurden.

Das weihnachtlich geschmückte Kaufhaus „Gum"

Am nächsten Tag ging es für uns zur Arbatstraße, die wohl historisch irgendwie herausstechen sollte. Sie stellte sich allerdings als eine von Souvenirläden gesäumte Touristenfalle heraus. Das war dann zwar nichts besonders Kulturelles, aber immerhin konnten meine Schwestern Souvenirs für zu Hause kaufen.

Leider musste eine meiner Schwestern dann schon wieder nach Hause fliegen. Mit der anderen suchte ich an unserem letzten Tag in Moskau nach einem Künstlerviertel, ähnlich dem, das wir in Petersburg entdeckt haben. Dort gab es leider weniger Ausstellungen als wir gedacht haben und vor allem teurer. Die, die wir interessanter fanden, sollte ungefähr 20 Euro Eintritt pro Person kosten und das war uns eindeutig zu viel. Wir kamen ins Gespräch mit jemandem, der die Ausstellung betreut, der für uns den Preis dann auf ca. 7 Euro für beide Tickets handeln konnte. Da konnten wir natürlich nicht Nein sagen und haben den Nachmittag in der Ausstellung verbracht.

Die drei Schwestern vor der Basilius-Kathedrale
in Moskau

Dann ging es auch schon zum Zug, der uns innerhalb von 26 Stunden nach Yekaterinburg brachte. Die Fahrt selber war ganz entspannt, aber ich bin es ja mittlerweile fast schon gewohnt. Auch wenn es für mich mit 26 Stunden bisher die längste Strecke war.

In Yekaterinburg haben wir uns all das angeguckt, von dem ich auch schon mal berichtet habe. In der Stadt gibt es zurzeit eine tolle, kostenlose Eisfigurenausstellung. Ich habe außerdem noch ein super Burgerrestaurant entdeckt, in dem es sogar vegetarische Burger gibt!! Ich hätte nicht gedacht, das ich das in Russland jemals sehen würde. Ich hab es mir auf jeden Fall für nächste Besuche gemerkt.

Den letzten Tag, den meine Schwester bei mir zu Besuch war, verbrachten wir in Tagil. Dort waren wir zu einem netten Mittagessen bei den Schwestern eingeladen und haben uns wegen der knappen Zeit Tagil im Schnelldurchlauf angeguckt. Auch hier ist momentan eine coole Eisfigurenausstellung über die ganze Innenstadt verteilt. Dann, schneller als gedacht, musste ich mich auch schon von der zweiten Schwester für die nächsten sieben Monate verabschieden.

Eine der Kirchen im Kreml
Streetart und Terrasse des „Loft Projekt Etagi"

 

 

 

 

Alles in allem waren es sehr sehr aufregende und auch emotionale zwei Wochen während meiner ersten großen Reise durch Russland.

Die tolle Zeit mit den anderen Freiwilligen und meinen Geschwistern hat den Wiedereinstieg in die Arbeit durch den großen Kontrast nochmal etwas schwerer gemacht. Mittlerweile bin ich aber schon wieder zwei Wochen hier und gut in den Alltag reingekommen. Allerdings geht es Ende des Monats, sprich in zwei Tagen, auch schon wieder los zum Zwischenseminar!

Eisfigur vom Taj Mahal als Labyrinth für Kinder in Tagil

 

Dezember
Ein tolles Weihnachtsfest

Skisprungweltmeisterschaft in Tagil

Im Dezember war mal wieder einiges los, deshalb in diesem Bericht nichts zur Arbeit, sondern nur meine Dezemberhöhepunke. Zunächst, wie versprochen, das Ballet. Es war ganz besonders, da das Moskauer Staatsballett zwei Vorführungen gegeben hat. Das hat man in Tagil sonst schließlich nicht. Wir haben uns „Schwanensee“ angeschaut und ich war sehr begeistert! Allerdings ließ sich auch als Laie erkennen, dass es an Synchronität leider ab und zu mangelte.

Kurz danach fand das nächste große Event im kleinen Tagil statt: die Skisprungweltmeisterschaften! Sogar das ZDF war dort, und weil ich wusste, meine Familie schaut zu, fühlte ich mich ihnen und Deutschland irgendwie ganz nah. Nach der Qualifikation bleiben wir allerdings nur noch eine Runde, weil die abendliche Kälte einen doch ordentlich durchfrieren lässt.

Am zweiten Dezemberwochenende reiste ich wieder die zwei Stunden nach Yekaterinburg in den Süden, um dort meine Mitfreiwillige Josi aus Omsk abzuholen. Nach zwei Tagen in Yekaterinburg fuhren wir gemeinsam in den Norden nach Tagil, von wo aus Josi dann am Montag auch schon wieder zurückfuhr.

Die Freiwilligen Josi und Marlene in Yekaterinburg

Ein weiteres Dezemberhighlight war eine Freiwilligendanksagung in Tagil. Zu Weihnachten bekamen gemeinnützige Tagiler Organisationen die Möglichkeit, sich bei ihren ehrenamtlichen Helfern zu bedanken. Oleg, der Leiter des Obdachlosenheims, hätte den Schwestern gerne eine Danksagung verliehen. Allerdings durften sie diese nicht annehmen, weil sie offensichtlich katholisch sind. Das könnte die katholische Kirche nach Meinung russischer Behörden in ein zu gutes Licht stellen. Die katholische Kirche gilt vor allem von den Orthodoxen häufig als eine Art „Sekte“ und wird mit Abstand behandelt. Deshalb wurde mir stellvertretend für die Schwestern eine ziemlich schicke, offizielle Danksagung verliehen.

Marlene nimmt die Danksagung für die ehrenamtlichen
Helfer entgegen.

Gerade weil die katholische Kirche in Russland einen anderen Stellenwert hat, halten die Kirchenmitglieder eng zusammen. Ich denke, das ist auch ein Grund für das tolle Weihnachtsfest, das ich hier verbracht habe. Eigentlich wird Weihnachten in Russland am 7. Januar gefeiert und auch nicht sonderlich groß, aber da ich viel mit den katholischen Schwestern und der Gemeinde zu tun habe, haben ich auch am 24./25. Dezember gefeiert.

Am 24. war auch für in den Projekten noch ein normaler Arbeitstag. So habe ich also im Kidsclub bei den Vorbereitungen für die Weihnachtsshow und im normalen Ablauf geholfen. Abends ging es dann in die gut gefüllte Heiligabendmesse. Anschließend waren alle, die wollten, herzlich zu einem Abendessen im Gemeindehaus eingeladen. Es war ein sehr schönes Miteinander, und zu meiner Überraschung gab es sogar als Hauptspeise Kartoffelsalat. Dazu gab es, wie immer in Russland, als Vorspeise Suppe und als Beilagen Krautpiroggen. Piroggen sind typisch russische Hefeteigtaschen mit ganz unterschiedlichen Füllungen. Und zum Nachtisch natürlich noch ganz viel Süsses!

Weihnachten mit der Kirchengemeinde

Für mich war der Mix aus slowakischen, russischen und den typischen Weihnachtstraditionen sehr schön und super interessant! Da die Schwestern aus der Slowakei kommen, haben sie den Pastor gebeten, wie sie es von zu Hause kennen, mit Honig auf der Stirn bekreuzigt und gesegnet zu werden. Das soll Schutz und Süße für das nächste Jahr bringen. Eine eher russische Tradition war es, eine Oblate, die jeder vor sich auf dem Teller hatte, mit seinen Nachbarn zu brechen, von sich ein Stück abzugeben und vom anderen ein Stück zu nehmen.

Der nächste Tag war frei, und ich war bei den Schwestern zum Mittag eingeladen. In kleiner Runde saßen wir zusammen, aßen und übergaben kleine Weihnachtsgeschenke. Ich habe flauschig warme Socken und passende Handschuhe bekommen!

Wir gingen abends in die Weihnachtsmesse und schlossen den Tag mit einem Restaurantbesuch ab. Ich kann wirklich sagen, dass ich mich an Weihnachten super wohl gefühlt habe. Es herrschte so eine herzliche, weihnachtliche Stimmung, dass es gar nicht anders ging!

Die Kinder aus dem Kidsclub nach ihrer Weihnachtsaufführung

Am 26. Dezember fand dann die lang und hart geprobte Weihnachsfeier des Kidsclubs statt, zu der auch die Familien eingeladen waren. Die Kinder tanzten, sangen, führten Puppenspiele und Theaterstücke vor. Danach waren alle noch zu Keksen und Tee eingeladen. Ich musste schon etwas früher los, da ich zu Hause noch einiges zu tun hatte. Ich musste nämlich für meine Reise nach St. Petersburg packen! Mitten in der Nacht ging es für mich los zum Flughafen nach Yekaterinburg, um am nächsten Morgen nach drei Stunden Flug in „Piter“ anzukommen.

Treffen aller Russlandfreiwilligen: Marlene mit Josefine, Kiana und Meike (v.l.) vor der Eremitage in St. Petersburg – ohne Jana und Jan-Philip, der das Foto gemacht hat.

Dort trafen wir uns mit allen sechs Russlandfreiwilligen, um gemeinsam Silvester zu verbringen. Neujahr wird in Russland prinzipiell größer gefeiert als Weihnachten, und es war viel los in der Stadt. Ich war allerdings recht enttäuscht, als um Mitternacht gar kein Feuerwerk startete. Wieso, kann ich mir immer noch nicht ganz erklären. Einen tollen Abend hatten wir trotzdem! Allgemein war es super lustig und es hat sehr gut getan, vor allem ohne Sprachbarrieren, mit Gleichaltrigen Zeit zu verbringen. Ich bin sehr traurig, dass die gemeinsame Zeit so schnell vorbeiging.

Passend zum Abschied der anderen Freiwilligen sind aber meine beiden Schwestern am 3. Januar aus Deutschland angekommen. Gemeinsam werden wir ein paar Tage in St. Petersburg und Moskau verbringen, bevor wir dann weiter nach Yekaterinburg reisen. Dazu dann nächstes Mal!

 

November
Viele neue Arbeitsprojekte

Am „Kulinarischen Tag" im Kidsclub durfte Marlene Janssen
ein deutsches Rezept vorschlagen. Und so versuchten sich
die Kinder am Backen von Kartoffelpuffern.

Der November ist nun auch schon wieder rum, und ich habe viel zu berichten. Endlich habe ich meinen neuen Arbeitsplan bekommen! Deshalb möchte ich zum einen verstärkt darauf eingehen und Euch zum anderen über meine Erlebnisse auf dem Laufenden halten.

Wie zuvor berichtet, habe ich bisher nur im Kidsclub gearbeitet. Für den Anfang waren sowohl ich als auch meine Betreuerin der Meinung, dass es für mich – vor allem in Anbetracht der emotionalen und sprachlichen Herausforderung – leichter ist, zunächst nur in dem „einfachsten“ Projekt mitzuhelfen, bis ich mich eingelebt und an alles gewöhnt habe. Mitte dieses Monats haben wir gesprochen und gemeinsam beschlossen, dass es für mich Zeit wird, auch die anderen Projekte der Schwestern kennenzulernen.

Mein derzeitiger Arbeitsplan sieht vor, dass ich montags und freitags wie gehabt im Kidsclub arbeite, dienstags und mittwochs für etwa drei bis vier Stunden im Obdachlosenheim mithelfe, am Mittwochvormittag in der Klinik zur ambulanten Behandlung der Tuberkulosepatienten, am Donnerstagvormittag in der Klink zur stationären Behandlung der Tuberkulosepatienten und eventuell nachmittags im Kidsclub. Die neuen Projekte unterscheiden sich alle stark voneinander.

Im Obdachlosenheim bin ich mit den Schwestern zusammen für die Pflege der Bewohnerinnen und Bewohner zuständig. Die Arbeit dort ist nicht ganz einfach. Einerseits kostet es mich jedes Mal wieder Überwindung, Berührungsängste zurückzustecken. Andererseits ist es der emotionale Aspekt. Viele Bewohner sind nicht mehr in der Lage, allein zu leben. Sie haben physische und/oder psychische Einschränkungen und Behinderungen: durch das Leben auf der Straße, durch Alkohol- oder Drogenmissbrauch. Das zu sehen und damit umzugehen ist schwer, aber auch, etwas von den Lebensgeschichten zu erfahren. Dennoch muss ich ehrlich sagen: Ich denke, dieses Projekt wird mein Lieblingsprojekt werden. Auch wenn ich nicht genau erklären kann, weshalb.

Eingang des Tuberkulose-Krankenhauses
am Stadtrand

In der Klinik zur ambulanten Behandlung sind wir nur einmal die Woche für eine Stunde, um Lebensmittelpakete zu verteilen. Die Tätigkeit in der stationären Klinik wurde mir als „keine körperliche, sondern eine mit dem Herzen“ beschrieben. Es ist genau genommen ein Besuchsdienst, den die Schwestern und fortan auch ich dort leisten. Sie nehmen sich Zeit, mit den Patienten zu sprechen und versuchen durch Gespräche eine emotionale Hilfe zu sein. Außerdem bringen sie ihnen Gebäck, Tee und individuelle Kleinigkeiten mit. Die Arbeit dort finde ich ebenfalls sehr beeindruckend, aber leider kann ich die Idee des Projektes auf Grund meiner sprachlichen Barrieren noch nicht richtig umsetzen.

Das erstmal zu meiner Arbeit! Ich bin sehr froh, nun endlich richtig mitarbeiten zu können, und ein bisschen mehr Abwechslung zu erleben.

Orthodoxe Kirche und Wahrzeichen in Omsk

Auch was das Thema Freizeit angeht, habe ich kleine Fortschritte machen können! So entwickelt es sich anscheinend zu meinem ersten und unerwarteten Hobby, dass ich nun donnerstags gemeinsam mit einer der jungen Pädagoginnen aus dem Kidsclub und ihren Freunden Volleyball spielen gehe. Aus der Schulzeit ist mir Ballsport und vor allem Volleyball schlecht in Erinnerung geblieben. Ich hatte weder Talent noch Spaß daran, aber hier freue ich mich immer wieder darauf, weil ich sowohl in Gesellschaft als auch in Bewegung bin. Gut spielen tue ich leider immer noch nicht, aber vielleicht wird es mit regelmäßiger Übung bald besser. Außerdem habe ich durch Zufall ein Yogastudio in meinem Stadtteil entdeckt. Bisher bin ich noch nicht dazu gekommen es auszuprobieren, aber ich plane, dies bald zu tun.

Durch einen weiteren Zufall habe ich auch tatsächlich Jugendliche in meinem Alter kennengelernt, die praktischerweise auch noch fließend Deutsch sprechen!

Ansonsten hatte ich Anfang des Monats ebenfalls eine sehr spannende Zeit! Erst war ich wegen eines Treffens der Kidsclubs zu Besuch in Omsk. Das hat mich total gefreut, weil dort Josefina, eine meiner Mitfreiwilligen, arbeitet. Direkt anschließend bekam ich noch Besuch von meinem lieben Betreuer Ottmar und seiner netten Kollegin aus Deutschland. Vorwegnehmend möchte ich auch noch berichten, dass ich heute Abend zum ersten Mal ins Ballet gehen werde! Wie es war, berichte ich dann nächstes Mal.

Bis dahin wünsche ich allen eine schöne Advents- und Weihnachtszeit!

Besuch des Omsker Tierheims mit den Kidsclubs aus Barnaul, Novosibirsk, Tagil und Omsk

 

Oktober
Warum Sprache und Freizeitgestaltung zu den großen Herausforderungen gehören

Das Theater für Drama in Nischni Tagil

Nach sieben Wochen in Russland hat sich bei mir das Gefühl eingestellt, angekommen zu sein. Ich habe einen regelmäßigen Alltag, der aus Aufstehen, Frühstücken, Lernen, Arbeiten im Kidsclub, Abendessen und Entspannen besteht sowie den sonntäglichen Kirchgängen, Nachhilfe und Tandemunterricht. Außerdem kenne ich mittlerweile die Abläufe im Kidsclub und alle Wege, die ich regelmäßig oder unregelmäßig bestreite. Da ich jetzt allmählich das Gerüst für mein Leben hier aufgebaut habe, gilt die nächste Aufgabe, dieses mit Leben zu füllen. Sprich: Hobbys und Freunde zu finden.

So enttäuschend sich das vielleicht anhören mag, aber bisher findet meine Freizeitgestaltung überwiegend allein in meinen vier Wänden statt. Es stellt sich für mich als erstaunlich schwer und auch unbehaglich heraus, Freunde oder Hobbys zu finden, ohne sich in der Sprache sicher zu sein. Außerdem habe ich bisher wenig Möglichkeiten gefunden, mich bei den derzeitigen Temperaturen um die Null Grad außerhalb meiner Wohnung zu beschäftigen. Cafés, in denen man gemütlich ein Buch lesen könnte oder Freizeitbäder gibt es in Nischni Tagil nämlich leider nicht. Zumindest nicht, wie ich sie aus Deutschland kenne.

Allein zu sein: Das war diesen Monat eigentlich meine größte Herausforderung. Obwohl: Ich habe mich nicht allein gefühlt, weil ich hier ein recht stabiles Netz an Vertrauenspersonen habe, durch die Schwestern und die beiden Mitarbeiterinnen im Kidsclub. Aber ich fühlte mich einsam, da mir eine Bezugsperson und Freund/in in meinem Alter außerhalb der Arbeit fehlt. Ich hatte zwischendurch ein wenig Heimweh und vermisste es, Zeit mit meinen Freunden zu verbringen. Dabei haben aber gute Gespräche mit weit entfernten Freunden oder den anderen Freiwilligen geholfen.

Marlene Janssen vor der „Kathedrale auf dem Blut" in
Yekaterinburg

Ein weiterer Faktor, der meine Freizeitgestaltung und alles andere selbstverständlich am stärksten beeinflusst, ist und bleibt die Sprache. Wie schon im vergangenen Monat berichtet, dachte ich, bevor ich geflogen bin, es würde wesentlich schlimmer und schwerer werden. Offen gesagt, ich konnte auf Russisch kaum mehr, als mich vorzustellen.

Doch inzwischen merke ich enorme Verbesserungen! Ich verstehe schon sehr viel und kann auch schon einiges sagen. Natürlich längst nicht alles, was und wie ich will, aber für sieben Wochen mehr als ich gedacht hätte. Dabei sind selbstverständlich die Nachhilfe und das Verständnis all meiner Gesprächspartner wichtig und eine große Hilfe. Diese Fortschritte und Erlebnisse sind sehr motivierend, und es macht mir auch einfach Spaß. Obwohl es frustrierend ist, ein Wort, das man eigentlich kennt, vergessen zu haben, die Grammatik, die man so hart gepaukt hat, nicht angewendet zu haben oder ein Gespräch mit jemandem zu führen, der sich herzlich wenig Mühe gibt, einen zu verstehen. Es ist und bleibt schwer, eine neue Sprache zu lernen, aber jeder kleine Erfolg ist motivierend und jeder Misserfolg reizt mich, es nächstes mal besser zu machen.

Die „Kathedrale auf dem Blut" wurde an der Stelle errichtet,
an der 1918 die Zarenfamilie ermordet wurde.

Kommen wir zu meinen Erlebnissen diesen Monat. Außerhalb meiner recht faden Freizeit gab es doch Tage, an denen ich meine arbeitsfreie Zeit spannend verbracht habe. So war ich Anfang des Monats beispielsweise mit einer der Schwestern für zwei Tage in Yekaterinburg, zwei Stunden südlich von Nischni Tagil. Das ist Russlands viertgrößte Stadt, unglaublich schön und sehr geschichtsträchtig.

Dort kam es 1918 zur Ermordung der Zarenfamilie Romanov durch die Bolschewiki. Wir besuchten die „Kathedrale auf dem Blut“, eine wunderschöne orthodoxe Kirche, die an der Stelle errichtet wurde, an der die Zarenfamilie umgebracht wurde. Wir besuchten ebenfalls „Ganina Jama“. Das ist der Ort, an dem die Zarenfamilie verbrannt und verscharrt wurde.

Heute befindet sich dort eine einzigartige Klosteranlage mit sieben von Hand gebauten Kirchen, eine zu Ehren jedes Familienmitglieds. Aus Respekt müssen alle Frauen bei Betreten der orthodoxen Kirchen ein Kopftuch tragen, und in „Ganina Jama“ auch einen Rock. Falls man diese nicht schon trägt, werden Tuch und gegebenenfalls Rock am Eingang bereitgestellt.

Als weiteres kulturelles Highlight besuchte ich in Tagil mit den Schwestern diesen Monat ein Orgelkonzert und mit einer jungen Mitarbeiterin des Kidsclubs ein Theaterstück. Von dem Theaterstück habe ich aber leider nicht viel verstanden, da es auf Altrussisch aufgeführt wurde.

Marlene Janssen in „Ganina Jama": Wer die orthodoxen Kirchen
betritt, muss Kopftuch und Rock anlegen.

In diesem Monat war nicht so viel los wie im letzten, aber er war nicht weniger spannend! Ich erlebe immer wieder neue Sachen, sehe neue Orte und komme auf andere Gedanken.

Diesen Monat beschäftigte ich mich, wie beschrieben, gedanklich viel mit der längsten Zeit, die ich bisher allein von zu Hause weg war. Aber ich denke, dass es eine der wichtigsten Aufgaben in diesem Jahr ist, herauszufinden, wie man mit Situationen umgeht, die man von daheim nicht kennt und Neues außerhalb der Komfortzone zu erleben. Das ist das Abenteuer, für das ich mich entschieden habe.

 

 

 

 

 

September
Meine Ankunft

Neue Heimat für ein Jahr: Nischni Tagil in Russland. Hier: Sonnenuntergang über dem Stausee im Zentrum der Stadt

Heute bin ich auf den Tag drei Wochen in Russland. Rückblickend ging die Zeit bisher wie im Fluge vorbei. Und dennoch habe ich so viel erlebt, von dem ich nie gedacht hätte, dass das alles in einem so kurzen Zeitraum geschehen könnte. Was „das alles“ ist, versuche ich in diesem Blog fortan bestmöglich darzulegen, zu reflektieren und zu kommentieren.

Als ich am 6. September in Hamburg dem Abschied meiner Familie und Freunde entgegensah, wurde mir klar, auf was ich mich tatsächlich einließ. Ich ließ all meine Freunde, meine Familie und eigentlich mein gesamtes Leben hinter mir, um in ein Land zu fliegen, dessen Sprache ich nicht mal annähernd genug konnte, um eine grundlegende Konversation zu führen. Und das war, möchte ich ehrlich sagen, das Schwerste, was ich bis zu diesem Zeitpunkt getan habe. Ich kann aber nur sagen; Bisher hat es sich gelohnt!

Von Hamburg brachte mich das Flugzeug über Moskau nach Novosibirsk, welches gute 1700 Kilometer östlich von meinem eigentlichen Zeil liegt. Dort blieb ich, zusammen mit zwei Mitfreiwilligen des FDA, Josefina und Kiana, bis zum 11. September, zur Registrierung und Bestätigung unseres legalen Aufenthalts in Russland. An diesem Tag ging es für Josefina und mich früh los, um mit dem Auto acht Stunden nach Omsk zu fahren. Dies ist die Stadt, in der Josefina ihren Freiwilligendienst leistet. Für mich war es aber nur eine Etappe auf dem Weg zu meinem eigentlichen Ziel.

In Omsk blieb ich den gesamten Nachmittag und Abend, damit ich gemeinsam mit einer slowakischen Freiwilligen den Nachtzug nach Yekaterinburg nehmen konnte. Es war wirklich eine kräftezehrende Reise, da wir zusätzlichen zu den acht Stunden Fahrt nach Omsk nochmal 14 Stunden im Zug reisten. Mit einem durch fünf Stunden Zeitverschiebung gestörten Biorhythmus wegen des Aufenthalts in Novosibirsk, unendlich vielen tollen neuen Eindrücken und heilloser Überforderung wegen der sprachlichen Barrieren, wurde diese Fahrt zu einem einzigen, langen Schläfchen für mich.

Ankunft am Bahnhof in Yekaterinburg

Endlich in Yekaterinburg angekommen, wurden meine Begleiterin und ich  von meiner Betreuerin, einer Ordensschwester, mit Luftballons und ganz viel Herzlichkeit empfangen. Vom Bahnhof fuhren wir dann nochmal weitere zwei Stunden Richtung Norden in den Ural, bis ich endlich mein Zuhause für das nächste Jahr erreichte: Nischni Tagil!

In den nächsten Tagen wurde ich zum Glück nicht direkt ins kalte Wasser geschmissen, ganz im Gegenteil, die Ordensschwestern versuchten so gut es ging, mir einen seichten Einstieg zu ermöglichen. Sie zeigten mir zunächst die Umgebung, die Stadt, meine Arbeitsstelle und sämtliche Wege, bevor ich alles alleine zu bestreiten hatte. Dafür war ich unglaublich dankbar, da genau das, neben der Sprache, eine große Sorge war. Es wurde alles getan, damit ich mich wohlfühlen kann und das tat ich auf Anhieb. Die Sorgen des Abschieds, die mich bis nach Novosibirsk begleitet hatten, wichen der Euphorie.

Außerdem habe ich gemerkt, dass es zwar viel Energie und Konzentration kostet, sich aber unheimlich lohnt, zu versuchen Russisch zu verstehen und zu antworten, wenn auch sicher nicht immer korrekt. Denn ich kann für mich selber schon kleinere, aber bestärkende Erfolge und Fortschritte verbuchen. Im Endeffekt habe ich mir, denke ich, mehr Sorgen gemacht als nötig.

An der Eurasischen Grenze

Mein bisheriger Alltag besteht darin, mittags bis abends im Kidsclub zu arbeiten. Das ist eine Art Hort für Schulkinder zur Nachmittagsbetreuung. Dort bereite ich mit einer Schwester und Pädagoginnen das Mittagessen vor, helfe beim Aufräumen und Saubermachen und spiele viel Uno und Mensch-ärgere-dich-nicht mit den Kindern. Es macht sehr viel Spaß, auch wenn es zum Teil frustrierend ist, die Fragen und Aussagen der Kinder nicht richtig zu verstehen. Vor und nach Feierabend bin ich meist zu Hause, esse, lerne Russisch, telefoniere mit Freunden und Familie oder schaue Serien. Ab und zu erkunde ich auf eigene Faust meine Umgebung oder gehe im nahgelegenen Wald spazieren.

„Jumping Hills" von Nischni Tagil: Dort fand im vergangenen
Jahr die Skisprung-WM statt.

Am Wochenende machen die Schwestern viele Ausflüge mit mir. So war ich bisher zum Beispiel schon an der (relativ unspektakulären) eurasischen Grenze, beim höchsten, wunderschönsten Aussichtspunkt der Stadt, im Zirkus (mit sämtlichen exotischen Tieren ein Erlebnis, bei dem man sich fragen mag, ob man das in Deutschland ohne Aufmärsche von Tierschutzorganistionen durchführen könnte) oder bei den „Jumping Hills“ von Nischni Tagil, wo letztes Jahr die Skisprung-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde. Ich habe mich riesig über diese tollen Möglichkeiten gefreut, das Land zu sehen und Stück für Stück besser kennenzulernen!

Letztens kam mir der Gedanke, was es überhaupt heißt sich „eingelebt“ zu haben. Wann hat man sich eingelebt? Wann weiß man, dass man nicht nur physisch angekommen ist? Ich glaube, einen Teil der Antwort habe ich heute für mich gefunden; Ich denke, es heißt unter anderem seinen Platz gefunden und sich in seiner neuen Situation definiert zu haben, ob das nun bedeutet, auf sich selber zu bestehen oder sich so gut es geht angepasst zu haben. Ich für meinen Teil, habe das noch nicht ganz herausgefunden. Ich weiß nur, dass ich auf dem besten Wege bin, mir hier ein neues Zuhause aufzubauen.