30.08.2017

Eva-Maria berichtet über ihren Freiwilligendienst in den USA 2017/18

Neues aus Rochester

Rochester, einst aufstrebende Industriestadt im Bundesstaat New York, hat viele soziale Probleme. Dort wird Eva-Maria Enking ihren Freiwilligendienst leisten. Die 22 Jahre alte studierte Sozialarbeiterin aus Emsbüren lebt und arbeitet ein Jahr lang im Bethany House, einer katholischen Einrichtung für obdachlose Frauen, auch mit Kindern. Das Projekt läuft über IN VIA, Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit Köln e.V.

August
Zurück in Deutschland

Die Koffer sind gepackt für den Rückflug
nach Deutschland

Zwei Wochen sind mittlerweile vergangen,  seitdem ich Rochester verlassen habe und zurück nach Deutschland geflogen bin. Es ist erstaunlich, welch simple Kleinigkeiten mir schon jetzt fehlen  und wie schnell man sich doch gleichzeitig in seiner  noch immer vertrauten Heimat wieder einlebt. Der Abschied ist mir tatsächlich schwerer gefallen, als gedacht. Ein Jahr habe ich nun im Bethany House gelebt, und auch wenn ich es bei Freunden, die für ein Jahr im Ausland waren, immer überzogen fand, ist das Haus für mich mein zweites Zuhause geworden.

Mein Privat- und Arbeitsleben sind ineinander verschmolzen. Es war eine Selbstverständlichkeit, mich jeden Morgen nach dem aktuellen Stand unserer Gäste zu informieren und bei der Verteilung der Foodbags zu helfen – ganz gleich, ob ich offiziell arbeitete oder nur für eine halbe Stunde aushalf. Meine Mitarbeiter, wie auch einige Gäste, sind zu Freunden geworden. Es wurde Professionelles wie auch Privates miteinander geteilt. Man saß morgens gemeinsam beim Frühstück, erzählte sich von seinen Plänen für den Tag, bekam ein Update der Geschehnisse und schaute abends gemeinsam einen Film. Auch wenn ich davon sicherlich hin und wieder eine Pause brauchte und ich froh war, den Tag außerhalb des Hauses verbringen zu können, so hat es die Arbeit doch zu etwas Besonderem gemacht. Das fehlt mir jetzt. Hier in Deutschland habe ich von diesem Konzept, dass Mitarbeiter in der Einrichtung wohnen, noch nie gehört.

Abschiedsessen mit den Kollegen in Cheesecake Factory

Am 22. August ging es für mich zum Flughafen, und gleich zu Anfang fürchtete ich, dass dieser Flug genauso chaotisch ablaufen könnte wie mein Hinflug. So kamen wir nicht pünktlich los, da einer unser Gäste einen emotionalen Ausbruch hatte, standen dann aufgrund von Bauarbeiten im Stau und mussten meine zwei Koffer aufgrund des zu hohen Gewichts nochmals umpacken. Durch die Sicherheitskontrolle kam ich dann zum Glück ohne Probleme und konnte schließlich ohne zu warten direkt ins Flugzeug einsteigen. Ab da verlief alles Weitere ohne Probleme und ich kam sogar noch vor der geplanten Zeit in Frankfurt am Main an. Ein Glück!

Abschiedsfeier mit Freunden in Rochester

Auch wenn ich mich auf zu Hause gefreut habe, auf meine Familie und meine Freunde, auf das Dorf in dem jeder jeden kennt, auf mein Lieblingsessen und mein altes Zimmer, so fiel mir der Abschied doch unheimlich schwer. Die Arbeit, in der man sich mittlerweile so gut eingearbeitet hat, die Freunde, die mir ans Herz gewachsen sind, die Sprache, die sich – Gott sein Dank -  in dem Jahr deutlich verbessert hat und ich mittlerweile lieber spreche als Deutsch, meine Wochenendausflüge in eine andere Stadt und das gesamte Abenteuer „Leben im Ausland“ soll nun einfach vorbei sein. Zwölf Monate, die mir anfangs noch so unheimlich lang vorkamen, sind verflogen und nun wartet hier in Deutschland das „echte Leben“ auf mich.

Doch diese Trauer über das Ende meines Auslandsjahres war auch schnell wieder vergessen, als ich zu Hause ankam. Wie auch zuvor vermutet, habe ich mich unheimlich schnell wieder eingelebt. Die üblichen Gewohnheiten und die alten Routinen die man zu pflegen wusste, waren mir direkt wieder präsent. Zum offiziellen Abschluss meines Dienstes und um das gesamte Jahr nun nochmals Revue passieren zu lassen, nehme ich Mitte September noch an einem Rückkehrer*Innen-Seminar teil, an dem ich dann auch all die anderen Freiwilligen wiedersehen darf.

Mein Jahr in den USA werde ich auf ewig in guter Erinnerung behalten und kann nur jedem, der auch nur über einen Aufenthalt im Auslandsjahr nachdenkt, raten, dies auch zu wagen. Es lohnt sich.

Liebe Grüße aus dem Emsland, Eva

Zurück im Emsland

 

Juli
„Ich habe mein Leben gehasst!" Die Geschichte von Gina

Hat wieder neuen Lebensmut: Gina, Bewohnerin des Bethany
House

Mein Freiwilligendienst ist fast vorbei, und ich habe irgendwie noch gar nicht realisiert, dass ich schon so lange in den USA lebe. Die Zeit ist schnell verflogen. Mit meinen Gedanken bin ich schon wieder in Deutschland und plane all die Dinge, die ich nach meiner Rückkehr organisieren muss. Gleichzeitig erinnere ich mich an all die Geschichten, die mir Gäste unseres Hauses erzählt haben.

Eine der Frauen die ich so schnell nicht vergessen werde, ist Gina. Sie spricht immer wieder offen über ihre Geschichte und hat sich mir quasi für diesen Blog angeboten. Sie ist bereits zum dritten Mal im Bethany House, hat nun endlich ihr Leben unter Kontrolle und kann wieder lieben. Das war leider nicht immer der Fall.

Aufgewachsen ist sie behütet, mit sechs Brüdern und einer Schwester und den „besten Eltern auf Erden“. Schon immer wusste sie, dass sie homosexuell ist, und machte daraus nie ein Geheimnis. Doch als sie ihre Ausbildung zur Polizistin begann, veränderte sich ihr Leben dramatisch – der Beginn einer Achterbahnfahrt.

Mehrere Jahre war Gina mit Lisa verheiratet – eine durch und durch krankmachende Beziehung. „Sie war besitzergreifend, hat mich verfolgt und ist ausfallend geworden“, berichtet Gina. Ständig kündigte Lisa ihrer Familie und den gemeinsamen Freunden an, sie werde zunächst Gina und dann sich selbst umbringen. „Ich hatte es immer im Hinterkopf“, erzählt mir Gina. Täglich hat sie mit dieser Angst gelebt und ihre Ehefrau letztendlich verlassen. In dieser schwierigen Zeit lernte sie einen Mann kennen, der ihr zur Seite stand und von dem sie schließlich schwanger wurde. Dennoch gab es immer noch die Ehefrau, zu der Gina zurückging, um der Beziehung eine neue Chance zu geben.

Eines Tages waren sie zusammen im Haus von Lisas Großeltern. „Eigentlich fing der Tag ganz normal an. Nichts Besonderes“, erinnert sich Gina. Doch dann kam es zu diesem einem Moment, in dem Gina sich umdrehte und Lisa ihr plötzlich eine Pistole an die Stirn hielt. „Ich habe mich nicht gefürchtet“, erinnert sie sich. Es war nicht das erste Mal, dass Lisa ihr eine Pistole an den Kopf hielt. „Hast du keine Angst?“, fragte Lisa, doch Gina trat ihr mutig entgegen. „Ich werde nicht sterben, bevor ich weiß, dass mein Sohn für den Rest seines Lebens sicher ist“, antwortete Gina. Anstatt abzudrücken nahm Lisa sich selbst das Leben. Sie starb in Ginas Armen, neben ihr strampelte der neun Monate alte Sohn. „Ich habe noch versucht, das Blut zu stoppen, aber es war unmöglich.“

Dieser Tag brachte in Ginas Leben alles durcheinander. „Ich kann nicht vergessen, was sie mir angetan hat, was sie sich angetan hat. Ich bin so wütend, dass sie mich allein gelassen hat, mich und meinen Sohn Shan, uns alle. Wir waren doch eine Familie und wollten ihn gemeinsam großziehen“, beschreibt Gina ihre Gefühle.

Immer hilfsbereit: Gina kocht im Bethany House

In dieser Zeit war Ginas Familie ihr einziger Halt. Doch die hatte Angst, dass auch Gina sich das Leben nimmt und wollte sichergehen, dass Shane und seine zwei Brüder, die inzwischen geboren waren, dies nicht mit ansehen müssen und behütet aufwachsen können. Aus diesem Grund waren die drei Jungs immer bei Ginas Familie. Dafür ist sie heute dankbar. Denn sie selbst zog um die Häuser, feierte Partys, konsumierte Alkohol und Drogen. „Das hat mich in einige Schwierigkeiten gebracht“, erinnert sie sich. Schließlich gab sie ihre Kinder zur Adoption frei. Gina kam am Tiefpunkt an: Sie überdosierte ihre Medikamente, wurde in psychiatrische Kliniken eingeliefert und wollte von einer Brücke springen. „Ein Glück, dass mich zwei Polizistinnen davon abgehalten haben“, sagt sie heute.

Alkohol und Drogen kosteten viel Geld – was Gina schließlich in die Prostitution drängte. „Es war die einzige Möglichkeit genügend Geld zu verdienen.“ Doch sie hatte ständig Angst, dass ihr etwas passiert. „Es war sowohl psychisch, physisch als auch emotional herausfordernd. Es war erschöpfend.“

Zwei Jahre Gefängnis und zwei Jahre auf Bewährung waren die Folgen. Mittlerweile befindet sich Gina im sechsten Monat auf Bewährung und trägt eine Fußfessel. „Ich habe mich mittlerweile an sie gewöhnt, und auch wenn es manchmal nur nervig ist, bringt mich die Fessel immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück“, beschreibt sie.

Heute ist Gina bei uns im Bethany House und bezeichnet ihr Leben als ein Wunder. Sie hat wieder eine gute Beziehung zu ihren Söhnen, erstmals in ihrem Leben eine Kreditkarte und ist seit zweieinhalb Jahren weg von den Drogen und vom Alkohol. Heute liebt sie ihr Leben und vor allem sich selbst. „Ich habe mein Leben gehasst. Ich habe mich selbst gehasst“, sagt Gina. Sie geht heute selbstbewusst durch die Straßen, wird respektiert, hat ihr Leben wieder unter Kontrolle . „Das ist ein wunderschönes Gefühl.“

Gina mit ihren Söhnen Shane und Phillip

Ich habe Gina erst vor wenigen Wochen kennengelernt, und doch habe ich sie direkt ins Herz geschlossen. Sie ist unheimlich offen, humorvoll und die mit Abstand hilfsbereiteste Person im ganzen Haus. Sie kümmert sich jeden Abend um das Kochen des Abendessens, hat unsere kleine Kapelle neu gestrichen und hilft beim Sortieren der einkommenden Spenden. Immer bietet sie ihre Hilfe an und macht damit das Leben von jedem hier im Haus leichter.

Ginas, aber auch die Geschichten anderer Gäste machen mir immer wieder bewusst, wie schnell sich ein Weg verändern kann und wie wenig Einfluss man darauf hat. So durfte ich eine Professorin kennenlernen, die durch Betrug in die Wohnungslosigkeit rutschte, ein Model, dass psychisch erkrankte und daraufhin im Bethany House wohnte, oder eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die aufgrund eines Krankenhausaufenthaltes ihre Wohnung sowie ihren Job verlor, daraufhin im Bethany House wohnte und hier nun als Hausmanagerin tätig ist.

Ohne die Hilfe anderer Menschen ist es oft nahezu unmöglich, sich aus diesen Situationen wieder herauszubringen. Das Bethany House stellt dabei für viele ein neues Zuhause dar, das sie auch nach ihrem Auszug immer wieder gerne besuchen. Ich bin froh und dankbar, dass ich hier solche Erfahrungen sammeln darf und freue mich auf meine letzten noch kommenden Wochen.

Sonnige Grüße, Eva

 

Juni
Der „Grand Canyon des Ostens“

White Water Rafting mit den Kollegen

Der Sommer in Rochester hat einiges zu bieten und lässt keine Langeweile aufkommen. Freizeitaktionen jeder Art und für kleines Geld gibt es in der Stadt und im gesamten Staat New York. Jedes Wochenende findet in Rochester ein anderes Festival statt, mit guter Musik und verschiedenen kulinarischen Highlights. Es werden kostenlose Filme auf Leinwand gezeigt, dabei sitzt man sitzt auf Decken oder Campingstühlen; man kann an Sportkursen teilnehmen, die im Park mit Blick auf den Lake Ontario stattfinden. Und auch für Natur- oder Campingliebhaber gibt es hier in zahlreichen „State Parks“ einiges zu sehen.

Neben den bekannten „Thousand Islands“ oder den „Adirondack Mountains“ gehört auch der „Letchworth State Park“ zu den großen Sehenswürdigkeiten des Staates. Der Park, auch „Grand Canyon of the East“ genannt, ist 58,4 Quadratkilometer groß und bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten: Wandern, Kanu fahren, Campen, Fischen etc. Meinen ersten Tag habe ich dort aus Anlass unseres monatlich stattfindenden „Pray and Plays“ verbracht. Gemeinsam mit allen festen Mitarbeitern unseres Hauses nehmen wir uns einmal im Monat einen Tag frei, an dem wir etwas unternehmen, dem stressigen Alltag des Hauses entfliehen und als Team näher zusammenrücken.

Sprung in ein Loch unter den Wasserfällen

Für den Monat Juni stand „White Water Rafting“ auf dem Plan – dafür haben wir uns also in den vermeintlich schönsten Park nahe Rochester aufgemacht. Nachdem jeder mit einer Sicherheitsweste, einem Helm und einem Paddel ausgestattet war, haben wir uns mit einigen weiteren Sportinteressierten auf zwei alte Schulbusse verteilt, die uns auf den buckeligsten Straßen in die Nähe des Flussufers gebracht haben. Nach einigen kurzen Sicherheitshinweisen ging es dann auch schon auf die Boote – auf denen wir zweieinhalb Stunden verbringen sollten. Das Team des Bethany Houses hat sich auf zwei Boote verteilt.

Während ein Boot von einem der Leiter begleitet wurde, war das Boot, in dem auch ich saß, auf sich alleine gestellt und scheiterte gleich am ersten Hindernis. Die Strömung, die das anführende Boot mit Eleganz hinunterfuhr, brachte uns nur aus der Bahn und ließ uns schließlich kreisend und unkontrolliert die Strömung hinunterfahren. Auch die Felsen, die überall im Wasser zu sehen waren, stoppten uns, so dass wir auf Hilfe angewiesen waren. Schnell stellte sich heraus, dass es doch einfacher aussieht als es ist. Gleichzeitig hat es aber unsere Motivation gesteigert, und wir wurden von Stein zu Stein und Hindernis zu Hindernis sichtlich besser.

Nach einer kurzen Pause, in der man sich sonnen oder sich mit Sicherheitsweste im Fluss treiben lassen konnte, machten wir Halt an einem kleinen Wasserfall. Die vielen Felsen machten es möglich, dass wir sehr nah an den Wasserfall heranklettern konnten. Da der Wasserstand recht niedrig war, hatten wir das Glück, dass wir zusätzlich unter die Wasserfälle springen durften. An einer kleinen Stelle gab es nämlich keinen Boden, so dass jeder in das Loch hineinspringen konnte. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht. Allerdings hat Des, eine Kollegin, ihren Schuh beim Hineinspringen verloren und wird ihn wohl nie wiedersehen. Neben diesem kleinen Ärgernis und einem blutigen Auge, verursacht durch ein lockeres Paddel, war es ein unheimlich spannender Tag, der jedem gefallen hat und mit großen Hunger im nächstgelegenen Restaurant endete.

Wandern im „Letchworth State Park"

Gleich zwei Tage später war ich gemeinsam mit Aggie, die ein studienbegleitendes Praktikum bei uns absolviert, erneut im Park. Nach den schönen Erfahrungen des „Pray and Plays“ wollten wir ihn nun nochmals aus einer anderen Perspektive erkunden und haben uns auf einen 14-Meilen-Wanderweg begeben, der uns zu drei traumhaften Wasserfällen und einem (aufgrund mangelnder Sicherheit eigentlich geschlossenen) Wanderweg entlang der Felsen geführt hat. Das haben wir allerdings erst im Nachhinein erfahren.

seltener Anblick: ein weißes Reh

Nichtsdestotrotz schafften wir es mit einigen Umwegen und einer stundenlangen Wanderung zurück zum Parkplatz und konnten unterwegs sogar einige Adler und viele Rehe beobachten. Bären, die sich auch im Park aufhalten sollen, bekamen uns jedoch nicht zu Gesicht. Ebenfalls im Park zu sehen waren bis vor ein paar Jahren weiße Rehe, die sich nun, zum Schutz der besonderen Tierart, auf einem separaten Gelände aufhalten. Das Gelände stellt mit etwa 200 Tieren (darunter jedoch nur etwa 50 weiße Rehe) die größte Herde weltweit dar. Bei einer Bustour oder einer geführten Radtour durch das Gelände kann man die Tiere beobachten, bekommt sie jedoch nur schwer vor die Kamera. Die Spiegelreflexkamera eines Teilnehmers hat es jedoch möglich gemacht.

Ebenfalls in Erinnerung bleiben wird mir das Jazz Festival, dass hier jedes Jahr für ganze neun Tage stattfindet und internationale Künstler aus Europa oder Australien anzieht. Jeden Abend gibt es auf vier verschiedenen Bühnen kostenlose Konzerte, auf denen getanzt wird und auf denen die unterschiedlichsten Leckereien der Food-Trucks angeboten werden. Neben den kostenlosen Konzerten gibt es auch Clubkonzerte, die in den verschiedenen Diskotheken der Stadt oder aufgebauten Zelten stattfinden, und die „großen Konzerte“ in der Stadtarena, die Künstler wie Seal oder Jill Scott anzieht. Zudem gibt es unzählige Kleinkünstler, die sich im Stadtzentrum verteilen. Die gesamte Stadt ist auf das Festival konzentriert und Jazz Liebhaber kommen von überall her um Teil des Jazz Festivals und seiner Atmosphäre zu sein.

Lieben Gruß aus dem aktuell über 30 Grad warmen New York, Eva

 

 

Nach der Abschiedsparty

 

Mai
Besuch aus der Heimat

Nachdem der April noch mit Schneestürmen gefüllt war, ist mit dem Beginn des Mai auch endlich der Frühling und damit die Rad-Saison eingetroffen. Die warmen Temperaturen kamen gerade rechtzeitig für unsere offizielle Verabschiedungsfeier für Donna Ecker. Nachdem sich das Team des Hauses bereits im Dezember von ihr verabschieden musste, wollten wir auch unseren ehrenamtlichen Mitarbeitern und den ehemaligen Gästen, denen Donna über die 32 Jahre nur mit dem Besten gedient hat, die Möglichkeit der Verabschiedung bieten. Begonnen haben wir den emotionalen Tag mit einer Messe, die durch Bischoff Clark gehalten wurde und schließlich durch eine Rede von Donna und ihrem Ehemann Tom, der dem Hause ebenfalls über Jahre gedient hat, beendet wurde. Die Rede hat unsere ehemalige Direktorin dazu genutzt, die Geschichte und Entwicklung des Hauses Revue passieren zu lassen. Durch amüsierende Anekdoten, die alle schmunzeln ließen, bedankte und verabschiedete sie sich schließlich mit einem lachenden Auge bei allen und lud im Anschluss zu Snacks und Gesprächen ein – diese habe ich besonderes für den Austausch mit unseren ehemaligen Gästen über ihre Entwicklung und aktuelle Situation genutzt.

Donna und Tom Ecker

Zudem habe ich das Wetter, gemeinsam mit einer unserer aktuellen Gäste, dazu genutzt, ein kleines Garten-Projekt zu starten. Nachdem eine Freiwillige, die sich normalerweise liebevoll um den Garten gekümmert hat, ihren Dienst im letzten Jahr aufgegeben hat, hat niemand mehr den kleinen Garten unseres Hauses gepflegt. Da er, besonders im Sommer, auch als Spielbereich für unsere Kinder und für unsere Grill-Abende genutzt wird, habe ich beschlossen, ihn wieder auf Vordermann zu bringen. Gemeinsam mit Lisa, die offensichtlich sehr viel Spaß daran gefunden hat, habe ich die eingegrenzten Beete repariert, den Rasen gedüngt, eine Futterstelle für Vögel eingerichtet und Blumen sowie Gemüse-Pflanzen eingepflanzt. Liebevoll kümmert sich Lisa täglich um die Pflanzen und hat ebenfalls eine Aufgabe für sich im Haus gefunden. Andere Gäste kümmern sich um notwendige Reparaturen oder um das Zubereiten des gemeinsamen Abendessens. Auch wenn unsere Gäste dazu nicht verpflichtet sind, packen doch die meisten gerne mit an und bringen uns damit ihre Dankbarkeit entgegen. Selbstverständlich erleben wir jedoch auch immer wieder Gegenbeispiele und damit Gäste, die ihre Chance in unserem Haus nicht nutzen.

Unsere Autorin zusammen
mit ihrem Vater vor dem Rathaus

Ganz besonders gefreut habe ich mich im Mai auf einen Besuch aus meiner Heimat. Mein Papa ist, gemeinsam mit seinem Freund Stephan, für eine Woche nach Rochester gekommen. Nachdem sie sich zunächst für drei Tage einen Einblick von Boston, Massachusetts geschaffen haben, sind sie im Anschluss nach Rochester geflogen. So konnten sie einen Eindruck von meiner Einsatzstelle und insbesondere Upstate New York gewinnen. Nachdem sie zunächst Rochester mit seinem Wasserfall und dem Lake Ontario erkundet haben, sind wir in den darauffolgenden Tagen zu den Niagarafällen und den berühmten Fingerlakes gefahren. Da ich selbst, ohne ein eigenes Auto, in meiner Flexibilität eingeschränkt bin, habe ich mich besonders auf die Fingerlakes gefreut. Von diesen habe ich bislang nämlich eher wenig gesehen.

Für Touristen von besonderem Interesse dürfte hier der State Park namens „Watkins Glen“ sein, der mit seinen Steinbrücken und 19 Wasserfällen zu einer sehenswerten Wanderung einlädt und am Fuße des Seneca Lakes gelegen ist. Für Formel-1 Fans dürfte zudem die Rennstrecke „Watkins Glen International“ oder kurz „The Glen“ bekannt sein, die ebenfalls nahe des Seneca Lakes gelegen ist. Insbesondere in den 60ern und 70ern haben hier einige Rennen stattgefunden. Für eine Besichtigung hatten wir am Ende des Tages jedoch leider keine Zeit mehr und haben den Tag nur noch in einem Restaurant, mit Blick auf den Seneca Lake, ausklingen lassen.

Ich bin gespannt was der Sommer und die verbleibenden zweieinhalb Monate noch mit sich bringen. Liebe Grüße nach Deutschland, Eva

 

April
Florida und mein großer Gewinn beim jährlichen „Fundraising"

Auf ihrer Reise nach Miami kam Eva-Maria Enking (l.) in einem günstigen Hostel unter und traf viele andere junge Leute.

Der April war für mich mit verschiedenen Highlights gefüllt. Gleich zu Beginn stand das Osterfest an, dass sich jedoch in seinen Traditionen in nur wenigen Ausnahmen von den deutschen unterscheidet: Hier in den USA wird nur der Ostersonntag gefeiert, und das gemeinsame Anschauen der Osterparade in New York City vor dem Fernseher gehört zur jährlichen Routine. Als kleine Überraschung für unsere Gäste haben wir jedem über Nacht ein kleines Osternest vor die Tür gestellt, dass sie am Ostermorgen überrascht hat.

Aus Anlass meines Geburtstages und aufgrund des ungewöhnlich langanhaltenden Winters in diesem Jahr habe ich mir dann nach Ostern ein paar Tage freigeschaufelt und bin in die Sonne geflogen – genau genommen nach Miami, Florida. Dort bin ich im vermutlich günstigsten Hostel der gesamten Stadt untergekommen, was sich im Nachhinein nicht als schlechte Entscheidung herausgestellt hat. Im Gegenteil: Die Unterkunft lag direkt in Miami South Beach und wurde größtenteils von Menschen in meinem Alter besucht. Neben kleinen Gruppen oder Paaren waren dort auch sehr viele Alleinreisende aus aller Welt untergekommen, die offen waren, sich auszutauschen und sich für Ausflüge am nächsten Tag zu verabreden.

Viel über Alligatoren erfahren – und einen in die Hand
genommen

Überraschenderweise habe ich auch hier wieder unheimlich viele Deutsche getroffen. Der Großteil der Touristen und auch der Einheimischen spricht allerdings Spanisch. Wie mir erklärt wurde, liegt das an der kubanischen Revolution. Ab 1980 wanderten rund 500 000 Kubaner nach Miami ein und hofften auf ein besseres Leben. Diese Migration begründet auch die Entstehung des berühmten „Little Havanna“, das ich mit dem Rad erkundet habe und das aus sehr vielen kleinen Restaurants und Erinnerungsstellen besteht.

Neben all den teuren Villen der Stars wie Jennifer Lopez oder David Beckham, den Jachten und teuren Autos, hat der Süden Floridas auch schöne Nationalparks – die einem das „echte“ oder ursprüngliche Florida zeigen und in denen man Pelikane, Eidechsen oder Waschbären beobachten kann. Um Alligatoren zu beobachten, kann man sich entweder auf eigene Faust in die Everglades begeben und die Reptilien bei einer Wanderung beobachten, oder sich für eine Bootstour anmelden. Wir haben uns für eine Bootstour entschieden und durften im Nachhinein noch an einer Show teilnehmen, in der uns das gefürchtete Tier als eigentlich harmlos erklärt wurde. Alligatoren würden Menschen auf dem Land nicht angreifen, solange sie nicht angegriffen bzw. verletzt werden. Die Alligatoren haben, aufgrund unserer Körpergröße, mehr Angst vor uns, als wir vor ihnen.

Anders im Wasser: Da sie dort nur unseren Kopf wahrnehmen, werden wir als leichte Beute eingeschätzt und sollten uns besser vor den Reptilien in Acht nehmen. Zwar wurde uns von den Veranstaltern erzählt, dass die Alligatoren aufgrund einer Verletzung oder Krankheit bei ihnen aufgenommen werden und man sie nicht wieder aussetzt, weil sie immer wieder zurückkommen würden – so ganz tierfreundlich schien es mir aber dennoch nicht zu sein: Insbesondere die Tatsache, dass jeder Teilnehmer zum Ende noch ein kleines Krokodil, dem das Maul verbunden wurde, in die Hand bekommen hat, um ein Erinnerungsfoto zu schießen.

Spendenveranstaltung mit „Bunco"-Abend

Nachdem ich dann wieder in Rochester angekommen bin, ging es auch direkt mit den Vorbereitungen der diesjährigen Spendenveranstaltung los. Das ist ein Event, zu dem insbesondere die Kollegen aus anderen sozialen Einrichtungen, aber auch Freunde oder Interessierte eingeladen sind, um Spenden für das Haus zu sammeln. Teilgenommen habe ich dabei an einem festlichen Casino-Abend, an einem irischen Brunch und an einer Award-Verleihung, an der auch unser Haus, vor allem unsere ehemalige Leiterin Donna Ecker, geehrt wurde.

Das Bethany House veranstaltet zur Sammlung von Geldspenden jedes Jahr einen „Bunco“-Abend, an dem hunderte von Menschen – vorwiegend Frauen – in die für uns netterweise zur Verfügung gestellte Weinerei kommen. Bunco ist ein Würfelspiel, das dem Spiel „Kniffel“ ähnelt und einfach zu erklären ist. Das Schöne an diesem Spiel ist, dass es neben den Freunden und Bekannten des Hauses auch Frauen anzieht, die keinen Bezug zu Wohnungslosen haben und zum Teil noch nie vom Bethany House gehört haben. Extra für das Spiel und der damit verbundenen Weinprobe sind sie zum Teil aus den etwa 1,5 Stunden entfernten Städten Syracuse oder Buffalo angereist.

Award-Verleihung: Ehrung für die ehemalige
Leiterin des Bethany House, Donna Ecker

Neben dem Spiel und der Probe des spendierten Weines und Desserts gab es zudem die Möglichkeit, Lose für unsere ebenfalls spendierten Preise zu kaufen: Es gab Handtaschen, Weine, Gutscheine, verschiedene Geschenkkörbe und sogar ein Apple iPad zu gewinnen. Schwierigkeiten, unsere Lose zu verkaufen, hatten wir nicht. Gewonnen habe ich mit meinen Losen jedoch leider nichts – ganz im Gegenteil zu meiner Kollegin Veronica. Sie hat gleich zweimal gewonnen und durfte sowohl ein Gemälde als auch einen Wellness-Gutschein mit nach Hause nehmen.

Nach den beiden Spielrunden gab es dann noch zwei weitere Preise zu vergeben. Zum einen gab es einen Trostpreis an den Spieler, mit den am meisten verlorenen Spielen und zum anderen einen Preis für die meisten Buncos. Nachdem erst einige Spieler etwas für Verwirrung gesorgt haben und dachten, sie hätten neun oder sogar zwölf Buncos, stellte sich schließlich heraus, dass überraschenderweise ich sowie eine weitere Mitspielerin mit je fünf Buncos das Spiel anführten.

Team-Dinner vor dem „Bunco"-Spiel

Um den finalen Gewinner zu küren, sollten wir dann beide würfeln: Diejenige mit der hören Zahl würde das Preisgeld gewinnen. Nachdem meine Mitstreiterin direkt eine sechs würfelte war mein Verlieren schnell klar und freute mich, immerhin Zweite geworden zu sein. Dabei sollte es jedoch nicht bleiben. Nach der Veranstaltung kam die unheimlich zuvorkommende und freundliche Frau nämlich zu mir und gab ehrlicherweise zu, dass Sie nie fünf Buncos gewürfelt hatte. Sie habe sich vertan und die Zahlen auf Ihrem Spielzettel vertauscht. Demnach hatte ich mehr Buncos als sie gewürfelt, und sie hat mir zu meinem Überraschen das Preisgeld von 100 Dollar überreicht. Es scheint wohl doch noch ehrliche Menschen zu geben.   

Dieser Abend mit neugewonnen Bekanntschaften durch den Wechsel der Spielpartner, mit guten Gesprächen, regionalem Wein und kreischenden Gewinnern schien in jedem Fall für alle in guter Erinnerung zu bleiben. Jeder hatte sichtlich Spaß, und für die Kasse unserer nur auf Spenden laufenden Einrichtung hat es sich in jedem Fall gelohnt.

Würfeln um das Preigeld
Klassen wie diese bereiten immer wieder Geschenke für die Gäste des Bethany House vor.

Nachdem es hier übrigens noch bis Mitte April Schneestürme gab, ist nun auch endlich der Frühling in New York State angekommen:

In diesem Sinne liebe Grüße ins sonnige Deutschland, Eva

 

März
„March for Lives" und ein besonderes Nasenspray

Dieses Nasenspray kann bei einer Überdosis
Heroin Leben retten.

Rückblickend auf den März durfte ich so einiges lernen. Direkt zu Anfang des Monats habe ich die Möglichkeit bekommen, an einer Fortbildung zum Thema „Narcan Nasol Spray“ teilzunehmen. Das Spray mit dem Wirkstoff Nalaxone ist ein Erste-Hilfe-Gerät, das bei Menschen eingesetzt werden kann, die sich eine Überdosis Heroin gespritzt haben. Ziel ist es, einen Atemstillstand zu verhindern oder die Atemtätigkeit zurückzugewinnen. Der Referent erklärte uns, dass der Wirkstoff lediglich in die Nase des Betroffenen gesprüht werden muss und die Wirkung bereits nach wenigen Sekunden eintritt. Weitere Anzeichen einer Überdosis können Bewusstlosigkeit, das blaue Anlaufen der Lippen und bleiche Haut sein.

Der meiner Meinung nach größte Vorteil: Auch wenn es sich um einen Fehlalarm handelt und der Betroffene nicht an einer Heroin-Überdosis leidet, richtet das Spray keinen Schaden an – es hat keine Wirkung, wenn sich kein Heroin im Körper befindet. An alle Absolventen der Fortbildung wurde das Spray im Anschluss kostenfrei vergeben. In Deutschland habe ich noch nie zuvor davon gehört.  

Feier des St.-Patricks-Day in Rochester

Am 17. März fand zudem der jährlich gefeierte St.-Patricks-Day statt, der an den im fünften Jahrhundert in Irland lebenden Bischof Patrick erinnern soll. Hierbei handelt es sich jedoch weniger um einen kirchlichen Feiertag als vielmehr um ein Volksfest. An besagtem Tag gab es in Rochester eine große Parade und alles wurde in Grün gehalten. Es gab grünes irisches Bier, traditionell irisches Essen und irische Tänze auf der Parade.

Auch die Kleidung fiel bestmöglich in Grün aus und wurde durch grüne Ketten, Hüte und Haarreifen erweitert. Auch wenn das Fest im Bethany House keinen großen Anklang gefunden hat und vielen Besuchern der Parade die Bedeutung des Tages nicht bewusst war, hatten die feierlustigen Amerikaner auf der Parade sichtlich viel Spaß – einschließlich mir.

Die Farbe Grün dominiert am St.-Patricks-Day.

Ein weiteres Highlight war der „March for our Lives“, der in verschiedenen Städten des Landes stattfand und bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die durch Schüler ins Leben gerufene Bewegung hat einen solch großen Anklang gefunden, dass in Rochester 5000 Menschen (in Washington D.C. waren es 500 000 Menschen) zusammengekommen sind, um gemeinsam gegen die bestehenden Waffengesetze auf die Straße zu gehen. Da ich noch nie zuvor an einer Demonstration teilgenommen habe, war es schon sehr beeindruckend, wie sehr einen die Energie und der Wille der Menschen mitzieht.

„March for Lives": 5000 Menschen gingen in Rochester
auf die Straßen.

In Erinnerung sind mir vor allem die Reden geblieben, die vor dem Marsch gehalten wurden. Eltern, Geschwister und Freunde von Menschen, die in Schulen ihr Leben verloren haben, sprachen ihre Trauer und gleichzeitig bestehende Wut aus und bedankten sich für die Unterstützung der Anwesenden. Auch Politiker und Schüler, die sich eine Veränderung der Gesetzeslage wünschen, kamen zu Wort. Übersetzt wurden die Reden übrigens zu meiner positiven Überraschung für gehörlose Menschen in Gebärdensprache. Bezug hat diese Demonstration insbesondere auf die Schießerei in einer Schule Floridas genommen, die Anfang des Jahres 17 Menschenleben forderte. Die Schüler möchten, dass die Waffengesetze zum Schutz der Schüler und aller Menschen des Landes geändert werden und rufen diesbezüglich zur Wahl auf.

Jugendliche fordern eine Änderung der Waffengesetze.

Liebe Grüße aus dem, seit gestern wieder eingeschneiten, Rochester,
Eva

 

Februar
Erste Eindrücke aus Kanada und von amerikanischen Sportarten

Neblige Aussichten auf der kanadischen Seite
der Niagarafälle

Den Februar habe ich genutzt, um gleich zwei Mal nach Kanada zu fahren. Sowohl die kanadische Seite der Niagarafälle als auch Toronto liegen nur wenige Stunden von mir entfernt und waren daher mit dem Bus einfach für mich zu erreichen. Die Einreise nach Kanada stellte kein Problem dar: Solange man nicht per Flugzeug einreist oder auf Wasserwegen ins Land möchte, ist kein Visum notwendig. Es müssen lediglich ein paar Fragen beantwortet werden: Wie lange wollen Sie bleiben? Was ist ihr Grund für die Einreise? Haben Sie Verwandte oder Freunde in Kanada? Weshalb leben sie aktuell in den USA?

Für Staatsangehörige der USA gelten dieselben Regelungen. Ich habe mir sagen lassen, dass diese jedoch erst seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York City gelten. Zuvor war es für Reisende mit US-Staatsangehörigkeit auch ohne Reisepass möglich, nach Kanada einzureisen bzw. wieder zurück in die Vereinigten Staaten zu kommen. Insgesamt scheint dieses Ereignis in den USA einiges ausgelöst zu haben. Mir wurde beschrieben, dass das Land vorsichtiger geworden ist und Sicherheitskontrollen verschärft wurden, es aber gleichzeitig den Zusammenhalt der Bürger gestärkt hat.

die Grenze Kanada - USA
in Toronto

Toronto liegt nur etwa zwei Stunden hinter der Grenze und liegt, ebenso wie Rochester, direkt am Lake Ontorio. Bis vor ein paar Jahren gab es auch die Möglichkeit, mit einer kleinen Fähre auf die andere Seite zu fahren – dies wurde jedochwegen zu geringer Nutzung eingestellt. Meine Zeit in der Stadt habe ich genutzt, um mir die Touristen-Attraktionen anzuschauen: CN-Tower, Nathan Phillips Square, Hockey Hall of Fame, Distillery District. Besonders aufgrund des „Yonge Dundas Square´s“ hat mich die Stadt an eine kleinere Version von New York City erinnert. Der Platz findet sich im Zentrum der Stadt und hat, ebenso wie der Time Square in NYC, viele Werbebildschirme an den Wänden der Hochhäuser. Zudem kann man sich entlang des Sees dem Trubel der Stadt ein wenig entziehen – ähnlich wie im berühmten Central Park inmitten von NYC.

Eine Ausstellung widmet sich den Rechten der
afro-amerikanischen Frauen.

Etwas zum Nachdenken gebracht hat mich ein Plakat, das mir mitten der Stadt direkt neben einer gut besuchten Eislaufbahn aufgefallen ist. Das Plakat zeigt sieben schwarze Menschen und trägt den deutschen (!) Untertitel: „WER HAT ANGST VOR SCHWARZ?“. Es war nicht das erste Mal, dass ich hier in Amerika auf das Thema Rassismus gestoßen bin. Auch wenige Wochen zuvor bin ich in einem Museum in Buffalo darauf aufmerksam geworden. Dort war der Geschichte der Rechte einer afro-amerikanischen Frau eine ganze Ausstellung gewidmet. Auch wenn dieses Thema im Alltag des Bethany House’s (wo unterschiedliche Nationen und somit Hautfarben zusammenkommen) keine Rolle spielt, ist es dennoch wichtig.

Ein Haus steht kopf: touristische Attraktionen auf der kanadischen Seite der Niagarafälle

Nur zwei Wochen später bin ich dann erneut nach Kanada gereist, um mich mit Hanna, einer anderen deutschen Freiwilligen aus Deutschland, zu treffen. Gemeinsam wollten wir uns für einen Tag die kanadische Seite der Niagarafälle anschauen, was uns aufgrund des nebligen Wetters jedoch leider nicht ganz gelungen ist. Zu unserem Glück ist die kanadische Seite der beeindruckenden Wasserfälle jedoch sehr auf Touristen ausgelegt und lädt zu vielen Attraktionen ein: Von einem Regenwald-Restaurant, über ein Wachsfiguren-Museum, einem Horrorhaus, einem Schwimmbad mit Sicht auf das Naturwunder, einem Riesenrad bis hin zu Casinos wird es nicht langweilig.

Zudem habe ich begonnen, mich mit den verschiedenen traditionellen Sportarten der US-Amerikaner anzufreunden und sie zu verstehen. Neben Hockey oder Basketball, dessen Regeln ich auch aus Deutschland schon kenne, konnte ich mit dem Ablauf eines American Football-Spiels oder einem Lacrosse-Spiel bisher nichts anfangen. Die Stimmung in den Arenen ist auf jeden Fall nicht zu toppen und wird durch Wettrennen der Maskottchen, Auftritten der Cheerleader oder anderen Spielen während der Halbzeit, noch weiter angeheizt. Die Spiele haben mir auf jeden Fall bestätigt immer mal wieder etwas Neues auszuprobieren.

Die Stimmung bei einem Lacrosse-Spiel ist schwer zu toppen.

Liebe Grüße aus dem wieder eingeschneiten Rochester, Eva

 

Januar
Nächtliche Wohnungslosenzählung und Veränderungen im Bethany House

Eva-Maria Enking mit Bischof Matthew Clark

Im Gegensatz zum terminreichen Dezember schien der Januar um einiges ruhiger zu werden. Dennoch lief im Bethany House Tag für Tag die mir mittlerweile sehr vertraute Routine ab. Einen sehr wichtigen Teil nimmt dabei die wöchentliche „Community-Andacht“ in unserer eigenen kleinen Kapelle ein. Neben den aktuellen Gästen unseres Hauses, sind auch Nachbarn, ehemalige Gäste, ehemalige Arbeitskollegen und Interessierte eingeladen.

Ob man einer Religion oder welcher Religion man angehört, spielt in unseren Andachten keine Rolle. Gestaltet wird die Andacht jede Woche durch einen Priester, Diakon oder Referenten. Eine besondere Ehre war für uns der Besuch von Bischof Matthew Clark, mittlerweile im Ruhestand. Er ist bei allen sehr beliebt und sorgt für ein volles Haus. Nach der Lesung und ein paar kurzen Gedanken  gibt es die Möglichkeit, sich auszutauschen. Geschichten können erzählt und (kritische) Gedanken ausgesprochen und diskutiert werden.

Ein weiter Bestandteil stellt das Beten dar, insbesondere für die auf den Straßen Rochesters umgebrachten Menschen. Den Namen der Betroffenen schreiben wir dazu immer auf unser Jahresbanner, das in der Kapelle hängt. Auf diese Weise geraten die Verstorbenen nicht so schnell in Vergessenheit und werden immer wieder ins Gebet eingeschlossen. Auch persönliche Anliegen und Probleme können ins Gebet aufgenommen werden. Nach der Andacht sind dann alle zum gemeinsamen Abendessen eingeladen. Dies wird jede Woche von einer anderen Kirche oder Freiwilligen vorbereitet und serviert.

Dieses Banner erinnert an all die Menschen, die auf
den Straßen Rochesters ermordet wurden.
Das Küchenteam nach der Andacht

 

Ein besonderes Ereignis im Januar war auf jeden Fall die jährliche, nächtliche Wohnungslosenzählung. Daran beteiligen sich mehrere hundert Freiwillige, die sich auch beruflich mit wohnungslosen Menschen beschäftigen. Aufgeteilt wurden wir in unterschiedliche Schichten, wobei ich, gemeinsam mit meiner Kollegin, in die Schicht von zwei bis acht Uhr morgens eingeteilt wurde. Nach einer etwa einstündigen Einführung in den Fragebogen, einigen Hinweisen zum Ablauf und Selbstschutz während des Projekts und einem kleinen Austausch mit den anderen Freiwilligen, wurden wir in Gruppen von je drei Freiwilligen aufgeteilt und dann in verschiedene Stadtteile geschickt. Mit dabei hatten wir einen vollen Kofferraum mit Snacks, Hygieneartikel und Informationen über verschiedene Hilfsorganisationen in Rochester.

An die Wohnungslosen wurde Beutel mit Snacks, Hygieneartikeln und Informationen verteilt.

Ebenso verteilten wir Gutscheine für verschiedene Fast-Food-Ketten der Stadt. Einige Gruppen wurden von einem Fernsehteam begleitet. Etwas aufgeregt und motiviert haben wir uns also auf den Weg in unser Stadtgebiet gemacht, um uns nach Wohnungslosen umzuschauen. Wir haben verschiedene Parkplätze angefahren, haben den Stadtpark durchsucht und uns auf verlassenen Grundstücken umgeschaut. Besonders achteten wir auf Konserven oder alte Autos, die verlassen in einer Ecke standen. Wir schienen keinen Erfolg zu haben, bis wir auf ein Auto aufmerksam wurden, das bei unserer ersten Suche noch nicht auf dem Parkplatz gestanden haben konnte. Tatsächlich befand sich in dem alten Auto eine schlafende Person. Da wir sie jedoch nicht wecken wollten, beschrieben wir lediglich den Standort, das Auto und das Aussehen der im Auto liegenden Person. So konnten wir sicherstellen, dass sie in die Zählung mit aufgenommen wird und gegebenenfalls von Leuten der nächsten Schicht nochmals aufgesucht werden kann.

Wir hinterließen eine der in unserem Kofferraum befindlichen Taschen mit Snacks und Hygieneartikel und machten uns dann auf den Rückweg. Insgesamt wurden um 60 bis 70 wohnungslose Menschen gefunden. Da sie sich im Winter eher in Wohnungsloseneinrichtungen begeben oder bei Freunden unterkommen, wird die Wohnungslosenzählung ganz bewusst jedes Jahr im Winter durchgeführt – wie ich dann nach der Zählung erfahren habe. Auch wenn ich damit gerechnet habe, mehr Wohnungslose zu finden und interviewen zu können, war es doch eine spannende Erfahrung.

Ganz liebe Grüße aus Rochester, Eva

 

Dezember
Unsere Weihnachtsfeier und die L'Arche-Community

Weihnachtsabend mit vielen Geschenken
Weihnachtsparty

 

Und schon sind wir im neuen Jahr. Wie eigentlich jedes Jahr, ist der Dezember aufgrund seiner Festtagsvorbereitungen verflogen, und jetzt sind wir schon in 2018 angekommen. Die wohl größte Herausforderung des Monats war die Organisation der großen Weihnachtsfeier. Auch wenn diese schon seit Jahren veranstaltet wird und der genaue Ablauf der Feier durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre bereits feststand, setzt sie dennoch viel Vorbereitung und Arbeit voraus. Insgesamt haben sich 54 Frauen mit ihren Kindern angemeldet. Voraussetzung war, dass sie seit der Eröffnung 1977 mindestens einmal Gast unseres Hauses gewesen sein mussten. Die Feier bietet den Frauen die Möglichkeit, sich wiederzutreffen, auszutauschen und gemeinsam ein paar schöne Stunden zu verbringen.

Auch Weihnachtsfotos konnten geschossen werden. Selbstverständlich kam, nach dem Vorlesen der Weihnachtsgeschichte für die Kinder, auch der Weihnachtsmann mit Geschenken vorbei. Diese sind dank unterschiedlicher Kirchen der Stadt, die einzelne Familien „adoptiert“ haben, auch nicht klein ausgefallen. Für jede Familie gab es einen großen Sack mit Geschenken, zu denen zuvor auch Wünsche geäußert werden durften. Besonders für die Kinder schien dies eine große Freude gewesen zu sein.

Einer der kleinen Gäste im Bethany House

Nach der Weihnachtsfeier hieß es dann vor der Weihnachtsfeier, und wir starteten die Planung des Weihnachtstages. Hier in den USA wird lediglich ein Weihnachtstag gefeiert und der Heiligabend hat auch nur in wenigen Familien eine Bedeutung. In meinem Fall bestand der 24. Dezember aus Vorbereitungen für den nächsten Tag. Aus den übriggebliebenen Geschenken der Weihnachtsfeier, Geschenken des Vorjahres und weiteren Geschenkspenden wurde für jeden unserer Gäste eine große Geschenktüte zusammengestellt.

Die Bescherung gab es dann aber erst, ganz üblich für die US-amerikanische Tradition, am Morgen des Weihnachtstages. Gegen halb acht haben wir unsere Bewohner zur Bescherung und einem gemeinsamen Frühstück, bestehend aus einem Auflauf mit Ei, Brot und Käse, geweckt. Auch die am Abend zuvor rausgestellte Milch für Santa war, zur Freude der Kinder ausgetrunken und mit einer kleinen Dankesnotiz versehen. Nach dem Frühstück ist die eine Hälfte der Frauen zu ihren eigenen Familien gefahren, um mit ihnen den Weihnachtstag zu verbringen. Die andere Hälfte ist im Bethany House geblieben und hat den Nachmittag mit Gesellschaftsspielen und dem Schauen von American Football oder der Weihnachtsparade verbracht. Eine unserer Frauen lud ihre Familie zu uns ins Haus ein. Zusätzlich hatten wir das Glück, dass sich ein bereits mit dem Bethany House vertrautes Ehepaar bereit erklärte, für uns ein festliches Weihnachtsessen zuzubereiten.

Auf den Straßen von Rochester am Weihnachtsabend

Nachdem am Abend schließlich alle Frauen wieder im Bethany House angekommen und die zu Besuch gekommenen Familienmitglieder wieder abgereist waren, kam es unvorhergesehen noch zu einem kleinen Zwischenfall. Gegen 21.30 Uhr meldeten einige Frauen Gasgeruch in ihren Zimmern. Nachdem wir selbst keine Erklärung dafür finden konnten, riefen wir schließlich die Feuerwehr, die uns aufforderte, sofort das Haus zu verlassen. Glücklicherweise stellte sich der Gasgeruch dann jedoch als harmloser, kleiner Defekt unseres Herdes heraus, so dass wir schon nach wenigen Minuten zurück ins Haus gehen konnten. Für große Aufregung hatte diese Aktion dennoch gesorgt.

Ausflug an die Ostküste

Den Abschluss des Jahres 2017 durfte ich dankbar in Haverhill (Massachutes) verbringen. Dort befindet sich eine L’Arche Community, in der zwei deutsche Freiwillige von In-Via Köln ihren Freiwilligendienst absolvieren. Die Arche besteht aus mehreren kleinen Häusern, in denen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammenleben. Weltweit, auch in Deutschland, lässt sich diese Community (entstanden durch Jean Vanier) finden und stellt meiner Meinung nach ein sehr schönes Konzept dar.

Plum Island, Strand
Es ist so kalt, dass sogar die Niagarafälle eingefroren sind.

Gemeinsam mit einer weiteren Freiwilligen habe ich einen Einblick in den Alltag des Hauses bekommen und konnten die Umgebung entlang der unheimlich schönen Ostküste erkunden. Geplant war zum Abschluss meines Besuches und des Jahres die Fahrt nach Boston, um dort gemeinsam Silvester zu verbringen und die Eisskulpturen sowie das Feuerwerk zu betrachten. Das private Zünden von Feuerwerkskörpern ist im gesamten Bundesstaat nämlich nicht erlaubt und darf daher nur von wenigen Städten ausgeführt werden. Aufgrund der sehr kalten Temperaturen von um die -20 Grad Celsius wurden jedoch leider sämtliche Feuerwerke in Boston abgesagt. Glücklicherweise haben wir dies früh genug erfahren und konnten noch eine alternative, private Feier mit selbstgekochtem Essen und Spielen organisieren.

Aktuell sind es hier in Rochester um die -17 Grad (aufgrund des Windes gefühlt -26 Grad) Celsius. Laut meinen Kollegen einer der kältesten Winter der vermutlich letzten 20 Jahre und selbst Teile der Niagarafälle scheinen eingefroren zu sein. Während in Deutschland jedoch schon viel eher die Schule ausfallen würde, scheint die Stadt ziemlich gut auf die Kälte und die Schneemassen vorbereitet zu sein. Ich bin gespannt, ob sich das Wetter wirklich bis Ende Februar so hält.

Bis dahin, Eva

 

November
Mein erstes Thanksgiving

Time Square, New York
Laut, teuer, aber beeindruckend: New York

Mein dritter Monat in den Vereinigten Staaten ist direkt mit einem kleinen, aber aufregenden Ausflug nach New York City gestartet. Über Nacht bin ich am Mittwochabend in den ausgebuchten Bus Richtung NYC gestiegen, um für drei Tage einen ersten Eindruck der Stadt zu bekommen. Fehlen durften dabei natürlich nicht der Time Square, der Central Park oder die Pools als Erinnerung an den 11. September 2001. Zufällig fand zeitgleich auch das „New York Comedy Festival“ statt, so dass auch die Abende mit tollen Erinnerungen gefüllt wurden. Ich hoffe, dass es nicht bei einem Besuch bleibt. Auch wenn die Stadt unheimlich laut und teuer ist, bleibt sie mir dennoch sehr beeindruckend in Erinnerung.

Thanksgiving

Ein weiteres Highlight stellt für mich definitiv mein erstes (und hoffentlich nicht letztes) Thanksgiving dar. Die Amerikaner feiern dies jedes Jahr am vierten Donnerstag im November und erinnern damit an Kolonisten, die ausgehungert nach einer langen Schiffsfahrt in der neuen Welt ankamen und dankbar für ihr Überleben und die Nahrungsmittel vor Ort waren. Selbstverständlich wurde dies auch im Bethany House für alle Gäste und Freunde des Hauses gefeiert. Auch spontan wurden noch Frauen eingeladen, die froh zu sein schienen, allein oder mit ihrer Familie ein Teil der Gemeinschaft sein zu dürfen. Viele hätten den Tag sonst alleine oder ohne traditionelles Essen verbringen müssen.

Für die insgesamt 34 Personen gab es zum Mittag traditionell Truthahn mit Kürbis, Süßkartoffeln, Crannberry-Sauce und Apfelmus. Bevor es jedoch zum Buffet ging, sollte jeder erzählen, wofür er im zurückliegenden Jahr besonders dankbar war. Die Antworten vielen sehr unterschiedlich aus, aber eine ist besonders bei mir hängen geblieben: Es waren die Worte einer unserer aktuellen Gäste. Die Frau erzählte kurz von ihrer Heroin- und Gefängnisvergangenheit und erklärte schließlich, wie dankbar sie für die Unvoreingenommenheit des Bethany House war. Sie erzählte, dass sie mit offenen Armen empfangen wurde und sich nicht für ihre Vergangenheit und die Folgen für die noch andauernde Schwangerschaft verurteilt fühlte. Dies habe auch die Beziehung zu ihrer Mutter deutlich verbessert.

In dieses Haus zogen sich die Mitarbeiter des Bethany House
zur Beratung zurück.

Am darauffolgenden Wochenende fand der „Retreat“ statt, für den sich die festen Mitarbeiter des Bethany House für drei Tage zurückgezogen haben und in einen ruhig gelegenen Ort gefahren sind. Besprochen wurden die Strukturen des Hauses und die Veränderungen, die zum neuen Jahr anfallen werden. Unsere Leiterin Donna, die seit über 30 Jahren das Haus leitet und täglich von unseren Gästen angefragt wird, wird nämlich zum Ende des Jahres in Ruhestand gehen. Während des Wochenendes hatten wir die Möglichkeit, Aufgaben neu zu verteilen und uns erneut mit Strukturen oder dem Umgang schwieriger Situationen zu beschäftigen. Auch wenn Donna es sich mit 73 Jahren definitiv verdient hat, bin ich gespannt wie sich die Dymnaik des Hauses zum neuen Jahr verändern wird.

Bis dahin – liebe Grüße aus den USA, Eva

 

Oktober
Halloween und erste Verabschiedungen

Halloween im Supermarkt

Und wieder ist ein Monat vergangen. Langsam, aber sicher habe ich das Gefühl, in Rochester anzukommen. An den Akzent der Amerikaner gewöhnt man sich, mein Englisch wird fließender, und nach und nach lerne ich das US-amerikanische Sozialsystem kennen – das nebenbei viel komplizierter ist als bei uns in Deutschland. Ebenso kompliziert hat sich die Suche nach Wohnungen für unsere Klientinnen in der Stadt Rochester herausgestellt. Glücklicherweise lässt sich jedoch meistens innerhalb der 45 Tagen ein Apartment oder zumindest eine andere Übernachtungsmöglichkeit finden, so dass die Frauen nicht auf der Straße übernachten müssen.

Dies macht die Verabschiedung der Frauen wesentlich leichter. Nicht so leicht fiel mir das Herauswerfen zweier Gäste, die sich nicht an die vorgegebenen Regeln gehalten haben. Die eine hat für ihren Sohn Babykleidung aus unserem Lager gestohlen, während die andere eines Abends nicht zu Hause erschien und auch telefonisch nicht erreichbar war. Zum Schutz der anderen Bewohner verloren sie damit ihr Zimmer im Bethany House und mussten sich innerhalb des nächsten Tages eine neue Unterkunft suchen. In solchen Situationen wird mir bewusst, wie wichtig eine gewisse „emotionale Distanz“ zu den Klienten ist, auch wenn ich hier gemeinsam mit ihnen wohne und wir viel Zeit miteinander verbringen. Während der angebotenen Supervision mit dem gesamten Team und einem außenstehenden, professionellen Supervisor wird einmal monatlich über schwierige Situationen wie diese, aber auch über Konflikte innerhalb des Teams gesprochen.

„Haunted Hayrid's": Gruseln garantiert

Die Arbeit unseres Hauses stellt für viele Frauen und Familien seit über 40 Jahren eine wichtige Anlaufstelle dar. Von besonderer Bedeutung ist dabei vor allem unsere Leiterin, Donna Ecker, die seit über 30 Jahren viel Herzblut in diese Arbeit steckt. Die Frauen wissen das zu schätzen und fragen deshalb täglich nach ihr – egal ob am Telefon oder persönlich. Für eine Klientin scheint Donnas Arbeit ausgereicht zu haben, um sie bei dem lokalen Nachrichtensender als außerordentliche Person zu nominieren. Auch der Fernsehsender schien sich für das Bethany House zu interessieren, so dass uns vor wenigen Tagen ein Fernsehteam von „Channel 8“ besuchte und Donna, sowie eine Klientin interviewte. Der Beitrag war direkt am nächsten Tag in den Nachrichten zu finden und kann auch jetzt noch auf der Homepage angesehen werden.

Ein Fernsehteam von „Channel 8" interviewt die Leiterin des
Bethany House.

Auch in meiner Freizeit wird es nie langweilig. Selbstverständlich ist im Moment alles auf Halloween ausgelegt. Überall hängt Oktoberfestdeko, es gibt Kürbiskaffee, -kuchen und -brot, Halloween-Partys, und überall werden verschiedene Horror-Attraktionen angeboten. Das größte Event stellen dabei wohl die „Haunted Hayrid‘s“ dar, bei denen man auf einem Traktoranhänger durch ein Maisfeld und entlang verschiedener gruseliger Stationen fährt. Hat mich an typische Nachtwanderungen aus Deutschland erinnert – nur besser! Das war allerdings so beliebt, dass es unheimlich voll war und die meiste Zeit aus Warten bestand!

Dadurch, dass ich in Schichtdiensten arbeite habe ich zum Glück auch die Möglichkeit, während des Tages Ausflüge zu machen. So bin ich ganz spontan für einen Tag in das etwa 90 Minuten entfernte Buffalo und zu den Nigarafällen gefahren. Das hat mir so gut gefallen, dass ich direkt weitere Ausflüge nach New York City und zu den Finger Lakes geplant habe. Ich werde berichten…

 

Ganz schön nass: Ausflug zu den Niagara-Fällen

Lieben Gruß, Eva

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

September
Nach einem chaotischen Flug endlich in Rochester angekommen!

Außenansicht des Bethany House in Rochester

Verrückt, wie schnell die Zeit vergeht! Ich weiß noch genau, wie ich versucht habe, Klamotten für ein ganzes Jahr in einen einzigen Koffer zu quetschen, mich von Freunden und der Familie verabschiedet habe und schließlich tierisch nervös nach Frankfurt gefahren bin. In Frankfurt habe ich mich dann mit zwei weiteren Freiwilligen von IN VIA Köln getroffen, und wir sind gemeinsam nach Philadelphia geflogen. Soweit so gut, denn nachdem Darian und ich uns dort von Hanna verabschiedet hatten und motiviert in unseren zweiten Flieger nach Rochester gestiegen waren, fingen die Probleme an: Nachdem wir ganze drei Stunden im Flieger gesessen hatten, ohne dass dieser sich auch nur annähernd bewegte, wurde der Flug aufgrund des Wetters gecancelt und wir durften wieder aussteigen. Zusätzlich gingen dann auch noch unsere Koffer verloren, und wir erfuhren, dass der nächste Flug erst am folgenden Tag gegen 12.30 Uhr startet. 

Glücklicherweise hat American Airlines uns jedoch kostenlos ein Hotelzimmer zur Verfügung gestellt, so dass wir halbwegs ausgeschlafen am nächsten Tag erneut zum Flughafen gefahren sind. Der Flug hatte dann zum Glück „nur“ drei Stunden Verspätung, so dass ich schließlich mit einer Verspätung von 22 Stunden in Rochester, New York, angekommen bin. Endlich!

Blick aus einem Fenster im Bethany House

Meinen zwölfmonatigen Freiwilligendienst werde ich im Bethany House, einer katholischen Einrichtung, die dem „Catholic Worker Movement“ angehört, absolvieren. Dort angekommen, wurde ich herzlich von den vier Mitarbeitern des Hauses empfangen und bekam direkt am nächsten Tag eine Einführung in den Arbeitsalltag. Insgesamt können hier bis zu zehn Frauen übernachten. Sie haben die Möglichkeit, für 45 Tage zu wohnen, bekommen Mahlzeiten und können zum Beispiel Unterstützung in der Suche einer eigenen Wohnung, einer Arbeitsstelle oder medizinischer Hilfen bekommen. 

Zusätzlich besteht die Möglichkeit für weitere Frauen, Foodbags, Pampers oder Babynahrung zu erhalten. All das sind Spenden, die das Haus fast täglich auf unterschiedlichen Wegen erhält. Den größten Anteil hat daran eine Supermarkt-Kette ein, die ihre nicht verkauften Produkte spendet. Es ist der Wahnsinn, was für Massen an Nahrungsmitteln hier täglich rein- und rausgetragen werden, und es ist jedes Mal schön zu sehen, wie dankbar die Frauen für unsere Hilfe sind und uns teilweise weinend vor Freude in die Arme fallen. Auch unsere Gäste, die hier wohnen, beschreiben es immer wieder als gesegnetes Haus und die Gemeinschaft als eine Familie. 

Das Team des Bethany House spiegelt sich in der Scheibe.

Das Bethany House steht als soziale Einrichtung für Wohnungslose jedoch nicht alleine in Rochester da. Auf dem „Homeless Connect“, einer Messe für wohnungslose Menschen, haben sich die verschiedenen Einrichtungen der drittgrößten Stadt New Yorks vorgestellt. Auch das Bethany House war vertreten. Ich war wirklich beeindruckt, dass mehr als 50 Einrichtungen ihr Angebot vorgestellt haben. Auch wenn dies meiner Meinung nach auch notwendig ist, da etwa 33,8 Prozent der Einwohner Rochesters in Armut leben. Es freut mich zu sehen, wie auch viele Freiwillige sich in diesem Bereich engagieren und immer wieder Fortbildungen angeboten werden. Erst gestern war ich als Mitarbeiterin des Bethany House auf ein Symposium zum Thema Wohnungslosigkeit eingeladen, auf dem einige wirklich interessante Diskussionen zum Umgang mit den Bedürftigen entstanden. Weil es zusätzlich im College stattfand, habe ich mich etwas in mein Studium zurückversetzt gefühlt.

Vor den High Falls

Bisher fühle ich mich hier in Rochester superwohl. Ich bin herzlich aufgenommen worden, alle helfen mir, mich hier langsam einzufinden, und die ersten Bekanntschaften habe ich auch schon geknüpft. Die Menschen scheinen hier so offen und herzlich zu sein, dass es nicht schwerfällt, in Kontakt zu kommen. So bin ich auf dem Fringe Festival (irgendwie scheint hier jedes Wochenende ein anderes Festival stattzufinden) nach nur wenigen Minuten ins Gespräch mit einer Gleichaltrigen gekommen und habe schließlich den gesamten Abend mit ihr und ihren Freunden verbracht. Gemeinsam haben wir ein paar lustige Stunden verbracht und gleich Pläne für die kommenden Feiertage wie Halloween oder Thanksgiving geschmiedet. Auch an der Bushaltestelle oder am Strand wird man immer wieder ins Gespräch verwickelt – ganz anders als ich es aus Deutschland gewöhnt bin.

So langsam aber sicher habe ich das Gefühl, dass ich mich hier richtig einlebe und freue mich riesig auf die kommenden Monate. Ich habe noch so viele Ideen und Pläne. Langweilig wird es bestimmt so schnell nicht! 

 

Am Ufer des Ontario-Sees

Ganz liebe Grüße aus dem noch warmen New York,
Eva