06.09.2019

Internationale Jugendtreffen

Taizé ist nach wie vor ein Magnet

Vor allem junge Menschen fühlen sich von Taizé angezogen. Bei den internationalen Jugendtreffen im französischen Burgund singen sie begeistert die meditativen Gesänge und stellen sich fern von jedem Luxus den Fragen des Lebens und des Glaubens.

Stille, Kerzenlicht und Gesänge – das ist Taizé, ebenso einfach wie faszinierend. Foto: Julia Steinbrecht/KNA

Die Gesänge und der Geist von Taizé – Generationen von jungen Menschen wurden davon geprägt. Seit Jahrzehnten gehört es zur Jugendarbeit vieler Gemeinden dazu, einmal ins französische Burgund zur Communauté von Taizé zu fahren und dort eine Woche des einfachen aber intensiven und friedlichen religiösen Miteinanders zu erleben.


Die Communauté von Taizé
Über 100 Brüder unterschiedlicher Konfessionen leben in der ökumenischen Bruderschaft von Taizé und haben den kleinen Ort bei Cluny weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt gemacht. Bis zu 100 000 junge Menschen aus ganz Europa kommen seit den 60er Jahren für eine Woche zu ihnen, um zu singen, zu beten und Gottesdienst zu feiern, Stille zu finden und miteinander über den Glauben und das Leben zu sprechen. Gründer der Gemeinschaft ist der Schweizer Frére Schutz. Er zog 1940 nach Frankreich, um notleidenden Menschen und Flüchtlingen zu helfen und Versöhnung zu leben. Die Idee vom gemeinsamen Leben der Konfessionen begeisterte ihn. Ökumenische Offenheit, Spiritualität und Solidarität machen den besonderen Geist von Taizé aus. 2005 wurde Frère Roger ermordet. Die Gemeinschaft lebt weiter in seinem Sinne. Die Jugendttreffen erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit.


Die Botschaft
Für Jugendreferent Sven Diephaus aus dem emsländischen Haselünne ist Taizé vor allem ein Platz, an dem man geerdet wird. Wo stehe ich, wo will ich hin? Passt das so? Das seien Fragen, die Jugendliche in Taizé bewegten. Und die sie in vielen Gesprächen stellen können. War Taizé früher durchaus auch politisch und gesellschaftskritisch unterwegs, sind es heute eher Glaubens- und Sinnfragen, die für viele im Vordergrund stehen. „Die Brüder strahlen eine große Offenheit aus, man kann gut mit ihnen reden. Und sie lassen den Jugendlichen Raum, jugendlich zu sein und zu sich selbst zu finden“, erzählt Sven Diephaus. Er fährt seit 15 Jahren mit Jugendlichen nach Burgund und hat beobachtet: „Taizé trifft nach wie vor einen Nerv.“ Das bestätigt auch Lehrerin Anke Lührsen aus Twistringen, die ebenfalls mit Schülern und Jugendgruppen regelmäßig dort ist: „Selbst kirchenferne Jugendliche werden angesprochen. Sie finden es in Taizé plötzlich spannend.“


Das Leben in Taizé
Taizé ist sehr einfach. Es gibt keinen Luxus. „Wenn man Glück hat, findet man eine Steckdose fürs Handy“, berichtet Anke Lührsen schmunzelnd. Die Teilnehmer schlafen entweder in Sechs- oder Acht-Bett-Zimmern in den „Baracken“ oder zelten auf dem Gelände. Auch das Essen ist sehr schlicht. Der Tag teilt sich auf in drei Gebetszeiten, dazwischen sind Bibelstunden und Kleingruppengespräche sowie eine Arbeitszeit, wo die Jugendlichen auf dem Gelände Arbeiten verrichten, die für einen reibungslosen Tagesablauf wichtig sind: Sie helfen in der Küche oder im Garten, putzen die Bäder, leeren Mülleimer oder räumen die Kirche auf. Bei alldem lernen sich die Teilnehmer gut kennen, schließen viele neue Kontakte. Sie genießen es, mit Menschen aus unterschiedlichsten Ländern zu singen, zu diskutieren, Spaß zu haben, zu arbeiten. Dieses freundliche und herzliche Miteinander macht Taizé zu einem einzigartigen Ort. „Es gibt auch viel Freizeit, in der die jungen Menschen zusammen singen, tanzen und feiern“, erzählt Sven Diephaus und weiß, dass sich so ein straffer Tagesablauf erst mal fremd anhört: „Taizé kann man schlecht beschreiben. Man muss es erleben.“


Die Gebetszeiten
Dreimal am Tag ist in Taizé Gebetszeit. Das bedeutet: Gottesdienst für alle. Viele merkten dabei schnell: „Diese Zeit tut gut“, erzählt Anke Lührsen. Die Gottesdienste sind immer gleich aufgebaut: Ruhige eingängige Gesänge, ein Bibeltext, eine Zeit der Stille. „Das ist sehr entspannend und entschleunigend“, so Lührsen. Jugendliche entdeckten Werte wie Schweigen, Zuhören, zur Ruhe zu kommen. „In den Gottesdiensten wird nicht viel erklärt, sondern die Besucher hören einen Text und singen in einer einfachen Sprache. Das verbindet.“ Für sie persönlich sei der Aufenthalt wie eine Oase: „Ich genieße es jedes Jahr.“


Tipps für die Fahrt
Wer mit Jugendlichen nach Taizé fahren möchte, sollte die Teilnehmer vorher gut informieren, was sie erwartet. „Sie müssen sich auf das einfache Leben einstellen. Sonst sind sie enttäuscht“, erklärt Anke Lührsen. Auch sollte man nicht sofort die großen Zahlen erwarten. „Einfach mal machen und sich vielleicht mit anderen Gruppen zusammentun, damit man einen Bus voll bekommt“, macht Sven Diephaus Mut. Er bietet die Fahrt jedes Jahr im Rahmen der Firmvorbereitung an. „Das ist eine gute Sache“ – für die Teilnehmer und auch für die Gemeinden. Denn Taizé strahlt aus: durch Taizégebete, die in der Gemeinde entstehen, durch Taizélieder, die der Chor einstudiert, oder politische Aktionen für Gerechtigkeit, die die Jugendlichen organisieren. Das ist auch der Auftrag, mit dem die Brüder die Jugendlichen nach einer Woche wieder in ihre Heimatländer schicken und wie es auch Frère Roger stets betonte: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“

Astrid Fleute