27.02.2019

Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie

Nicht nur Kirchenvertreter entscheiden

Die im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie der Bischofskonferenz zum sexuellen Missbrauch in der Kirche hat im Bistum Osnabrück jetzt Konsequenzen. In vielen Bereichen sollen externe Berater gehört werden. Das hat Bischof Franz-Josef Bode auf einer Pressekonferenz erklärt.

Eine Grafik zeigt an, womit sich das Bistum Osnabrück in Zukunft beim Thema Missbrauch besonders beschäftigen will. Vor allem soll es um Prävention, Intervention und um die Betroffenen gehen. Grafik: Bistum Osnabrück

Als Bischof ist es Franz-Josef Bode gewöhnt, dass sein Bild auch mal auf der Titelseite einer Zeitung erscheint. Dieses Mal ist er aber auf jeden Fall überrascht. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ zeigte ihn kürzlich in einem besonderen Moment des Jahres 2010 – damals hatte der Bischof in einem Gottesdienst öffentlich um Entschuldigung für den Missbrauch katholischer Priester an Kindern und Jugendlichen gebeten und sich in liturgischer Kleidung lang vor den Altar des Doms gelegt – als Zeichen der Buße und der Reue.

Die Zeitung illustriert mit dem alten Foto jetzt einen Artikel zu der in Rom stattfindenden Bischofssynode, die vor wenigen Tagen zu Ende ging. Dass das Thema auf der Titelseite zu finden sei, zeige nur die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit an die Kirche, beim Thema Missbrauch voranzukommen.

Derweil erklärte der Bischof in Osnabrück vor Journalisten, dass sich das Bistum bei dieser Frage ganz neu aufstellt. Im vergangenen Jahr war die sogenannte MHG-Studie veröffentlicht worden, die die Bis­tümer in Auftrag gegeben hatten. Diese Erfahrungen bildeten die Grundlage für ein neues Konzept, wie mit den Folgen des Missbrauchs umgegangen und wie er im Vorfeld möglichst verhindert werden soll. Eine Grafik (siehe oben) soll helfen, das zu verstehen, was sich Verantwortliche dazu überlegt haben. Es gibt eine Überschrift, die nicht in der Grafik steht, die aber gewissermaßen zwischen den Zeilen daherkommt. Es ist diese Botschaft: Seht her, wir machen in Zukunft alles anders. Nicht mehr allein Kirchenvertreter sollen in Zukunft entscheiden, was im Ernstfall getan wird. Für alle Bereiche will das Bistum externe Berater finden. Und deren Urteil will der Bischof dann auch folgen.

Prävention: Es ist der Bereich, in dem das Bistum bereits am besten aufgestellt ist. Das sagen auch externe Fachleute, wie kürzlich die niedersächsische Justizminis­terin. Jeder, der beim Bistum arbeiten will, muss eine Schulung absolvieren, Einrichtungen müssen Schutzkonzepte erarbeiten. „Da sind wir auf einem guten Weg“, sagt der Bischof.

Intervention: Wird ein neuer Fall öffentlich, gilt es sofort – und vor allem angemessen – zu reagieren. Wie kurz vor Weihnachten, als bekannt wurde, dass ein inzwischen im Ruhestand lebender Priester in Merzen und weiteren Kirchengemeinden Kinder missbraucht hat. Die Gemeinde ist gespalten in die einen, die es schon immer wussten und die anderen, die nur die positive Seite des Geistlichen sehen. Sie brauchen Begleitung. Der Bischof spricht von „irritierten Systemen“. Bei der Intervention gehe auch um die Frage der Information. Wann müssen welche kirchlichen Gremien erfahren, was demnächst auf sie zukommt?

Verantwortung für Betroffene: ein wichtiger Punkt, der auch schon an vielen Stellen angesprochen wurde. Das Bistum zahlt Geld, nicht im Sinne einer Entschädigung, sondern als „Anerkennung des Leids“, wie es offiziell heißt. Es bietet weitere Unterstützung an wie zum Beispiel die Vermittlung von therapeutischen Maßnahmen. Das solle in Zukunft nicht mehr nur für den Moment gelten, sondern auch über Jahre hinaus, so der Bischof.

Titelbild: „Die Zeit“ brachte in der vergangenen Woche den
Osnabrücker Bischof auf Seite 1. Foto: Matthias Petersen

Kontrolle von und Umgang mit Tätern: Der vierte Punkt im Diagramm ist bewusst kleingeschrieben – denn es soll klarwerden, dass die Täter und weitere Beschuldigte nicht die gleiche Art von Zuwendung für sich in Anspruch nehmen können wie etwa die Betroffenen. Und der Bischof stellt klar, dass es in Zukunft eine bessere Kontrolle von Sanktionen geben müsse. Im Fall des früheren Merzener Pfarrers sei diese Kontrolle unterlassen worden, als Ruhestandspfarrer habe er sogar wieder Verantwortung übernehmen können – allerdings gab es in dem Fall zu dem Zeitpunkt lediglich Vermutungen, keine Beweise. Das zeige allerdings auch, dass jeder Fall für sich betrachtet werden müsse. Solche Fälle möchte der Bischof jedenfalls in Zukunft von einem Gremium beurteilen lassen, das zu entscheiden hat, wie mit einem Beschuldigten umzugehen ist – und das mit Fachleuten besetzt ist, die keine kirchlichen Mitarbeiter sind. Dem Urteil werde er sich als Bischof anschließen.

Systemische Grundsatzfragen: Neben den genannten Punkten müsse parallel überlegt werden, wie zum Beispiel das Thema Sexualität in der Priesterausbildung deutlicher und selbstverständlicher eine Rolle spielen könne, wie das Thema Macht beleuchtet werden könne, wie es insgesamt zu einer neuen Beurteilung der Sexualmoral kommen könne.

Monitoring: Gewissermaßen als Dach steht über allem die Frage, wie die Dinge gesteuert und kontrolliert werden können. „Wer hält nach? Auch das werden wir klar definieren“, sagt der Bischof, dem alle genannten Punkte Herzensanliegen sind. Denn auch das macht er deutlich: Das Thema geht ihm persönlich nahe.

Nun ist es an der Zeit, weitere Fachleute zu finden, die die Beraterstellen adäquat besetzen können – vieles ist schon geklärt. Das sind Juristen, Staatsanwälte oder Richter, Personalchefs oder Sozialarbeiter. Die Arbeitsgruppen könnten so bald wie möglich ihre Arbeit aufnehmen, sagt der Bischof – und werden es auch tun.

Matthias Petersen

Hier geht es zu einem Brief des Bischofs mit weiteren Informationen