06.09.2019

Aufführung der Theaterfamilie Gassenhauer

„Wenn du verschwindest“

Kinder und Jugendliche spielen Demenz. Warum tun sie das? Sie sind nicht krank. Im Gegenteil. Sie stecken voller Mitgefühl für andere und zeigen, wie sich die Krankheit in alle Lebensbereiche von Patienten, Familien, Freunden und Pflegenden hineinschleicht.

Wie Dämonen umringen die Begleiter von Demenz die Kranke: Unsicherheit, Verzweiflung, Angst und Einsamkeit. Foto: Theaterfamilie Gassenhauer

„Wenn du verschwindest“ heißt das Stück der Theaterfamilie Gassenhauer, das auf vielfachen Wunsch erneut aufgeführt wird: am Samstag, 14. September, um 20 Uhr auf der Bühne der Auricher Stadthalle. Passend zum Welt-Alzheimertag.  

Es ist eine Geschichte für sich, wie intensiv die Kinder und Jugendlichen der Theaterfamilie das Thema verkörpern. Viele von ihnen stammen aus schwierigen familiären Verhältnissen und haben physische und psychische Gewalt erlebt. Im jüngsten Stück wenden sie sich dem Leid oft viel älterer Menschen zu.

Die Familie Gassenhauer ist ein inklusives und generationsübergreifendes Theaterprojekt, das seine Wurzeln in der katholischen Kirchengemeinde St. Ludgerus in Aurich hat. In Spiel und Tanz mit großen und kleinen maßgeschneiderten Rollen lernen die jungen Akteure auch fürs Leben: Ausdauer und Zielstrebigkeit, Eigenverantwortung und Respekt, Offenheit und Flexibilität.

Im Theaterstück über Demenz bringen sie ihre Botschaften von Nähe und Ferne, Liebe und Einsamkeit, Hilfe und Überforderung, Vergessen und Verzweiflung eindringlich herüber. Was gerade noch wie Komik aussieht, entlädt sich im nächsten Moment als Katastrophe, die über eine Familie hereinbricht.

Eine versunkene Welt mit Opa und altvertrauten Schätzen

Eine der Szenen: Oma Rot findet ihre Schlüssel nicht. Sie liegen da, wo sie immer liegen. Die Angehörigen sind genervt. Oma hat zudem vergessen, dass Opa seit zehn Jahren tot ist. Sie will unbedingt in die Küche, um für ihn zu kochen. Kinder und Kindeskinder scheitern mit ihren Versuchen, Oma in die Realität zu holen. Sie bekommen zu spüren, wie groß der Unterschied zwischen Realität und Wirklichkeit sein kann.

Familienrat bei den Roths: kein Happy End in Sicht. Immer ist die Oma
gegenwärtig – und sei es als Foto. Im Bühnenhintergrund laufen während
der gesamten Aufführung solche Fotos mit. Sie sagen aus, was die
Erkrankten nicht mehr selbst sagen können. Foto: Theaterfamilie Gassenhauer

Oma Rot hat eine eigene Wirklichkeit. Für sie ist das Tischtuch ein eleganter Umhang. Immer wieder mopst sie es vom Tisch. Natürlich darf gelacht werden. Und doch ahnt jeder, dass sie mit ihrem Umhang unterwegs ist in eine Küche, in der das Wesentliche fehlt: ihre versunkene Welt mit Opa und all den anderen altvertrauten Schätzen, die ihr einmal Halt gegeben haben.

Verfasst haben das Stück die „Mütter“ der Theaterfamilie, Isburga Dietrich und Elke Warmuth St. Ludgerus. Sie haben Szenen und Drehbuch entwickelt. Theaterpädagoge und Regisseur Claus Gosmann, der einzige Profi der Crew, schrieb den Darstellern die Rollen auf den Leib.

Die Geschichte der Demenz kennt kein Happy End. Allein in Deutschland leben geschätzt 1,7 Million demenzkranke Menschen. Es gibt kaum jemanden, der keine Betroffenen kennt. (kb)