24.05.2019

Alte und Junge erzählen sich aus ihrem Leben

Spannender als jedes Geschichtsbuch

Früher war nicht alles besser. Das haben Schülerinnen und Schüler einer neunten Klasse festgestellt. Sie haben Senioren im Altenheim besucht und mit ihnen über ihr Leben gesprochen. Die Erlebnisse kann man auf einer Internetseite nachlesen.

Ein Blick auf das Handy: Neuntklässlerin Hannah zeigt Seniorin Uta Mendelin, wie ihre Geschichte auf der Internetseite aussieht. Foto: Katharina Westphal

Ein Speiseraum im Seniorenheim St.Clara in Osnabrück. Die Kaffeetische sind gedeckt. Ein paar Bewohner sitzen schon an ihren Plätzen. Zusammen mit weiteren Senioren strömt eine große Gruppe Jugendlicher in den Raum. Es herrscht ein wenig Durcheinander, freudige Gespräche sind zu hören. Man begrüßt sich herzlich, es ist ein Wiedersehen. „Wollen wir uns zusammen an einen Tisch setzen?“, ruft eine ältere Dame einer Schülerin zu. Das Mädchen setzt sich zu ihr. Heute ist was los im Seniorenheim: Da sind nicht nur die Schülerinnen und Schüler der benachbarten Ursulaschule, sondern auch Leute vom Theater, außerdem verschiedene Journalisten.

Es wird ein Projekt vorgestellt, an dem Schülerinnen und Schüler einer neunten Klasse und Bewohner von St. Clara in den vergangenen Monaten gearbeitet haben. Die beiden Generationen taten dabei vor allem eines: Sie sprachen miteinander und erzählten sich aus ihrem Leben. Die Ergebnisse der Gespräche wurden in Text und Ton festgehalten. Unter der Anleitung von Sophia Grüdelbach, Theaterpädagogin, Andreas Menke, Chefredakteur von OS-Radio und Tobias Romberg, Lehrer an der Ursulaschule, entstand eine Internetseite, die voll ist von Geschichten.

Die Schülerinnen und Schüler führten Interviews mit neun älteren Menschen. Nach einem Kennenlernen bei einem gemeinsamen Frühstück besuchten die Jugendlichen ihre Gesprächspartner mehrmals allein. Manchmal hatten sie Fragen vorbereitet, oft ergaben sich die Gespräche spontan. Die Jugendlichen verfassten Texte über ihre Erlebnisse im Seniorenheim und über die Lebensgeschichten der Senioren.

„Am Anfang fiel mir das Erzählen schwer"

Die Gespräche wurden aufgezeichnet und können nun in kurzen Sequenzen angehört werden. Thematisch sollte es um Stichworte gehen wie Heimat, Flucht und Krieg. Bezogen auf die Lebensgeschichte der Senioren kennen die Jugendlichen diese Themen nur aus Büchern und Filmen. Aktuell sind die Erlebnisse nach wie vor. Die Beschäftigung mit den Geschichten von früher hilft, die heutigen Situationen vieler Menschen besser zu verstehen. „Wir wollten Verbindungen schaffen, die einen persönlich mitnehmen“, sagt Grüdelbach. „Es geht um das Erleben und den echten Kontakt.“ Das direkte Gespräch mit Zeitzeugen kann viel schneller und tiefer berühren als das Lesen eines Geschichtsbuches. „Das ist ein Treffen auf Augenhöhe. Da begegnen sich Zielgruppen, die im Alltag nicht unbedingt zusammenkommen“, so Grüdelbach.

Zwar war es zu Beginn des Projekts nicht immer einfach für die Teilnehmer, miteinander ins Gespräch zu kommen. „Am Anfang fiel mir das Erzählen schwer“, erinnert sich Uta Mendelin, eine der Seniorinnen. „Wenn man erst einmal etwas erfahren hat, konnte man daran anknüpfen“, sagt Amelie, eine Schülerin. Die Frau, mit der sie sprach, hatte beispielsweise in ihrer Kindheit ebenfalls die Ursulaschule besucht. Schnell stellte man fest: „Es stimmt gar nicht, dass man nur mit Gleichaltrigen Gesprächsthemen hat“, sagt Lena. „Wir haben irgendwann über so ziemlich alles geredet.“

Ziemlich alles, das heißt, es ging auch um Hobbys und Leidenschaften. Darum, wie sich die Stadt Osnabrück im Laufe der  Jahrzehnte verändert hat. Um Probleme, mit denen sich die Jugendlichen bisher gar nicht beschäftigt hatten: „Zum Beispiel, dass die Stadt nicht überall behindertengerecht ist“, sagt Sofie. Herr Langer erzählt, dass es teilweise unmöglich ist, mit dem Rollstuhl im Stadtleben klarzukommen. Ziemlich alles, das bedeutet auch tiefergehende Themen. „Das sind nicht so die Alltagsgespräche im Seniorenheim“, sagt Mendelin. Glaube, Schicksalsschläge, das Leben während des Krieges. Lebensträume, die sich erfüllten – oder auch nicht.

„Jede Zeit hat ihre Vor- und Nachteile“

Die Gespräche sind persönlich, ehrlich, direkt. Sie lassen schmunzeln, machen nachdenklich und betroffen, bringen Gänsehautmomente. Die aufgenommenen Stimmen zu hören, lässt das Erzählte noch greifbarer wirken. Allen Beteiligten merkt man an, dass die Gespräche sie berührt haben. „Man geht mit einer ganz neuen Wahrnehmung da raus“, sagt Hannah. Beide Generationen hatten die Möglichkeit, die Perspektive der anderen besser zu verstehen. „Man sieht, was für ein Leben man jetzt hat. Früher war nicht alles besser. Jede Zeit hat ihre Vor- und Nachteile“, resümiert Lena.

Ruth Rotert aus der Verwaltung im Seniorenheim koordinierte das Projekt vor Ort. Sie sagt, auch sie habe die Bewohner von einer anderen Seite kennengelernt. Zum einen bargen die Gespräche die Herausforderung, sich mit den alten Erlebnissen zu beschäftigen. „Man darf nicht unterschätzen, was da manchmal aufgebrochen wurde“, so Rotert. Zum anderen nahm sie eine Ruhe während der Gespräche wahr. „Und wenn es hieß, die Schüler kommen wieder, war die Freude jedes Mal groß“, sagt sie lachend.

Katharina Westphal


Generationen zusammenbringen

Die Treffen im Seniorenheim sind Teil des Projektes „Crosscheck“ vom Theater Osnabrück, das die verschiedenen Generationen zusammenbringen will. Die Schüler besuchten das Theaterstück „Verbrennungen“, das Heimat und Lebensgeschichten behandelt. In Zusammenarbeit mit Theaterpädagogen befassten sich die Schüler mit dem Stück. Recherche und Interviews wurden außerdem angeleitet von Andreas Menke, Chefredakteur bei OS-Radio, und Lehrer Tobias Romberg. Mit einem Mediengestalter wurde dann die Internetseite entwickelt, auf der das Projekt präsentiert wird.

Interviews und Hintergrundinfos zum Projekt: www.crosscheck-os.de