08.10.2020

Anrufbeantworter-Andachten

Vaterunser am Telefon

Ganz neue Angebote haben viele Kirchengemeinden in der Corona-Pandemie entwickelt – und einige haben sich so gut bewährt, dass sie auf Dauer bleiben sollen. Wie die „Anrufbeantworter-Andachten“ in Nordhorn.

Die katholische Pastoralassistentin Julia Kampsen und der lutherische Pastor Holger Schmidt wechseln sich bei den Telefon-Andachten ab. Foto: Claudia Berning-Willrich 

Wenn Hubert Hülsmann die Telefonnummer 0 59 21/8 11 10 95 in Nordhorn wählt, setzt er sich in Ruhe hin und nimmt sich Zeit: für Gebet und Besinnung, für eine Fürbitte und das Vaterunser. Denn am anderen Ende der Leitung hört der 82-Jährige eine Andacht – entweder von der katholischen Pastoralassistentin Julia Kampsen oder vom lutherischen Pastor Holger Schmidt. Jetzt ging es zum Beispiel um das Erntedankfest und welche Wertschätzung wir Obst und Gemüse, Getreide und tierischen Produkten entgegenbringen. 

Nur fünf Minuten dauern diese „Anrufbeantworter-Andachten“, aber Hubert Hülsmann und seine Frau Maria möchten sie nicht mehr missen. „Das ist jedes Mal schön und wir haben noch keine verpasst“, sagt der Nordhorner. Er ist froh, dass dieses ökumenische Angebot weiterlaufen soll. 

Schon seit dem 20. März gibt es diese Andachten per Telefon – zunächst „aus der Not geboren“, wie Julia Kampsen selber sagt. Als die Corona-Pandemie im März Beschränkungen nach sich zog, „haben wir in der Stadtpfarrei St. Augustinus überlegt, wie wir als Kirche weiter bei den Menschen sein können.“ Viele Angebote wurden dafür schnell entwickelt – zum Teil für Computer, Handy oder internetfähige Fernseher. „Wir haben uns aber auch gefragt: Was machen die Leute, die keinen Zugang zum Internet haben oder sich nicht so gerne vor einen Bildschirm setzen? Wie können wir auch bei ihnen bleiben?“, erzählt Kampsen.

Innerhalb von nur zwei Tagen setzte das pastorale Team dann die Idee der „Anrufbeantworter-Andachten“ um: mit einem Festnetzanschluss aus Nordhorn und kostenlosen Anrufen rund um die Uhr. „Da darf man gerne auch mal nachts um zwei anrufen, wenn man nicht schlafen kann“, sagt Julia Kampsen. Anfangs hatte die Pastoralassistentin die Andachten sogar auf den Anrufbeantworter ihres privaten Telefons gesprochen. 

Geistliche Gedanken mit in die Woche nehmen

Die Resonanz auf dieses Angebot war und ist gut. In der Spitze haben bis zu 300 Menschen aus der Grafschaft, dem Emsland, den Niederlanden und Münster zugehört. „Die Nummer ist oft weitergegeben worden“, sagt Kampsen und erzählt, dass andere Gemeinden in Wilhelmshaven und Hessen die Nordhorner Idee übernommen haben. Die Nachfrage ist geblieben, noch immer greifen regelmäßig 80 Menschen zum Telefon. Deswegen soll das Format auf unbestimmte Zeit fortgesetzt werden. „Wenn so viele Leute anrufen, darf man ihnen das nicht nehmen.“

Aber nun mit einer neuen und eigenen Telefonnummer nur für dieses Projekt sowie besserer Technik. „Das ist jetzt alles viel einfacher“, sagt Kampsen. Für die Nutzer ändert sich nichts. Noch immer gibt es jeden Sonntag eine neue Andacht, noch immer können die Anrufer kostenlos eine Nordhorner Festnetznummer zu Themen wie Hoffnung, Vertrauen und Zeit oder passend zu den Schriftstellen des Wochenendes anrufen. Am Ende stehen eine Fürbitte, das Vaterunser und ein Segen. Kampsen hofft, dass die Zuhörer daraus einen „geistlichen Gedanken mit in ihre Woche nehmen können.“  

Hubert Hülsmann und seine Frau Maria freuen sich jedes Mal aufs Neue darauf. „Das ist immer sehr erfrischend. Wenn es das nicht mehr geben sollte, würde uns etwas fehlen. Wir hoffen, dass es noch lange weitergeht.“ 

Petra Diek-Münchow

Die „Anrufbeantworter-Andachten“ aus Nordhorn gibt es jede Woche neu unter der Telefonnummer 0 59 21/8 11 10 95: rund um die Uhr und kostenlos.


Zur Sache

Auch in der Pfarreiengemeinschaft Bad Iburg/Glane machen die Verantwortlichen positive Erfahrungen mit einer Anrufbeantworter-Andacht: Regelmäßig bespricht Pfarrer Clemens Loth das Band mit besinnlichen Texten oder einem geistlichen Wort. Er betont: „Immer mehr Menschen sind einsam und alleine oder können nicht mehr zur Kirche kommen. Die Kirche muss sich zu ihnen auf den Weg machen.“ Mit seinem Angebot möchte er vor allem die Menschen bedienen, die nicht ins Internet gehen. „Auch sie haben Sehnsucht nach der frohen Botschaft“, betont er. Die Telefonnummer: 0 54 03/79 46 44. (afl)