21.09.2017

Ole Hengelbrock kämpfte in Somaliland gegen Trinkwasserknappheit

Ole hat einen neuen Namen

Über das Wetter schimpft man in Deutschland gerne: Zu warm, zu kalt, zu viel Sonne, zu viel Regen. Wenn aber die Menschen im ostafrikanischen Somaliland über das Wetter klagen, dann suchen sie nicht nach einem Smalltalk-Thema, dann ist es eine Frage auf Leben und Tod. 

Foto: Foto: Jürgen Escher/Cap Anamur
Foto: Jürgen Escher/Cap Anamur

Ole Hengelbrock, groß, schlaksig, das blonde Haar zum Zopf gebunden, kam nach Somaliland und wollte bleiben, bis dort wieder Regen fällt. Drei Jahre hat es nicht geregnet. Mit Dürreperioden sind die Somalier vertraut, doch keine währte drei Jahre. Der Boden ist trocken und staubig, die Menschen sind verzweifelt: 80 Prozent ihrer Tiere sind wegen Wassermangels verendet, damit sind 80 Prozent der Einnahmequellen weggebrochen. Tiere und Menschen sind somit bedroht. 

Dieses Leid konnte Hengelbrock nicht ertragen; er wollte helfen. Der 29-Jährige ist im Februar aus Borgloh im Osnabrücker Land nach Somaliland geflogen, obwohl das Auswärtige Amt von Reisen in die Region abrät. Zu gefährlich, heißt es. Daher kommt wenig Hilfe an und es sind Hilfsorganisationen wie Cap Anamur und Menschen wie Ole Hengel­brock, die den Menschen Wasser in Tanks bringen – über 200 Kilometer legen sie dafür zurück. Eine schnelle Lösung, aber keine, die auf Dauer hilft. Ist das Wasser ausgetrunken, muss der nächste Truck heranrollen, und das ist nicht billig. Andere Möglichkeiten der Wasserbeschaffung sind nötig. Ganz schön kompliziert in einer Region, die auf einem Plateau gelegen ist. Manchmal findet man kein Wasser, ein andermal ist es salzig. Also wurde ein Trinkwasserbecken gebaut. Dort kann Wasser eingelagert werden, ohne dass Tiere es verunreinigen oder es in der Hitze verdampft. 

Nächstenliebe leben

Die Dürre hat bereits für andere Probleme gesorgt: Krankheiten wie Masern oder Cholera sind weit verbreitet, Ärzte und Medizin dagegen nicht. Hengel­brock ist kein Arzt, er kann weder Diagnosen stellen noch Spritzen setzen. Er spricht mit den Einwohnern, scherzt mit den Kindern und organisiert Wasser und Medikamente, orientiert am Bedarf der Menschen. Im Norden des Landes konnte er mit Cap Anamur ein bereits fertiggestelltes Krankenhaus in Betrieb nehmen. Er sucht nach Ärzten, spielt mit kleinen Kindern Ball oder pflegt Beziehungen zu Ministerien. Angst, dass ihm etwas passieren könnte, hat er nicht. Immerhin hat der örtliche Sultan den Mitarbeitern von Cap Anamur sein Wort gegeben, und das gilt in Somaliland viel. Die Einheimischen wissen, dass er bei ihnen ist, um zu helfen, und dieses Vertrauen garantiert seine Sicherheit. Ohnehin „kommt es, wie Gott will“, sagt Hengelbrock immer wieder. Gott und sein christlicher Glaube sind treibende Kraft hinter seinem Engagement. „Es ist schwer, Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit im Alltag umzusetzen, aber dort, in Somaliland, kann ich konkrete Nächstenliebe leben“, erklärt er. 

Vom Fußballplatz ins Ebolagebiet

2013 musste er sich entscheiden: Weiter als Vertragsfußballer spielen oder mit diesem Leben brechen? Hengelbrock entschied sich für den radikalen Weg und ging mit Cap Anamur nach Sierra Leone, wo er auch blieb, als die Ebola-Epidemie ausbrach. „Mein Leben ist dadurch komplizierter und ungemütlicher, aber auch reicher und ausgefüllter geworden. Vorher war ich ganz auf den Fußball fokussiert, heute fiebere ich noch den Spielergebnissen am Wochenende entgegen, aber ich wage mich auch an unbequeme Themen heran wie Verantwortung für Mensch und Umwelt“, erklärt er. Für ihn war dieser Weg der richtige. Einfach ist er dagegen nicht. „Man muss noch schockiert sein, sonst kann man den Job nicht machen!“, sagt er. Wer nicht mehr schockiert sei, stumpfe ab und das sei genauso gefährlich, wie nachts nicht mehr schlafen zu können, weil das Erlebte einen auffrisst. Das Wissen, dass er in diesem Augenblick aktiv helfe, lasse ihn den Schrecken über hungernde und kranke Kinder wie in Somaliland besser ertragen, sagt Hengelbrock, den die Einheimischen mittlerweile als „Ghedi“ bezeichnen, als Reisenden. Einen Namen von den Somaliern verliehen zu bekommen ist ein Zeichen des Vertrauens. 

Dagegen wirken seine eigenen Einschränkungen gering: Immer hatte er Staub in der Nase, trug aus Rücksichtnahme auf die muslimische Bevölkerung trotz Hitze nie kurze Hosen und ging wegen der Sicherheitsbestimmungen nicht joggen. Doch der Lohn für diese Einschränkungen ist groß: Die Menschen in Somaliland haben dank der Wasserbecken mehr Wasser zur Verfügung und die Sterberate ist deutlich gesunken, seit das Krankenhaus eröffnet hat. Hengelbrock aber ist nach Hause zurückgekehrt. Er ist Vater geworden.

 

Somaliland und Cap Anamur:

Von Somaliland ist selten die Rede, und wenn, dann in Anführungszeichen. Denn Deutschland erkennt, wie alle anderen Länder, die 1991 ausgerufene Unabhängigkeit Somalilands von Somalia nicht an. Doch ohne die Anerkennung der Staatengemeinschaft erhalten die Menschen keine Hilfe. In Somaliland liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei circa 55 Jahren, die Säuglingssterblichkeit ist hoch. Obwohl friedlicher als Somalia, sind die staatlichen Strukturen nicht ausgeprägt, Clans nehmen eine mächtige Stellung in dem Nomadenvolk ein. Sie haben sich selbst organisiert. International haben die Menschen keinen Anspruch auf Hilfe, denn da sie auf der Suche nach Wasser im eigenen Land umherziehen, gelten sie offiziell als Binnenflüchtlinge. Als solche haben sie keinen Anspruch auf Flüchtlingshilfe. Cap Anamur engagierte sich in der Vergangenheit dreimal in verschiedenen Teilen des Landes. Seit 2016 ist die Hilfsorganisation wieder in Nordsomalia.

 

von Nadine Vogelsberg