15.03.2019

Humor in der Erziehung

Nicht alles so verbissen sehen!

„Lache dreimal am Tag mit deinem Kind.“ Was der Pädagoge Pestalozzi schon vor 200 Jahren forderte, ist heute wichtiger denn je. Denn Humor erdet und kann Eltern und Kindern im stressigen Erziehungsalltag helfen, Dinge lockerer zu sehen – und über Fehler zu schmunzeln.

Ein bisschen Spaß muss sein – auch in der Erziehung. Das macht Mut und stärkt das Miteinander. Foto: fotolia

Was verstehen Sie unter Humor – in Abgrenzung zum Witz?

Humor ist die Fähigkeit, die Situation zu nutzen und plötzlich einen anderen Blick da­rauf zu werfen. Dieses Unerwartete ist das Besondere dabei. Witz dagegen ist der strukturierte Versuch, in eine andere Stimmung zu kommen. Das klappt nicht immer.

Kann man Humor lernen?

Ich glaube schon. Unser Geschäft hier in der Beratungsstelle ist es ja, die Menschen zu einem Perspektivwechsel anzuregen. Wir ermuntern sie, auf ihre Situation zu schauen, um so Handlungsoptionen zu eröffnen, die sie vorher nicht hatten. Da gibt es viele Methoden, die man lernen kann. Humor ist aber eigentlich keine Methode, sondern es ist authentisch, sich humorvoll einzubringen.

Was bewirkt Humor in der Familie, bei der Erziehung?

Auch dort eröffnet Humor durchaus Handlungsmöglichkeiten. Wenn ich ein Kind ausschimpfe, führt es bei ihm dazu, sich zu rechtfertigen, sich herauszureden, die Schuld zu leugnen und in andere Richtungen zu verteilen. Der Beschuldigte ist in seiner Situation, seiner Rolle gefangen.
Wenn ich aber auf eine Regelübertretung mit einem Funken Humor eingehe, gibt es für alle Beteiligten mehr Möglichkeiten. Das Kind steht nicht „mit dem Rücken zur Wand“. Es könnte ebenfalls humorig antworten, zum Beispiel: „Ich hab gedacht, wenn ich nicht aufräume, dann siehst du mal alle meine Spielsachen. Sonst sind sie ja immer im Schrank.“ Humor eröffnet einfach mehr Möglichkeiten, ein Problem miteinander zu lösen. Und darum geht es ja.

Gibt es Grenzen, etwas humorvoll anzugehen?

Humor hat natürlich immer mit der jeweiligen Situation zu tun. Damit kann man auch gnadenlos scheitern. Immer dann, wenn große Trauer, wirkliches Leid, eine schreckliche Enttäuschung, eine große Verletztheit eine Rolle spielen, ist Humor nicht richtig am Platz. Dann braucht es erst einmal ein ernsthaftes Signal: „Das, was du, mein Kind, jetzt gerade erlebt hast, nehme ich sehr ernst. Daran bin ich interessiert. Erzähl doch mal mehr.“
Wenn beispielsweise ein Kind in der Schule gemobbt wird, dann geht es zunächst darum zu hören: Was ist passiert? Was empfindet das Kind dabei?

In welchem Alter können Kinder überhaupt Humor verstehen?

Zwischen drei und fünf Jahren entwickeln Kinder eine Art von Humor, die unserem Humor entspricht. Kinder malen dann zum Beispiel ein Pferd, das Fahrrad fährt. Das Unerwartete erzeugt Freude.
Jüngere Kinder reagieren zum Beispiel auf eine Grimasse oder auf Kitzeln. Mit einem Jahr oder 13, 14 Monaten lachen sie, wenn man die Zunge herausstreckt. Später, etwa ab fünf, finden Kinder es witzig, wenn die Eltern etwas Unterwartetes machen wie etwa herumhampeln.

Wie wirkt Ironie?

Ich glaube, dass Ironie bei Kindern immer fehl am Platz ist. Und Auslachen ist sowieso kein Humor. Das hat ja etwas Aggressives – genau wie die Ironie. Vor allem ist Ironie das Gegenteil von Authentizität. Kinder sollten merken: Der meint das, was er sagt, und er fühlt das, was er sagt.

Wie können Eltern eine Situation, die immer wieder nervt, humorvoll lösen?

Ein Kollege erzählt oft folgendes Beispiel: Wenn er mit Eltern zu tun hat, bei denen kleine Kinder ewig brauchen, um sich anzuziehen, empfiehlt er das Feuerwehr-Spiel. Die Eltern legen die Sachen in der Reihenfolge des Anziehens hin: Wäsche, Socken, T-Shirt, Hose. Dann kommt der Ruf „Alarm!“ Und die Kinder sind blitzschnell angezogen. Das ist eine humorvolle Umdeutung der Situation, die dem Kind Spaß bringt. Und man ist heraus aus diesem genervten „Jetzt mach doch endlich fertig!“

Was bewirkt ein humorvoller Umgang?

Hier in der Beratung strahlt Humor Zuversicht aus und macht Mut. Wo es eher um schwierige, belastende Dinge geht, gibt der Berater durch eine humorvolle Sicht die Rückmeldung: Das kann man auch leichter nehmen, es ist nichts Unlösbares, sondern etwas, in dem auch Zuversicht liegt. Im Zwischenmenschlichen ist Humor ein Beziehungsangebot. Wenn ich humorvoll auf eine Sache zugehe, dann zeige ich Vertrauen und signalisiere: Wir beide können jetzt zusammen lachen, lass dich mal drauf ein. Wenn wir erst mal miteinander gelacht haben, bringt es das Miteinander in Fluss.

Interview: Annette Saal