11.08.2022

Angebot für offene Gespräche rund um Fürstenau

Reden, wenn die Zeit reif ist

Ein Glas Wasser und eine Stunde Zeit: Das bietet Gemeindereferentin Ute von der Wellen ihren Mitmenschen an. Denn der Gesprächsbedarf ist hoch – ob über Krieg und Veränderungen in der Kirche oder persönliche Krisen.

Gemeindereferentin Ute von der Wellen sorgt für eine ungezwungene Gesprächsatmosphäre. Foto: Matthias Petersen

Ute von der Wellen nimmt sich Zeit für andere Menschen – Zeit zum Reden, Lachen, Trauern und Beten. Die Gemeindereferentin aus Berge in der Pfarreiengemeinschaft Fürstenau sieht viel Gesprächsbedarf, der jedoch im Alltag untergehe, wie sie sagt. Die sich überlagernden Großkrisen der Gesellschaft, Corona, Krieg und Klima, seien längst nicht die einzigen Themen. Nach dem Tod des Partners, der Eltern oder um den Wandel der katholischen Kirche einzuordnen, hat die 57-Jährige bereits mit einigen Mitgliedern ihrer Gemeinde gesprochen.

Sie ist so auf die Themen gestoßen, die die Menschen – ganz individuell – umtreiben. Doch es geht ihr nicht darum, ihre Gesprächspartner auszufragen. „Es ist ein offenes Angebot, ich möchte nichts bezwecken. Ich habe Zeit für dich“, lautet die Botschaft, die Ute von der Wellen rund um Fürstenau weitergeben möchte. Es ist ein Gesprächsangebot, das die Menschen ganz bewusst und doch völlig unverbindlich annehmen können.

Dazu hat sie ihr Angebot auch in den Pfarrnachrichten veröffentlicht. „Ein Glas Wasser und eine Stunde Zeit“ überschreibt sie ihre Aktion, die in dieser Form zunächst bis zum Ende der Sommerferien läuft. Alle Gemeindemitglieder und darüber hinaus auch alle, die Interesse haben, sind eingeladen, Ute von der Wellen anzusprechen, anzurufen oder ihr eine E-Mail zu schreiben.

Das Angebot zum Reden gab es schon immer

Sieben Termine hat sie bereits ausgemacht. Zwei Gemeindemitglieder kommen zu ihr ins Pfarrbüro von St. Katharina in Fürstenau. Die anderen besucht sie zu Hause. Wenn von der Wellen ins Pfarrbüro einlädt, richtet sie den Raum ein wenig her. „Ich habe hier eine Wasserkaraffe mit einer Zitronenscheibe auf den Tisch gestellt, dazu zwei schöne Gläser, ein gedeckter Tisch eben.“ Wer zu ihr kommt, soll sich wohlfühlen können. Die ungezwungene Atmosphäre ist ihr besonders wichtig. „Die Leute können zum Quatschen kommen, ohne einen Grund haben zu müssen.“

Ihr Angebot zum Reden habe es eigentlich immer gegeben, sagt sie. Heute wundert sie sich darüber, weshalb sie die Menschen bewusst einladen und ihr Angebot kommunizieren muss. Ob zwischen Tür und Angel oder zu einem verabredeten Termin: Früher seien längere Gespräche in der Gemeinde üblicher gewesen, sagt sie. Seit einiger Zeit stellt sie sich daher die Frage: „Wie können die Leute das annehmen, ohne einen Anlass haben zu müssen?“ Gespräche führen, die zur Sache kommen, in denen der Smalltalk übers Wetter wegfällt – das sagt sie, erlebe sie nicht mehr häufig. Dagegen erinnert sich die Gemeindereferentin gerne an die Zeit, in der sie Geburtstagsbesuche bei den Senioren in der Gemeinde gemacht hat.

Die spannendsten Unterhaltungen habe sie bei großen Geburtstagen mit den dort anwesenden Gästen geführt. Dort habe sie auch den Kontakt zum Querschnitt von Jung und Alt in der Pfarreiengemeinschaft gefunden – zu Menschen, die auf ihre Weise glauben, und zwar nicht immer an Gott oder die Kirche. Als mit der Zeit das Gemeindeteam immer kleiner wurde, sind die persönlichen Geburtstagsbesuche eingestellt worden.

Gespräche helfen, geerdet zu bleiben

Dabei, sagt sie, seien lebendige Gespräche die Grundlage ihrer gesamten Arbeit. Auch wenn Gott nicht immer benannt werde, sei er immer Teil einer Unterhaltung. „Wenn mir zum Beispiel jemand sagt, ich glaube nicht an Gott, sieht er Gott ja nur von der anderen Seite“, so von der Wellen. Mit klaren Meinungen komme sie gut zurecht. „Manchmal wollen die Menschen mich herausfordern und manchmal merke ich, dass jemandem etwas auf dem Herzen liegt, es aber noch nicht an der Zeit ist, dies auszusprechen.“ Wenn die Zeit aber reif sei, brauche es unbedingt jemanden, der da ist und reden wolle, bevor sich ein Thema wieder verflüchtigt. Genau das ist ihr Angebot. Darauf hat sich die verheiratete Mutter von drei Kindern bewusst eingelassen. Seit 2018 arbeitet die Gemeindereferentin zusätzlich im Bestattungsdienst und redet mit Trauernden. Sensibel aber ohne Scheu, will sie sich stets den Menschen annähern, die zu ihr kommen – ob mit den großen Themen des Lebens im Gepäck oder einfach so.

Die Anliegen der Menschen, die sie trifft, nimmt von der Wellen gerne mit in den Gottesdienst. Im Pastoralteam gestaltet sie einige von ihnen mit. So helfen die Gespräche in erster Linie den Menschen, die sich mit ihr unterhalten, doch sie helfen auch ihr dabei, „geerdet zu bleiben“, wie sie sagt. Um die Frohe Botschaft im Gottesdienst verkünden zu können, müsse das Wort Gottes entsprechend ausgelegt werden, also aktuell bleiben und auf die konkreten Anliegen der Menschen eingehen. Darum kümmert sie sich.

Florens Böwering