26.11.2020

Arbeit der Tafeln in der Corona-Krise

Die Situation hat sich verschärft

Corona hat die Notwendigkeit von Tafeln verstärkt. An einigen Standorten kommen mehr Kunden, an anderen holen sich nun Menschen Lebensmittel ab, die vorher noch ohne diese Hilfe auskamen – wie im nördlichen Emsland.

Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer wäre die Arbeit in den Tafeln
nicht zu leisten. Foto: privat

Wenn Heino Böning sich mit Kunden der Papenburger Tafeln unterhält, weiß er nicht genau, ob er entsetzt oder sauer sein soll. Entsetzt darüber, was manchen Menschen alles widerfahren ist. Oder sauer, dass in unserem Land noch immer so viele Menschen benachteiligt werden. Schon viele Schicksale hat der Gemeindereferent für Sozialpastoral, der zugleich als Referent für diakonale Aufgaben beim Sozialdienst katholischer Männer und Frauen (SKFM) arbeitet, in seinem Büro gehört. 

Wie von einer jungen Frau: 29 Jahre, mit einem 14 Monate alten Kind zu Hause, schwanger, ihr Lebenspartner ist erwerbsunfähig.  Und ein Job ist für sie nicht in Sicht. Die Familie muss daher mit wenig Geld auskommen. Anfangs fiel es ihr schwer, zur Tafel zu gehen. „Heute ist sie aber dankbar“, sagt Böning. „Sie freut sich darüber, dass sie bei uns Obst und Gemüse bekommt und frisch kochen kann. So muss sie keine teuren Gläschen kaufen.“

Corona hat die Situation vieler Menschen mit ohnehin schmalen Einkommen noch mal verschärft. Da fallen Minijobs zum Beispiel in der Gastronomie weg, da bleibt wegen Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit noch weniger Geld übrig. In einigen Verkaufsstellen kommen in diesen Wochen daher deutlich mehr Kunden. Heino Böning nennt als Beispiel den Standort in Sögel. 

Für andere Standorte melden sich jetzt neue Kunden an, die früher nicht unbedingt auf die Tafel angewiesen waren. „Das sind Menschen, die mit ihrem kleinen Einkommen trotzdem irgendwie über die Runden kamen“, sagt Böning. Und nun funktioniert dieses mühsam austarierte System nicht mehr und bricht wie ein Kartenhaus zusammen. Dann reicht das Geld für die fünfköpfige Familie oder die alleinerziehende Mutter eben nicht mehr für den üblichen Einkauf im Supermarkt.

Regeln für den Schutz von Kunden und Teams

Verändert hat sich aber nicht nur der Kundenstamm, sondern auch die Arbeit in den Tafeln selbst. Um die Gäste und die ehrenamtlichen Teams vor einer Ansteckung zu schützen, müssen überall genaue Regeln eingehalten werden. Wie im ganzen Land, sind auch im nördlichen Emsland die meisten Helferinnen und Helfer älter als 65 Jahre alt und zählen oft zu Risikogruppen. Natürlich machen sie sich Sorgen wegen Covid 19, aber trotzdem machen nach Bönings Worten die meisten weiter – nur wenige haben ihren Dienst zum Beispiel wegen einer Vorerkrankung unterbrochen. Aber dafür hat er vollstes Verständnis. 

Für den Ablauf in den Tafeln gibt es derzeit bestimmte Vorgaben. Jeder Kunde muss sich anmelden und bekommt einen festen Termin, den er pünktlich einhalten muss. Jeder wird einzeln hereingerufen und kann aus schon zusammengestellten Tüten oder Paketen mit Obst, Gemüse, Brot oder Milchprodukten auswählen – um die Aufenthaltsdauer, die Kontakte und Berührungen der Waren zu minimieren. „So ist jeder Kunde nur ein paar Minuten im Raum“, berichtet Böning. An der Kasse stehen Trennscheiben und die Maskenpflicht gilt natürlich auch in der Tafel. Draußen müssen die Kunden mit Abstand zueinander warten, bis sie an der Reihe sind. 

„Ein kleiner Gruß aus der Ferne ist aber möglich“, sagt Heino Böning. Er weiß, dass die Bedingungen gerade nicht glücklich sind. Mancher Gast möchte gern noch reden – mit anderen Kunden oder mit den Ehrenamtlichen. Er versucht, solchen Gesprächsbedarf aufzufangen, zum Beispiel bei der Anmeldung. Denn dafür reicht ihm nicht nur ein kurzes Telefonat, der Referent möchte persönlich mit den Menschen reden – mit Maske, Abstand und Trennscheibe. „Ich will die ganze Person wahrnehmen“, sagt der Seelsorger – mit allem, was er oder sie mit sich herumträgt. 

Nicht selten passiert es dann, dass ihm manche Klienten ihr ganzes Leben vor die Füße legen. Böning hört in diesen Wochen oft, wie die Ausnahmesituation Corona an den Nerven zerrt. Manches Leid, das vorher mit Alltag und Arbeit zugedeckt war, kriecht nun, wo viele Menschen auf sich selbst zurückgeworfen sind, „aus dem mühsam verschlossenen Schrank wieder raus.“ Nicht immer kann er gleich helfen, aber Heino Böning will da sein, zuhören und unterstützen – auch mal einen Spaziergang mit einem Klienten am Kanal machen oder sich mit ihm in die Kirche setzen. Und jedem das Gefühl geben: „Wir finden einen Weg.“

Petra Diek-Münchow


Zur Sache

In Niedersachsen und Bremen gibt es 106 Tafeln mit 270 Ausgabestellen. 7000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer kümmern sich landesweit um 148 800 Kunden. Gut 4000 Kunden kommen jede Woche in die Papenburger Tafel. Träger ist der Sozialdienst katholischer Frauen und Männer (SKFM) mit Standorten in Papenburg, Aschendorf, Dörpen, Esterwegen, Werlte und Sögel. Dort engagieren sich 230 Frauen und Männer ehrenamtlich. Angeboten werden in den Tafeln vor allem überschüssige Lebensmittel, die Supermärkte und Discounter spenden. Weitere Infos gibt es hier: www.skfm-papenburg.de