14.09.2022

Interview mit Philosophieprofessorin Susanne Boshammer

Verzeihen heißt nicht versöhnen

Wann geben wir jemandem eine zweite Chance? Wann können wir nicht verzeihen, was der andere uns angetan hat? Warum es hilfreich sein kann, Groll zu überwinden, erläutert Susanne Boshammer, Philosophieprofessorin in Osnabrück.

Ja, ich verzeihe dir: Das wird manchmal auch im direkten Kontakt angesprochen und geklärt, wenn die Beteiligten vertraut miteinander sind. Foto: istockphoto/Peoplemages

In Ihrem Buch „Die zweite Chance“ geht es um die Gründe, aus denen Menschen einander verzeihen können und verzeihen sollten, und um die Hindernisse, die der Vergebung entgegenstehen. Vergebung ist hier aber nicht im religiösen Sinne gemeint, oder?

Nein, im Buch geht es nicht um Vergebung, wie sie etwa im christlichen Glauben von Gott erbeten wird, sondern es geht um das zwischenmenschliche Verzeihen. Ich verwende die Wörter „verzeihen“ und „vergeben“ als gleichwertige Begriffe. Beide Begriffe bezeichnen eine ganz bestimmte menschliche Reaktion auf die Erfahrung von Unrecht, die verschiedene Aspekte hat. 

Inwiefern?

Im Verzeihen klingt das Wort Verzicht an: Ich verzichte darauf, Vergeltung zu üben oder dem anderen weiter Vorwürfe zu machen. Im Wort Vergeben steckt das Wort Gabe, denn, wenn ich verzeihe, mache ich dem anderen ein Geschenk: Ich gebe Dir die Chance, Dein Gewissen mir gegenüber zu entlasten. Aber ich gebe auch mir selber etwas. Denn indem ich dem anderen verzeihe, löse ich mich aus der Opferrolle. Ich lasse meine Zukunft nicht von dem Ereignis in der Vergangenheit bestimmen. 

Also gilt vergeben und vergessen?

Nein, vergeben heißt nicht vergessen.  Viele Menschen meinen, dass sie das Unrecht, das ihnen geschah, vergessen müssen, wenn sie verzeihen. Sie sagen: „Ich kann nicht verzeihen, denn ich werde das nie vergessen.“ Aber darum geht es nicht. Wer verzeiht, muss nicht vergessen. Er entbindet den anderen lediglich von der moralischen Verpflichtung, wegen seines Fehlverhaltens Schuldgefühle zu empfinden.
Wer verzeiht, muss nicht verdrängen oder versuchen zu vergessen, weil das Vorgefallene nicht mehr so belastend ist. Verzeihen bietet insofern die Chance, dass wir uns unbelasteter erinnern können, weil wir dem Ereignis eine neue Erfahrung hinzugefügt haben. 

Aber verzeihen ist für viele nicht so einfach. 

Ja, verzeihen ist eine Herausforderung und es ist ein Prozess, zu dem mehrere Schritte gehören. Erstens: Ich entschließe mich dazu zu verzeihen. Zweitens: Ich setze diesen Entschluss in die Praxis um, indem ich meinen Groll nicht länger nähre und die Vorwurfshaltung verlasse, obwohl die Wunden weiterhin schmerzen. Die Zeit allein heilt sie nicht, und ohne den bewussten Entschluss, zu verzeihen, kann ich dem anderen keine zweite Chance geben. 

Diese zweite Chance gibt der Betroffene?

Ja, verzeihen kann nur derjenige, dem das Unrecht widerfahren ist. Denn er ist es, dem die andere Person ihr schlechtes Gewissen schuldig ist. Indem der Leidtragende ihr verzeiht, entbindet er sie von den Selbstvorwürfen und erlaubt ihr, ihr schlechtes Gewissen zu entlasten. 

Interview: Andrea Kolhoff

Susanne Boshammer, Die zweite Chance. Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten, Rowohlt, 25 Euro.

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Kirchenboten.