19.07.2019

Verhalten in sozialen Medien

Unglücklich durch Vergleiche

Wer viel in Sozialen Medien unterwegs ist, macht sich unglücklich. Denn automatisch wird er sich mit anderen vergleichen, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Bianca Kellner-Zotz. Sie warnt davor, das Leben zu sehr in der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen.

Es muss nicht immer ein Event sein – ein ruhiger Nachmittag zu Hause ist genauso viel Wert. Foto: istockphoto/andresr

Der schönste Sommerurlaub, der erste Schultag, die feierliche Erstkommunion, die festliche Schulentlassung, der beste Kindergeburtstag aber auch der tollste Ausflug, das beste Grillfest: Der Gestaltung von besonderen Anlässen sind kaum noch Grenzen gesetzt. Familien geraten dadurch unter Druck, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Bianca Kellner-Zotz – zumal wenn auch jedes Alltagsereignis fotografiert und online präsentiert wird. Im Interview erklärt die Autorin, warum viele Menschen sich diesem Druck kaum entziehen können– und wie eine Alternative aussehen könnte.


Warum wollen wir, dass unser Leben in der Öffentlichkeit stattfindet?

Weil uns die Medien gelehrt haben, dass Aufmerksamkeit etwas Wertvolles ist. Viele Kinder wollen heute nicht mehr Schreiner oder Krankenschwester werden, sondern YouTube-Star. Mediale Aufmerksamkeit ist eine Form der Belohnung, die wir frei Haus geliefert bekommen. Ständig wird ein neues Bild von einer tollen Unternehmung gepostet, ein neuer Sinnspruch. Der Durchschnittsmensch wünscht sich, dass andere ihn als aktiv, modern und außergewöhnlich wahrnehmen. Diese Sehnsucht ist nicht neu, hat aber durch die Medien eine neue Qualität bekommen. Entscheidende Motoren waren die Einführung des Privatrundfunks und des Internets.


Kann sich der Einzelne diesem „Regime“ entziehen?

Das wird schwieriger. Wenn Sie nicht im Elternchat sind, werden Sie schräg angesehen. Viele sind sich nicht darüber im Klaren, wie sehr sie das stresst, wie viel Zeit sie damit verplempern. Die meisten wollen nichts verpassen, zumal etwas, das wichtig für ihr Kind sein könnte.


Motto-Hochzeiten und groß gefeierte erste Schultage scheinen in dieselbe Kategorie zu gehören.

Warum finden wir eine Motto-Hochzeit schöner als eine im Gasthof um die Ecke? Weil wir gelernt haben, dass ein Narrativ eine bestimmte Aufmerksamkeit bringt. Auch die Kommunion braucht heute ein Motto, zu dem die Fürbitten und die Lieder passen müssen. Wir müssen für uns und die anderen dokumentieren, wie glücklich wir sind. Dazu gehören die Fotomotive: Wenn ich den anderen keine Fotos zeigen kann, ist etwas schiefgelaufen.


Dabei machen ständige Vergleiche nicht unbedingt glücklich.

Diese Erkenntnis geht ein wenig unter. Viele Studien belegen, dass Menschen, die viel in Sozialen Netzwerken unterwegs sind, unglücklicher sind: „Jetzt sind die Nachbarn schon wieder nach Thailand geflogen, die Kollegin hat eine tolle Torte für ihre Tochter gebacken – und ich kriege das alles nicht hin.“ Diese Art des Vergleichs ist toxisch.


Welche Gruppen stehen besonders unter Druck?

In meiner Studie komme ich zu dem Schluss, dass im System Familie in erster Linie die Mütter anfällig dafür sind. Sie sollen alles machen: arbeiten, Kinder kriegen, sich in der Kita und im Verein engagieren. Wertschätzung erhalten aber diejenigen, die eine große Karriere machen. Ein Foto der tollen Geburtstagstorte wirkt da wie ein Ventil.


Woher kommt dieser Mangel an Wertschätzung?

Unsere Gesellschaft honoriert sichtbare Leistung und Aktivität. Wer nicht ständig beschäftigt ist, – und hier zählen vor allem ein angesehener Beruf und tolle Freizeitbeschäftigungen – der bekommt keine Anerkennung. Das zeigen die gesellschaftlichen Rollenbilder, wie sie etwa in der Werbung verbreitet werden, sehr schön: Die Frauen in den Clips sind schlank und gepflegt. Sie haben einen Job und schmeißen lächelnd den Haushalt. Und natürlich kochen sie ihren Kindern gesundes Essen. Diesen Idealbildern kann niemand gerecht werden, aber die Frauen versuchen es und reiben sich dabei auf. Viele Menschen suchen Orientierung und das Gefühl, dass es etwas Schönes, Gutes, Bedeutsames gibt.


Liegt in dieser Suche eine Chance für die Kirchen?

Durchaus – und es spricht auch nichts dagegen, das in schöne Geschichten zu verpacken. Schon die Bibel enthält viele gute Geschichten. Aber man muss aufhören, Aufmerksamkeit auf eine Art und Weise erzeugen zu wollen, die andere viel besser beherrschen. Ein Fernsehsender oder ein Freizeitpark mit professioneller PR-Abteilung wird immer ein besseres Event planen als die Kirche. Mottos oder Give-Aways holen die Menschen nicht in die Kirche, sondern das Gemeinschaftserlebnis beim Singen oder beim Vaterunser. Und weil die Religion natürlich Antworten geben kann.


Rechnen Sie in dem Fall mit einem Umdenken?

Da bin ich sehr skeptisch. Eher gibt es immer öfter neue Hypes. Kindergeburtstage im Indoor-Spielplatz oder auf dem Pferdehof sind schon Standard. Was in Deutschland gerade erst ankommt, sind sogenannte Baby-Shower-Partys, wenn die Frau schwanger ist. Generell nimmt die Eventisierung zu.


Das heißt?

Wir verlieren den Blick für das Wesentliche, rasen von Höhepunkt zu Höhepunkt, lassen uns ständig von Reizen überfluten. Natürlich muss man das Rad auch nicht komplett zurückdrehen: Es ist ja beispielsweise schön, der weit entfernten Oma ein Bild vom Baby zu schicken. Aber ich kann nicht nachvollziehen, wofür ein Post von der selbst gebastelten Schultüte auf Facebook gut ist. Außer, um die Mutterliebe für alle anderen zu visualisieren.


Was raten Sie den Müttern und ihren Familien?

Für das Gefühl, eine Familie zu sein, braucht es keinen Motto-Geburtstag und kein Kinderhotel. Was Familie ausmacht, ist gemeinsame Zeit. Die ist sehr gut investiert, wenn man am Sonntag in die Kirche geht, gemeinsam isst, etwas spielt – und mal nicht in den Wildpark, den Freizeitpark oder ins Schwimmbad geht. Ein Vorsatz könnte also lauten: Wir bleiben einfach mal zu Hause.

Interview: Paula Konersmann