28.12.2018

Ausbildung von Imamen

Religiöse Menschen integrieren

Warum werden islamische Vorbeter in Moscheegemeinden nicht längst in Deutschland ausgebildet? Professor Bülent Uçar, islamischer Religionspädagoge an der Universität Osnabrück, setzt sich für ein Imamseminar ein, spricht über Mut in der Politik und den Sinn islamischen Religionsunterrichts an Schulen.

National und international ein gefragter Gesprächspartner: Bülent Uçar, Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück und Leiter des Instituts für Islamische Theologie. Foto: Thomas Osterfeld

Nach fünf Jahren gibt es jetzt die ersten Absolventen des Instituts für Islamische Theologie. Welche Chancen haben die jungen Leute auf dem Arbeitsmarkt?

Es sind genau sechs Absolventen: vier angehende Religionslehrer, die zurzeit im Referendariat sind, und zwei examinierte Volltheologen. Bei den Lehrkräften machen wir uns keine Sorgen, weil sie dringend gebraucht werden. Schulleiterinnen und Schulleiter fragen nach, deshalb haben wir bereits Studierende über einen Seiteneinstieg an Schulen vermitteln können, bevor sie regulär arbeiten. Das macht Sinn: Man lernt sich kennen und baut Vertrauen auf. Bei den beiden Theologen sieht es anders aus. Der eine geht in die Wissenschaft, bei dem anderen ist die berufliche Zukunft noch nicht so klar.

Warum können die Theologen nicht als Imame, also Vorbeter, in den Moscheegemeinden eingesetzt werden?

Das Theologiestudium ist nur ein Teil der Imamausbildung. Um Prediger zu werden, brauchen die Absolventen eine zusätzliche praktische Ausbildungsphase. Für ein entsprechendes Imamseminar, ähnlich den Priesterseminaren, Vikariaten und Rabbinerseminaren, setzen wir uns seit Jahren ein. Normalerweise organisieren und finanzieren die Religionsgemeinschaften solche Einrichtungen. Im muslimischen Bereich gibt es das bislang nicht. Doch wir müssen zügig den nächsten Schritt machen, allein schon deshalb, weil die fehlenden beruflichen Perspektiven bei unseren Studierenden für großen Frust sorgen. Zum ersten Mal sind in diesem Jahr unsere Studentenzahlen gesunken.

Woran liegt es, dass es mit der Gründung eines Imamseminars nicht vorangeht?

Der Staat fühlt sich nicht zuständig, er verweist darauf, dass es Sache der Religionsgemeinschaft ist, eine solche Einrichtung aufzubauen. Die wiederum kann sich das finanziell nicht leisten. Man muss wissen: Die Moscheegemeinden leben ausschließlich von Mitgliederbeiträgen. Ohne Geld aus dem Ausland könnten sie nicht einmal einen vollausgebildeten Akademiker bezahlen. Für ein Imamseminar müsste also ein externer Träger gefunden werden. Wir als Universität sind der Neutralität verpflichtet und können nur immer wieder an die Politik und die islamischen Gemeinden appellieren, ins Gespräch zu kommen.

Grundlage dafür wäre ein praktisches Ausbildungskonzept.

Das haben wir aufgrund unserer langjährigen Erfahrungen in der Imam-Weiterbildung schon erarbeitet! Die Niedersächsische Landesregierung ist darüber informiert, wir warten immer noch auf eine verbindliche Rückmeldung. Ich bin aber zuversichtlich, denn auf Bundesebene gibt es großes Interesse an unserem Konzept. Zum Beispiel hat sich die Islamkonferenz Ende November damit beschäftigt. Und auch islamische Verbände signalisieren Interesse.

Warum wird so viel Wert darauf gelegt, Imame in Deutschland auszubilden?

Der Islamdiskurs in Deutschland ist auf allen Ebenen von der berühmten German-Angst geprägt. Es gibt aber auch plausible Gründe. Bisher kommen alle Imame aus dem Ausland, die meisten aus der Türkei. Ihre theologische Kompetenz stelle ich nicht infrage. Aber sie sind der deutschen Sprache nicht mächtig, kennen Kultur, Land und Leute nicht und finden kaum Zugang zur dritten und vierten Generation der ehemaligen Gastarbeiter. Sie predigen oft so, als ob die Betenden in einem muslimischen Land lebten. Aber wir leben in einer säkularen, christlichen und auch multikulturellen Gesellschaft.

Hinzu kommt, dass die türkische Religionsbehörde Diyanet, die die Geistlichen ausbildet und auch nach Deutschland schickt, sich einmischt und sogar über Predigten entscheidet, die in den Ditib-Moscheen gehalten werden. Wir müssen also dringend autonome Imame ausbilden, die in Deutschland sozialisiert und beheimatet sind. Das ist wichtig für die muslimischen Gemeinden, aber auch im Interesse der gesamten Gesellschaft.

In der Tat ist das Vertrauen zwischen Staat und Ditib-Verbänden zurzeit empfindlich gestört. Immer wieder sehen sich die Landesverbände mit Vorwürfen konfrontiert, die Türkei wolle politischen Einfluss nehmen. Was muss passieren?

Ich fordere schon lange eine Demokratisierung der Ditib-Landesverbände. Es ist unerlässlich, dass ihre Strukturen transparent gemacht werden. Sie müssen gewährleisten, dass es der Staat mit einer zivilen Einrichtung zu tun hat, die basisdemokratisch organisiert ist. Staatsbeamte etwa haben in der Landesmitgliederversammlung einer Religionsgemeinschaft nichts zu suchen. Sie wurden nicht gewählt, sondern ernannt. Die muslimische Basis muss ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen dürfen. Da darf es keine politische Bevormundung geben.

Was ist dabei Aufgabe der Politik?

Es kommt darauf an, wie sie sich positioniert. Sie kann aktiv fördern, begleiten, positiv wie negativ sanktionieren oder nur beobachten und kommentieren. Momentan geschieht eher Letzteres. Das werfe ich unseren Politikern insgesamt vor. Offensichtlich ist das Thema zu angstbesetzt. Aber Angst lähmt das aktive Eingreifen. Mit Eingreifen meine ich unter anderem, bestimmte muslimische Gruppen und Gemeinschaften wohlwollend zu unterstützen – nicht nur mit Worten, sondern auch finanziell.

Zum Beispiel?

Bundesinnenminister Horst Seehofer hat auf der jüngsten deutschen Islamkonferenz angekündigt, die Integrationsarbeit in den Gemeinden unterstützen zu wollen. Das wäre eine Option. Man müsste in der Tat darüber nachdenken, wie man Moscheegemeinden helfen kann, unabhängiger von ausländischen Geldgebern zu werden. Aber unsere wichtigste Aufgabe ist zunächst ein Seminar für die praktische Imamausbildung.

Apropos: Vor acht Jahren startete in Osnabrück eine universitäre Weiterbildung von Imamen als bundesweites Vorzeigeprojekt. Warum wurde sie jetzt eingestellt?

Sie war von Anfang an als Provisorium, gedacht. Langfristig wollten wir eine grundständige Imamausbildung etablieren, in der es auch um das Vermitteln praktischer Dinge  geht: Liturgie, Rezitation, Predigtlehre, Seelsorge. Unsere Weiterbildung haben Imame genutzt, die in Moscheegemeinden tätig und gut ausgebildet sind, denen es aber an gesellschaftspolitischen Kompetenzen fehlte. Beispielsweise haben sie sich mit Extremismusprävention, Gemeindepädagogik und Jugendarbeit auseinandergesetzt. Nach einer Auswertung mit den Imamen kann ich sagen: Unser Modellprojekt war erfolgreich. Wir sind die einzige deutsche Universität, die auf diesem Gebiet valide Erfahrungen sammeln konnte.

Niedersachsen hat vor über zehn Jahren als erstes Bundesland regulären islamischen Religionsunterricht im Sinne der Verfassungsvorgaben eingeführt. Nicht alle Eltern, zum Beispiel an katholischen Schulen, haben dafür Verständnis.

Der Staat unterbreitet ein solches Angebot ja nicht als karitative Morgengabe für die Muslime, sondern ist daran interessiert, religiöse Menschen in die Gesamtgesellschaft zu integrieren. Wir hoffen, dass ein islamischer Religionsunterricht dazu beiträgt, jungen Muslimen einen reflektierten Zugang zum Glauben zu verschaffen. Gerade in Zeiten von Populismus und religiösem Extremismus ist das überlebenswichtig für eine Gesellschaft. Menschen, egal ob gläubig oder nicht, sollten sich interreligiös verständigen können oder zumindest dialogfähig sein. Und was Vorbehalte gegen den Islam angeht: Wenn ich sehe, welches Unheil religiöse Extremisten anrichten, kann ich die Menschen verstehen. Ich habe dieselben Ängste wie jeder andere Deutsche auch.   

Interview: Anja Sabel